Der nachstehende Bericht ist entnommen der "Geschichte der Familie Thomae" : Unsere Schwester Elisabeth, genannt Else, ist am 17.6.1878 in Saalsdorf geboren. Sie wurde in Destedt zusammen mit Mariechen und Ännchen von Veltheim von Charlotte von Lengerke unterrichtet. 1892 kam sie nach Wolfenbüttel in das Internat im Schloss. Sie hat dort - im Schloss war ein altes Theater - allerlei humorvollen Unsinn gemacht. 1897 machte sie im Schloss das Lehrerinnenexamen. Am 11.9.1900 heiratete sie in Gevensleben den Missionar Hermann Gäbler, mit dem sie nach Indien ging. Dieser Ehe entstammen drei Söhne; Paul, Ernst und Gerhardt, die, da sie in Indien nicht fortgebildet werden konnten, nach Braunschweig zu Anna, Käthe und Liel kamen, die sie die ganze Schulzeit - anfangs auch noch die Mutter - betreut haben. Nach dem Abitur studierte Paul Theologie, Ernst Philologie, und Gerhardt trat als Lehrling in ein Holzgeschäft in Olbersdorf ein. Nach beendeter Lehrzeit Angestellter und Leiter des Werkes in Fürnitz.
Leipzig, den 15. Juni 1918
Liebe Geschwister! Es ist mir ein Herzensbedürfnis Euch Allen nun endlich zu danken für die grosse Liebe und Teilnahme, die ich in den vergangenen Tagen von Euch erfahren habe. Eure lieben, herzlichen Briefe haben mir und meinen Kindern so besonders wohl getan. Ja, so furchtbar plötzlich und unerwartet ist dieser Schlag über mich gekommen, dass ich noch oft denke, es kann ja nur ein schrecklicher Traum sein! Und dann stehen wieder die kurzen, bitterschweren Krankheitstage vor mir, die Qual für meinen Mann, dass er so schwach und hilflos da lag und so gerne sprechen wollte und doch nicht konnte und die Qual für mich, dass ich ihm nicht helfen konnte. Wie hat er mich angesehen und mich mit seinen Augen verfolgt, wo immer ich ging und stand!
Vom 9. bis 12. April hatte er noch eine Reise in seine Heimat gemacht, von der er so frisch und fröhlich heimkehrte. Am folgenden Mittwoch gingen wir zum heil. Abendmahl, "Dennoch bleibe ich stets bei dir" war der Text der Beichtrede, an die ich immer und immer wieder denken muss. An demselben Nachmittag klagte er über Kopf- und Gliederschmerzen - also eine Influenza! Da er den ganzen Winter viel erkältet und oft elend war, dachten wir uns nichts dabei, und auch die am 25. sich entwickelnde Mittelohrentzündung löste keine Befürchtungen aus. Als freilich die Rose mit Fieber und starken Durchfall dazu kam, wurde der Arzt sehr ernst. Und doch hatte er am Donnerstag wieder Hoffnung, da das ganze Krankheitsbild besser war, die Rose war zurückgegangen, der Durchfall ganz weg, der Puls besser, jetzt sei die Hauptsache, den Kranken durch passende Ernährung zu kräftigen und ein Durchliegen zu verhüten. Wie hätte ich damals, als ich so glücklich war, dass es besser ging, denken können, dass seine letzte Nacht kam? Und die verlief ganz ruhig, aber gegen Morgen war mein Mann bewusstlos und reagierte nicht mehr auf Anrufen, nahm aber doch noch seine Medizin und den Glühwein. Nach sechs Uhr Freitag früh fing er an schneller zu atmen, es wurde immer schneller und lauter, in meiner Angst mass ich das Fieber, 40,4 und liess gleich den Doktor telephonieren - dann wurde es auf einmal still - noch drei leise, leichte Atemzüge und mein lieber Mann war heimgegangen. Gott sei Lob und Dank, dass er so sanft heimgehen durfte. Die ersten Tage und Wochen waren für mich ausgefüllt mit soviel Arbeit und Ueberlegungen aller Art, dass ich gar nicht zur Besinnung gekommen bin, und erst nach und nach fühlte und fühle ich immer schwerer und schmerzlicher die grosse, innere Einsamkeit - .ja, das tägliche, stündliche Vermissen ist unendlich schwer.
Was nun meine Zukunft anbetrifft, so hat Gott der Herr mir den Weg ganz wunderbar geebnet! Oft schien alles so verwickelt, dass ich nicht wusste, was tun, und die Schwierigkeiten, die sich der Uebernahme einer Arbeit meinerseits entgegenstellten, (es wurde fraglich, ob meine Schwester meine Kinder würde behalten können) hat Er aus dem Wege geräumt; ich trete nun in einigen Monaten als Nachfolgerin von Fräulein Prozell ins Missionshaus ein, kann vorläufig hier auch wohnen und essen.
Ihr wundert Euch vielleicht, dass ich nicht in Braunschweig bleibe, es wurde mir dort auch eine Lehrerinnenstelle angeboten, aber ich stehe mich hier finanziell besser und bin so froh und glücklich, dass ich nun weiter in unserer lieben Mission arbeiten darf. Und - nun Ihr wisst ja auch, dass es nichts ist, wenn Mutter und Pflegemutter zusammen sind, weder für die Mütter noch für die Kinder. Nun möchte ich Euch allen noch ganz besonders herzlich danken für Eure reichen Gaben für meines Mannes Grabkreuz. Etwa 350 Mark sind zusammen gekommen, und ich bin ganz beschämt über soviel Liebe und Freundlichkeit, die Ihr dadurch meinem liebsten Manne und mir erwiesen habt. So wie ich wohl möchte, kann ich Euch gar nicht danken - Gott der Herr vergelte Euch alles! Es würde mir eine ganz besondere Freude sein, wenn Ihr mir Sprüche vorschlagen wolltet, die Ihr für sein Kreuz für passend haltet, vielleicht im Rundbriefe, an dem weiter teilnehmen zu dürfen ich Euch bitte.
Heute reise ich nach Stützengrün zurück, um meinen Haushalt aufzulösen - mir graut vor der Arbeit und vor der Einsamkeit in dem öden, leeren Hause!
Mit einem herzlichen Gottbefohlen grüsst Euch Alle Eure Else Gaebler