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Leseprobe aus "Deutschlandreise"

Von Roger Willemsen

Eichborn,  Seite 52 - 55

Frankfurt/Oder ist da, eine dieser im Stich gelassenen Städte. Wenn nicht Manfred Wolke hier einen Boxstall unterhielte, wenn nicht der "Spiegel-TV" Exportschlager "Grenzprostitution" dem Ort das Verruchte verliehe, was wäre Frankfurt/Oder? Eine Stadt, über der die Dunstglocke des Asozialen hinge, der Geruch der Kleinbürger, ein Mahnmal für die "Verlierer der Einheit".

gergroessernUnd da sitzen sie: zu ernüchtert selbst für Idyllen, zu sprachlos. Alles, was sie konservieren, ist die Kioskkultur. An dieser niedrigsten gastronomischen Form lagern sich die Leute an wie in einer chemischen Verbindung mit freien Wertigkeiten. Bei "King Kebab" dem Ersten stehen die Melancholischen und Bitteren, Männer mit Dosenbier und wenigen, aber tiefschwarz gefärbten Haaren, Frauen in Jogging Anzügen oder Kittelschürzen, George Grosz'sche Kleinbürger Karikaturen, sie treffen sich, reden aber kein Wort miteinander. Ihre Kleider, das ist die Sprache, in der sie sich lesbar machen wollen. Dieser "Garfield" auf meiner Brust, sagen sie, das bin ich, dieser "Palm-Beach"-Pailletten-Schriftzug, er hat den Schwung meiner Phantasie. Manchmal steckt in der Kleidung mehr Utopie als in der Rhetorik.

Auch die Nahrungsmittel, die man den Menschen aushändigt, sind optimistisch, heißen "frisch" oder "ofenfrisch", "neu" oder "jetzt neu", sehen aber nicht danach aus, und die Mimik der Bitternis ist in den Blicken, bevor sie etwas erblicken. Eine Atmosphäre der Enttäuschung steigt von den Parkbänken auf, hängt über den Balkons, dampft aus den leer stehenden Wohnräumen.

Ich steige durch ein zerbrochenes Fenster ein. "Wohnung" nennt man das im Westen, doch es ist kaum eine "Butze". Nichts als geronnene, archivierte Tristesse. Hier haben Kinder geschlafen, hier wurden Geburtstage gefeiert, hier ist "Darüber lacht die Welt" angekommen und Axel Schulz in "Mega Man". Der hat es geschafft.

Heute wachsen Birken aus der Dachrinne, drei Meter hoch, Gras hängt über wie Teppichfransen. Die Bindung ist weg, da fällt auch die Architektur auseinander und befreit Gespenster. Bei einer Krankheit würde man "Depression" sagen, aber selbst diesen Ausdruck hat sich die Wirtschaft einverleibt.

Aber immerhin gibt es noch eine Marx Büste auf der Karl Marx Straße, der Aorta der Stadt. Wo die Armut am größten ist, ist auch die Wende unvollständig. Von seinem Sockel blickt er auf die Kleiderspende des Roten Kreuzes. Und Heinrich von Kleist wurde hier geboren, in einem schön renovierten Haus, Monument der "Märkischen Dichterlandschaft 200 1 ". An seiner Tür klebt ein Hinweis der "Aktion Noteingang": "Wir bieten Schutz und Information bei rassistischen und faschistischen Übergriffen."

Muss man tot und bedeutend sein, um in Frankfurt/Oder so gut zu wohnen? Was dieser Kleist die Stadt gekostet hat, und zum Dank beherbergt er Ausländer und kriegt auch noch ein Denkmal. Oder eher einen Sarkophag samt einem lyrisch hingestreckten Bekränzten mit Leier ohne Saiten: "Dem Angedenken Heinrichs von Kleist". Sein Blick geht hinüber auf ein Plakat der Ausstellung "Körperwelten" des Herrn von Hagens. Was für Körper, was für Welten?

Andererseits fand hier noch gestern die offizielle Vorentscheidung zur Miss-Germany-Wahl statt, Abteilung Frankfurt/Oder. Ist das nichts? Ein Riesenspektakel, bei dem die Kandidatinnen in zwei Schauläufen zeigten: "l. Kleidung nach Wunsch, 2. Palm-Beach-Badeanzug", und anschließend erhielt jede Teilnehmerin ein Londa-Haarkosmetik-Präsent, während Jury und Publikum gemeinsam entschieden. Das war schön, und erst lange nach Mitternacht ist eine junge Frau aus dieser Gegend ins Bett gekommen, und ihre Träume sind in der Nacht wie eine Sternschnuppe über dem Himmel von Frankfurt/Oder niedergegangen: Ich werde dereinst Axel Schulz treffen, einen Werbe Vertrag für Socken unterschreiben und, wenn alles gut geht, Frauke Ludowig duzen.

Auch für die anderen wird durchaus etwas getan: Es gibt ein "Asia Bistro", Wohnungen auf dem Dritten Förderweg, Immobilien mit dem Zusatz "geklärte Eigentumsverhältnisse", das "0" in "Sun World" trägt eine Sonnenbrille, und die lokale Versicherung verspricht den humpelnden Trinkern, Arbeitslosen, bärtigen Tätowierten, den blähbäuchigen Alkoholikerinnen und abgestumpften Hundehaltern: "Drei intelligente Gewinnstrategien schon bei 50 Euro Monatsbeitrag". Sie leben und sie reden für eine andere Welt.

Aber auch in dieser hier bettelt niemand. Es hätte keinen Sinn. Und weil es zwar ein Tourismus Amt gibt, aber keinen wirklichen Fremdenverkehr, löst der Tourist Irritationen aus. Er bewegt sich nicht mit den Schritten des Tagelöhners oder Arbeitslosen. Er sucht was, wendet ein anderes Zeitmaß auf die Kulisse an, sieht eine Fassade hoch, und schon tun es zehn andere, um festzustellen: nie gesehen! Aber wie auch, wenn kein Sommerfrischler da ist, den Blick der Einheimischen zu lenken. Diese betrachten sich niemals selbst, sie werden betrachtet.

Als Fremder sucht man immerzu das Eigentliche, irgendetwas, was hinter allem ist, das Wesentliche, aber man kommt nur durch Fassaden und Tapetentüren. Manchmal stehen einzelne gehässig renovierte Kleinodien dazwischen, wie um den Verfall noch bewusster zu machen. Der Rest ist Kapitulation. Nirgends sonst wendet die Architektur so schamlos ihre Materialien nach außen: Gips, Bimsstein, Ziegel, Mauerwerk, geborstenes Holz, blätternde Farbe. Was sich hier zum Ensemble versammelt, ist die Baukunst der Niederlage.


© 
Christoph Gäbler 03.10.2009