in der Übersetzung von Ursula-Maria Mössner Diana 62/0352
Als ich aus der Dusche komme, fragt mich meine Mutter, ob sie mich frisieren soll.
"Klar", sage ich und reiche ihr den Kamm. Dann sitze ich auf dem Bett wie früher, als ich klein war, einmal in der Woche an dem Abend, an dem sie die Kämme und Bürsten mit Clorox sterilisierte und wir die Haare gewaschen und "gemacht" bekamen. Mir fällt ein, das ich seither nie wieder einen Clorox-gereinigten Kamm gehabt habe. Dass ich auch für meine Kinder nie einen Kamm oder eine Bürste mit Clorox behandelt habe Nun "macht" sie mir wieder die Haare. Sie ist ganz bei der Sache. Das Wort "Gusto" kommt mir in den Sinn, als die Frau, deren Frisur selbst dann perfekt sitzt, wenn sie aus dem Swimmingpool steigt, meine Haare in Angriff nimmt. Ich komme mir vor, als wäre ich fünf. Ein schönes Gefühl.
Sie zieht mir einen Scheitel, tritt einen Schritt zurück, runzelt die Stirn, mustert mich, zieht den Scheitel anders, toupiert die Enden mit dem Kamm, experimentiert mit Ponyfransen, bürstet alles nach hinten und zieht es C-förmig um meine Ohren nach vom, kneift die Augen zusammen, drückt mit der Handkante eine Welle ein, kämmt alles straff zurück, fängt von vom an, neuer Scheitel, neue Welle, erneutes Toupieren, tritt wieder einen Schritt zurück.
"Na?" Sie dreht meinen Kopf zum Spiegel. "Das sieht doch gleich ganz anders aus. "
Aus dem Spiegel starrt mich ein Strubbelkopf an. Soll ich ihr sagen, dass mein Haar beim Trocknen kraus wird und wild absteht und zusammenklatscht, wenn ich schlafe? Weiß sie das noch immer nicht? Kennt denn irgendjemand auf der Welt mein Haar besser als meine geliebte Mutter? Was soll ich zu einer Frau sagen, die davon überzeugt ist, dass sie die Macht besitzt, menschliche Follikel mit ihren bloßen Händen zu verändern? Ist es nicht an der Zeit, dass sie aufgibt?
Nie und nimmer.
Also sage ich: "Du hast Recht, Ma. Interessant. Faszinierend." Und eine Minute lang, bevor die Verdunstung ihren Tribut fordert, entspreche ich der Vorstellung meiner Mutter von mir, wie ich sein sollte, wie ich sein könnte, ihrer mit Liebe zugeschütteten Vision - wie immer diese auch aussehen mag...
Wenn meine Schwester dabei war, erkundeten wir die aufregenden Möglichkeiten des Ofens im dritten Stock, in dem der Müll verbrannt wurde. Oder warfen Reis und Klitschbälle (zusammengepresstes nasses Toilettenpapier) aus dem Wohnzimmerfenster, bis der Portier dahinter kam und an der Wohnungstür klingelte. (jede New Yorker Generation wirft andere Dinge aus dem Fenster. Meine Mutter spuckte Kirschkerne auf die Straße. Auf der East Side warfen sie Obstabfälle hinaus.) Wenn meine Großmutter Hühnerfrikassee mit Fleischbällchen machte, zupfte sie immer etwas von dem rohen Hackfleisch ab und stopfte es uns in den Mund, während wir ihr bei der Arbeit zusahen. Ich war ganz verrückt auf das Wort "Frikassee". Ich war sicher, dass es etwas mit dem zu tun hatte, was ein Huhn machte oder was meine Großmutter mit dem Huhn machte. Es war so ganz anders als alle anderen Wörter, die ich kannte. Am Nächsten kam noch "Zuidersee" daran heran. Die Rezepte, die ich ausprobiert habe, sagen, dass man die mit Salz und Pfeffer gewürzten und in Mehl gewendeten Hühnerteile anbraten soll, bevor man sie gart. In Mehl gewendete Hühnerteile machen ein ganz spezielles Geräusch, wenn man sie in der Pfanne in Butter anbrät. Sie zischen: "Frikassee! Frikassee!" Die Sauce war ein Gedicht. Graubraun füllte sie Nanas silberne Fleischplatte, war von ganz anderer Farbe und Konsistenz als alles, was wir sonst aßen. Aber das Fleisch war so zart, dass es zerfranste, und die Sauce so komplex, dass es keine langweiligen Bereiche gab. Heute schmeckt ein Huhn, wenn man die Haut einmal beiseite lässt, wie Styroporkügelchen. Nanas Sauce drang bis in die Knochen ein.
Zu Großmutter nach Hause zu gehen bedeutete auch, ein sauberes Taschentuch vorweisen zu müssen, weil eine Dame stets ein sauberes Taschentuch bei sich trägt. Nana schob ihres immer unten in den Ärmel. Tante Lil stopfte ihres in den Ausschnitt. Meine Mutter hatte eines in der Handtasche bei sich, wo es wie ein Magnet Pall-Mall-Krümel anzog. Während Dad seine Damasttaschentücher noch immer im Dutzend von seinem Taschentuch-Lieferanten in der Lower East Side bezieht, ist Damentaschentüchern das gleiche Schicksal widerfahren wie dem Wort "Entschuldigung". War es die Angst vor Bazillen? Der Zauber der Papiertaschentücher? Der Zeitaufwand, der erforderlich ist, um ein zartes handrolliertes Tüchlein zu bügeln? Mit den Taschentüchern verschwanden auch die Taschentuch-Manieren: das Wischen und Weinen, das Wedeln und Wringen. Das zierliche Betupfen der Nasenflügel. Das heftige Lebewohl-Winken vom Passagierdeck der Liberté. Die wunderbare Tatsache, dass jede Mutter stets eine saubere Stelle fand, die sie zu einem Zipfel zusammendrehte, um einem einen Rußpartikel aus dem Auge zu fischen. Das Zuhalten der Öffnung, während man ein Eau-de-Cologne-Fläschchen schüttelte.
Meine Großmutter hatte eine Freundin, die sie "die Taschentuch-Diebin" nannte. Was erstaunlich war, da Polly ihres selten losließ. Sie konnte ihr Taschentuch mit der rechten Hand aus dem rechten Ärmel ziehen. Sie konnte es beim Canasta zusammengeknüllt in der gleichen Hand halten wie ihre Karten. Sie brauchte es beim Lachen. Sie brauchte es beim Weinen. Es war ihr Wiederbelebungsmittel, ihre visuelle Unterstreichung, ihr Fanfarenstoß. Es war Pollys unentbehrliches Requisit, wie man beim Theater sagen würde. Doch im wirklichen Leben half es meiner Großmutter, Zeit zu gewinnen. Man konnte so schön seine Gedanken sammeln, während man sich mit dem Taschentuch zu schaffen machte. Man konnte sich zusammenreißen.
Abgesehen von der Desdemona in der Met habe ich seit Jahren keine Frau mehr ein Taschentuch benutzen sehen. Taschentücher waren der abgespreizte kleine Finger unter den Accessoires. Feine Taschentuch-Manieren würden bei allzeit griffbereiten, proletarischen, mit keinerlei Arbeit verbundenen Kleenex auch zu blöd aussehen...
Als mein Großvater in der Gastronomie zu arbeiten begann, sagte sein erster Chef etwas zu ihm, das zu Herman Morgens Geschäftsdevise wurde: "Itzig", sagte der Mann, "ich gebe dir einen guten Rat: Wenn du den Leuten was umsonst gibst, dann was Anständiges oder gar nichts." Gemäß der Devise, dass das, was nichts kostet, etwas Anständiges zu sein hat, gab es zur Cocktail-Stunde an der Bar kostenlos Kokosnuss-Garnelen, winzige Kartoffelpuffer, mit Ananas am Spieß gegrillte Muscheln, marinierte Hähnchenflügel, süße und scharfe Fleischklößchen. Auf den Tischen im Lokal standen silberne Platten mit Sellerieherzen, eingelegten Paprikaschoten, zu Röschen geschnittenen Radieschen, sauren Gürkchen und riesigen grünen Oliven auf einer Schneewehe aus zerstoßenem Eis, Bergen aus Eis, sagenhaftem Eis, das eine kühle Brise über den Tisch streichen ließ, wenn der Kellner die Platte absetzte. Der Brotkorb bog sich unter Milchbrötchen, Kümmelhörnchen, Rosinenbrot, Sesamstangen, Knäckebrot und Zwiebelbrot, das im Geschäft gebacken wurde mit Zwiebeln, die zuvor in Hühnerfett gebräunt worden waren. Garni bedeutete bei einem Hauptgericht mehr als bloß ein Stängelchen Petersilie: scharlachrote, dick mit Zimt bestreute Holzäpfel, ein Nest aus Brunnenkresse, Chiffonaden, Kumquats, durchpassiertes hartes Eigelb, Paprikawürfel, eine perfekte eingelegte grüne Tomate.
Man konnte sich satt essen an dem, was es im Geschäft gratis gab, und manche Leute taten es. Als Unternehmensstrategie fand ich das ziemlich verwirrend. Warum Essen kostenlos anbieten, wenn man davon lebte, Essen zu verkaufen?
"Schätzchen", sagte mein Großvater, "im Gaststättengewerbe macht man den großen Profit nicht mit dem Essen, sondern mit der Bar." Jahre später, als die Werbeagentur, für die ich arbeitete, sich den Ponderosa-Steak-House-Auftrag sicherte, betrieb ich Steakhaus-Forschung. Ich erfuhr, dass das Steak in Fastfood-Steakhäusern quasi umsonst war. Sie kauften tonnenweise billiges Fleisch ein und setzten auf Zeit und Chemikalien, um es in Edelstahlbehältern mürbe zu machen. Man konnte das Steak kostenlos abgeben, solange der Gast eine Cola kaufte. Eine Cola kostete Ponderosa nicht einmal einen Cent...
Herman Morgen bekam seinen ersten Job in einem Restaurant, wo er aufkehrte. Als er das beherrschte, wurde er befördert und durfte Krautsalat in gefältelte Papierbecher füllen. Als er vierzehn war, war er bereits Küchenhelfer. Im Jahr darauf Hilfskoch. Mit sechzehn arbeitete er im Lokal, wo er binnen eines Jahres vom Hilfskellner zum Kellner aufstieg. Und da hatte er einen Geistesblitz: Da der Mensch bekanntlich mit den Augen isst, sollte man ihm auch etwas zu sehen geben. Er arbeitete damals in einem Café am Times Square. Das Fenster war voller Kletterpflanzen. Er entfernte die Pflanzen und ersetzte sie durch eine komplette gebratene Rinderkeule. Er band sich eine Schürze um und lieh sich eine toque blanche, eine weiße Kochmütze. Dann wetzte er die Messer und begann für Passanten auf dem Broadway zu tranchieren. Die Leute blieben stehen. Sie starrten. Sie sahen zu, wie Stück für Stück perfekt aufgeschnittenes dampfendes rosa Fleisch fiel. Sie stellten sich auf die Zehenspitzen, um nichts zu verpassen. Mein Großvater sagte, sie hätten das Fleisch genauso gespannt betrachtet, wie die Menschen sechzig Jahre später Neil Armstrongs Mondspaziergang verfolgten. Er war der erste Mensch, der Fleisch im Schaufenster tranchierte. Das brachte Kundschaft ins Lokal...
Im November saßen wir, wenn es nicht zu kalt war, auf der Terrasse. Er wandte sein Gesicht zur Sonne zu, und ich nahm Diktat auf. Es gab Morgen-Rezepte, die nur er kannte: die Sauce Mousseline für die Bachforelle mit Meeresfrüchte-Füllung; Apfel-Beignets, die zu den ausgebeinten Schweinekoteletts gehörten; das Geheimnis des Erbsenpürees, das zu der extradicken Rinderzunge mit Sahnespinat serviert wurde. Und vor allen Dingen natürlich die gehackte Leber.
"Das Wichtigste, mein Schatz, ist dabei, dass du die Leber vom Feuer nimmst, bevor sie durchgebraten ist. Sie muss innen noch rosa sein. Dann gart sie nämlich in der eigenen Hitze weiter. Wenn du sie in der Pfanne durchbrätst, wird sie trocken. Du musst sie vom Feuer nehmen, solange sie noch rosa ist, dann bleibt sie saftig. Dann wird sie nicht hart."
"'Vom Feuer nehmen, wenn sie noch rosa ist ... '"
"Dann lässt du sie fünfzehn Minuten abkühlen, bevor du das Ei zugibst."..
Tante Ruthie holt ihr Tranchiermesser aus der Schublade. Sie packt eine Scheibe marmorierte Halwa aus dem Geschenkkorb aus, den Mom ihr zum Geburtstag von Zabar's schicken ließ. Entschlossen schneidet sie ein Stück ab und wickelt es dann in Wachspapier. "Das ist für deinen Mann", verkündet sie mir in verändertem Ton. "Du brauchst das nicht."
Ich bin nie auf ihre Hämmer gefasst. Wenn ich mit Tante Ruthie zusammen bin, amüsiere ich mich so blendend, dass ich völlig vergesse, wie sie zuschlagen kann. Selbst wenn ich wegen eines früheren Hammers zwei Monate nicht mit Tante Ruthie gesprochen habe, ist alles vergessen, wenn ich wieder in die Kultiviertheit meiner Jugend zurückversetzt werde, wenn ich "Schätzchen" und "Licht meines Lebens" oder "Goldstück", ihr Lieblingsausdruck, genannt werde. Ich werde geliebt, werde heiß und innig geliebt. Aber dann kommt er - Tante Ruthies Hammer. Mein Herz und meine Oberarme kribbeln. Es ist der gleiche Adrenalinstoß, wie man ihn bekommt, wenn man beim Überqueren der Straße beinahe von einem Auto erfasst wird.
Das ist für deinen Mann. Du brauchst das nicht.
Peng! Hält sie mich für zu dick? Peng! Peng! Dachte sie etwa, ich würde die Halwa auf dem Mosholu Parkway verputzen und meinen Mann in dem Glauben lassen, ich hätte Tante Ruthie besucht, ohne ihm etwas mitzubringen? Dass Tante Ruthie mir kein Geschenk für den Herrn des Hauses mitgegeben hätte? Peng. Peng machten die Saiten meines Herzens. Und was ist mit mir? Soll ich gar nichts von der Halwa abbekommen?
Wenn Tante Ruthie zuschlägt, bleibt einem die Luft weg. Sie liebt einen schier zu Tode, sie liebt einen so unglaublich, dass man völlig vergisst, wie sie zuschlagen kann. Und dann kommt der Hammer. Manchmal mache ich mich ein Weilchen rar. Melde mich nicht bei ihr. Dann ruft Tante Ruthie an und sagt mit bebender Stimme: "Warum habe ich so lange nichts von dir gehört, mein Goldstück?", und es übermannt mich, wie sehr ich sie vermisst habe. Warum muss sie nur bei jeder Begegnung ihren Giftpfeil abschießen? Beweist etwa die Macht, den anderen verletzen zu können, dass man ihm noch etwas bedeutet? Ist es ein Tick von ihr? Ist das der Grund, weshalb ihre Schwiegertochter, die ich nie kennen gelernt habe, nichts mit ihr zu tun haben will? Warum ihre Enkeltöchter nicht anrufen? Warum sie noch nie ihre Urenkel gesehen und im Arm gehalten hat? Wie kann Tante Ruthie mit diesem Loch in ihrem Herzen weiterleben, wo ihre Familie sein sollte?
"Bei allem, was mir hoch und heilig ist" - Tante Ruthie tupft sich mit dem Taschentuch die Augen ab -, "ich weiß nicht, was ich verbrochen habe. Gott ist mein Zeuge. Sag es mir, Schätzchen. Was um alles in der Welt habe ich bloß verbrochen?"
Das ist die große Frage, das zentrale bohrende Rätsel, das Tante Ruthie von früh bis spät beschäftigt. Wie kann man eine alte Frau so sehr hassen, dass man sie ihr eigen Fleisch und Blut nicht sehen lässt?...
Ich habe Tante Ruthie deshalb so gern, weil sie meine Großmutter Polly über alles liebte. "Mir fehlen die Worte", sagt Tante Ruthie. "Ich weiß nicht, wie ich sie beschreiben soll. Sie machte alles Schwere in meinem Herzen wieder wett." Und weil sie sich an Details erinnert, zum Beispiel daran, wie meine Großmutter ihre Zöpfe an ihrem Hochzeitstag trug und wie eine Frau in der Hochzeitsnacht mit Hühnerblut vortäuschen konnte, noch ein Jungfernhäutchen zu haben. Tante Ruthie ist die letzte Überlebende der Generation, die meine Mutter hervorbrachte. Sie klagt nie darüber, dass sie kein Geld hat. Sie hatte nie welches. Sie lässt mich an meine geliebte Patentante denken, deren finanzielle Sicherheit nichts gegen Alzheimer ausrichten kann. Die Krankheit ist bereits so weit fortgeschritten, dass meine geliebte Dorothy nicht mehr weiß, dass sie Dorothy ist. Als ich sie das letzte Mal zum Mittagessen ausführte, konnte sie sich nicht an unsere Namen erinnern. Wir saßen in einer Luncheonette in der 72nd Street West, und sie fragte ständig, immer höflich, weil Umgangsformen als Letztes verschwinden: "Also, du bist ... ?". und: "Wer, wenn ich fragen darf, bist du genau?" Zunächst sagte ich jedes Mal: "Ich bin Patty." Dann sagte ich: "Ich bin Patty. Die Tochter von Cecil und Audrey, die Schwester von Jo Arm, die Mutter von Peter und Polly." Dann zog ich eine Papierserviette aus dem Spender und begann, es ihr aufzuschreiben. Jedes Mal, wenn sie mich fragte, wer ich bin, schrieb ich "Patty" auf eine Serviette und hielt sie hoch, damit sie es lesen konnte. Daraufhin machte sie den Verschluss ihrer Handtasche auf, stopfte die Serviette hinein und sagte: "Aha. Und wie kann ich dich erreichen ... äh ... Patty?" Also nahm ich die Serviette wieder an mich und schrieb meine Telefonnummer dazu. Als wir alle Servietten in unserem Spender aufgebraucht hatten, holte ich den Spender eines unbesetzten Tisches. jedes Mal wenn ich meinen Namen und meine Nummer aufschrieb, schien Dorothy erleichtert zu sein.
Als wir zu Fuß zu ihrer Wohnung im Majestic gingen, war ihre Handtasche mit Servietten voll gestopft. Dann fuhr ich übers Wochenende weg. Als ich am Sonntagabend heimkam, waren neunzehn Nachrichten auf meinem Anrufbeantworter: "Hallo ... Wer bist du?", "Hallo ... Wo bist du?", "Hallo ... Wer ist da?", "Hallo ... Wer ist Patty?", "Hallo, hier ist Patty. Ruf mich an." Das war vor drei Jahren, als sie noch sprechen konnte. Tante Ruthie ist ein gutes Beispiel dafür, dass es nicht so sein muss, nicht bei unserem Gen-Pool.
Ich dankte Tante Ruthie für das Petit-Point-Kissen und die Halwa. "Auf Wiedersehen, Tante Ruthie." Ich beugte mich vor und gab ihr einen Kuss...
Sie hatte viele Freundinnen und eine große Wohnung. Sie hatte mehrere feste Kartenrunden, nach denen sie Brombeer-Brandy servierte. Ein bestimmtes Schema begann sich herauszukristallisieren. Die eine oder andere Freundin blieb länger, nahm auf Tante Etties Rosshaarsofa Platz und trank noch einen Brandy. Irgendwann griff sie dann nach den Papiertaschentüchern, die auf einem marokkanischen Tablett lagen, und sagte: "Ettie. Mein Mann - ich glaube, er geht fremd. Was soll ich tun?"
Die erste Frage, die Ettie stellte, war immer die gleiche: "Willst du ihn behalten?" (Tante Ettie erzählte mir einmal, dass sie die einzige Frau in ihrem Bekanntenkreis war, die nicht zwei Männer haben wollte.
"Jaaaaaaaaaa", sagte die Freundin dann immer.
Woraufhin Tante Ettie ihren Orchideen-Trick verriet.
"Als Erstes schickst du dir eine Orchidee", begann sie. "Die legst du in den Eisschrank. Dann ziehst du dein bestes Kleid an und verlässt das Haus, bevor er heimkommt. Geh ins Kino, geh sonst irgendwo hin, setz dich auf eine Parkbank, aber geh aus dem Haus. Wenn dein Mann heimkommt und den Eisschrank aufmacht, sieht er die Orchidee. Er wird sich fragen, warum eine Orchidee im Eisschrank liegt. Aber als Nächstes wird er sich fragen, wer dir die Orchidee geschenkt hat. Du musst spät nach Hause kommen. Er wird aufgeblieben sein und am Fenster auf dich gewartet haben. Er wird durch die Jalousien spähen und sich aufregen. Lass dir viel Zeit, wenn du aus dem Taxi steigst. Wenn du ins Schlafzimmer kommst, wird er im Bett liegen und sich schlafend stellen. Summe leise vor dich hin. Seufze ein paar Mal, während du dich ausziehst. Aber immer so, dass er merkt, wie sehr du dich bemühst, ihn nicht aufzuwecken. Er wird es nicht wagen, dich zu fragen, woher die Orchidee ist oder wo du gewesen bist. Ein schuldbewusster Mann wagt es nie, Fragen zu stellen. Lass noch ein paar Mal Orchideen im Eisschrank liegen. Mach einen glücklichen Eindruck. Du wirst vermutlich nicht noch einmal die Nacht außer Haus verbringen müssen."..
Onkel Bob brachte es im Krieg bis zum Unteroffizier, wurde jedoch zum Obergefreiten degradiert, weil er sich weigerte, Schuhe zu tragen. Als er heimkam, machten ihn meine Großeltern mit Barbara Krass bekannt, der Tochter ihrer alten Freunde Faye und Lou, mit denen sie immer Karten spielten. Aus dieser Zeit gibt es ein Foto von Tante Barbara in einer Bluse mit rundem Ausschnitt. Oben ist ein schwarzes Samtband durchgezogen und zu einer schmalen Schleife gebunden. Das Foto ist mit einer ovalen Vignette eingefasst ähnlich wie eine Kamee. Brieftaschen und Bilderrahmen aus dem Kaufhaus wurden damals mit eben solchen Fotos von Filmstars verkauft. Und Tante Barbara war ein Filmstar. Der heroische Onkel Bob und die hinreißende Tante Barbara, unser ureigenstes Traumpaar. Als der Tag ihrer Hochzeit näher rückte, ließ Mom meiner Schwester und mir zwei aufeinander abgestimmte weiße Organdy-Kleider schneidern. Bei Indian Walk bekamen wir neue schwarze Lackschuhe gekauft. Wir bekamen unsere ersten weißen Handschuhe geschenkt. Wir sollten im Ritz-Carlton die Blumenmädchen sein und Maiglöckchen-Sträuße in der Hand halten, die auf die Maiglöckchen-Stickerei auf unseren Kleidern abgestimmt waren.
Ich schwebte auf einer romantischen Wolke. Endlich war der große Tag da. Meine Schwester wachte mit rotem Kopf auf. Sie fühlte sich nicht wohl. Mom kam mit dem Fieberthermometer. Sie hatte 38,9.
"Du musst mit deiner Schwester daheim bleiben", sagte Mom.
"Muss ich nicht!"
"Doch, du musst."
"Aber ich bin eingeladen! Ich habe eine Einladung!"
"Wenn deine Schwester nicht hingehen kann, kannst du auch nicht hingehen."
"Kann ich doch! "
"Nein, das kannst du nicht. Und damit basta."
Ich weinte. Ich bettelte. Ich ging zurück ins Schlafzimmer, wo meine Schwester Band zweiundvierzig der Classics Illustrated, Die Schweizer Familie Robinson, las. Ich riss ihr das Buch aus der Hand und warf es zum Fenster hinaus.
"Dafür bring ich dich um! ", sagte sie und schleuderte die Bettdecke weg.
"Du darfst ja gar nicht aufstehen." Ich trat vorsichtshalber etwas zurück. "Ich sag's Mom."
"Du bist so gut wie tot! ", sagte sie und griff nach einer Haarbürste.
"Nur zu. Bring mich ruhig um. Ich sterbe mit Freuden, denn dann wirst du den Rest deines Lebens im Gefängnis verbringen. Los, komm schon. Komm schon. Schmoren sollst du! "
Sie schob die Füße wieder unter die Decke und machte das Radio an. Später kochte ich ihr Schokoladenpudding.
Ich bin schon auf dem College, als meine Mutter eines Tages aus heiterem Himmel sagt: "Ich weiß wirklich nicht, warum ich dich damals nicht zu Onkel Bobs Hochzeit gehen ließ."
Zehn Jahre später, als ich bereits verheiratet bin und eigene Kinder habe und Mom und ich gerade miteinander Geschirr spülen, sagt sie auf einmal: "Weißt du, warum ich dich damals nicht zu Onkel Bobs Hochzeit gehen ließ?"
"Nein. Warum?"
"Bestimmt deshalb, weil du geschnieft hast. Ich hatte bestimmt Angst, dass du ebenfalls etwas ausbrütest. Was für einen Grund hätte es denn sonst geben sollen?"
Wieder zehn Jahre später, als sie sich auf ihren Magister in Familienberatung vorbereitet, teilt sie mir mit, dass sie ganz genau weiß, warum sie mich nicht hingehen ließ.
"Weil du nicht zu Onkel Bobs Hochzeit gehen wolltest", sagt sie. "Dir war nicht wohl dabei, ohne deine Schwester hinzugehen. Du wolltest bei ihr daheim bleiben."
"War das der Grund, Ma?"
"Erinnerst du dich nicht? Du wolltest zu Hause bleiben. Sonst hätte ich dich doch hingehen lassen."
"Ach", sage ich.
"Glaubst du mir etwa nicht?"
"Das ist so lange her. Ma. Dreißig Jahre."
"Tja, so war es aber", sagt meine Mutter. "So muss es gewesen sein. "
"Das spielt doch jetzt keine Rolle mehr", sage ich. "Ich denke schon lange nicht mehr daran."