"Auch das gibt es, sehr verehrte Trauergemeinde, die Ausnahme, soweit wir sehen können, ist das eine gute Ehe, zwei Menschen, beide gut aussehend, beide durch allerlei Prüfungen gegangen, leben zusammen, herzlich, keine Gehässigkeiten, jedenfalls solange wir da waren, er ist Studienrat für Deutsch und Geschichte, und sie ist Studienrätin für Englisch und Französisch, eine Norwegerin, hier im, Osten, in einer Kleinstadt, beide mit reduzierter Stundenzahl, nicht, weil sie faul wären, sondern weil sie au h anderen eine Chance einräumen wollen, lassen sich von solchen Überlegungen leiten und restaurieren ein für den Abbruch freigegebenes Haus und legen einen Garten an, in dem Blumen blühen, die genau genommen in diesen Breit en nicht blühen dürften. Er hat ein Antiquariat aufgebaut, das er neben seiner Arbeit als Lehrer führt. Spezialisiert hat er sich auf Theorie und Literatur der Achtundsechziger.
Das Glück im Kleinen, werden Sie sagen, ist das denn die Lösung. Die beiden sind, jedenfalls vom äußeren Anschein her, eine Ausnahme. Dieser Krause, der als Student versucht hat, einen geparkten Polizeiwagen abzufackeln, high sein, frei sein, ein Molly muss dabei sein, der Wagen fing aber gar nicht richtig Feuer, derselbe Krause, der dann zu den Kommunisten ging, in einem Betrieb im Blaumann herumlief, Materialkisten zu Drehmaschinen schob, dem die Arbeiter, weil er so große Sprüche klopfte von der Arbeiterklasse, Weltrevolution und so, Schmieröl ins Haar gossen, damals hatte er noch viel Haar, Haar, das er zu einem Zopf zusammengebunden trug, jetzt ist es grau und dünn geworden, kurz geschnitten trägt er es, ballt nicht mehr die Faust in der Tasche, sammelt keine Eisenmuttern mehr, um damit die Scheiben der Bank einzuwerfen, nein, er hat dieses Haus geklauft - habe ich geklauft gesagt? - mit einem Bausparvertrag von eben dieser Bank, deren Scheiben er vor dreißig Jahren eingeworfen hat, ein Haus, das er selbst renoviert hat, durch das er uns führt, die morschen Balken eigenhändig ersetzt, zusammen mit Lina, dort, auch mit Holzbolzen zusammengefügt, kein Eisen, drei Jahre Arbeit, haben noch die Kinder mitgeholfen, zwei Söhne, beide studieren jetzt, der eine Jus, der andere Volkswirtschaft, also beide missraten, Fehlläufer, völlig aus der Art geschlagen. Der Volkswirtschaftssohn hat ein kleines Vermögen mit Aktien gemacht, in einem Jahr mehr, als wir in zwanzig Jahren angespart haben, und wir verdienen ja nicht schlecht. So was gibt's. Krause schüttelt den Kopf und lacht. Verstehen uns trotzdem, auch wenn er über im h lacht, ich spare nämlich immer noch, bin wahrscheinlich der letzte, der ein Sparkonto hat. Er führte uns durch den früheren, neben dem Haus gelegenen Schuppen, in dem er das Antiquariat untergebracht hat. Da standen und lagen sie in Holzregalen, grau und schon jetzt stockfleckig, die 68er Literatur, Bücher, die auf ihre Opfer warteten, um denen, die nach ihnen greifen, sie lesen, wie die Vampire das Leben auszusaugen. Bücher, Bücher, Bücher. Gängiges wie Abgelegenes. Erstausgaben, Handdrucke, Manifeste., Nachdrucke von Kropotkin, Bakunin, Landauer, Mühsam, handabgezogene Manifeste, damals musste ja, wer kopierte, noch eine Kurbel drehen, und es standen da so seltene Ausgaben wie Agitprop Splitter, Widersprüche und das inzwischen teure, weil in nur 500 handgebundenen Exemplaren aufgelegte: Eiffe for Präsident, eine Sammlung der Eiffe-Graffiti aus der Zeit, als in Hamburg der Strand unter dem Pflaster lag. Eiffe der Bär als positive Synthese von Franz von Assisi und Joseph Stalin. Er zeigte uns seine Sammlung politischer Plakate aus dem Jahr 68: Gummiknüppel zu einem Frühlingsstrauß zusammengebunden. Darunter steht: Auf diesen Frühling folgt ein heißer Sommer. Krause erzählte uns von seinem Projekt, mit seinen Schülern ein Theaterstück über Lilienthal zu erarbeiten. Unterlagen, Material gibt es im Anklamer Otto-Lilienthal-Museum. Lina kam und fragte, wer Tee, wer Kaffee haben wollte. Dich ins Haus nur zu führen, es war schon die Hälfte des Glücks. So eine Idylle, gibt's denn so was, fragen Sie. Bitte? Was sagen Sie? Hermann und Dorothea, aber klar doch, das ist nicht betulich, denn darin wird erzählt, wie man mit Fremden, mit Flüchtlingen umgeht und was das bedeutet, Fremdsein. Der Krause sollte mal mit einer Schwarzen in Anklam leben. Würde sein blaues Wunder erleben. Sicherlich. Aber inzwischen kann man ja mal mit einer Norwegerin anfangen. Die Norwegerin hatte einen Streuselkuchen gebacken, als hätte sie meinen Kinderwunsch erraten, einen Kuchen, trocken, aber nicht zu trocken, mit festen dicken Streuseln darauf, die dann auch noch mit Zucker bestreut waren. Wenn schon, denn schon, sagte sie. Du mochtest doch Streuselkuchen, sagte Krause, als ich den Kuchen lobte. Hast du dir in der Bäckerei in der Amalienstraße gekauft. Er konnte sich sogar noch an den Namen erinnern, war so eine stabile blonde Frau, Margit, die bediente, immer mal ein Stück gratis drauflegte, Aschenberger wurde besonders bedacht, wenn wir dasaßen und diskutierten, Frühjahr 66, Adorno, Marcuse, Frantz Fanon. Aschenberger zog die Bücher aus der Tasche, hatte die wichtigen Stellen verschiedenfarbig unterstrichen, spachtelte von der Sahnetorte ab, dicke massive Keile, die er wie nichts wegputzte, zwei, manchmal sogar drei, sah aber immer verhungert aus. In dieser Bäckerei hörte ich aus seinem Mund zum ersten Mal: der tendenzielle Fall der Profitrate. Hast du Aschenberger noch mal getroffen? Ja. Im letzten Jahr, war kurz hier, kam mit der Eisenbahn und hieß plötzlich Lüders. Ich bekam einen Schreck, dachte, der ist abgetaucht, einer der letzten Stadtguerillas, aber nee, hatte nur den Namen seiner Frau angenommen. Arbeitete als Stadtführer in Berlin. Kam dann nochmals. Etwas umständlich das alles. Aber er wollte nicht telefonieren. Warum sollen die uns abhören. Wer weiß, sagte er. Glaubt einem ja heute keiner, dass man auch in der guten alten Bundesrepublik abgehört wurde. Aschenberger suchte Bücher, das heißt, genau genommen nur ein Buc , die anderen, die er nannte, waren nur Vorwand, glaube ich. Ein Buch, das Anfang der Siebziger plötzlich auftauchte, von Hand vervielfältigt. Zivile Selbstverteidigung. Es wurde damals sofort verboten. Wir haben es von Wohngemeinschaft zu Wohngemeinschaft geschleppt, ahnungslosen Eltern wurde es in die Keller gelegt und dann wieder partienweise an linke Buchhandlungen verteilt. Genau genommen ein ganz offizielles, staatliches Buch und dann noch aus der Schweiz, aber damals von enormer Brisanz. Ein Buch, das nur ein Reprint war, von einer Broschüre der Schweizer Landesverteidigung, des Schweizer Militärs, über die Guerillataktik. Anleitungen für den Fall, dass die Schweiz besetzt wird, das war nach 45, und als Besatzer der Züricher Goldküste kam natürlich nur die Rote Armee in Frage. Man konnte aus dem Buch viel lernen, erstaunlich viel, wie man beispielsweise aus recht gebräuchlichen Dingen Bomben herstellen konnte, aus Benzin und Dieselöl Wurfgeschosse bastelt, die Mollys, oder wie man einen mit Kunstdünger beladenen Kleinlaster zu einer fahrenden Bombe umwandeln kann, eine Bombe, die gleich mehrere Panzer von der Straße fegt und schon ein Handkoffer mit Kunstdünger reicht aus, um eine veritable Autobahnbrücke zu sprengen, oder ein Haus (denn natürlich würden die Rotarmisten sich in Schweizer Kasernen einnisten, ihre Logistik dort aufbauen, das nur in Klammern). Der nötige Sprengstoff war leicht herzustellen, aber man musste bei Anschlägen gegen Gebäude etwas von Statik verstehen. Wo man zum Beispiel den kleinen Handkoffer abstellen musste, damit die Brücke auch säuberlich in sich zusammenfiel. Dafür gab es kleine Illustrationen. Viele herumfliegende Brocken, Mauerreste, einstürzende Brückenbögen, fallende Strichmännchen. Dieses Buch suchte er, das wollte er unbedingt haben. Ich hab ihm gesagt, das kann ich im Internet nicht suchen. Hab ich doch sofort die Polizei am Hals. Vielleicht wird es dir mal angeboten. ja, wenn. Er kam dann extra nochmals her. Wollte nicht telefonieren. War schon etwas sehr sonderbar. Ausgerechnet diese Bums und Schießbroschüre zur Partisanenausbildung. Was willst du mit dem Zeug, hab ich gefragt. Bist du bei ... ? Fiel Aschenberger mir ins Wort: Nein. Ich bin nicht bei - ich bin ich selbst. Einzelkämpfer. Er saß da, da wo du sitzt, und trank Tee. Bitte schwarz. Kuchen? Nein, danke. Trinkt vorsichtig von dem Tee, lächelt, spricht von sich als Partisan des Alltags. Meine Güte, hört sich ja gefährlich an. Ja. Warst doch Pazifist. Bin ich noch. Aber manchmal muss man, um sich bemerkbar zu machen, etwas lauter werden. Aschenberger trug auch an heißen Tagen ein Jackett, dessen Seitentaschen ausgebeult waren von Büchern. Meine Erinnerung ist denn auch bestimmt von dem lesenden Aschenberger. Er las in der Straßenbahn, im Sommer auf dem Rasen vor der Uni, in dem Café, in dem ihm die Bedienung den Kuchen vom Vortag schenkte. Ich bin für eine revolutionäre Veränderung, aber nur, wenn die Mehrheit dafür ist, nicht nur eine kleine Minderheit. Das ist Putschismus. Und Gewalt macht uns nur dem Staat ähnlich, den wir verändern wollen. Im Keller wurde gelacht. So ein Weichei. Er widerstand. Und mit Scham muss ich sagen, ich, der genau wie er dachte, schwieg, wollte mich diesem Gepöbel nicht aussetzen. Widerstehen. Aschenberger sprach gut Italienisch und las Gramsci, von dem damals nur wenig ins Deutsche übersetzt war. Auch in der DDR nicht. Basisdemokratie, das mochte man dort nicht gern hören. Basisarbeit, Bewusstseinsarbeit, sagte Aschenberger, man muss die Bunker der Bourgeoisie sprengen. Bitte was? Also doch Gewalt? Nein, diese ideologischen Fortifikationen der Herrschenden, die sich in das Bewusstsein aller eingebunkert haben und an deren weiterer Befestigung in den Köpfen all die Lehrer, Journalisten, Professoren arbeiten, das kann nur durch Aufklärung aufgebrochen werden. Der lange Marsch durch die Institutionen. Bewusstseinsveränderung. Dass die Nachfrage das Angebot bestimmt, so als sei die Nachfrage etwas Festgelegtes, nicht wiederum das Ergebnis von Wünschen, also Bedürfnissen, die erneut und immer wieder neu erzeugt werden, was gefordert ist, ist nicht nur der Umsturz der alten Gesellschaft, sondern die Herausbildung neuer Bedürfnisse. Welche? Wie denn? Freie Formen des Arbeitslebens, das weniger, das mehr sein kann. Solidarische Formen des Zusammenlebens. Kein Konkurrenzgerangel. Keine Geschlechterdominanz. Befreite Sexualität. Lustgewinn. Zärtlichkeit. Fürsorge. Der Keller lachte. Sind wir in der Bahnhofsmission. Beispiele! Häuser, die nicht wegen eines maximalen Mietzinses gebaut werden, sondern in denen Menschen ihre Bedürfnisse entfalten können, alte Menschen im Parterre, die auch mal auf die Kinder aufpassen können, und die Hausbewohner, die nach den Alten sehen, für sie einkaufen, sie einladen, und zwar dort, wo Menschen mit Kindern wohnen sollten. Im Zentrum von München, am Englischen Garten, stehen Bankgebäude, Versicherungen, Bayerische Hypotheken Bank, Allianz, Münchner Rückversicherung, seht euch die Gebäude an, am Abend, nachts, an Feiertagen, leer und tot stehen sie da. Statt daß dort Familien mit Kindern wohnen, wohnt dort das Kapital. Und die Leute finden es auch noch vernünftig, weil es ja die teuersten Grundstücke sind. Es ist das Unvernünftigste. Das muß umgewertet werden. Wie? Durch Diskussion, durch Beschreibung, durch Kunst. Ha. Ha. Naiv. Ohne Guillotine hätten wir heute noch das Jus primae noctis. Was wir brauchen, ist der bewaffnete Widerstand. Waffen. Nein, Aufklärung! Quatsch. Wo denn? Schule. Medien. Der lange Marsch durch die Köpfe. Theorie, Theorie. In Vietnam, in Afrika, in Guatemala, da krepieren sie, verstehst du, und du erzählst was vom langen Marsch durch die Köpfe. Weichmann, der Klassenfeind rüstet auf, und du kommst mit Schule. Sozialbürokrat! Widerstand gegen diesen Faschostaat! Das ist angesagt. In der Dritten Welt krepieren die Menschen, und du redest von Kunst. Von Mitbestimmung. Von Zärtlichkeit. Scheiße. Klassenfeind. ja, sehr verehrte Trauergemeinde, es gab eine Zeit, da gab es den Begriff Klassenfeind, und es gab den Begriff Verfassungsfeind. Das war fünf oder sechs Jahre später. Es war im Juni 1976, als die oben genannte Person zu einem Gespräch gebeten wurde, wir betonen, gebeten, und auf seine Verfassungstreue hin befragt wurde. An dem Tag hatte es morgens ein wenig geregnet, ein kühler, dichter Regen. Um acht war er gegangen. Wolken hingen über der Stadt, ein normaler, für die Jahreszeit etwas zu kühler Sommertag. Hin und wieder kreischte eine Straßenbahn durch die Kurve. Für Mittag, als er zurückerwartet wurde, hatten wir gedeckt. Wir hatten im Supermarkt Wein gekauft. Wir hatten gekocht. Er kam nach Hause, zurück in die Wohnung, wo wir saßen, und wir dachten, ein Gespenst kommt in die Küche. Was ist? Aschenberger sagte: Nichts. Nein, ich scheide sicherlich aus. Mit dem langen Marsch durch die Institutionen wird es nichts, jedenfalls nicht für mich. Wir hatten Spaghetti gemacht, alla Puttanesca, die Aschenberger besonders gern mochte, und der Na e passte zu dieser Anhörung. Er stand da, hielt das Glas Chianti in der Hand. Es war später Nachmittag, genau genommen schon Abend, und wir hatten uns schon gefragt, wo er bleibt. Dachten, er hätte gleich nach der Anhörung mit seinem Anwalt einen, getrunken. Aber Aschenberger war stocknüchtern. Durch die offene Balkontür drückte der Wind die im Hinterhof aufgestaute Wärme in die Küche. Sag schon, was ist? Was haben sie gefragt? Drei Leute saßen da, eine Sekretärin, die Protokoll führte, ja es war wie ein Verhör, ein freundliches. Er ging auf den Balkon, einen kleinen Balkon in der dritten Etage. Das Eisengitter war eigentümlich niedrig, vielleicht lag es daran, dass die Menschen um die Jahrhundertwende im Durchschnitt etwas kleiner waren, das Gitter ihnen damals noch bis zur Hüfte ging, jetzt reichte es nur noch bis zum Oberschenkel, jedenfalls bei ihm, der sehr groß war, größer noch als ich. Er stand draußen, trank langsam von dem Wein und blickte zu uns, die in der Küche saßen. Von fern war ein eigentümliches Geräusch zu hören, wie eine Waschmaschine im Schleudergang. Oben im Baumwipfel sang eine Amsel, wie jeden Abend, wir hatten sie Otto getauft. Otto singt wieder, sagten wir, und Otto sang besonders gut, besser als jede andere Amsel im Umkreis, behaupteten wir, so ausdauernd und so gut moduliert. Komm, erzähl schon. Wir wollten mit ihm feiern, auch die Ablehnung, mit der wir rechneten, sollte gefeiert werden, denn das hieß, ein weiterer Fall, der unsere These bestätigte, der politisch bekannt gemacht, für den Unterschriften gesammelt werden mussten. Und Aschenberger war bereits bekannt, er hatte in der Fachschaft als Sprecher kandidiert und war gewählt worden, demokratisch. Wurde er als Lehrer abgelehnt, dann war abermals der Beweis erbracht, dieser Staat war faschistoid, ließ bei Wahlen nur das ihm Gemäße zu, Demokratie - von wegen, ein Polizeistaat. Lena füllte die Spaghetti auf. Aber Aschenberger wehrte ab, nicht so viel. Erzähl. Später. Er stocherte in den Spaghetti herum, aß etwas, ein wenig nur, legte plötzlich die Gabel beiseite, sagte, er müsse noch weg, er müsse noch jemanden treffen. Was ist los? Sag schon. Schließlich musste ihm doch klar gewesen sein, dass er abgelehnt werden würde. Warum also die Enttäuschung. Wieso dieser Katzenjammer. Wir fühlten uns doch wie die Christen im Kolosseum. Hat dich die Ablehnung überrascht? Nein. Die kommt erst schriftlich. Was dann? Etwas anderes, sagte er. Aschenberger stand auf, ging in den Flur, holte seine Jacke, zog sie an, sagte, ich muss jetzt los, er machte ein, zwei Schritte zur Tür, blieb dann stehen, zögerte, griff in die Seitentasche und legte ein Blatt auf den Tisch. Das haben sie mir gezeigt, am Schluss des Gesprächs. Wir starrten auf die Fotokopie. Die Fotokopie zeigte einen Parteiausweis, deutlich war ein Name zu lesen: Aschenberger. Und auf einer zweiten Kopie waren die Beiträge zu sehen, gestochen scharf, bis zum Monat Mai. Sie zahlen prompt, sagte ein Mann, der während der Anhörung schweigend am Tisch gesessen hatte, er grinste, können Sie gern mitnehmen. Woher haben Sie das? Tja, sagte der braungebrannte Herr am Tisch. Betriebsgeheimnis. Der Staat muss sich schützen, gell. Und da erst langsam dämmerte mir, uns allen, jemand musste diesen Ausweis fotokopiert haben. Hier? In der Wohngemeinschaft? Vielleicht ein Einbruch. Aber wer bricht ein in eine Wohngemeinschaft, deren Bewohner sich damals dadurch auszeichneten, dass sie meist zu Hause saßen, Musik hörten, lasen und an der Betriebszeitung schrieben. Wir einigten uns darauf, dass bei uns eingebrochen worden war. Das jedenfalls war die Sprachregelung. Aber von da an war das Misstrauen zwischen uns. Niemand sprach es aus. Lena und ich redeten oft darüber, überlegten, wer es gewesen sein könnte. Einer von uns musste der Verräter sein. Einer unter uns, wir waren nur fünf, drei Männer und zwei Frauen. Aschenberger kam nicht in Frage, ich nicht, und nicht Lena. Aber vielleicht sagten die anderen auch: ich nicht, aber Thomas und die Lena, vielleicht Reiner, den ich in Verdacht hatte, es war seine Angewohnheit, die schlechten Eigenschaften anderer so darzustellen, dass sie Schatten und immer größere Schatten warfen. Oder Brigitte, die so teure Klamotten trug, was damals auffiel, andererseits, das würde sie wohl kaum tun, wenn sie für Geld bespitzeln würde. Oder auch gerade, als besonders raffinierte Tarnung. Genau genommen konnte es nur einer der beiden sein, sie, Brigitte, oder er, Reiner. Manchmal hatte ich Lena in Verdacht, aber das war nur ein Verdacht, der schon, wenn ich nach Indizien suchte, sofort wieder verschwand, manchmal, und das war das Schlimmste, dachte ich, sie, Lena, so wie sie mich über die Tasse hinweg ansieht, denkt, ich könnte es gewesen sein. Und es half nichts, das war jedem klar, das Gegenteil zu beteuern, das wäre erst recht verdächtig gewesen. Aschenberger hat sich geweigert, darüber zu sprechen, er hat nie etwas gesagt, keinen verdächtigt. Aber was sich änderte, war, dass er abends, wenn wir zusammensassen und aßen, nicht mehr mitaß. Er kochte, wie wir es im Plan festgeschrieben hatten, kochte und sagte dann, er müsse dringend weg, zu einer Veranstaltung, zu einer Diskussion, zu einem Meeting. Er zog sich seine Lederjacke an und verschwand, und wir saßen da und sollten essen, was er gekocht hatte. Es war deutlich, er konnte unsere Nähe nicht mehr ertragen. Einmal sagte er schon im Weggehen: Übrigens, ich wäre gern Lehrer geworden. Wir, Lena, Brigitte, Reiner und ich, saßen am Küchentisch und redeten über die technischen Möglichkeiten, einzubrechen. jeder konnte eine Geschichte dazu beitragen, jeder hatte eine neue Theorie, wann es gewesen sein konnte, wann die Wohnung leer gewesen war, Montag nachmittags, da waren doch alle in der Uni. Meistens. Thomas, du warst dann aber da, nicht. Reiner sah mich an. Klar, irgendwann war immer einmal einer allein in der Wohnung, und manchmal war eben auch niemand in der Wohnung. Zwei Monate nach seiner Anhörung zog Aschenberger aus und nach Hamburg. Als er packte, schenkte er mir die Eisler-Platte Vierzehn Arten, den Regen zu beschreiben. Ich war glücklich, denn das hieß doch, er verdächtigte mich nicht. Ja, das gab's wirklich. Wir hatten den Tisch gedeckt und uns auf die Bank gesetzt, zogen uns einen fetten Joint rein. Iris verfolgte im Garten die Nacktschnecken. Sag mal, alter Schwede, fragte Krause, wie bist du an diese Frau gekommen, ich meine, die wachsen doch nicht irgendwo auf Bäumen. Oder? Wie kommt man da ran? In unserem Alter? Und wenn, wo? Ein Vorteil des Berufs, man lernt viele Menschen kennen. Die Norwegerin brachte den Streuselkuchen heraus, stellte das Blech auf den Tisch. Ein Tisch für den Nachmittagskaffee im Garten gedeckt, Kuchen, Tassen mit Goldrand eine meiner ersten Erinnerungen. Im Garten ist ein langer Tisch gedeckt, gedeckt mit einem weißen Tischtuch, Teller und Tassen mit Goldrand. Die Erwachsenen sitzen und reden, die Warnung meiner Mutter vor den Wespen, die sich auf den mit Zucker bestreuten Streuselkuchen setzen. Natürlich wollte Krause wissen, warum ich mich für Aschenberger interessierte, und als ich ihm von der Siegessäule und dem Engel und dem Plastiksprengstoff erzählte, sagte er nur: Nein auch. Wenn ich nun dieses Schweizer Bumserbuch gehabt und ihm verkauft hätte, dann wären die hier mit Maschinenpistolen vorgefahren. Ich frage mich, wie er auf mich gekommen ist. Vielleicht fand er schon damals deine Beerdigungsrede auf den Wissmann gut. Wen hast du beerdigt, wollte Iris wissen. Krause erzählte von dem Denkmal, ein Gouverneur in Deutsch-Ostafrika, ein so genannter Afrikaforscher, das hieß, einer, der mit dem Gewehr forschte. Und den Schwarzen deutsche Mores lehren wollte, nicht mit Zuckerbrot, sondern mit der Peitsche. Wir haben diesen Bronze-Wissmann damals umgerissen, in Hamburg, vor der Universität. Der stand mit Tropenhelm und Uniform auf einem Sockel. Unter ihm ein Askari, ein schwarzer Soldat, der einen sterbenden Löwen mit der deutschen Fahne zudeckte. Das Bild des deutschen Kolonialherren. Thomas hat damals die Rede gehalten, sehr witzig. Thomas konnte gut reden. Dann wurde Wissmann mit einem Seil umgerissen. Polizei kam, nahm einige der Studenten fest. Die Zeitungen schäumten: studentisches Pack, Kulturbarbaren, irrenärztlich untersuchen lassen. Das Denkmalamt hat Wissmann wieder aufgestellt. Wir haben ihn wieder umgerissen. So wäre das weitergegangen, hätten das Denkmalamt und die Univerwaltung nicht resigniert. Einige bekamen eine Anzeige wegen Sachbeschädigung, Erregung öffentlichen Ärgernisses. Wir waren unserer Zeit voraus. jetzt will doch keiner mehr an die glorreiche deutsche Kolonialzeit erinnert werden. Heute würden sie das Denkmal von Amts wegen abtragen lassen, still und heimlich. So ändern sich die Zeiten. Und die moralischen Wertungen. Und Aschenberger war dabei? Hat sogar mitgezogen. Ich konnte mich nicht mehr daran erinnern, dass Aschenberger dabei gewesen war. Und, sehr verehrte Trauergemeinde, ich konnte mich auch nicht erinnern, dass Krause mitgemacht hatte, an andere ja, Edmond zum Beispiel und Conny, der das Seil besorgt und dem Bronze Wissmann um die Brust gelegt hatte. Wissmann kam und bracht nach Afrika des Guten viel aus deutschen Landen Pünktlichkeit und Prügel und Hurra schlug so die kleinen Negerlein in Banden -
Lina brachte Schlagsahne, die muss man zu dem trockenen Kuchen essen, sonst staubt es aus den Ohren, sagte sie. Die Kollegen hier, sagte Krause, sind freundlich und hilfsbereit. Früher war er in Regensburg, hatte dort Deutsch und Geschichte unterrichtet, war dann an eine deutsche Auslandsschule gegangen, nach Mexiko, sechs Jahre, und war später, man muss das, sehr verehrte Trauergemeinde, hervorheben, freiwillig in den Osten gegangen, in die tiefste Provinz, hierher, nach Anklam, allein der Name, Kleinstadt am Unterlauf der Peene gelegen, 53 Grad nördlicher Breite, 13 Grad östlicher Länge, 16 500 Einwohner. 30 % Arbeitslose. Hab doch immer den realen Sozialismus verteidigt, sagte Krause, das ist jetzt so was wie eine Korrektur, nein, Buße, um vor Ort die Vorurteile abzubauen, alte wie neue, Positive wie negative. Iris kam mit der Blechdose zurück, fragte die Norwegerin, wohin mit diesem grünen Schleim? Hätte nicht gedacht, dass du Nacktschnecken so ohne weiteres anfassen kannst. Tja, sagte sie, aber killen, das bring ich nicht. Sie ging zum Gartenzaun. Krause starrte ihr auf die Beine. Gut so, sagte er, und es war nicht deutlich, was er meinte, so wie sie ging, ihre Beine, ihre Erscheinung, oder aber, dass sie die Schnecken einfach über den Zaun in Nachbars Garten warf. Ein Jungnazi, hatte Krause uns vorher erzählt. Und, wie geht es mit euch, fragte er. Du meinst wegen der zeitlichen Differenz zwischen ihr und mir? Ich vermute mal, es ist die Distanz die schätzt sie, alles ist leicht, weil unverbindlich, keine Ansprüche, keine Forderungen nach Nähe, keiner, der sie verfolgt, belämmert, bequatscht, sondern einer, der sie einfach lässt. Verstehe. Später, auf dem Nachhauseweg, als wir das Verdeck zuklappen mussten, weil es kühl wurde, sagte sie, deprimierend, dieser Osten. Nein, deprimierend ist nur der Wunsch, immer mehr zu haben, und je mehr man hat, desto weniger ist man man selbst, und das gilt genauso für den Westen. Versteh ich nicht. Warum nicht Wünsche, die sich auf einen selbst richten, auf die Veränderung dessen, was man ist, was man sein und nicht nur, was man haben könnte. Und auch die Dinge könnten andere werden, nicht der Verachtung preisgegeben, wenn sie beschädigt werden, sondern es müsste ihre Würde mit dem Gebrauch wachsen, durch Bewährung, nicht die Anhäufung von Dingen, sondern deren Genuss, deren Pflege, es würde heißen Die Dinge in ihrer Tiefe erleben. Nein auch, rief Iris, und der Porsche kreischte auf. Meine Güte, das hört sich an wie, ich weiß nicht wie. Warum soll es nicht Wechsel, Wandel geben, Neues, anderes. Nicht immer den Bratenrock, von der Hochzeit bis zum Grab. Ich rede nicht von Veränderung, sondern vom Verschleiß. Alter wäre nicht ein Mangel, sondern ein Vorzug, das Gebrauchte wäre das Schöne, nicht das neu Glänzende, ein gemeinsames Altern mit den Dingen, nicht mit vielen Dingen, sondern nur mit wenigen, den dann vertrauten, den auserwählten. Kein Wettbewerb im Verbrauch der Dinge und des Lebens. Auf einer der Karteikarten, die ich aus dem Dreck geklaubt habe, hat Aschenberger geschrieben: Wer die Mentalitätsgeschichte der Bundesrepublik verstehen will, der muss bloß die Werbeslogans von VW studieren. Gott, sagte Iris und zog den Porsche durch die Kurven, vorbei an den weiß gestrichenen Stämmen der Alleebäume, ein weißes Gatter in der Dunkelheit. Hätte ich nie gedacht, an dir ist ein Wanderprediger verloren gegangen, mit langem weißem Bart. Weißt du was, Konfuzius, der ja einen langen Bart hatte, sagt: Der Meister fing Fische mit der Angel, nicht aber mit dem Netz. Er schoss Vögel, jedoch nicht, wenn sie sich bereits niedergelassen hatten. Was hat das mit dem Bart zu tun? Nichts, aber mit dem Warenfetischismus. Ihr schießt auf alles, was sitzt, und ihr benutzt Schleppnetze, mit den kleinsten nur denkbaren Maschen. Wer ist ihr? Nicht du, vielleicht, nicht mit den ganz kleinen Maschen, du beleuchtest das nur. Und dann begann ein Streit, der sich gut zwanzig Kilometer hinzog, wobei ich mich über mich selbst wunderte, mit welcher Hartnäckigkeit ich stritt, kindisch fand ich das und konnte es doch nicht lassen. Wir kamen durch Gransee, wo wir uns das Königin Luise Denkmal ansehen wollten. Im Schein der Straßenbeleuchtung sah ich ihr Gesicht, hart der Mund, so schmal, das ist das Erstaunliche, dass sie plötzlich kühl und zugleich verbissen aussehen kann. Sie warf mir vor: Selbstgerechtigkeit, was ja stimmt, Selbstgefälligkeit, was auch stimmt, und das alles nur, weil ich in einer leeren Wohnung wohne, weil ich nur ein paar Sachen habe und weil ich ihr immer mit der Lebenserfahrung kommen kann. Es ist auch schwer, dagegen zu argumentieren, wenn man einmal eine Gesellschaftsordnung zerlegen wollte, um eine neue, bessere wieder aufzubauen. Die bestehende Gesellschaft ist nicht die beste, die ihr entgegengesetzte auch nicht, und die gute künftige hat sich nie beweisen müssen. Am Ortsausgang fuhr sie an den Straßenrand und begann zu weinen. Weinte und sagte, tut mir leid. Sie legte den Kopf an meine Schulter und weinte. Ihr Gesicht war nass. Auch das ist, verehrte Trauergemeinde, ein Vorteil des Alters, man kann vergleichen, man kann Ähnlichkeiten und Unähnlichkeiten feststellen, man kann Strukturen im Chaos erkennen, zugegeben, die Linien dieser Strukturen lösen sich bei näherem Hinsehen wieder auf, aber immerhin kann man vergleichen, so wie Iris weint, dieses Herausschießen der Tränen, sie weint, wenn sie sich freut, sie weint, wenn sie traurig ist, sie beschenkt mich mit dieser Tränenflüssigkeit wie keine Frau zuvor. Mein Hemd war nass an der Schulter. Es tut mir leid, sagte sie. Was? Es soll dir nichts leid tun. Sie ist mit ihren Tränen so freigebig, während ich so knauserig bin mit dem, was ich ihr sage, zögerlich mit den Worten und den Steigerungen, die sich dann doch, fast gegen meinen Willen, aus dem Mund drängten: Sehr, sehr, sehr. Sie fuhr nicht mehr so konzentriert, hielt meine Hand. Die Straße war asphaltiert und verbreitert worden. Der Wagen röhrte gequält, aber sie schaltete nicht, hielt weiter meine Hand. Auf der linken Straßenseite waren alle Bäume abgesägt, eine halbseitig amputierte Chaussee. Das Licht der Scheinwerfer wurde rechts von dem weißen Stammgatter reflektiert, links streifte es über Äcker und Felder. Wir fuhren eine Welle Hand in Hand, und der Motor begann zu bocken. Dann tauchte vorn etwas Dunkles, Schwarzes, Massiges auf, lag quer zur Straße und halb in den Graben gerutscht. Was war das? Ein riesiges Tier? Auf der Hinfahrt die Lamas. jetzt ein Elefant? Iris fuhr langsam heran, wir stiegen aus. Es war ein großer Mähdrescher, der in den Graben gefahren war, schief nach vorne gestürzt, stand er da, der Rüssel hing wie zum Saufen im Wasser. Der Fahrer saß weit oben, auf einem kleinen Sitz und war nach vorn gesunken. Ich stieg zu dem Mann hoch, sah aber sofort, er war nicht verletzt" der schlief, der war betrunken. Iris rief über ihr Handy die Polizei an, während ich versuchte, den Mann wachzurütteln. Er gab wie ein Taucher einen Rülpser von sich und mit ihm Fuselgestank. Er grunzte, rutschte noch weiter über das Lenkrad, die Backe an eine der Speichen gedrückt, die Arme baumelten. Iris stellte sich mit einer Taschenlampe neben den Traktor, gab Lichtzeichen, wenn ein Auto auftauchte, meist in rasender Fahrt näher kam, kurz bremste, manche fragten, ob sie helfen könnten, andere fragten Iris, was sie koste, doch als sie sahen, dass es ein Unfall war, starteten sie durch. Als ich Iris ablösen wollte, weil die Polizei nicht kam, sagte sie, du, wie du aussiehst, auf keinen Fall. Erst später fiel mir auf, ich hatte schwarze Hosen, ein schwarzes T-Shirt und ein schwarzes Leinenjackett an, während ihr heller Rock, ihre Turnschuhe, ihre Haare leuchteten. Sie wollte vermeiden, dass ich von einem der Besoffenen umgefahren wurde. Ein BMW aus Hannover hielt kurz. Im Wagen saßen zwei junge Männer, sie glotzten, Techno dröhnte, der Fahrer rief, ihr Ossis solltet weniger saufen. Sie lachten, fuhren weiter. Idiot! Es dauerte fast eine halbe Stunde, bis die Polizei kam. Endlich, gegen eins, konnten wir weiterfahren. Komm zu mir, auf mein japanisches Lager. Aber Iris wollte nicht, und so gingen wir wieder ins Kempinski. Der Nachtportier, ein Mann in meinem Alter, blickte kurz zu Iris und dann zu mir, mit einem einvernehmlichen Lächeln, einem Blick, der sagte, sehr verehrte Trauergemeinde, was danach kommt, das wissen wir nicht, vielleicht Nektar und Ambrosia, vielleicht liegen wir mit Löwen und Lämmern zusammen in leuchtenden Wiesen, wobei wir immer daran denken sollten, dass im himmlischen Paradies nur die Langweller säßen, die wirklich spannenden Leute hingegen wären in der Hölle versammelt. Vielleicht gibt es den gerechten Ausgleich, das Jüngste Gericht, meinetwegen auch Wiederbegegnungen, vielleicht eine transversale Liebe, eine alles umspannende Harmonie, aber das wissen wir auch, Himmlisches Jerusalem oder Sphärenharmonie, es wird nicht diese feinen Reizungen der Nerven geben, nicht den Blutstau, nicht diesen heißen Strahl, der herausschießt, mit gut zwei Millionen Welten. Im Zimmer sagte sie, nein, kein Licht. Sie zog sich aus, fast keusch, diesmal erst die Schuhe, setzte sich aufs Bett, zog das T Shirt aus, drehte mir dabei aber den Rücken zu, dann den Rock, den Slip, sie legte sich aufs Bett, zog schnell die Decke über sich. Ihren Herzschlag spürte ich erst in der Handfläche, dann auf meiner Brust. Hätte ich denn mein Herz rechts, was ja vorkommen soll, es wäre ein alles durchdringender Doppelschlag gewesen. Ja. Ja. Ja. Es gab Anzeichen.
Zum Frühstücken sind wir ins Café Rost gegangen, saßen draußen auf dem Gehweg, im Schatten. Iris trank Milchkaffee, hatte die Sonnenbrille aufgesetzt, die ihre lichtempfindlichen Augen schützen sollte, und wieder einmal sah sie unbewegt, ja kühl aus, auch ohne ihre Lippen zusammenzukneifen, aber gerade dieses distanziert Entspannte, dieses Blicklose gab ihr das Aussehen einer interesselosen Schönen, und das machte sie so begehrenswert. Ben kommt nachher aus Stuttgart zurück. Ja, sagte ich. Ich fühle mich. Ich weiß nicht. Es ist nicht fair, was ich mache. Den Begriff der Fairness gibt es in der Liebe nicht. Fair kann man nur unter Gegnern sein, und Ben ist nicht dein Gegner. Höchstens meiner. Wir stellen die Natur auf den Kopf. Er, der junge kräftige Leitlöwe, wird von mit einem Alttier, dem schon einige Zähne fehlen, in seiner Stellung bedrängt. Sie sah mich hinter ihrer dunklen Brille an, kühl, und dann sagte sie: So ein Quatsch. Wir sind doch nicht auf der freien Wildbahn. Doch. Sie blickte zur Straße, auf der nichts zu sehen war, ein paar geparkte Autos, ein alter Mann, der einen fetten Hund hinter sich her zog. Der Mann hatte karierte Hausschuhe an den Füßen. Vielleicht irrte er durch die Straßen, und der müde alte Hund hatte auch schon den Weg nach Hause vergessen. Ich müsste es ihm sagen, ich müsste ihm von uns erzählen. Er müsste entscheiden können, ob er das aushalten will oder nicht. Lass es, wie es ist. Man soll nicht eingreifen. Das ist (loch auch die Theorie von Ben. Ein Informationsüberschuss, der alles egalisiert, einebnet, in Gleichzeitigkeit verwandelt, so kommt kein Widerspruch auf, bildet sich kein Antagonismus, kein Haupt , kein daraus ableitbarer Nebenwiderspruch, hätten wir damals gesagt. Eingreifen ist zwecklos. Die Zukunft, sagt er, ist in der Gleichzeitigkeit zum Stillstand gekommen. Überall ist etwas zur gleichen Zeit, ganz Verschiedenes, ganz Ähnliches, du kannst es sofort erfahren, die Datenautobahn, im Fernsehen siehst du Leute, die verhungern, und wenig später den Prinzen Ernst August und seine Monacotussi bei ihrer Millionenhochzeit. Die schöne Grace Kelly, was hat die für strunzdumme Kinder bekommen, die Töchter lassen sich von jedem gerade erreichbaren Schnellbootfahrer oder Leibwächter aufs Kreuz legen, der Sohn kann nicht zwei und zwei zusammenzählen, und jetzt gehört zur Familie auch noch seine alkoholische Hoheit, der Welfenprinz. Das sagt Ben. So wohlfeil ist Kritik heute. Alles relativiert sich, alles wird klein gemahlen, alles wird zur Anekdote, die Verhungernden, die Verfressenen. Ich weiß nicht, wo er das gelernt hat, vielleicht ist er selbst darauf gekommen, jedenfalls hat er nicht so unrecht. Ich muss gehen, sagte sie und stand abrupt auf. Sie verabschiedete sich mit einem flüchtigen Wangenkuss. Ich setzte mich wieder an meinen leer getrunkenen Cappuccino und sah ihr nach, wie sie in dem kurzen Rock, den Turnschuhen wegging. Ihre Kosmetikmutter hatte sie zum Ballett geschickt, was geblieben ist, ist dieser genau bemessene Schritt, nicht zu weit, nicht zu klein, sie geht aus den Hüften, die Knie durchgedrückt, die Haltung gerade. Und auch daran dachte ich, wie zärtlich sie ist und wie sie mich eben dadurch zu der zärtlichen Wahrnehmung ihres Körpers und meines Körpers bringt und ihr nachblickend mir das einfällt: Hin und wieder in der Stadt, wenn wir zusammen gehen und sie Schuhe mit hohen Absätzen trägt, schert sie plötzlich aus, lässt mich überrascht stocken, geht seitwärts über einen Bordstein, jedes Mal, wenn ein Eisenrost im Boden eingelassen ist. Soviel zur Ästhetik des Gehens, was an der Vermeidung von Eisenrosten abzulesen ist. Ist gut, das macht nichts, hat sie mehrmals gesagt, wir machen doch keinen Leistungssport, aber ihr war anzumerken, wie sehr sie das beschäftigte, weil sie glaubte, es beschäftige mich. ja. Und recht hat sie. Ich hätte ihr nachrufen können, ja, das Versagen wird sich häufen, nicht gerade mit jeder vergehenden Woche, aber mit jedem Jahr, verstehst du, ich arbeite zwar an mir, und wenn ich mich beschreiben müsste, würde ich mich als äußerst gestresst bezeichnen, gerade im Bett gefährdet, und zwar durch dich, obwohl das der einzige lustvolle Tod wäre, hörst du, was du nicht weißt, dass ich, seit wir uns kennen, täglich zwei weich gekochte Bioeier esse, dass ich, treffen wir uns nachmittags im Zoo, vorher sechs Austern im Kaufhaus des Westens schlürfe, der Mann mit der weißen Plustermütze und der weißen Schürze grüßt mich inzwischen wie einen alten Bekannten, fragt, einmal wie immer, und redet mir meine Bedenken aus, jetzt, in den Monaten ohne Austern zu essen. Die Austern sind okay. Das sind Befürchtungen aus der Zeit Ludwigs XIV., als die Austern von La Rochelle nach Versailles gebracht wurden, nachts durch eine Husarenstafette, eingepackt in Algen und Meertang. Er zieht sich den Kettenhandschuh über die Rechte - er ist Linkshänder -, nimmt das Austernmesser, knackt die Schale auf, die palmenlippige, legt sie auf das Eis des Tellers, so liegen sie, in ihrem Kalkbett, zart, lebend, beträufelt mit Zitrone, zieht ein leiser Schauder über ihr durchsichtiges Leben. Wissen Sie, dass, als Ludwig XIV. starb und man ihm die Schuhe auszog, der linke Fuß schon verfault war. Ich weiß nicht, ob er die Geschichten, die er mir jedes Mal erzählt, auch den anderen Leuten erzählt, oder nur mir, von dem er annehmen darf, ich sei hart im Nehmen. Weil ich solche Geschichten aus beruflichen Gründen sammle. Er hat durch einen Zufall von meiner Tätigkeit gehört. Vor ein paar Wochen, kurz nachdem ich Iris kennen gelernt hatte, saß ein Austernschlürfer da und sagte Hallo zu mir. Ich hab Sie gehört. Sie haben auf der Beerdigung von einem Kollegen gesprochen. Ein Wirtschaftsprüfer, erinnern Sie sich? Er hob das Champagnerglas. Haben Sie gut gemacht. Prost! Er zwang mich, mit ihm anzustoßen. Wir saßen auf den Barhockern, die zum Essen nicht sonderlich geeignet sind, man soll ja schnell aufstehen und weitergehen - selbst am Barhocker kann man die Logik des Kapitals ablesen -, Barhocker werden erst dann etwas bequemer, wenn man sich beim Trinken mit den Armen aufstützen kann. So saß ich mit durchgedrücktem Kreuz und musste nochmals mit dem Mann anstoßen. Und nochmals. Wie lächerlich, sagte ich mir, wie lächerlich du dasitzt, die Austern isst, die dir, wenn du ehrlich bist, schon längst nicht mehr schmecken, genau genommen nie geschmeckt haben, die sich zudem nur in mühsam zurückzuhaltenden Blähungen verdauen ließen, dieses reine Eiweiß. Um am späten Nachmittag Iris am Steinbockgehege zu treffen. Hör mal, sag ich, ich bin keine achtzehn. Dann lacht sie und sagt: Das ist keine Frage des Alters, mein Lieber, sondern der Hormonproduktion. Nicht nur. Einen Moment zögerte ich, ob ich ihr sagen sollte, schon, aber was nutzt es, wenn etwas anderes nicht stimmt. Genauso hatte er gesagt, da stimmt etwas nicht. Die Blutwerte. Er tastete, dieses Gefühl, Harndrang, ein stechend drückender Schmerz. Eine Verhärtung, sagte er. Wir müssen eine Stanzbiopsie machen, rektal. Am besten gleich. Morgen früh. Unmöglich. Keine Zeit, ich muss erst jemanden unter die Erde bringen. Mach es bald, sagte er, das muss alles nichts bedeuten, aber ich würde es bald machen. Entweder du kommst noch mal her oder lässt es in Berlin machen. Am besten in Berlin, sagte ich. Ich merkte, wie sehr ihm daran gelegen war, dass ich bald, nein, sofort, zum Arzt ging. Er suchte in seinem elektronischen Timer: Warte, der Kollege, hier, Ahornstraße, der ist gut. Er schrieb mir den Namen und die Adresse auf. Geh hin! Irgendwann in den letzten beiden Wochen begann es, dass Iris mich hin und wieder ganz unvermittelt am Arm fasste und mich ansah, ernst, forschend, sich auch nicht durch eine witzige Bemerkung abbringen ließ. Für mich ist das ganz ernst, hörst du. Ich hatte am Steinbockgehege auf sie gewartet. Es war kühl, und im Wind war hin und wieder ein feiner Sprühregen. Ich sah schon von weitem an ihrem Gang, dass sie wieder die schwarzen Flügel gestreift hatten, langsamer ging sie, ihre Schultern waren ein wenig nach vorn gezogen, als fröstle sie. Sie wollte heute nicht in die Grotte. Wir saßen auf der Bank, vor uns ein Uferstück, dichter Pflanzenwuchs, großblättrig, gefächert, ein schuppiger Stamm, daran faserige Schmarotzer, daneben Schachtelhalm, Lianen, wie aus dem Amazonas ausgeschnitten, hinter dem Glas modriges Wasser, darin ein mächtiger Fisch, der Arapaima, großschuppig, silbrig grün glänzend in dunkler Schlammnähe, im etwas helleren Licht kupfriggolden, ein flacher Kopf, ein breites welsartiges Maul mit Unterbiss, Glotzaugen, vorn kleine Seitenflossen, der gesamte schwere Leib geht in Rücken- und Bauchflossen über, ein kleiner, fast zierlicher Flossenschwanz ist nochmals deutlich abgeteilt, langsam glitt der Fisch am Glas vorbei, so nah und doch so fern, so fraglos für sich, in einer vorzeitlichen Ruhe, eine Begegnung mit dem Mesozoikum. Sie saß und betrachtete den Fisch. Ihr Gesicht zeigte eine offene Verletzbarkeit, so flächig wirkte es. Und ihre Narbe an der Schläfe leuchtete rot, und die Zacken waren deutlicher zu sehen als sonst. Sie saß da, lehnte sich ein wenig an, begann unvermittelt zu weinen, ein so ganz anderes Weinen, als wenn sie aus Enttäuschung oder aber aus Glück weint, jetzt flossen die Tränen aus ihr heraus, ohne jede Bewegung im Körper, im Gesicht, die Augen schwammen in dieser reinen Feuchtigkeit, ruhig, blicklos, nein, nicht blicklos, ein Blick, der nach innen geht, aber nicht registrierend, das ist es, weder nach außen noch nach innen registrierend. Was ist? Ich weiß nicht. Wenn es dich nicht stört, lass uns einfach sitzen. Ich versuchte, ihre Aufmerksamkeit auf das gegenüberliegende belebte Aquarium der Äquatorialfische zu lenken, ein Ausschnitt der Karibik, ein Stück Korallenriff, das klare Wasser von leuchtender Farbigkeit durchschwommen, dieses wie Neonlicht strahlende Blau und Gelb des Palettenseebaders, oder dieser stets leicht geneigt schwimmende Hut Napoleons, ins Violett spielend, dem ein Zoologe oder vielleicht auch nur ein kreolischer Fischer, auf jeden Fall ein Dichter, diesen Namen gegeben hat: Franzosen Kaiserfisch. Ihre Angst, ob sie das Bühnenbild zum Tasso schafft, ob es tatsächlich so wird, wie sie sich das vorstellt, ob der Grundeinfall mit der großen Treppe tatsächlich so gut ist, wie sie dachte, und alles trägt. Der ist gut, sagte ich. Sehr gut sogar. Hat der Regisseur etwas kritisiert? Nein, nein, überhaupt nicht. Nein. Das ist es nicht. Ich vermisse dich, morgens, abends, nachts. ich will dir nah sein, Zusammensein, nicht nur in diesen gehetzten Treffen. Einfach so, wie jetzt, und sie sah blicklos zu dem Aquarium hinüber, in dieses traumhaft farbige Gewimmel..." |