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Susan Sontag

Inhalt

Leseprobe aus "Liebhaber des Vulkans"

Von Susan Sontag

Fischer 1996, Seite 339 - 344 und 547 - 549

Bild groesserDer Cavaliere war vernarrt gewesen in die Frau, die er zu seiner Ehefrau gemacht hatte, war von ihren Talenten und ihren Reizen verzaubert gewesen, hatte sie geliebt, liebt sie immer noch aufrichtig; aber er hat sie nie, wie der Held, angebetet. Seit sie in den Dreißigern war, begehrte er sie weniger. Sie hatten seit fast zwei Jahren nicht mehr miteinander geschlafen. Der Cavaliere fragte sich, ob ihr das sehr viel ausmachte. Frauen bedauerten es oft nicht, wenn die Lust des Ehemannes zum Erliegen kam. Sie machte ihm nie Vorwürfe, und was ihn betraf, so verringerten sich Vertrauen, Bewunderung, Abhängigkeit - all die Dinge, die unter dem Namen Liebe laufen - nicht, auch nicht die Freude daran, nett zu ihr zu sein. Doch es war ihre Schönheit, ihre unvergleichliche Schönheit, die er begehrt hatte.

Der Held liebte sie so, wie sie war. Genauso, wie sie war. Und das machte seine Liebe zu der Liebe, die diese vormals große Schönheit immer gewollt hatte. Er fand sie majestätisch.

Draußen, vor der Welt, hatten sie beide eine tapfere Fassade vor ihrem alles andere als idealen Äußeren errichtet. Hier drinnen, innerhalb ihrer Liebe, ist Ehrlichkeit möglich. Sie hatten ihre zärtlichen Augenblicke, in denen sie sich gestanden, wie verlegen ihre Körper sie machten. Er sagte, er fürchte, sie könne seinen Armstumpf abstoßend finden. Sie erzählte ihm, seine Verwundungen machten ihn für sie noch liebenswerter. Sie gestand, es mache sie verlegen, dass sie so viel größer sei als er, dass sie hoffe, das mache ihm nichts aus, da sie alles tun würde, um ihm zu gefallen, denn er verdiene die schönste Frau der ganzen Welt. Er erzählte ihr, er betrachte sie als seine Frau. Sie schworen sich ewige Liebe. Sobald eine Trennung oder dies andere Wort mit "T" (man durfte es nicht aussprechen) sie frei mache, würden sie heiraten.

Der Held hatte nie vorher sexuelles Glück gekannt. Auch sie erlebte nie dagewesene Wonnen in seiner Umarmung. Sie brachte ihn dazu, von all den Frauen zu erzählen, mit denen er geschlafen hatte, es waren nicht viele. Ein Mann, der bewundern muss, um zu begehren, hat sicher ein bescheidenes Sexualleben gehabt. Er, der noch eifersüchtiger war als sie, brachte es nicht über sich, sie nach den Männern vor dem Cavaliere zu fragen. (Sie hatte ihm noch nicht erzählt, dass sie eine Tochter hatte.) Er gestand, dass er auf den Cavaliere eifersüchtig sei. Ihn quält die Angst, sie zu verlieren. Sie lässt ihn erbeben.

Jeder war auf gewisse Weise in einem Irrtum befangen.

Das Erliegen seines Sexuallebens hatte den Cavaliere für die sinnlichen Strömungen, die zwischen anderen hin und her gingen, nicht so unempfänglich gemacht, dass er übersah, was zwischen seiner Frau und seinem Freund passiert war. In der Tat hatte er schon mehrere Monate vor dem Ausflug in die Villa der Ungeheuer, wie jedermann, angenommen, die beiden hätten ein Verhältnis miteinander. Er hatte es immer gewusst - ein Mann, der eine sechsunddreißig Jahre jüngere Schönheit heiratete, müsste schon ein Narr sein, nicht zu wissen -, dass dies eines Tages passieren würde. Und er kann sich nicht von der Anklage freisprechen, seine Frau in den vergangenen Jahren in sexueller Hinsicht vernachlässigt zu haben, obwohl es nicht wirklich seine Schuld ist, so sagt er sich. Er kann sich dazu gratulieren, dass seine Frau ihm, bis jetzt, nicht den geringsten Grund zur Eifersucht oder Anlass zu öffentlicher Schande gegeben hat; und dass sie, nach so vielen Ehejahren, ihre Zuneigung einem Mann geschenkt hat, dem der Cavaliere von allen Menschen auf der Welt, außer ihr, am meisten zugetan ist.

Im Gegensatz zu seiner Frau und dem gemeinsamen Freund ist der Cavaliere kein Mensch, der die Last der Klarheit scheut. Er ist sich über die beiden durchaus im klaren. Seine eigenen Gefühle sind es, in denen er sich täuscht. Er ist sich nicht bewusst, eifersüchtig oder ärgerlich oder gedemütigt zu sein. Da solche Gefühle gänzlich unvernünftig wären, wie konnte er sie da haben? Er denkt, es dürfe ihm nichts ausmachen. Und deshalb macht es ihm nichts aus. Aber es macht ihm doch etwas aus, denn er weiß, dass seine Frau ein Gefühl empfindet, das sie für ihn nie empfunden hat. Dieser Selbstbetrug - diese Neigung, über seine psychischen wie auch finanziellen Mittel zu leben - ist Teil des abgenutzten Talents des Cavaliere zum Glück, des Wunsches, von nichts anderem entmutigt zu werden als dem endgültig Unangenehmen. Jemand mit dem Naturell des Cavaliere hält schon eine ganze Menge Ärger, und auch Furcht, in Schach. Er war Experte darin, über gefährliche Gefühle hinwegzugehen.

Weil ihn seine eigenen Gefühle täuschen, irrt er sich auch leichter darüber, wie er andere täuschen kann. Mit der seltsamen Unschuld des Besessenen denkt der Cavaliere, er könne, solange er so tut, als wisse er nichts, die Spekulationen anderer zum Schweigen bringen. Er verlässt sich auf seinen Ruf als weiser Mann von Welt: Wenn solch ein Ehemann überzeugt scheint, dass an der Freundschaft seiner Frau zu einem anderen Mann nichts Unrechtes ist, werden sie eher an die Heuchelei glauben, in der er, wie er weiß, Meister ist, als an ihre eigenen Verdächtigungen. Ein unter Herrschenden verbrachtes Leben hat den Cavaliere reiche Erfahrung sammeln lassen über die Macht der Lügen, die von einer schändlichen Wirklichkeit ablenken, der Dementis, die über eine unangenehme Wahrheit die Oberhand gewinnen. Dies wird nur ein weiterer Auftritt sein, bei dem er vorgibt, eine unbequeme Tatsache nicht zu kennen. Ihm kommt nicht der Gedanke, dass er, je mehr er dementiert, was vor sich geht, um so eher wie ein Betrogener dastehen wird.

Der Cavaliere erkennt nicht, wie man ihn jetzt schon sieht, wie man ihn für den Rest seines Lebens, und darüber hinaus, sehen wird: als berühmten Hahnrei. Auch der Held vermag nicht zu erkennen, was er in den Augen der anderen geworden ist und wofür man ihn halten wird: teils für einen Lawrence von Arabien, den selbsternannten Retter unfähiger einheimischer Herrscher; teils für einen Markus Antonius, den selbstzerstörerischen Liebhaber seines eigenen Untergangs.

Im Gegensatz zum Cavaliere wusste er wenigstens, was er fühlte. Aber er hatte Schwierigkeiten, die Gefühle anderer zu verstehen, wenn sie ihm gegenüber negativ eingestellt waren. Die einzigen negativen Haltungen, die er verstehen konnte, waren Nachlässigkeit und Gleichgültigkeit. Da er es für gewöhnlich als letzter erkennt, wenn jemand etwas an ihm auszusetzen hat - er hatte einen stark ausgeprägten Glauben an seine eigene Rechtschaffenheit -, merkt er nicht, dass man ihn verspottet und bemitleidet; dass seine Offiziere und seine Männer glauben, ihr angebeteter Kommandant sei von einer Sirene verzaubert worden. Auch merkt er nicht, wie unzufrieden seine Vorgesetzten in der Admiralität mit seinem Verhalten waren: die Billigung des absurden neapolitanischen Marsches auf Rom, das Abzweigen von Geldern für die Evakuierung der königlichen Familie und das Zögern, wieder in den Krieg mit den Franzosen einzutreten, das Verweilen in Palermo, die Tatsache, dass er der Rückkehr des Königs und der Königin auf den Thron Vorrang einräumte. Fehlurteil? Nein, Verzicht auf ein Urteil, aus dem persönlichen Grund, über den alle klatschten.

Selbst die Frau des Cavaliere unterlag, wenn sie von den dreien auch die hellsichtigste war, auf ihre Art einem Selbstbetrug. Nachdem sie auf so tiefe Weise die Großzügigkeit des Cavaliere erfahren hat, kann sie sich nicht vorstellen, dass nicht alles gut werden wird. Sie beide liebten den Cavaliere. Er liebte sie beide. Warum sollten sie nicht immer zusammenleben, mit dem Cavaliere als gütigem Vater. Sie werden zwar eine ungewöhnliche Familie sein, aber immerhin eine Familie. (Die Frau des Helden daheim in England wurde in diese Überlegungen nicht mit einbezogen.) Sie hoffte sogar, sie würde schwanger werden, nach all den unfruchtbaren Jahren mit Charles und dem Cavaliere.

Sie hatte vor kurzem einen Traum gehabt, in dem sie den Cavaliere, wie in den alten Tagen, hinauf zu einem Vulkan begleitete. Aber er sah nicht aus wie der Vesuv. Nein, es musste der Ätna sein. Es schien, als wüssten sie bereits, dass vor einigen Stunden eine kleinere Eruption begonnen hatte; und nach einer Weile schlug der Cavaliere vor, sie sollten anhalten, um etwas zu essen und zu rasten und zu warten, bis die Eruption nachgelassen hätte. Sie zog ihre verschwitzte Bluse aus, um sie zu trocknen, wie herrlich sich der Wind auf ihrer Haut anfühlte; und sie aßen Tauben, die sie an einer vom Cavaliere gebauten Feuerstelle gebraten hatten, wie saftig sie doch waren. Dann gingen sie weiter den Hang hinauf, ihre sich mühsam fortschleppenden Füße zermalmten die heißen Schlackestückchen, und sie bekam allmählich Angst vor dem, was sie sehen würden, wenn sie den Gipfel erreicht hätten. War es nicht gefährlich, wenn der Vulkan immer noch tätig war - es war gefährlich, trotz der Versicherungen des Cavaliere. Sie waren jetzt am Gipfel, und die unheilverheißende Krateröffnung lag vor ihnen. Der Cavaliere befahl ihr zu bleiben, wo sie war, und ging näher heran. Er schien zu nah heranzugehen. Sie wollte ihm etwas zurufen, ihm sagen, dass er vorsichtig sein solle. Aber als sie den Mund öffnete, kam kein Laut heraus, obwohl sie sich anstrengte, bis sie der Hals schmerzte. Der Cavaliere war genau am Rand des Kraters. Er verwandelte sich in etwas Schwarzes, wie die verkohlten Seiten eines Buches. Er wandte sich zu ihr um und lächelte. Und dann, als sie ihre Stimme wieder fand und schreien konnte, sprang er in den Feuer speienden Abgrund.

Sie riss sich von der schrecklichen Szene fort, erkämpfte sich den Weg durch das Dach des Schlafes und landete keuchend, schweißgebadet auf ihrem Bett. Dann wäre ich Witwe. Der Traum war so lebhaft. Sie verspürte den Drang, sich anzuziehen, in das Zimmer des Cavaliere zu gehen und sich zu vergewissern, dass es ihm gut ging. Aber als ihr bewusst wurde, was sie sich da vorgestellt hatte, war sie erschüttert, schockiert, beschämt. Bedeutete das etwa, dass sie sich den Tod des Cavaliere wünschte? Nein, nein. Es würde alles gut werden.

...

Ich war ernsthaft, ich war schwärmerisch, ich verstand nichts von Zynismus, ich wollte, dass die Dinge für mehr als nur einige wenige besser wurden. Ich war bereit, auf meine Privilegien zu verzichten. Ich hing nicht wehmütig an der Vergangenheit. Ich glaubte an die Zukunft. Ich habe mein Lied gesungen, und die Kehle wurde mir durchgeschnitten. Ich habe Schönheit gesehen, und die Augen wurden mir ausgestochen. Vielleicht bin ich naiv gewesen. Aber ich habe mich nicht der blinden Leidenschaft ergeben. Ich bin nicht in der Liebe eines einzigen Menschen ertrunken.

Ich werde mich nicht dazu herablassen, von meinem Hass und von meiner Verachtung für den Soldaten, den Streiter für die Macht des britischen Empire und den Retter der Bourbonenmonarchie zu sprechen, der meine Freunde getötet hat. Aber ich werde von seinen Freunden sprechen, die ebenfalls so zufrieden mit sich waren.

Was war der verehrte Sir William Hamilton anderes als ein Dilettant der Oberschicht, der in einem armen und korrupten und interessanten Land die vielen sich bietenden Gelegenheiten nutzte, Kunstschätze zu stehlen und sich damit seinen Lebensunterhalt zu verdienen und als Kunstkenner bekannt zu werden. Hat er je einen originellen Gedanken gehabt oder sich der Disziplin unterworfen, ein Gedicht zu schreiben, oder etwas entdeckt oder erfunden, was von Nutzen für die Menschheit war, oder war er auf etwas anderes begierig, für etwas anderes entbrannt als seine eigenen Vergnügungen und die mit seiner Position verbundenen Privilegien? Er war gebildet genug, um zu schätzen, was die malerischen Einheimischen an Kunstwerken und Ruinen hinterlassen hatten und was jetzt auf der Erde herumlag. Er ließ sich dazu herab, unseren Vulkan zu bewundern. Seine Freunde zu Hause müssen beeindruckt gewesen sein von seiner Furchtlosigkeit.

Was war seine Frau anderes als noch so eine talentierte, überreizte Frau, die sich für kostbar hielt, weil Männer, die sie bewunderte, sie liebten. Im Gegensatz zu ihrem Mann und ihrem Geliebten hatte sie keine ehrlichen Überzeugungen. Sie war eine Schwärmerin und hätte sich mit derselben Leidenschaft für die Sache eines jeden, den sie liebte, engagiert. Ich kann mir Emma Hamilton, hätte sie eine andere Nationalität gehabt, mühelos als republikanische Heldin vorstellen, die höchst tapfer am Fuße eines Galgens hätte enden können. Das ist die Nichtigkeit von Frauen wie ihr.

Ich werde nicht behaupten, dass ich mich eher von Gerechtigkeit als von Liebe habe bewegen lassen, denn Gerechtigkeit ist ebenfalls eine Form der Liebe. Zwar wusste ich einiges über Macht, zwar habe ich gesehen, wie diese Welt regiert wird, aber ich habe es nicht hingenommen. Ich wollte ein Exempel statuieren. Ich wollte mich nicht enttäuschen. Doch ich empfand Angst wie auch Wut auf eine Weise, die zuzugeben ich nicht stark genug bin. Darum habe ich nicht von meinen Ängsten, sondern lieber von meinen Hoffnungen gesprochen. Ich fürchtete, meine Wut könne andere verletzen, und sie würden mich dann zerstören. Bei all meiner Gewissheit fürchtete ich doch, ich könne niemals stark genug sein, um zu begreifen, was mir ermöglichen würde, mich zu schützen. Zuweilen musste ich vergessen, dass ich eine Frau war, um das Beste, dessen ich fähig war, zu leisten. Oder ich täuschte mich selbst darüber, wie kompliziert es ist, eine Frau zu sein. So machen's alle Frauen, einschließlich der Autorin dieses Buches. Aber denen, die sich um nichts anderes sorgten als um ihren eigenen Ruhm oder ihr eigenes Wohlergehen, kann ich nicht vergeben. Sie hielten sich für zivilisiert. Sie waren verachtenswert. Verflucht seien sie alle.


Für die Freiheit, im Zweifelsfall links

Zum Tod der amerikanischen Essayistin, Kulturtheoretikerin und Romanautorin Susan Sontag

Von Wolf Scheller

Was war an dieser Schriftstellerin links oder linksliberal? War es ihr flammender Protest gegen die Unterdrückung der polnischen Gewerkschaftsbewegung "Solidarnosz" durch die kommunistische Satrapie des Generals Jaruselski vor bald zwanzig Jahren? War es ihre vehemente Anklage gegen die serbischen Mordbrenner des Belgrader Präsidenten Milosevic während der Bosnienkriege? Oder war es ihr verbal hochgestochener Feldzug gegen die amerikanische Rachepropaganda nach den Anschlägen vom 11. September?

Viele Amerikaner haben sie deswegen gehasst. Aber unbeirrt versuchte diese wenig geliebte, aus jüdischem Elternhaus stammende Amerikanerin, ihren Landsleuten die Augen zu öffnen. Eine Essayistin, Kulturtheoretikerin, eine Intellektuelle - das war sie. Und wenn sie als links oder linksliberal eingestuft wurde, dann meinte das vor allem ihre Unabhängigkeit, ihren Stolz ausschließlich auf einen scharfen Verstand und die Gabe zur Analyse. Denn das waren ihre Waffen, dafür hatte sie nach dem Krieg schon als 16-Jährige in Chicago studiert: Französisch, Literatur und Philosophie.

In den 50er Jahren, als in den USA der McCarthyismus schauerliche Blüten trieb, geriet sie in den geistigen Bann von Sigmund Freud, heiratete einen Soziologen, bekam einen Sohn - David -, der selbst zu einem anerkannten Autor wurde. Aber das alles sind biografische Peanats aus ihrer Frühzeit. Seit den 70er Jahren lebte sie in einer Beziehung mit einer Fotografin. Auf das Geschwätz und den Klatsch in der New Yorker Gesellschaft brauchte sie nichts zu geben. Längst war sie zu einer Ikone der im Ostküsten-Milieu verharrenden Minorität der gegen Vietnam protestierenden und später für Kyoto streitenden Intellektuellen geworden. Aber unabhängig davon galt Susan Sontag, die zuletzt in Chelsea in New York wohnte, auch ihren Feinden als eine der bedeutendsten intellektuellen Stimmen Amerikas.

Sie selbst sah sich nicht so und wollte vor allem als Schriftstellerin, als Erzählerin wahrgenommen werden. Literatur sei ein Medium der Weisheit, lautete ihr Credo. Aber gemessen an solchem Anspruch blieb die Kraft ihres Erzählens doch weit zurück hinter dem, was ein Doctorow, ein Bellow, Paul Auster oder gar Philipp Roth zu bieten haben. Bei Susan Sontag waren die Essays sehr viel erfolgreicher als die Romane, angefangen von "Der Wohltäter" bis zu "Der Liebhaber des Vulkans" aus dem Jahre 1993, in dem es um die Liaison zwischen Admiral Nelson und der Botschaftergattin Lady Hamilton geht.

Dann kam - nach achtjähriger Abstinenz - wiederum ein Roman von Susan Sontag, der sich historisch und politisch überaus anspruchsvoll präsentierte, viel Kluges und Gescheites zum Besten gab, im erzählerischen Ausdruck eigene Originalität aber kaum erkennen ließ. "In Amerika" hieß dieser Roman, und sein Thema ist das Scheitern der Utopie - das zentrale Thema von Susan Sontag. Die Heldin des Romans, die polnische Schauspielerin Maryna Zalezowska, tauscht das Rampenlicht gegen das simple Dasein in einer landwirtschaftlichen Kommune. Mit ihren Freunden zieht sie nach Kalifornien, um sich in der edlen Kunst der Genügsamkeit zu üben. Das Projekt der Kommune endet freilich in Streit und Bankrott. Das Ganze spielt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, und die Autorin sorgt bestens für das historische Kolorit, flechtet auch Querverweise zur eigenen Vita ein. Vor allem fehlt es Sontags Erzählfiguren an Konturenschärfe. Ihr Ensemble wirkt wie ein träges Orchester, das trotz seiner pompösinstrumentalen Ausrüstung keinen Funken überspringen lässt.

Es geht - wie gesagt - um das Scheitern einer Utopie, und Susan Sontag wirkt da am überzeugendsten, wo sie das politischgesellschaftliche Ambiente der Handlung in den Blick nimmt. Meistens aber stand ihr gerade dieses Verständnis für das Politische im Weg und versperrte ihr den Zugang zu einer tiefer wirkenden Erzählhaltung.

Susan Sontag sprach fünf Sprachen fließend, verbrachte einen Großteil des Jahres in Europa, meistens in Paris, interessierte sich aber vor allem für Deutschland. Ihr deutsches Publikum sah sie als Mittlerin zwischen Amerika und dem "alten Europa", und es war diese Formulierung des aktuellen amerikanischen Verteidigungsministers, die sie gegen die hybride Perspektive der Republikaner in den USA aufbrachte. "Against Interpretation" oder "Camp" waren Essays, mit denen Susan Sontag schon in den 60er Jahren die ästhetische Moderne in Deutschland und in Westeuropa beeinflusst hat.

Sie war eine Bildungsbürgerin, wie man sie in den Staaten so gut wie kaum noch antrifft. Aber sie war auch eine Mittlerin, die die Kluft zwischen Amerika und Europa zu überwinden versuchte. Sie interessierte sich für Happenings und Underground, für postabstrakte Malerei und für Leni Riefenstahl ebenso wie für Walter Benjamin oder Syberberg.

Dann wurde ihr im vorigen Jahr der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels zugesprochen. Man feierte die bereits von der Krankheit Gezeichnete als prominenteste Botschafterin ihres Landes, als Vermittlerin zwischen den USA und Europa. Sie hat damals in der Frankfurter Paulskirche nicht nur "danke" gesagt. Sie hat die Irak-Politik der Bush-Administration scharf kritisiert, aber auch davor gewarnt, den Chauvinismus von Bushs "neuer Welt" mit der selbstgerechten Attitüde des "alten Europas" zu konterkarieren.

Weser Kurier vom 30.12.04


In Memoriam Susan Sontag, 1933-2004

Schreiben, um die Welt zu weiten

Von Lotta Suter, Boston

Am 28. Dezember ist die amerikanische Essayistin und Schriftstellerin in New York gestorben.

Die Meldung über Susan Sontags Tod am 28. Dezember hätte ich beinahe verpasst. Die Titelseite der «New York Times» vom nächsten Tag war dominiert von Bildern und Texten zum Tsunami-Unglück in Südostasien: Fotos von friedlich lächelnden oder furchtbar aufgedunsenen oder von klaffenden Wunden entstellten Gesichtern, alles Fotos, die zwecks Identifizierung der Todesopfer im Rathaus von Phuket aufgehängt worden waren; absurd farbenfrohe Überreste eines zerstörten Hauses südlich von Colombo, Sri Lanka; die Verteilung von Hilfsgütern in Banda Aceh, Indonesien. Weit unten erst ein kleiner Textanriss mit einem Foto der verstorbenen Autorin, nicht viel mehr als ein Passbild. Optisch ausbalanciert wird Susan Sontags Porträt dann durch einen briefmarkenkleinen Blickfang im Inhaltsverzeichnis links unten: eine 350 Dollar teure Sushi-Spezialität aus dem Luxusrestaurant Masa in New York.
Ich denke sofort, dass Susan Sontag dieses Layout gefallen hätte. Die Relativität ihres eigenen Lebens und Sterbens angesichts des Leidens anderer - hier der Tsunami-Opfer - das ist etwas, das sie nicht bloss in ihren Essays durchdacht, sondern auch mit Reisen und Solidaritätsaktionen für Vietnam, Kuba, Sarajewo (wo es bald eine Susan-Sontag-Strasse geben soll), Polen und Palästina/Israel praktiziert hat. Und die virtuelle Nachbarschaft zum delikat und mit Stil zubereiteten Vierstern-Blaubarsch hätte sie, die Autorin der 1964 erschienenen «Notizen zum Camp», einer witzigen und vor-postmodernen Entthronung des Ernstes im Umgang mit Kunst und Leben, bestimmt amüsiert. In gewisser Weise sagt diese nach den gängigen Regeln der Massenkommunikation zusammengestellte Titelseite mehr über die weltoffene US-amerikanische Intellektuelle aus als viele der langen feierlichen Nekrologe, die mit grossen künstlerisch hochstehenden Fotos der Autorin, aufgenommen zum Beispiel von Sontags zeitweiliger Lebenspartnerin Annie Leibowitz, vorab dem Ikonenstatus der Verstorbenen huldigen.

In den siebziger und achtziger Jahren wurde Susan Sontag einerseits als Hohepriesterin der US-Avantgarde gefeiert, andererseits war sie für viele der 68er-Generation schon etwas alt - über dreissig! - und passte mit ihrer Belesenheit eher in die Reihe der Professoren als der StudentInnen. Dank ihrem Flair für öffentliche Auftritte und Polemiken konnte man sie wirkungsvoll als alternative Autorität zitieren oder kritisieren, ohne sie gründlich gelesen zu haben. Das galt besonders für ihre politisch stets kühnen und manchmal etwas voreiligen Statements: erst für Hanoi und Kuba, später gegen den europäischen Kommunismus («ein Faschismus mit menschlichem Gesicht»), für den Militäreinsatz in Sarajewo, aber gegen den aktuellen Krieg im Irak. Und was ist nicht alles über die «Krankheit als Metapher» gesagt und geschrieben worden, ohne Sontags 1978 erschienenes gleichnamiges Buch (deutsch 1980) wirklich zur Kenntnis zu nehmen; dasselbe wiederholte sich bei «Aids und seine Metaphern» (englisch und deutsch 1989). Die wenigsten von uns haben gewusst, wie sehr sich die Autorin selber seit 1976 mit der Krankheit Krebs auseinander setzen musste, wie aggressiv und schmerzhaft die Operationen und extremen Bestrahlungen waren, mit denen sie ihr Leben erhalten wollte und jahrzehntelang auch konnte - nicht um jeden, aber doch um einen beachtlich hohen Preis.

Wer will, kann in Sontags Büchern und Essays verfolgen, wie diese Verletzungen ihr Mitgefühl gestärkt haben - nicht in der narzisstischen Form des Selbstmitleids, wozu sie allen Grund gehabt hätte, sondern als Empathie, als Mitleiden mit anderen. Ein Mitleid, das allerdings nach Ansicht der nach eigenen Angaben «besessenen Moralistin» immer mehr sein muss als bloss sentimentale Überidentifikation via TV-Röhre: «Die fingierte Nähe zum Leiden der andern, das durch Bilder geschaffen wird, behauptet eine Verbindung zwischen den weit entfernten Leidenden - die in Nahaufnahme auf dem Fernsehschirm erscheinen - und den privilegierten ZuschauerInnen, die einfach nicht wahr ist. Es ist eine weitere Vertuschung unseres wirklichen Verhältnisses zur Macht (...) Bilder können nur die Hölle zeigen, nicht den Weg hinaus.» Was Sontag in ihrem Buch «Die Leiden anderer betrachten» (2003) über die Kriegsberichterstattung sagt, gilt sinngemäss auch für eine Naturkatastrophe wie die Flutwelle im Indischen Ozean, die, wie die Wirtschaftsblätter frohlocken, zwar viele Menschen erfasst hat, aber kaum die global relevante ökonomische Infrastruktur.

In den sechziger und siebziger Jahren hatte sich Susan Sontag vor allem mit noch starren Grenzen und unversöhnlichen Gegensätzen von E- und U-Kultur, Stil und Inhalt, Moral und Ästhetik, Denken und Fühlen, Verstand und Sinnlichkeit auseinander gesetzt - in Büchern wie «Against Interpretation» (1966, dt. «Kunst und Antikunst») oder «On Photography» (1977, dt. «Über Fotografie»). Sie hat für mehr Sinnlichkeit und weniger Schulmeisterei im Umgang mit Kunst und Alltag plädiert. Oder wie der «New Yorker» es formuliert: Sontag verband ihre Leidenschaft für neue Arten des Sehens, etwa für Godard, Artaud oder Kunst-Happenings mit einer Treue zu klassischen Werten wie Wahrheit, Schönheit und Würde und baute so einer ganzen Generation eine Brücke zur Moderne; ich würde sogar sagen: und darüber hinaus.

Vielleicht machte nicht zuletzt das Überbrücken von (unsichtbaren) Hürden in ihrer eigenen - man könnte sagen typisch amerikanischen - Biografie Susan Sontag zur guten Vermittlerin. Zwar durchläuft die am 16. Januar 1933 in Manhattan geborene Susan Rosenblatt nicht die klassische Karriere von der Tellerwäscherin zur Millionärin, aber eine Variante davon. Sie kommt aus gutbürgerlicher Familie mit Hausangestellten; der Vater betreibt Pelzhandel mit China und ist meist landesabwesend, die Mutter Alkoholikerin und auch oft weg. Mit fünf Jahren verliert Susan ihren Vater, die Mutter verheiratet sich mit einem Mr. Sontag; die Familie lebt fortan im Südwesten der USA, in Tucson und Los Angeles. Die Tochter ist ein klassischer Blaustrumpf; sie wird von beiden Elternteilen gewarnt, dass zu viel Lesen sie für Männer unattraktiv mache. Diese Sorge war umsonst. Susan Sontag schliesst mit fünfzehn die North Hollywood High School ab, studiert einige Semester an der UC Berkeley in San Francisco. Mit siebzehn geht sie an die Universität von Chicago, trifft den Soziologiedozenten Philip Rieff, den ersten Menschen, mit dem sie wirklich reden kann, wie sie sagt. Zehn Tage später sind die beiden verheiratet. Sie ziehen zusammen nach Boston. 1952 kommt Sohn David zur Welt. 1954 schliesst Sontag an der Harvard Universität mit einem Masters Degree in Englisch ab, ein Jahr später folgt der Philosophieabschluss. Weitere Studien in Oxford und Paris. 1958 Scheidung von Dr. Rieff. 1959 kommt die sechsundzwanzigjährige Frau nach New York zurück - «mit 70 Dollar, zwei Koffern und einem Siebenjährigen», wie sie selbst schreibt. Sie arbeitet als Dozentin und Redaktorin. 1963 kommt ihr erster Roman «Der Wohltäter» heraus; vier Jahre später folgt «Todesstation». Sontag selber ist mit ihrer schriftstellerischen Leistung nicht zufrieden. Die nächsten Jahrzehnte konzentriert sie sich auf Essays, Erzählungen, Kurzgeschichten, Filmskripts, Stücke.

Erst 1992 schreibt sie ihren dritten Roman «Der Liebhaber des Vulkans» - ein Bestseller, wie auch das 2000 erschienene «In Amerika»: die Geschichte der polnischen Schauspielerin Helena Modjeska, die im 19. Jahrhundert nach Kalifornien emigrierte, um dort eine Kommune à la Fourier zu gründen. Dieses Buch habe ich in der Wochenzeitung damals ziemlich bissig rezensiert: als «Hinwendung von analytischem Scharfsinn zu schriftstellerischer Belanglosigkeit». Ich konnte es Susan Sontag einfach nicht verzeihen, dass sie statt weitere brillante Essays höchst mittelmässige Romane schreibt und diese erst noch höher schätzt als ihre Sachbücher.

Erst bei der Lektüre einer Rede, die Susan Sontag Ende April letzten Jahres anlässlich einer Literaturpreisverleihung in Los Angeles hielt, verstand ich etwas von ihrer Motivation, vom Essay zur Erzählung umzusteigen. Immer noch geht es ihr darum, die Welt für den Einzelnen und für die Menschheit auszuweiten und die Herzensbildung - die Fähigkeit zur Anteilnahme - zu fördern. Doch während sie das in den sechziger Jahren vorab mittels Abbau erstarrter Sehgewohnheiten anstrebte, sieht Susan Sontag jetzt die überwältigende Menge und Ubiquität von Information und Sinneseindrücken als Hindernis für eine weltumspannende Humanität und ein fundiertes moralisches Urteil. Literatur, meint sie, könne heute Verantwortung für die Weltvermittlung übernehmen, weil jede Geschichte die Verbreitung und Gleichzeitigkeit von allem Geschehen in eine Form bringt und dabei ästhetische und moralische Prioritäten reflektiert und setzt. Noch einmal, diesmal mit Belletristik, will uns die Autorin lehren, Spannung wahrzunehmen und auszuhalten zwischen hier und dort, Glück und Unglück, sich und den andern. Es sei nicht «natürlich», sich ständig daran zu erinnern dass die Welt so weit und ausgedehnt sei. Dafür brauche es die Literatur. Oder aber eine Essayistin wie Susan Sontag.

WOZ vom 06.01.2005


Zum Tod von Susan Sontag

Von Sabine Boehl

Die 1933 in New York City geborene Schriftstellerin und Kritikerin Susan Sontag ist in Folge einer Krebserkrankung daselbst am 28. Dezember 71jährig verstorben. Die Menschenrechtlerin und Feministin gehörte zu den großen Intellektuellen und Vordenkerin in den USA und scheute sich auch nicht, gegen die Administration unter George W. Bush in den vergangenen Jahren Stellung zu beziehen. Unter anderem thematisierte sie die Wirkung der Bilder in dem Buch "Das Leiden anderer betrachten“, das die Kriegsfotografie zum Inhalt hat. Das Medium Fotografie behandelte sie bereits 1978 in dem Band "Über Fotografie“. Sontag legt in ihren Essays zur Fotografie dar, dass eher der Versuch der "Aneignung von Welt“ charakteristisch für das Medium sei, statt der "Repräsentation“ oder "Mimesis“, also Begriffen, die bereits im Zusammenhang mit Malerei zum tragen kamen. Im Jahr 2003 wurde die sich auf deutsche Philosophie stützende Susan Sontag mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels ausgezeichnet.

Susan Sonntag hatte an der Universität von Harvard, sowie am Saint Anne’s College in Oxford Philosophie, Literatur und Theologie studiert. Ein Essay, der im Jahr 1964 publiziert wurde, behandelte den Begriff "Camp“, also Gegenstände, die bis dahin eher als "low“ galten und den Kunstbegriff in Frage stellten oder erweiterten. 1966 erschien der Aufsatz "Against Interpretation“, in dem Sontag abschließend formuliert: "Satt einer Hermeneutik brauchen wir eine Erotik in der Kunst“. Die kann als Warnung gelesen werden, Kunstwerke zu überinterpretieren und mit Inhalten zu überfrachten. Die Begeisterung für formale Qualitäten der Filme Riefenstahls oder Syberbergs seitens westlicher Intellektueller wurde von Sontag 1977 in dem Text "Fascinating Fascism“ kritisch hinterfragt. Ihre Texte wurden in 32 Sprachen übersetzt.

Neben den Kritiken verfasste Susan Sontag eigene Kurzgeschichten, wie "The way we live now“ (1987), Theaterstücke und führte in Filmen Regie. Von 1987 bis 1989 setzte sich Sontag als Vorsitzende der internationalen Vereinigung von Schriftstellern PEN für die freie Äußerung der Meinung ein. Als linksintellektuelle Kritikerin der Bush-Regierung, nicht zuletzt im Kontext des 11. September 2001 und des Irak-Krieges, wurde Susan Sontag von konservativen Kreisen in den USA angefeindet.

Kunstmarkt.com vom 17.01.2005


Susan Sontag - Worauf es ankommt

Als Susan Sontag im Dezember 71-jährig einem langen Krebsleiden erlag, wurde sie in aller Welt als herausragende Literatin, furchtlose Denkerin und Vertreterin der Menschenrechte gewürdigt. Jetzt ergreift Sontag posthum noch einmal selbst das Wort. Ihr letzter Band, eine Sammlung von 41 Essays, Vorworten und Vorträgen der vergangenen zwei Jahrzehnte, ist jetzt im Hanser Verlag unter dem Titel "Worauf es ankommt" erschienen. Er enthält Beiträge über Bosnien und die Mauer, einen Abschiedstext für Roland Barthes und mitreißende Überlegungen zu Robert Walser und dem von ihr besonders geschätzten W.G. Sebald.

Getreu der eigenen Definition, dass ein Schriftsteller "jemand (ist), der sich für alles interessiert", teilt Sontag ihre Passion für japanisches Puppentheater, Ballett, Malerei und Fotografie mit dem Leser. Zu den persönlichsten Aufsätzen gehört die Schilderung ihrer selbst inszenierten Theateraufführung im belagerten Sarajewo. Sie widmet dem 1939 im Chinesischen Meer verschollenen Reiseautoren Dandy eine Hommage und führt durch Grotten ("Orte der Phantasie") in Palermo, Guanajuato und Moskau. Die Veröffentlichung des Originals "Where the Stress Falls" 2001 in den USA hatte Sontag ein gemischtes Echo eingebracht. "Einige Stücke sind sehr gut. Die meisten aber wiederholen die Fehler ihrer früheren Essays, ohne deren Größe zu erreichen", kritisierte die "New York Times" und fuhr fort, "dort, wo Sontag sich lyrisch zu geben versucht, klingt sie albern." Die Bedeutung der Sammlung liege in Sontags Bemühen, sich ein letztes Mal als zeitgenössische Kritikerin und kulturelle Instanz zu definieren, schrieb die Zeitung, die der linksliberalen Autorin im allgemeinen sehr zugetan war.

"Worauf es ankommt" enthält außer intellektuellen Gedankenspielen auch einige weniger anspruchsvolle Texte, die Sontag über Jahre in Zeitschriften wie "Vanity Fair" sowie "House and Garden" platziert hatte. Einigen fehlt die Einleitung oder ein anderer erläuternder Bezug. Dazu kommen Notizen und Erinnerungsfetzen, unterschiedlichste Materialien, die sprachlich poliert, klug und fast immer von Interesse sind. Der Band ist in drei Abschnitte unterteilt: "Lesen", "Sehen" sowie "Dort und hier".

Sontag schrieb im Laufe ihres Lebens 17 Bücher, zahlreiche literaturwissenschaftliche und politische Essays, Kurzgeschichten, Drehbücher und Bühnenwerke. Unter ihrer Regie entstanden vier Filme. Sie selbst stand in Woody Allens Komödie "Zelig" (1983) vor der Kamera. Ihr 2002 erschienener Roman "In Amerika" erhielt den Nationalen Book Award der USA. Der erhoffte Literaturnobelpreis aber blieb Sontag versagt.

Zu ihren letzten Veröffentlichungen gehörte der Band "Das Leiden anderer betrachten" über die Wirkung von Kriegsfotografien auf das Bewusstsein der Menschen. Die Fotos aus dem Foltergefängnis Abu Ghraib würden einmal den Irakkrieg in den Geschichtsbüchern definieren, warnte sie zum Schluss.

Gisela Ostwald, dpa
07.03.2005 - aktualisiert: 14.03.2005, Stuttgarter Zeitung


Worauf es ankommt

Von Günter Kaindlstorfer

Susan Sontags Vermächtnis Die 41 Essays, die in "Worauf es ankommt" versammelt sind, zeigen eine enorme thematische Bandbreite. Mit Schriftstellern wie Danilo Kis, Witold Gombrowicz und W. G. Sebald setzt sich Susan Sontag ebenso einfühlsam-kritisch auseinander wie mit Roland Barthes, dem Bosnienkrieg und den Geheimnissen abendländischer Gartenbaukunst unter besonderer Berücksichtigung der künstlichen Grotte.

Wie wird man ein besserer Autor, eine bessere Schriftstellerin? Auch damit hat sich Susan Sontag, die akribische Selbsterforscherin, immer wieder beschäftigt. In einem ihrer Essays gewährt sie Einblick in ihre Autorinnenwerkstatt. Ihre These: Schreiben und Lesen seien voneinander nicht zu trennen, wer schreiben will, muss lesen!

Schreiben heißt, die Kunst des Lesens zu üben, und zwar mit besonderer Intensität und Aufmerksamkeit. Man schreibt, um das zu lesen, was man geschrieben hat, um zu sehen, ob es gut geworden ist, und, da das natürlich nie der Fall ist, um es umzuschreiben - einmal, zweimal, so oft wie nötig, damit etwas daraus wird, womit man beim Wiederlesen leben kann. Man ist sein eigener, vielleicht strengster Leser.

Paul Klee der Prosa

In einem der schönsten Essays des vorliegendes Bandes setzt sich Susan Sontag mit dem Schweizer Schriftsteller Robert Walser auseinander. Sie findet interessante Vergleiche für den großen, in den USA weithin noch unbekannten Dichter, der 1956 als Patient einer psychiatrischen Klinik starb.

Robert Walser ist ein Paul Klee der Prosa - ebenso zart, ebenso listig, ebenso gehetzt. Eine Kreuzung zwischen Stevie Smith und Beckett: ein gut aufgelegter, freundlicher Beckett.

Robert Walser als "gut aufgelegter Beckett": Wem solche Formulierungen gelingen, kann kein schlechter Autor, keine unbegabte Autorin sein, allen Selbstzweifeln zum Trotz. Susan Sontags Liebe zur europäischen Literatur klingt in vielen Texten an, kein Wunder, betrachtete sich Sontag selbst doch als die europäischste Autorin der US-amerikanischen Literatur. Vorbehalte gegenüber der Fotografie
Susan Sontag gilt bis heute als eine der profiliertesten Theoretikerinnen der Fotokunst. Ihr Buch "Über Fotografie" ist sofort nach seinem Erscheinen zum Klassiker ernannt worden. Dabei habe sie sich selbst nie gern fotografieren lassen, gesteht Sontag in einem Aufsatz über den amerikanischen Schockfotografen Robert Mapplethorpe, der sie 1985 für seinen Bildband "Certain People" porträtiert hatte.

(c) APAUnd wie ich niemals fotografiert worden bin, ohne dabei ein ungutes Gefühl zu haben, so habe ich mir niemals das Ergebnis einer Fotositzung angesehen, ohne dabei peinlich berührt gewesen zu sein. Ist es ein puritanischer Vorbehalt gegenüber dem Simulieren, dem Posieren? Das alles vielleicht. Doch in erster Linie empfinde ich Bestürzung. Während mein Bewusstsein etwa zu neunzig Prozent denkt, dass ich auf der Welt bin, dass ich ich bin, denkt es zu etwa zehn Prozent, dass ich unsichtbar bin. Und dieser Teil ist entsetzt, wenn ich ein Foto von mir sehe. Kein Stereotyp passt,

Auf eine bestimmte Rolle wollte sich die Grande Dame der New Yorker Intelligenz nie festlegen lassen. Susan Sontag als kämpferische Menschenrechtlerin und Feministin, als kompromisslose Linke, als Hohepriestern der Avantgarde - das alles seien Stereotype und Klischees, mit denen sie immer wieder belegt worden sei.

Man kann Susan Sontags Essayband "Worauf es ankommt” wohl als eine Art Vermächtnis betrachten. Die Qualität der Texte ist durchaus unterschiedlich, nicht alle Aufsätze sind Perlen kritischer Essayistik, alles in allem aber bietet dieser Band doch faszinierende Einblicke in die Vielfältigkeit und die Spannkraft des Sontagschen Denkens und Schreibens.

Ö1 Programm vom 15.01.05


Kargheit als Metapher

Warum Susan Sontags nachgelassene Essays letztlich enttäuschen

Von Ralf Hanselle

Ich betreibe einen kleinen Eckladen des Denkens." Ein Satz, wie gemünzt auf die Anfang dieses Jahres verstorbene amerikanische Schriftstellerin und Essayistin Susan Sontag. Das Copyright auf dieses liebenswerte Statement liegt jedoch bei Hannah Arendt. Obwohl Sontag nie explizit über die bedeutende Philosophin des 20. Jahrhunderts geschrieben hat, so hatte sie doch vieles mit ihr gemein. Berührungspunkte, die weit über ihre jüdische Herkunft oder ihren intellektuellen Stolz hinausgingen.

Wie Arendt verstand es die 1933 in New York geborene Schriftstellerin, querab von der Zeit zu denken. Nicht der geistige Commonsense war ihre Sache, sondern das "Denken ohne Geländer". In ihren bedeutendsten Essays und Reden beherrschte Susan Sontag die unnachahmliche Kunst, Probleme und Phänomene multiperspektivisch zu betrachten. Wo andere Hermeneutik als eine breite, ausgelatschte Straße betrachtet haben, da hat sie immer wieder die Schleichwege zu den Erscheinungen gesucht. Und nicht selten hat sie deshalb, ganz wie auch Arendt, Kritik und Anfeindungen einstecken müssen.

Doch im Gegensatz zu der nonkonformen Philosophin hat Susan Sontag nie ein geschlossenes intellektuelles System begründet. Im Zentrum ihres Denkens standen sei jeher Mensch und Menschlichkeit. So etwa als sie 1993 in die damals von Serben belagerte Stadt Sarajewo kam, um dort Becketts Stück Warten auf Godot zu inszenieren. Über ihre Beweggründe hat die westliche Öffentlichkeit damals lange spekuliert.

Jetzt, gut zehn Jahre nach dem Bosnienkrieg und zwei Monate nach Sontags Tod, gibt eine der letzten Vertreterinnen der "littérature engagée" noch einmal Auskunft: In ihrem in Europa posthum erschienenen Essayband Worauf es ankommt. Hier finden sich auch zwei Aufsätze über Sarajewo. Sie habe, so berichtet sie, die Rolle der bloßen Zuschauerin satt gehabt. Während die westliche Politik lange Zeit einzig durch ihre Abwesenheit in Erscheinung trat, wirkte der Bosnienkrieg auf den Bildschirmen mehr und mehr wie eine Fernsehshow. Stets die gleichen Bilder, die ein grauenhaftes, historisches Ereignis in die Sphäre einer Wiederausstrahlung rückten. Sontag habe handeln wollen. Und die einzige Tätigkeit, auf die sie sich verstanden habe, wäre nun einmal das Theatermachen gewesen. Ein politisches Zeichen, bei dem aus Warten auf Godot auch unzweifelhaft ein "Warten auf Clinton" herauszulesen war.

In solchen Sätzen blitzt er noch einmal auf: Der intellektuelle Trotzkopf unter der wüsten, schwarzgrauen Haarpracht, dem Europa stets so nah war wie die amerikanische Heimat. Denn Beckett in Sarajewo auf die Bühne zu bringen, das war vielleicht nicht weniger als die Vermischung von europäischer Kultur mit amerikanischem Pragmatismus.

Wie nah ihr das europäische Denken wirklich war, das beweist dieses letzte Buch anschaulich. Es enthält kleine Reflexionen über das Werk W. G. Sebalds, Einlassungen zur italienischen Fotografie oder knappe Reflexionen über das uvre Richard Wagners. Sie denke nicht oft daran, was ihr Europa als Amerikanerin bedeute, so gesteht sie in einem Text mit dem Titel "Die europäische Idee". "Ich denke daran, was es mir als Schriftstellerin, als Bürgerin der Literatur bedeutet - da ist die Staatsbürgerschaft international."

Dieses Denken jenseits der Grenzen hat Susan Sontag früh zu einer transatlantischen Vermittlerin gemacht. Die Bücher Walter Benjamins oder das aphoristische Werk Ciorans: Sie wären in den USA heute vermutlich weniger verbreitet, hätte Sontag in ihren Schriften nicht immer wieder auf diese bedeutenden Denker aus dem alten Europa hingewiesen. Gleiches gilt aber auch für die dunklen Seiten: etwa das Werk Leni Riefenstahls und die Ästhetik des Faschismus. Das Beharren auf der europäischen Zivilisation, so merkt sie deshalb in Worauf es ankommt kritisch an, hätte auch immer eine Idee zur Grundlage gehabt, "welche die Hegemonie bestimmter europäischer Länder über große Teile dessen, was nicht Europa ist, moralisch rechtfertigte".

Derartige Gedankengänge gehören zweifellos zu den besseren dieses Buches. Denn vieles, was in Worauf es ankommt aus Zweitverwertungen einstiger Zeitungsartikel oder Redebeiträge zusammengestellt worden ist, erreicht bei Weitem nicht die Tiefe und Reife, die man aus früheren Werken Sontags gewohnt war. Wie glanzlos erscheinen etwa ihre Betrachtungen zu den Fotografien Robert Mapplethorpes im Vergleich zu dem, was sie einst aus den Bildern einer Diane Arbus herauszukitzeln wusste. Konnte sie in ihrem legendären Werk Über Fotografie in ein einziges Bild noch eine ganze Welt hineinlegen, so reicht es hier bestenfalls noch zu einer gefühligen Ästhetik. "Wie anrührend und gutmütig diese Bilder sind", so etwa ihr karges Fazit nach der Betrachtung einiger erotischer Fotografien des Amerikaners Bellocq.

Auch ihre literarischen Einlassungen kommen in diesen letzten Essays eher etwas fade daher. Noch einmal, wie schon in ihrem frühen Buch Im Zeichen des Saturns, schreibt sie über das Werk Roland Barthes, mit dessen "fröhlicher Wissenschaft" sie sich stets unterschwellig verbunden gefühlt haben muss. Bewundernd berichtet sie von dessen Abneigung gegen jegliches Systematisieren und lobt seine Versuche, dem Leser zu Kühnheit, Beweglichkeit, Intelligenz und Distanz zu verhelfen. Das Ziel seines Denkens, so Sontag, bestünde vor allem in einem: "Genuss zu verschaffen." In ihren großen Gedankengängen konnte das einstmals auch Susan Sontag. Worauf es ankommt aber ist nicht in der Lage, den Leser erneut in diesen intellektuellen Rausch hinaufzuschrauben. Zu beiläufig wirken hier die meisten Überlegungen. Zu sehr haftet dem Buch der Geschmack der geistigen Zweitverwertung an. Bei manchen Texten mag das noch durchgehen. Bei anderen aber wirkt das geradezu penetrant. Wenn da etwa noch ein kleiner und nichts sagender Text über Cervantes aus einem "Katalog der spanischen Tourismusbehörde" eingeschoben wird, dann schaut das aus, als hätte hier ein Verlag noch flux ein paar Bonustracks zusammengejammt.

Vermutlich ist dies das eigentlich Enttäuschende: Susan Sontag hat mit ihren unnachahmlichen Überlegungen zu Aids und seinen Metaphern, zu Camp oder zur Faszination des Faschismus Maßstäbe gesetzt. Ihr Tod lässt in Amerika wie in Europa eine schwer zu schließende Lücke zurück. Man wird nicht nur ihre moralische Stimme, sondern vor allem auch ihren ästhetischen Verstand vermissen. Und jetzt, nach all dem und ganz am Ende soll da als Vermächtnis nicht mehr bleiben als diese Kollektion unausgegorener B-Seiten.

Der Standard, Printausgabe, 19./20. 3. 2005

 


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Christoph Gäbler 21.07.2010