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Leseprobe aus "Absturz in die Freiheit"Von Friedrich SchorlemmerAufbau Verlag, Seite 233 - 265DIE RECHTE SCHLAGSEITE UND DIE MITTE DER GESELLSCHAFT
Was gegenwärtig geschieht, ist nicht ein Problem des Ostens, sondern ein Problem für unser ganzes vereinigtes Land, denn hier ergeben sich einige Wechselwirkungen, wobei die Vorfälle im Osten Deutschlands so gravierend sind, dass sie einer besonderen Beachtung und Bearbeitung bedürfen. Hier haben rechte Sprücheklopfer aus dem Westen, die dort wenig Resonanz in en, leichtes Spiel, - einen Resonanzboden - und dies hat Gründe, über die zu reden und die auszuräumen eine Langzeitaufgabe darstellt. Im Osten wirkt generationenübergreifend nach, was an persönlicher Übernahme von Verantwortung für den national rassistischen Wahn versäumt wurde. Was zwischen 1933 und 1945 geschehen ist, wurde den »Faschisten« angelastet und hatte mit dem Verhalten von 17 Millionen Ostdeutschen wenig zu tun, zumal die »Neofaschisten« in der BRD lebten und dort neu zu Ehren gekommen seien. Das Problem wurde nach außen verlagert, und eine Gewissensbildung und Gewissensschärfung fand nicht statt. Eine Ausnahme bildeten seit dem »Stuttgarter Schuldbekenntnis« die Kirchen, insbesondere die Evangelische Kirche. Doch gesellschaftlich wirksam war die politische Projektion und eine Form von Distanzierung vom Nationalsozialismus und seinem Rassismus, der alle, die dieses Credo mitsangen, von einer irgendwie gearteten Mitverantwortung freisprach; nicht zuletzt aus diesen Gründen hat die DDR auf jegliche Wiedergutmachung verzichtet, da sie sich nicht als Nachfolgestaat des faschistischen Dritten Reiches, und sich als Repräsentantin ihrer Bürger nicht in moralischer und politischer Mitverantwortung sah. Hinzu kommt eine jahrzehntelange Tabuisierung alles »Deutschen« in der DDR und die spezifische Provinzialität des Denkens und Fühlens von Eingemauerten. Dumpf-Nationales und ausländerfeindlich Ressentiments-Geladenes sind das Ergebnis. Bereits 1990 war es zu einigen besorgniserregenden Dammbrüchen gekommen. Eine latente Fremdenfeindlichkeit hat sich im Osten breit gemacht. Die von außen mit Macht abgestützten Koordinaten des DDR-Systems sind in sich zusammengefallen. Viel Frust, lebensgeschichtliche Entwertung, politische Demütigung und soziale Ängste haben im Gefolge des Zusammenbruchs des kommunistischen (Werte )Systems und des damit verbundenen »geschlossenen« Weltbildes ausländerfeindliche Grundstimmungen begünstigt. Diese richten sich zugleich gegen »den Westen«, wo angeblich »Deutsche weniger gelten als Ausländer« und wo man den »Asylanten hinten und vorn alles hereingesteckt«. Solche Sätze bekommt man jahraus und jahrein alltäglich zu hören. Eine geschlossene Gesellschaft entlässt ihre Kinder in die Freiheit! Ressentiments- und aggressionsgeladen gehen sie los und schlagen blindwütig zu. Sie erleben eine weithin dazu schweigende Gesamtbevölkerung. Alle bisherigen Versuche, dem zu begegnen, haben die weitgehende Hilflosigkeit der demokratischen Institutionen offen gelegt. Die bisherige Abschreckung wirkt kaum. Die Präventionsprogramme greifen nicht genug. Die Aufrufe zur allgemeinen Zivilcourage finden wenig Echo. Eine außerordentliche gesamtgesellschaftliche Anstrengung ist nötig, um dem Nährboden rechter Gewalt zu begegnen. Für den Umgang mit diesen Verbrechen muss folgende Reihen- und Rangfolge gelten: Täter und Taten verurteilen - Ursachen ergründen - Konzepte entwickeln. Täter und Taten verurteilenErstens geht es um die Verurteilung der Taten, um das Ächten und ein schnelles durchgreifendes Bestrafen der Täter sowie um eine unmissverständliche Reaktion der Öffentlichkeit. Neben der juristischen Verurteilung muss den Tätern klargemacht werden: dies gehört nicht zu den Grundabmachungen unserer Gesellschaft! Dies kommt vom Rand der Gesellschaft, nicht aus ihrer Mitte! Dieser unansehnliche Rand wird nicht verharmlosend geduldet, sondern aktiv bekämpft! Die Täter müssen spüren, dass sie viel weniger zu unserer Gesellschaft gehören, als die von ihnen zum Freiwild gemachten Ausländer. Konkret: Wer einen Farbigen nachts im Park zu Tode trampelt, ist ein ganz gemeiner Mörder und steht weit außerhalb dessen, was unser Gemeinwesen ausmacht. Wenn solche Signale nicht mit überwältigender Mehrheit aus der Gesellschaft kommen, wird es weiterhin solche Übergriffe geben. Die Täter werden sich als Exekutoren eines allgemeinen Bewusstseins empfinden können. Was zu Pfingsten 2000 in Dessau geschah, ist für sich selbst schlimm genug. Schlimm ist zugleich, dass sich zur Protestdemonstration, zu der nicht zuletzt von der Landesregierung aufgerufen worden war, aus dem ganzen Land Sachsen Anhalt und der Stadt Dessau lediglich 5.000 Menschen einfanden. Dessau hat 100.000 Einwohner. Zu den großen Demonstrationen im Herbst 1989 fanden sich über 20.000 Bürger und Bürgerinnen allein aus Dessau zusammen. Und auch auf dem Marien-Platz in München versammelten sich im August 2000 nur etwa 3 000 Demonstranten, die von Parteien, Kirchen und Gewerkschaften aufgerufen worden waren, öffentlich zu zeigen, wo sie stehen. Dies sind äußere Zeichen einer noch immer allgemeinen Gleichgültigkeit der deutschen Öffentlichkeit, die sich der Dramatik des Problems noch längst nicht bewusst geworden ist. Es bedarf deutlicherer Zeichen: »Hier sagt die große Mehrheit der Deutschen: NEIN! Hier nicht! Stopp! Wir nicht! Wagt euch nicht heraus! Wir sind Deutschland und nicht ihr!« Solche Signale der Aufgeregtheit muss es geben, selbst wenn sich in Medien bestallte Zyniker bald wieder über solche Aufgeregtheit mit der Wortkeule »Alarmismus von Gutmenschen« lustig machen sollten. Der »brutalst-mögliche« Aufklärer Roland Koch erklärte ausgerechnet in Dachau am 23. August 2000, das Thema Ausländerfeindlichkeit werde überdramatisiert und von der Bundesregierung sowie von den Medien künstlich aufgebauscht. Er selbst allerdings gehört zu den Brandstiftern einer dumpfen Volksstimmung gegen Ausländer. Er rechnet bei seinem Abwiegeln wiederum mit Zustimmung, ähnlich wie für seine Unterschriftensammlung im Wahlkampf in Hessen 1999. Eine groteske Situation: Die ausländerfeindliche Stimmung exkulpiert sich selbst,. indem sie von denen geleugnet wird, die von ihr erfasst sind! Ursachen ergründenZweitens muss es darum gehen, die Komplexität der Ursachen zu klären und dabei auf vorschnelle Schuldzuweisungen zu verzichten, insbesondere bei der Analyse und Beurteilung des ostdeutschen Rechtsextremismus. Gelingende Integration von Ausländern ist ein gesamtdeutsches Problem, nicht ein marginal westdeutsches und ein zentral ostdeutsches. Ausländer sind für fremdenfeindliche Ostdeutsche ein angstmachendes Phantom. Bisweilen trägt selbst dieses Thema zur Perpetuierung der deutschen Teilung bei, indem das Bild des hässlichen Ostdeutschen gemalt wird, als ob es nicht auch im Osten nennenswerte gesellschaftliche Gegenwehr gegen nationalistischen Ungeist gäbe. Auch wenn die statistischen Vergleiche alarmierend sind, so ist das, was in Lübeck, Mölln, Solingen, Düsseldorf ... geschehen ist, von gleichem Geiste und gleicher Kaltblütigkeit. Die Verführbarkeit besonders ostdeutscher jugendlicher ist ebenso wenig wie ein immer noch vermauertes Denken und Fühlen von Ostdeutschen zu leugnen. Die fremdenfeindlichen Übergriffe müssen auch als Spätfolge eines DDR typischen Minderwertigkeitsgefühls und seiner künstlichen Aufpäppelung gewertet werden. Die Minderbewertung der DDR und ihrer Bürger, die in diesem Bollwerk des Friedens »sehr bewusst« oder zwangsläufig lebten, hat zu einer nachhaltig Wirkenden Minderwertigkeitsatmosphäre geführt. Minderwertigkeitsgefühle arbeiten sich an Schwächeren ab. Da steht allem voran »das Deutsche« sowie der plump dumme »Stolz, ein Deutscher zu sein«. Diese Schläger und Jäger von Fremden machen reinen Tisch und exekutieren das, was sie an den häuslichen Tischen oder an den Pausentischen der Betriebe gehört haben. Sie fühlen sich durchaus nicht ausgegrenzt, sondern aufgehoben. Viele von ihnen genießen geradezu die öffentliche, wenngleich negative, Aufmerksamkeit. Gemeinschaftsbildung vollzieht sich negativ, so wie sich Zuwendung für die Täter negativ vollzieht: im Polizeigewahrsam. Da wird nicht nur »nicht viel gefackelt«, sondern gleich angefackelt und abgefackelt. Dumpfe Gewalt und sich steigernde Aggressivität wird an Schwächeren abgeladen und ausgelebt. Ostdeutsche mehrerer Generationen haben mehrfache Demütigungen erfahren. Demütigungen setzen sich fort und haben etwas mit der Asymmetrie zwischen der Bundesrepublik und der zusammengebrochenen DDR zu tun. Wer sich nun »nach oben« nicht wehren kann, neigt dazu, »nach unten« zu schlagen. Wer positiv wenig sein und gelten kann, baut sein Selbstbewusstsein negativ auf Wer konstruktiv nicht zeigen kann, was er kann, zeigt es destruktiv. Wem ein positives Ziel fehlt, konstruiert sich ein negatives. Wo die gesellschaftlichen Koordinaten weggebrochen sind, baut sich ein Konstrukt aus Ressentiments auf. Frust sucht und findet Entladung. Ein Primitiv-Darwinismus gegen die »Fremden« oder die »Nutzlosern« tobt sich in amorphen Gruppen aus, wo sich keine Gemeinschaften bilden können. Die Schwächeren werden Abladeplatz intrapersonaler und interpersoneller Aggressionen. Vor allem Jugendliche leben überschüssige Energien blindwütig aus. Sie haben »einen Feind« gefunden, an dem sie sich beweisen können. Rauschhaft. In der DDR waren Aggressionen ideologisch kanalisiert worden und konnten sich in einer militarisierten und vom Wettkampf Sport bestimmten Gesellschaft ausleben. Viele jugendliche sind in ihrer Lebenseinstellung orientierungslos und haltlos. Sie sehen ihr Leben als ziellos und erleben sich selbst als wertlos. So schlagen sie auf alle Schwachen, wahllos. Wer aus einer überreglementierten Welt in eine unreglementierte kommt, bräuchte neue Orientierung. Wurde früher alles vorher bestimmt, so ist jetzt alles unsicher geworden, und so machen sie die Welt unsicher. Die Gewaltobjekte sind austauschbar. Clan und Bandenbildung mit Feindbildern forcieren die überschüssige Energie nach dem Hackprinzip nach unten. Hier vollzieht sich eine inhumane Selbstaufwertung nach der Melodie: »Wir sind wer. Ihr seid nichts. Und das zeigen wir euch.« Strategien entwickelnDrittens geht es darum, kurzfristige Maßnahmen, mittelfristige Konzepte und langfristige Strategien zu entwickeln. Wer auf kurzfristige Erfolge setzt, erliegt Illusionen. Es wäre gefährlich, wenn wir für das Entwickeln von wirksamen Konzepten bestimmte gesellschaftliche Gruppen als zuständig und also besonders verpflichtet ansähen, um uns selber als »einfache Bürger« herauslassen zu können. Diese Frage lässt sich nicht delegieren, obwohl es im Rechtsstaat geregelte Zuständigkeiten gibt. Es reicht nicht, lautstark und paternosterartig Schulen und Elternhäuser dingfest zu machen, wenn man nicht gleichzeitig die Herausforderung für alle in den Blick nimmt. Natürlich gibt es eine besondere Verantwortung politischer Entscheidungsträger, eine Verpflichtung für die demokratischen Parteien und ihre Mitgliedschaft (bis in die Ortsvereine). Und es gibt ein »Wächteramt« der Medien. Aber die Zivilgesellschaft zeichnet sich gerade dadurch aus, dass sie Verantwortung übernimmt und nicht delegiert. Ein zweites, immer noch gängiges Muster wirkt geradezu kontraproduktiv: Wenn man angesichts der Gewalttaten und angesichts der Gewalttäter zunächst nach den Ursachen fragt, um die Vorgänge verständlich zu machen, dann trägt man ungewollt zu Relativierungen bei, wenn nicht gar zur Rechtfertigung dieser »armen Täter«. Priorität behält die Verurteilung der Täter, ihre Ächtung und Ausgrenzung. Solche Untaten dürfen nicht honoriert werden durch verständnisvolle Streicheleinheiten oder gar durch ein Zurückweichen im Sinne der »Zumutbarkeitsgrenzen für die deutsche Bevölkerung«. Rechtfertigung verbirgt sich unter relativierenden Beobachterstandpunkten. Dass Ausländerfeindlichkeit keine Massenbasis hat, lässt sich nur wirksam demonstrieren, wenn Massen demonstrieren und protestieren. Dazu gehört die Zivilcourage jedes einzelnen, die in dem Maße stärker wird, wie der einzelne sich auf die Zivilcourage vieler anderer verlassen kann. Zivilcourage ist nötig, solange sie noch nicht zuviel kostet. je später der einzelne Zivilcourage zeigt, desto schwerer wird es für ihn sein und desto vereinzelter wird er sich fühlen. Zivilcourage gehört zum unverzichtbaren Lernziel in der Demokratie. Unabdingbar gehört dazu, dass es etwas gibt, was unter zivilisierten Menschen als der sittliche Boden angesehen wird, was als anständig und was als selbstverständliche Spielregel für jeden gilt. Die Wertebildung vollzieht sich in der Sprache, im Fühlen, im Denken, in der Formulierung von Interessen und Zielstellungen der Gesellschaft und des einzelnen. Während ich so argumentiere, muss ich fürchten, dass dies bereits ein Pfeifen im Wald ist, weil die demokratietragenden Werte nur spärlich internalisiert sind. Die Täter fühlen sich durchaus nicht außerhalb der gesellschaftlichen Stimmung, obwohl die öffentlichen Stimmen aus Politik, Parteien, Medien, Kunst, Kirche, Wirtschaft, Sport noch immer klar gegenhalten. Mir verdichtet sich der Eindruck, dass diese Institutionen die Massenbasis längst verloren haben und dass das, was man die politische Klasse nennt, an den Grundlagen unseres demokratischen Gemeinwesen festhält und auch offen gegenhält. Aber subkutan breitet sich eine fremdenfeindliche Stimmung aus; die veröffentlichte Meinung stimmt mit der öffentlichen nicht mehr überein. Täter können immer mehr den Eindruck bekommen, dass sie nur das vollziehen, »woran andere nur denken und wovon andere nur reden«. Flankierend kommt hinzu, dass einschaltquotenträchtige Medien Enthemmung und Enttabuisierung zum Alltag ihrer Sendungen gemacht haben. Brutalisierung und Banalisierung gehören längst zum Fernsehalltag, auch von Kindern. Alles ist antastbar. Das zynische Spiel mit der Würde des Menschen ist alltäglich geworden. Eine Gesellschaft ohne Grund Sätze und Wert Haltungen hat auf Dauer keinen Bestand. Es muss Dinge geben, die als heilig, also als unantastbar gelten; sonst wird die Massengesellschaft zum Spielball von Verführern jeglicher Couleur. Dem Problem in seiner ganzen Tragweite kommt man erst in der Radikalität der ersten Antithese aus der Bergpredigt nahe. Da heißt es: »Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt ist: ‚Du sollst nicht töten; wer aber tötet, der soll des Gerichts schuldig sein.’ Ich aber sage euch: Wer mit seinem Bruder zürnt, der ist des Gerichts schuldig; wer aber zu seinem Bruder sagt: Du Nichtsnutz! der ist des Hohen Rats schuldig; wer aber sagt: Du gottloser Narr! der ist des höllischen Feuers schuldig.« (Matth. 5, 21 22) Adaptiert könnte dies heißen: Früher hieß es: »Wer einen Ausländer schlägt, wird mit rechtsstaatlichen Mitteln bestraft!« Heute aber gilt: »Wer über Ausländer eine verächtliche Bemerkung macht und sagt: >Was haben die hier zu suchen, der ist an ihrer Tötung schuldig.<« Weder schneller Aktionismus noch ruhiges Abwarten und Abwiegeln, schon gar nicht Schuldzuweisungen bzw. Unzuständigkeitsbezeugungen mit Verantwortungszuweisungen helfen weiter, sondern nur die von jedem einzelnen Staatsbürger nach seinen und ihren Möglichkeiten wahrgenommene Verantwortung als einzelne Person im Alltag und in den gesellschaftlichen Zusammenschlüssen der Demokratie. Die Demokratie verlangt nichts mehr und nichts weniger von jedem Staatsbürger, als sie täglich zu hüten in jedem einzelnen Menschen. Auch für die Demokratie gilt: »Du sollst deines Bruders Hüter sein.« Was geschieht, geht dich an. Demokratie verlangt uns ab, aktive Demokraten zu sein. Erst dann wird auch das Recht auf Privatheit und politikfreie Zonen des Lebens verantwortbar, sinnvoll und genießbar. ... TRAUM VON DEUTSCHLANDDie Ostdeutschen erträumten und erkämpften sich die Demokratie. Westdeutsche unterstellen ihnen pauschal Diktaturschädigung und Demokratiedefizite. Freiheit sei ihnen nicht so wichtig. Rigoros wurde mit dem SED System abgerechnet und aufgeräumt. Das bürgerschaftliche Engagement der Umbruchmonate von 89/90 wurde durch das westliche Parteiensystem abgewürgt. Alles, was aus dem Westen kam, war gut, weil es aus dem Westen kam. Wie viel Machtanmaßung und Selbstherrlichkeit, wie viel Bestechlichkeit und kaltschnäuzige Selbstrechtfertigung dort obwalteten, wie wenig Zivilcourage und Widerstand gegen Nepotismus unter Bedingungen der westlichen Freiheit herrschen, erleben gerade Ostdeutsche jetzt schockartig. Sie hatten doch so große Erwartungen an Transparenz, Machtkontrolle, Stärke des Rechts statt des Rechts der Stärkeren. Nun erlebe ich eine tiefe Akzeptanzkrise unseres demokratischen Systems und seiner Repräsentanten. Verweigerung, Verachtung und Resignation mischen sich, wenn höchste Repräsentanten, ja wenn »der Gesetzgeber« selbst, geltendes Recht auf so dramatische Weise bricht und dafür Rechtfertigungen anführt, die auch noch die Sprache besudeln (eine »Dummheit« nennt einer seine Fälschung, ein »Wort unter Ehrenmännern« ein anderer seinen Verfassungsbruch). Nochmals Jesaja: »Deine Fürsten sind Abtrünnige und Diebsgesellen; sie nehmen alle Geschenke und trachten nach Gaben.« Und sei es von dubiosen Waffenhändlern? Gewaltenteilung ist in unserer Demokratie so unabdingbar wie diese Gewaltenteilung eine Zeitbegrenzung für Machtausübung erfordert. Die Erschütterung über das Verhalten anderer aber mag uns alle zu sehr ernsten Fragen über uns selbst führen: Im Prinzip ist jeder fehlbar. Und wer gefallen ist, dem soll man auch wieder aufhelfen. Doch über das, was gewesen ist, muss offen geredet werden, damit man auch wieder neu anfangen kann. Der Missbrauch bestimmter Worte und Werte setzt diese selbst nicht außer Kraft. Das heißt: Ein Wort, das wir einem anderen gegeben haben, auch zu halten, bleibt ein hohes Gut. Für die gemeinnützige Arbeit einer Institution zu spenden bleibt eine gute Sache. Sich für eine Verfehlung vor anderen zu entschuldigen, verdient weiterhin Respekt und eröffnet Neuanfang. Es gibt weiterhin genügend Menschen, die unser Vertrauen verdienen und denen wir glauben können. Es gibt Dinge, über die wir um anderer willen Verschwiegenheit bewahren und das ist vom Verschweigen unterscheidbar. jeder hat ein Recht auf Privatheit. Dazu gehört das Vertrauen, dass es Vertraulichkeit gibt. Diskretion ist nichts Kriminelles. In dieser Krise unserer Demokratie, wo das allgemeine Rechtsbewusstsein so abnimmt, dass besonders jüngere Menschen bei »Recht und Gesetz« nur in Hohngelächter ausbrechen, gilt es weiter, einem demokratisch funktionstüchtigen Deutschland Vertrauen zu schenken, das auf funktionierender Gewaltenteilung beruht. Sie garantiert die strikte Geltung des Rechtes, des gleichen Rechtes für alle. Ich will keine »Gerechtigkeit«. Mir genügt »Rechtsstaat«. Und der muss sich Geltung verschaffen. Moralischer Rigorismus führt letztlich in verächtlichen Zynismus. Ich halte es mit Kant, der meinte, dass wir krumme Hölzer sind, aus denen nie etwas ganz Gerades gemacht werden kann. Wir sind gewarnt vor jeder Selbstüberhöhung und Selbstüberanstrengung Aber der aufrechte Gang, das aufrichtige und aufrichtende Wort gehörten zu unseren menschlichen Möglichkeiten und gehörten zu unserer Menschwerdung. Wenn wir aus der gegenwärtigen Erschütterungskrise unseres vereinten demokratischen Deutschlands lernen wollen, dann gehört dazu dies: Die Bestürzung über das Verhalten anderer ist das eine Die Erkenntnis eigenen Versagens ist das andere. Das mag davor bewahren, mit anderen so ins Gericht zu gehen, dass wir ihnen keine Chance mehr lassen. Zugleich muss dem Recht ohne Ansehen der Person Geltung verschafft werden Und für das angemessene Strafmaß gibt es Kriterien. Wer ein System unrechtmäßigen Verhaltens gestützt hat, sollte seinen Posten räumen, um seiner selbst willen und um unserer Demokratie willen. Unser demokratischer Rechtsstaat lebt von einem bestimmten Klima: von Offenheit, Respekt, Vertrauen und von der Akzeptanz der Grundwerte. Wer sie durch Missbrauch dem Hohn preisgibt, indem er auch noch die Worte selbst verunehrt, untergräbt buchstäblich den Bestand unseres Gemeinwesen, das sich doch glücklich schätzen kann, vereint in Frieden und Freiheit zu leben... Aber geht es nicht nach wie vor um mehr Gerechtigkeit in der Bundesrepublik Deutschland? Um mehr Mitbeteiligungsbereitschaft und Mitentscheidungsmöglichkeit vieler? Geht es nicht weiter um eine gerechtere Weltwirtschaftsordnung und um die Demokratisierung der Wirtschaft, statt der Ökonomisierung aller Politik durch Vorherrschaft der ökonomischen Interessen über jedes politische Handeln? Geht es nicht um Informationsfreiheit, die die Mündigkeit der Bürger im Blick hat und nicht die Einschaltquoten der ausgeklügelten Verdummung und der Reduzierung des Zuschauers auf Werbeobjekte? Und steht nicht Viel stärker noch das Lernen des Zusammenlebens mit Menschen an, die uns fremd sind, mit Ausländern zumal? Und wer weiß, was auf den Schulhöfen in den Pausen passiert, ahnt, was an Friedenserziehung versäumt wird und nötig Wird? Wie viel Arbeit ist nötig, bis die Öffentlichkeit begreift, dass die viel gescholtene ökologische Steuerreform ein Weg sein könnte, national und international mit dem Weltenergieproblem im Dienste der Zukunft fertig zu werden? Wo bleibt die Friedensbewegung, wo bleibt die Ökologiebewegung, wo bleiben die Kirchen, fragen heute zu viele, statt sich selbst zu fragen, wo sie selbst bleiben. Das Salz der Erde seid ihr, sagt Jesus. Wehe, wenn das Salz dumm wird ... Diese Welt ist zugestellt mit lauter Kommentatoren des Geschehens. Es gibt viel zu wenige, die sich ins Wagnis des Handelns, des strittigen Handelns begeben. Wer traut sich denn noch, von einer Hoffnung zu sprechen, ohne sich lächerlich zu machen oder sich den Lächerlichmachern auszuliefern?! Wer sich anrühren lässt und diese Anrührung ausdrückt, dem wird bald das Wort »Betroffenheitskitsch« aufgedrückt. Wer das Gute gut und das Schlechte schlecht nennt und sich dafür einsetzt, bekommt flugs den »Gutmensch Stempel«. Zum pflegeleichten Idealtyp dieser Gesellschaft, die so reibungslos wie beschleunigt funktionieren soll, wird der gewissenlos und modisch gestylte Coolnesstyp, der sich eben »cool« gibt und sich Jeglicher Betroffenheit enthält... Der Maßstab der Menschlichkeit einer Gesellschaft ist, wie sie mit den Armen, Kranken, Verlorenen und Vergessenen, den Nicht allein Zurechtkommenden umgeht und wie sie für sie da ist. ER, der Messias, wird wortmächtig sein, mit dem »Stabe seines Mundes« den Gewalttätigen schlagen. Und es wird außen wie innen sein. Die Gerechtigkeit ist der Gurt der Lenden und Treue der Gurt der Hüften. Es geht um mehr als um Recht; es geht darum, dass jemandem Gerechtigkeit widerfährt, die mehr ist als das geschriebene Recht. Die Treue wird der Gurt seiner Hüften: also Zuverlässigkeit, Wiedererkennbarkeit im Wandel der Zeit, kein eilig, den Zeittrends sich anpassender Wendiger begegnet uns. Wenn ein solcher »das Sagen hat«, dann werden auch die Gesetze des Fressens und des Gefressenwerdens außer Kraft sein, das gewaltsame Pferchen, das Absperren der einen gegen die anderen wird aufhören! Der Tierfrieden wird so eintreten, wie wir ihn an einem idyllischen Bauernhof beobachten können, wo Hund und Katze, Küken und Marder zusammen existieren. Wenn die Wölfe bei den Lämmern wohnen und die Panther bei den Böcken lagern, dann hört die Existenzangst auf, dass die einen den anderen an die Kehle gehen. Das Lebensrecht wird so gewahrt, dass nicht das Recht des Stärkeren das Recht bestimmt. Die Welt ist nicht mehr geteilt in Starke und Schwache, Täter und Opfer, Gerüstete und Wehrlose, Räuber und Beraubte ... Was soll das alles? Wann soll das sein? Wo soll das sein? Kann das überhaupt sein? Zu schön, um wahr zu sein? Man wird nicht nur träumen dürfen, man w i r d träumen müssen; sonst wird die Welt von denen ohne jeden Traum, also von visionslosen Machern, so gemacht, bis sie kaputtgemacht ist. Gleichzeitig müssen Träumer zwischen dem Traum und der Wirklichkeit unterscheiden lernen, indem sie den Zielen mühsam die Wege bauen, den Hoffnungen die täglichen Handlungen folgen lassen, dem Unscheinbaren den Vorschein an und absehen. Und letztlich und immer wieder: »Es wird« sagen, statt sich einschüchtern zu lassen von den vielen Stümpfen abgeschlagener, erstorbener Hoffnungen, und nirgendwann sagen: »Es wird nichts, es wird nichts mehr.« Wenn du glaubst, dass etwas wird, wird auch etwas mit dir! Und du kannst einer sein, der zum Hoffnungsträger wird, ein kleiner grüner Zweig, der anderen Hoffnung bringt, auf dem der Geist Gottes ruht, der Anteil gewinnt an dem, was der Bergprediger in die Welt gebracht hat, unauslöschlich obwohl er ausgelöscht werden sollte. Der Stamm dieses Kreuzes grünt.
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