Alt zu werden ist eine überaus individuelle Angelegenheit. Der eine wird vielleicht seinem Job nachtrauern, der andere wird jetzt erst richtig aufdrehen und seine Freiheit genießen, und ein Dritter vielleicht viel weniger tun wollen. Doch über diese persönlichen Entwürfe hinaus gibt es natürlich auch äußere Faktoren, die das Leben im Alter bestimmen. Geschlecht, Gesundheit, Religion, finanzieller Hintergrund, Bildung - all das spielt eine Rolle, genauso wie die Herkunft. Als Einwanderer in Deutschland alt zu werden, womöglich als Gastarbeiter der ersten Generation, wird sich anders anfühlen als das Altern eines Alteingesessenen. So mancher Migrant wird vielleicht gerade im Alter seine deutsche Umgebung als Fremde, als Exil empfinden und sich nach dem Land seiner Jugend zurücksehnen. Viele Migranten sind mit der Vorstellung nach Deutschland gekommen, hier nur ein paar Jahre zu arbeiten und dann in die Heimat zurückzukehren. Nun sind sie immer noch da, aus dem Provisorium ist Sesshaftigkeit geworden. Was empfindet jemand, der in einem fremden Kulturkreis alt wird, in dem es für ihn kaum Menschen gibt, an denen er sein eigenes Altersleben orientieren könnte? Wie ist es, wenn man aus seiner Jugend ganz andere Vorstellungen vom Altern mitgebracht hat, die sich jedoch in Deutschland nicht umsetzen lassen?
Ahmet Mutlu, 63 Jahre alt, ehemaliger Betriebsrat der Vulkan-Werft, hat seinen eigenen Weg gefunden, das Alter zu leben. Wir haben uns Anfang der siebziger Jahre kennen gelernt. Wir haben uns beim Betriebsrat der Werft und später im Ortsamtsbeirat Blumenthal - er war dort der erste SPD-nominierte Ausländer -, also durch unsere politische Arbeit, immer wieder getroffen. Er war für mich einer der ersten türkischen Freunde. Ein Mann, der mit laizistischer Erziehung bewusst in die Moschee geht und so eine Verbindung zwischen zwei polarisierten türkischen Gruppen vorlebt. Geboren und aufgewachsen ist Ahmet in Trabzon, einer wunderschönen Stadt am Schwarzen Meer. Im Sommer 1969 kam er als junger Mann nach Bremen. Mit seiner Frau Tülay und seiner kleinen Tochter Sema, die ein Jahr später nachgezogen sind, hat er sich im Bremer Norden eine neue Heimat geschaffen. Dabei waren die Startbedingungen hier alles andere als gut. Auf der Ausländerbehörde wurden die jungen Einwanderer von frustrierten Sachbearbeitern diskriminiert. Untergebracht wurden sie in einem maroden Haus. Dort musste sich die junge Familie mit fünf anderen türkischen Familien auf engstem Platz einrichten. Die Wohnung war so feucht, dass die kleine Tochter, erst ein halbes Jahr alt, ständig krank wurde. Erst nachdem Ahmet zum Personalchef der Vulkan-Werft ging, wurde ihm eine bessere Wohnung vermittelt. Ahmet, der bereits ein wenig Deutsch beherrschte, als er nach Deutschland kam, lernte hier schnell die Sprache - das erleichterte ihm den Umgang in der Firma und auf deutschen Ämtern. Seine Familie wuchs. Sein Sohn Servet und die Jüngste, Derya, wurden in Blumenthal geboren. Auch die Mutlus wollten zunächst nur für zwei Jahre in Bremen bleiben. Aus den zwei Jahren sind mittlerweile fast vierzig Jahre geworden. Ahmet wurde relativ schnell Vertrauensmann in der Werft. Und wenn die Mutlus in Bremen-Blumenthal nur ein paar Straßen weiter zogen, weinten die Kinder, weil sie ihre Freunde und Bekannte vermissten. Wer wollte da an einen Umzug in die Türkei denken? Irgendwann sagten sich die Mutlus, sie könnten ja auch noch als Rentner zurück in die Türkei gehen. Doch da hatten sie schon längst Wurzeln geschlagen. Die Kinder machten Abitur und gingen zur Hochschule. Sema, die Älteste, studierte Religionswissenschaft und ist jetzt in Bremen eine bekannte Liedermacherin, die insbesondere jungen Leuten mit ihren Texten Zugang zu interkulturellem Leben ermöglicht. Servet hat Informatik und Kulturwissenschaft studiert und betreibt jetzt eine eigene Software-Firma. Die Jüngste, Derya, ist Stipendiatin der ersten deutschen Pop-Akademie. Ahmet hatte über die Gewerkschaftsarbeit, die Arbeit im Ortsamtsbeirat, im deutsch-türkischen Verein und über das Engagement in der Moschee einen großen Freundeskreis gewonnen. Als die drei Kinder ihren Eltern anboten, mit ihnen in der Bremer Innenstadt in einem großen Haus zusammenzuziehen, lehnte Ahmet ab. Seine Frau wäre zwar gern zu den Kindern gegangen, sie hat immer darunter gelitten, dass die junge Generation aus dem Haus ist. Dazu muss man wissen, dass die Familien am Schwarzen Meer als Clan zusammenleben, man baut als Familie nicht ein Haus für sich, sondern wohnt mit allen Geschwistern und deren Kindern in enger Nachbarschaft zusammen. Doch ein Leben könne man nicht beliebig neu anfangen, sagte Ahmet seiner Familie. Er sei so verhaftet in seinem Blumenthal, hier habe er als junger Mann angefangen, sich ein Leben aufzubauen, und wolle nicht mehr umziehen. Bremen-Nord ist sein Platz geworden. Hier hat er seine Freunde, hier gießen die Nachbarn seine Blumen, wenn er verreist ist, hier kann er jeden Morgen einen Plausch im Hausflur halten, und hier ist sein Kleingartenverein. „Glückliche Erde" - was für ein schöner Name - gibt es jetzt seit 1989. Eine fast dörfliche Kleingarten-Kolonie, mit europäisch-asiatisch-orientalischer Kultur. Dort wird nicht nur Rasen gemäht und Unkraut gezupft, dort wird gelebt. Das Sommerhalbjahr über verbringen die überwiegend türkischen Familien fast ihre ganze Zeit in der Kolonie, bauen Tomaten, Paprika und Bohnen an, hängen das Gemüse zum Trocknen auf, grillen und feiern. Man darf nicht vergessen, dass diese Familien ihre Wurzeln auf dem Land haben. Für viele ältere Migranten ist die Arbeit im Garten eine lebendige Erinnerung an ihre Jugend. Viele Politiker, auch ich, haben lange Zeit gedacht, man müsse die Gastarbeiter und ihre Familien schleunigst in die deutsche Kultur integrieren, sie müssten Deutsch lernen und dann möglichst schnell in unsere Parteien, unsere Gewerkschaften und unsere Vereine gehen. Ich dachte, wir müssten alles tun, damit keine Parallelgesellschaft entsteht. Ich habe dann schrittweise gelernt - und dabei spielt Ahmet Mutlu eine große Rolle -, dass Integration nicht Gleichmacherei bedeutet. Integration ist kein abstrakter Prozess, den man vom Schreibtisch aus beschließen kann, sondern bedeutet Vermittlung und viele, viele kleine Schritte der Annäherung. Wenn man einem Einwanderer hier eine Lebensperspektive eröffnen will, dann muss man ihm die Möglichkeit geben, so viel Kultur von zu Hause mitzubringen, wie er kann. Von Ahmet Mutlu habe ich auch gelernt, dass man in einer Moschee aktiv, also religiös, und trotzdem mitten in dieser Welt sein kann, trotzdem seine Kinder, ob Mädchen oder Junge, gleichberechtigt erziehen, trotzdem in Gewerkschaft und Politik aktiv sein kann. Die mitgebrachte Religion ist häufig eine Hilfe, hier anzukommen - ein vertrautes Terrain, von dem aus man sich seine neue Umwelt aneignen kann. Und für diese Art von Integration in gegenseitigem Respekt, die dem anderen seine Eigenart lässt, ist der Gartenverein „Glückliche Erde" ein großartiges Beispiel. Für Ahmet Mutlu ist die „Glückliche Erde", ein Verein mit sechzig Parzellen, nach seiner Gewerkschaftsarbeit das zweite große Projekt in seinem Leben. Aber sie ist noch mehr: Sie ist Lebensinhalt geworden. Die meisten Vereinsmitglieder sind ehemalige Kollegen von der Werft, für die die „Glückliche Erde" gewissermaßen eine Zuflucht wurde, als sie in der Werftenkrise ihre Arbeit verloren. Ahmet hat dafür gesorgt, dass der Bremer Senat dem Verein ein Sumpfgebiet zur Verfügung stellte, das dieser urbar machen konnte. Er hat mit seinen Kontakten zur Politik und Senatsverwaltung dafür gesorgt, dass die Kleingärtner beim Bau ihrer Häuschen ihre Fantasien verwirklichen konnten. Und er hält bis heute den Verein zusammen, vermittelt bei Konflikten, moderiert die explosiven Vorstandssitzungen, wenn wieder einmal entschieden werden muss, dass einer der Kleingärtner die gerade angeschaffte Ziege wieder aus der Kolonie schaffen muss, weil Tierhaltung nun einmal verboten ist. Ahmet entscheidet bei größeren Anschaffungen und kümmert sich um die alleinstehenden Mitglieder der Gartenkolonie, lädt sie zum Essen sein, redet mit ihnen, damit sie nicht völlig vereinsamen. Und nun werden diese Gartenfreunde zusammen alt. Mittlerweile ist die „Glückliche Erde" eine enge Gemeinschaft. Wenn jemand krank ist, kaufen die anderen für ihn ein. Wenn eine der Frauen verreist ist, kochen die anderen Frauen für den Strohwitwer. Und wenn man die Kinder der Freunde, die ja jetzt schon erwachsen sind, allein auf der Straße trifft und weiß, die Eltern sind in der Türkei, dann wird ihnen selbstverständlich Hilfe und, wenn nötig, auch Geld angeboten. Dieses fürsorgliche Verhalten ist Teil der türkischen Kultur, aber auch Ergebnis der gemeinsamen Zeit im Ausland. Zumeist waren es ja junge Männer, die zunächst ohne ihre Familien und ohne ein Wort Deutsch zu sprechen hierher kamen. Sie waren aufeinander angewiesen, das schweißt über die Jahre zusammen. Aber Ahmet Mutlus Altersengagement geht auch über den Gartenverein hinaus. An der Volkshochschule hält er Kurse für alternde Migranten ab, in denen sie über Rentenfragen, über türkische Pflegedienste und über Themen wie „Lebensabend in Deutschland" sprechen können. Inzwischen haben Ahmet und ich beschlossen, mit der Arbeiterwohlfahrt und der Wohnungsbaugenossenschaft in Blumenthal eine türkische Hausgemeinschaft oder Pflege-WG zu gründen. Ein Projekt, bei dem auch die türkische Lebenskultur - von der Gartenarbeit bis zur kulturell stimmigen Pflege - berücksichtigt werden soll. Dass dieses Gemeinschaftshaus auf Interesse stoßen wird, ist für Ahmet Mutlu sicher. Sehr viele Gastarbeiter der ersten Generation sind inzwischen zu alt, um in die Türkei zurückzukehren - allein die medizinische Versorgung dort ist zu teuer, und es ist oft auch kein naher Verwandter mehr in der alten Heimat, der einen pflegen könnte. Hinzu kommt: Auch unter Migranten ist es nicht mehr selbstverständlich, dass die Großfamilie unter einem Dach lebt. Wir wollen auf dem Gelände des Gartenvereins oder in unmittelbarer Nähe ein Haus bauen, in dem gewohnt, gekocht und gepflegt werden kann. Die Nachbarn fassen mit an und sorgen dafür, dass niemand vereinsamt. Dabei ist an so viel Freiwilligkeit wie möglich gedacht - mit professioneller Begleitung. Wenn dann noch ein Gebetsraum dabei entsteht, kann das hilfreich sein. ... Ein Thema, das wir in der Hausgemeinschaft und unserem Freundeskreis sehr kontrovers diskutieren, ist der Bereich der Sterbehilfe und Patientenverfügung. Die Ersten in meinem Bekanntenkreis, die eine Patientenverfügung aufgesetzt haben, waren Margot und Viola. Sie mussten erleben, wie Margots Tante einen schweren Schlaganfall erlitt, zum Schluss das Bewusstsein verlor und im Krankenhaus an diversen Schläuchen hing. Zwar hatte sie ihrer Lebensgefährtin gesagt, dass sie in einem solchen Falle nicht künstlich weiter am Leben erhalten werden wollte, doch ihre Freundin war juristisch für die Ärzte nicht existent. Die Lebensgefährtin musste also zusehen, wie Margots Tante gegen ihren Willen weiter beatmet und künstlich ernährt wurde. Die beiden hatten fünfzig Jahre zusammengelebt, und dennoch durfte die eine nicht für die andere einstehen, nicht für sie sprechen. Nach dieser Erfahrung beschlossen Margot und Viola, alles zu tun, um sich selbst eine solche Situation zu ersparen. Die Deutsche Gesellschaft für Humanes Sterben (DGHS), deren Mitglieder sie sind, ermöglichte die Abfassung einer Patientenverfügung. Viola sagt heute, dies war im Grunde ihre äußere Vorbereitung auf den Tod - auch wenn sie sich damals innerlich noch nicht mit dem Sterben befasst hatte. Vor ein paar Wochen haben sie ihre Verfügung noch einmal überarbeitet, damit sie auch heutigen Kriterien standhält. Viola sagt, es war kein angenehmer Prozess, sich mit dem eigenen Sterben in allen Einzelheiten auseinanderzusetzen, in technischer Hinsicht gewissermaßen. Aber sie seien froh, dass sie es nun hinter sich gebracht haben und dass die Verfügung fertig in der Dokumentenmappe für den Fall bereitliegt, dass sie gebraucht wird. Auch Manfred ist der DGHS beigetreten, um seinen hypochondrischen Phantasien von Siechtum, wie er selbst sagt, etwas entgegenzusetzen. Derzeit formuliert er seine alte Patientenverfügung präziser, damit sie den gesetzlichen Anforderungen genügt. Beigetreten sind Margot und Viola der DGHS, weil sie für sich auch die aktive Sterbehilfe offen halten wollen. Und genau aus diesem Grund ist die Vereinigung umstritten, weil sie konkrete Anleitungen gibt, aus diesem Leben zu gehen. Nun ist es nicht so, dass sich Margot und Viola nicht der Konsequenzen bewusst wären für den Fall, dass es eine solche gesetzliche Möglichkeit in Deutschland gäbe. Viola spricht nicht umsonst von der Ökonomisierung der gesellschaftlichen Probleme. Möglicherweise fühlen sich etliche Rentner verpflichtet, ihrem Leben frühzeitig ein Ende zu setzen, da die Nachkommen dann mehr vom Erbe haben. Warum noch ein schweres Jahr im Pflegeheim, wenn die Kinder doch gerade ihr Haus renovieren und das Geld dringend brauchen können? Warum noch ein quälender Monat im Krankenhaus, wenn niemand mehr auf einen wartet? Viola erzählte in diesem Zusammenhang die Geschichte ihrer Tante, die auf die neunzig zuging und im eigenen Häuschen in Berlin-Zehlendorf lebte. Die Tante musste sich stark einschränken, um das Haus halten zu können, und knauserte sich durch ihr kümmerliches Leben. Als Viola ihr vorschlug, eine Verrentung des Hauses vorzunehmen, damit sie auf ihre alten Tage besser leben könne, wehrte die Tante ab. Sie hatte Angst, dass dann nur noch auf ihren Tod gewartet würde. Vor dem Hintergrund, dass es immer mehr alte Menschen geben wird, die in Zukunft das Gefühl bekommen könnten, sie lägen der jungen Generation auf der Tasche, bekommt die Diskussion um die Sterbehilfe noch einmal eine neue Dramatik. Klaus erinnert in diesem Zusammenhang an das Unwort vom „sozialverträglichen Ableben", zu dem sich mancher Rentner künftig genötigt fühlen könnte. Und so manchen Vorstoß gibt es ja auch schon in diese Richtung: Man muss nur an den Politiker der Jungen Union denken, der öffentlich den Standpunkt vertrat, es sei zu teuer und dem Gesundheitssystem nicht zuzumuten, dass Menschen über 75 noch ein künstliches Hüftgelenk implantiert werde. Wir müssen alles tun, damit eine Diskussion, die in diese Richtung geht, nie gesellschaftsfähig wird! Aktive Sterbehilfe ist in Deutschland verboten. Und das ist meiner Meinung nach richtig. Ich bin neben dem Martinshof, einer Behinderteneinrichtung in Bremen, aufgewachsen. Dort haben die Nationalsozialisten Menschen im Rahmen ihres Euthanasieprogramms umgebracht. Deswegen ist meine Haltung in der Frage der Sterbehilfe, egal ob passiv oder aktiv, so kompromisslos. Sterbehilfe muss ein Tabu bleiben. Wer will entscheiden, was lebenswert ist und was nicht? Ich denke, wenn man erst einmal anfängt, Kriterien hierfür zu entwickeln, kommt man ganz leicht ins Rutschen: Dann soll der Erste nicht mehr leben, weil er so leiden muss, und der Zweite, weil er es so mühselig hat. Nein, es gibt Fragen, die nicht verrechtlicht werden können, weil sie nicht in unserer Hand sind. Zwar muss unsere Gesellschaft es ertragen können, dass es übergesetzliche Notstände gibt, Situationen, in denen sich der Arzt für das eine oder das andere Leben entscheiden muss, aber nicht beide zugleich retten kann. Eine solche Situation kann zum Beispiel eintreten, wenn bei der Geburt Mutter und Kind gefährdet sind und nur einer überleben kann. Rette ich das Kind, weil es noch ein langes Leben vor sich hat? Rette ich die Frau, weil sie vielleicht für bereits lebende Kinder sorgen muss? Aber diese schwere Entscheidung soll dann im Nachhinein nicht ein Fall für die Strafjustiz werden. Mir ist bewusst, dass das Argument der Euthanasie in dieser Debatte eine Keule ist, und Viola hält diesen Vergleich auch für absurd, da sie ja auf ihr Selbstbestimmungsrecht pocht, das ihr laut Artikel 2 Grundgesetz; auch zusteht. Sie will nicht gesetzlich geregelt wissen, dass unter bestimmten Umständen Menschen getötet werden dürfen - sie will für sich selbst entscheiden dürfen. Die Befürworter weisen auch darauf hin, dass es zum Beispiel in der Schweiz bereits erlaubt ist, aktive Sterbehilfe zu leisten, und dass es eine Perversion sei, in einem desolaten Zustand dorthin reisen zu müssen, wenn man für sich keinen anderen Ausweg als den Freitod mehr sieht. Dennoch bin ich davon überzeugt, dass uns die Materie schnell entgleitet, wenn wir erst einmal anfangen, diesen Bereich regeln zu wollen. Sollte ich jemals in die Situation kommen, dass intensivmedizinische Maßnahmen notwendig wären, um mein Leben zu verlängern - ohne die Aussicht auf eine Verbesserung der Situation und ohne die Chance, mein Bewusstsein wiederzuerlangen, so hoffe ich auf einen klugen Arzt, der menschlich handelt. Ich möchte auf meine Mitmenschen vertrauen können, darauf, dass andere Verantwortung für mich übernehmen, wenn ich es selbst nicht mehr kann. Klaus, der Mediziner, findet diese Sicht etwas naiv: Auf kluge und menschliche Ärzte zu hoffen sei ehrenwert und auch nicht unberechtigt, aber gerade ihnen könne die Klärung des Begriffes menschenfreundlich, beispielsweise die Wertigkeit und Bindekraft einer Patientenverfügung oder die Grenzen lebensverlängernder Maßnahmen betreffend, verantwortliches Handeln erleichtern. Klärungsbedarf sieht er besonders im Blick auf das, was Sterbehilfe bedeuten kann und soll: Seiner Meinung nach muss diese rechtliche Grauzone dringend geregelt werden - so gut es geht. Denn wenn sie nicht geregelt würde, sei die Missbrauchsmöglichkeit erst recht gegeben. Für ihn geht es gar nicht darum, ob der Mensch Herr über Leben und Tod ist. Das ist seiner Meinung nach das falsche Ende der Diskussion. Sondern es geht darum, dem Einzelnen, der angesichts aussichtsloser Umstände seine Krankheit und seinen Tod akzeptiert, wirkliche Sterbehilfe zu ermöglichen und jeden - dann -ungebetenen Aufwand medizinischer Höchstversorgung zu vermeiden zugunsten konsequenter Schmerzausschaltung und Linderung von Leiden, wie es in der Hospizbewegung angelegt ist. Er möchte alles geregelt wissen, was geregelt werden kann. Es blieben ohnehin genug Fragen offen. Bei der Debatte um die Sterbehilfe kann ich nicht umhin, daran zu denken, dass es immer weniger behinderte Kinder gibt. Die pränatale Feindiagnostik macht es möglich, diese Kinder schon frühzeitig zu identifizieren - sie kommen erst gar nicht zur Welt. Hier werden die Eltern zu Herren über Leben und Tod gemacht, ihnen bürdet die moderne Medizin eine Verantwortung auf, die Menschen früher nicht hatten. Die Manipulationen am Beginn und am Ende unseres Lebens eröffnen für alles, was dazwischen liegt, vergleichbare Eingriffe. Das Leben ist dann immer weniger eine Herausforderung für jeden einzelnen Menschen - und immer mehr ein Produkt der aktuellen Manipulationen. Was uns in unserer Persönlichkeitsentwicklung als Suchen, Entscheiden, Irren und Neuentscheiden abverlangt wird, wird zum Designentwurf von Experten, von medizinisch-technischen Apparaten. Alles, was Huxley, Orwell und andere über totalitäre Herrschaft geschrieben haben, bekommt so eine bedrohliche Aktualität. Margot, die ja nur deshalb eine Befürworterin der Sterbehilfe ist, weil die gesellschaftlichen Bedingungen einfach inhuman sind, kritisiert darüber hinaus, dass der Einzelne mit diesem existentiellen Problem zu sehr allein gelassen ist. Weder die Sterbehilfe noch Themen wie Abtreibung oder pränatale Diagnostik werden im Bildungsbereich, in den Schulen, Volkshochschulen, Universitäten so aufgegriffen, dass eine profunde Meinungsbildung ermöglicht wird. Auch die Theologie gibt keine hinreichenden Antworten, die dem heutigen Stand der Entwicklung Rechnung tragen. So bleibe die Sterbehilfe ein theologisch verschwiegenes Thema. Letzteres sieht Klaus ähnlich. Die Möglichkeiten der Medizin, das Leben über den Zeitpunkt hinaus zu verlängern, an dem man früher das Ende schlicht akzeptieren musste und vielleicht auch konnte, seien enorm gewachsen. Er fragt sich, ob die Theologie, die in Sachen Lebensende vielleicht mehr und anderes beizutragen hätte, als sie es tut, dieses ambivalente Geschenk der modernen Medizin ernsthaft bedenkt. Wirkliche Hilfestellung biete sie auch dem, der bereit sei, ihr zuzuhören, nicht. Er habe im Gegenteil den Eindruck, dass die Theologie dabei sei, einem Anspruchsdenken, das alles Menschenmögliche bis zum „Menschenrecht auf Lebertransplantation" fordert, eilfertig entgegenzukommen. |