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Leseprobe aus "Die dunkle Kammer"

Von Rachel Seiffert

in der Übersetzung von Olaf Matthias Roth
Ullstein, ISBN 3-89834-024-4, Seite 264 - 269

26.

Das Dorf ist nicht weit entfernt; drei, vielleicht vier Kilometer. Die Uhr außen an der Bäckerei zeigt ein Viertel vor zwei an, als Michael dort ankommt, und er braucht nicht langer als fünf Minuten, um das Haus zu finden. Es war keine Zeit vereinbart worden, nur Nachmittag, nach dem Mittagessen; Micha ist dennoch nervös, weil niemand da ist.

Er überprüft die Adresse noch einmal, klopft erneut an die Tür, und dann weiß er nicht genau, was er tun soll, also setzt er sich hin und wartet.

Das Haus ist grün. Aus blaugrün bemaltem Holz. Micha setzt sich auf die Stufen, die zu der schmalen Veranda führen. Sie erstreckt sich über die gesamte Längsseite des Gebäudes. Am anderen Ende führen weitere Stufen zu einem kleinen Garten und einem matschigen Pfad hinunter. Zwei niedrige Fenster gehen auf die Straße hinaus, und nach etwa einer halben Stunde steht Micha auf und klopft an die Scheibe. Keine Antwort. Er versucht es nochmals, berührt mit den Fingerspitzen das nächste Fenster, legt die gewölbten Hände an die Augen und späht hinein. Kein Geräusch, keine Bewegung, niemand zu Hause.

- Hallo?

Michas Atem schlägt sich auf dem Glas nieder, und er wischt rasch mit dem Ärmel darüber. Das Haus bleibt ruhig und still.

Micha dröhnt das eigene Hallo noch in den Ohren: eine laute Stimme an einem stillen Nachmittag. Er sieht zu, wie seine Hand zittert und sich dann langsam beruhigt. Eine Weile bleibt er beklommen auf den Stufen zur Veranda des stillen Hauses stehen, schiebt dann das Fahrrad über die Straße und setzt sich auf die niedrige Mauer gegenüber. Eine sichere Distanz, Hände in den Taschen, Opas Foto an seiner Handfläche.

Wenn er sich an Opa erinnert.

Ich will, dass er sich an Opa erinnert, und will es nicht.

Micha steht auf; er lässt das Fahrrad liegen und geht ein Stück. Zuerst zum einen Ende der Straße, dann zum anderen. Die Minuten verstreichen, ein paar Leute, ein paar Autos, aber keines hält am Haus an. Er setzt sich wieder hin.

Das hat er nicht erwartet.

Es ist schon spät; Schatten kriechen über die Straße hinweg auf ihn zu. Aus der Entfernung, mit der Straße dazwischen, sieht das Haus wieder ganz anders aus. Vielleicht nicht so leer. Micha bildet sich ein, er hätte ein Licht gesehen, hinter einem Vorhang, und der Gedanke scheint gar nicht so abwegig. Hier, auf der anderen Seite der Straße, kann Micha sich vorstellen, dass jemand da drinnen ist. Hinter einer Tür, oder unter einem Fenster; dass jemand reglos und stumm dasitzt, wahrend der Fremde zu laut durch die Scheibe gerufen hat.

Er hat keine Uhr um, weiß nicht, wie lange er schon hier ist. Zwei Stunden. Drei. Länger.

Die Sonne ist jetzt zwar nicht warm, aber es ist nicht Abend, noch nicht, und daher noch nicht Zeit zu gehen. Michas Beine sind steif vom Sitzen. Er geht auf und ab, bis sie zu prickeln beginnen, und da schnürt er seine Stiefel auf und reibt sich die Füße. Als Michael wieder aufsieht, ist er nicht allein.

Ein alter Mann steht auf der Veranda, eine alte Frau daneben, beiden sehen zu ihm herüber.

- Jozef Kolesnik?

Micha hebt das Fahrrad auf und schiebt es zurück über die Straße. Er hat sie nicht kommen sehen. Sie müssen durch den Garten gekommen sein. Von dem Pfad. Der alte Mann hat eine Einkaufstasche in der Hand, und Micha denkt: Alles in Ordnung, er hat nur eingekauft. Und sich nicht etwa versteckt.

- Jozef Kolesnik? Sprechen Sie Deutsch?

- Ja.

- Sie sind Jozef Kolesnik?

Er antwortet nicht. Micha bleibt stehen.

- Hat man Sie angerufen? Jemand sagte mir, Sie würden angerufen werden.

- Ja.

Micha tritt näher. Er weiß nicht, was er sagen soll. Drei Stunden hat er gewartet. Die Sonne steht tief, und Micha hat die Straße nicht verlassen, damit er ihn nicht verpasst. Hatte Angst, dass er kommen würde. Hatte Angst, dass er nicht kommen würde. Und nun ist er da.

- Ob ich Ihnen wohl ein paar Fragen stellen dürfte? Ware das möglich?

- Worüber?

Der alte Mann steht drei Stufen hoch auf der Veranda, dahinter seine Frau. Micha steckt eine Hand in die Tasche, die Finger auf dem Foto, auf der glatten Seite, Fingerabdrücke auf dem Glanzpapier.

- Ich heiße Micha.

Michael zieht die Hand heraus; hält sie hin, leicht zittrig, und das Foto bleibt verborgen. Der alte Mann halt die Einkaufstasche bald in der einen, bald in der anderen Hand, antwortet aber nicht.

- Ich bin Michael Lehner.

- Sie sind Deutscher.

- Ja.

Der alte Mann wendet sich zu seiner Frau um, und sie nimmt seinen Arm, sagt etwas. Micha glaubt, sie will, dass er geht; bittet den alten Mann, ihn fortzuschicken.

- Ich war im Museum. Man hat mir gesagt, Sie würden sich erinnern.

Die alte Frau spricht mit ihrem Mann. Er antwortet, und sie atmet aus, ein tiefes Seufzen. Micha wartet darauf, dass sie mit ihm reden, aber das tun sie nicht. Sie schauen ihn nur an, und er schaut sie an, und Micha graut vor dem, was er gleich tun wird. Vor der Reaktion, die er hervorrufen könnte.

Nein.

Es ist zu schwer. Er hat einen salzigen Geschmack im Mund. Panik hinten im Hals.

Wenn er sich an Opa erinnert. Wird er sich an etwas Gutes erinnern? Wird es auch etwas Gutes geben, oder nur Schlechtes?

Tränen bahnen sich ihren Weg; Micha kann sie spüren. Jetzt in seiner Brust, aber auf dem Weg zu seinen Augen. Der alte Mann spricht.

- Sich an was erinnern?

Micha antwortet nicht; er bleibt reglos.

Wenn ich es zeige, wird er sagen, ja, ich kannte ihn, oder er wird sagen, nein, ich kannte ihn nicht. Irgendetwas wird es sein. Und das ist ja schon etwas.

Michael schwitzt am Rücken, in den Haaren.

- Warten Sie.

Doch es ist zu schwer. Es kommen keine Worte, nur Tränen.

- Entschuldigung.

Michas Mund ist teigig, sein Blick verschwimmt.

- Entschuldigung.

Er halt sich an Andrejs Fahrrad fest und verbirgt das Gesicht in der Armbeuge. Es ist dunkel hinter seinem Ärmel.

- Es ist gleich vorbei.

Die alte Frau kommt von der Veranda herunter. Sie hat Toilettenpapier in ihrer Einkaufstasche und reißt ein paar Blatt ab. Micha wischt sich über das Gesicht, die Nase, und die alte Frau reißt noch mehr ab. Jozef Kolesnik schaut auf seine Füße. Seine Frau nimmt Andrejs Fahrrad und lehnt es gegen den Zaun, dann geht sie ins Haus.

Er ist erschüttert, der alte Mann. Ein deutscher Junge weint vor seinem Haus. Micha glaubt, dass er auch zornig ist, aber er spricht nicht. Er setzt sich auf die Verandastufen, und da möchte Micha nichts lieber als sich zu ihm zu setzen und an dem glatten Holzgeländer anzulehnen. Seine Frau bringt Micha einen Wodka und ein Taschentuch, aber sie ist nicht freundlich. Micha weiß, dass sie ihn von hier fort haben will, und ihr Mann ebenfalls. Hör auf zu weinen und geh.

- Jozef Kolesnik.

Der alte Mann hat die Hand auf die Brust gelegt.

- Elena Kolesnik, meine Frau.

Sie nickt, und dann steht er auf.

- Bitte gehen Sie.

Er geht eine Stufe weiter nach unten, einen Schritt auf Micha zu, spricht ruhig.

- Es ist viele Jahre her. Eine schlechte Zeit. Ich bin ein alter Mann. Bitte gehen Sie.

So seltsam, dass er bitte sagt. Er sagt es freiwillig, aus Freundlichkeit. Er streckt die Hand aus; eine Geste, um Micha das Weggehen zu erleichtern.

Micha steht nahe genug, um ihm in die Augen sehen zu können, aber er tut es nicht. Er könnte ihm immer noch Opas Foto zeigen, aber er tut es nicht. Es wird dunkel, und es ist zu schwer. Er nimmt Andrejs Fahrrad und geht.


© 
Christoph Gäbler 21.07.2010