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Leseprobe aus "Mein Herz so weiß"

Von Javier Marias

in der Übersetzung von Elke Wehr
dtv  1750, Seite 160/1

vergrößernLuisa ist nicht so, die neuen Generationen verachten auch, aber zurückhaltender, Luisa ist sanfter, obwohl sie einen Sinn für Redlichkeit besitzt, der sie bisweilen sehr ernst werden lässt, bisweilen weiß man, dass sie nicht scherzt, sie glaubt, dass ich jetzt mit meinem Vater zusammen bin, aber mein Vater ist unerwartet ausgegangen, und deshalb höre ich Enthüllungen von Custardoy, wenn sie wahr sind, sie müssen es sein, denn er hat nie Erfindungskraft besessen, bei seinen Geschichten hat er sich immer an das gehalten, was war oder ihm widerfahren ist, deshalb muss er vielleicht die Dinge erleben und ihre Doppeldeutigkeiten erfahren, weil er sie nur so erzählen kann, nur so begreift er das Unbegreifbare, manche Menschen kennen nicht mehr Phantasien als die erfüllten, sie sind nicht fähig, sich etwas vorzustellen, und daher wenig vorausschauend, sich etwas vorstellen vermeidet viel Unglück, wer seinen eigenen Tod antizipiert, bringt sich selten um, wer den der anderen antizipiert, ist selten ein Mörder, es ist besser, in Gedanken zu morden und sich umzubringen, das hinterlässt keine Folgen noch Spuren, selbst mit der fernen Gebärde des zupackenden Arms, alles ist eine Frage der Entfernung und der Zeit, wenn man ein wenig entfernt ist, trifft das Messer die Luft statt die Brust, es senkt sich nicht in das braune oder weiche Fleisch, sondern bewegt sich durch den Raum, und es geschieht nichts, seine Bewegung wird weder berechnet noch aufgezeichnet und ist nicht bekannt, Absichten werden nicht bestraft, so oft fehlgeschlagene Versuche werden verschwiegen und sogar geleugnet von denen, die sie erleiden, weil nach ihnen alles unverändert ist, die Luft ist unverändert, und die Haut tut sich nicht auf noch ändert sich das Fleisch, und nichts wird aufgeschlitzt, es ist harmlos, das flachgedruckte Kissen, unter dem sich kein Gesicht befindet, und dann ist alles genau wie vorher, weil die Häufung und der Stoß ohne Adressat und das Ersticken ohne Mund nicht genug sind, um die Dinge und die Beziehungen zu ändern, nicht die Wiederholung ist es noch das Beharren noch die gescheiterte Durchführung noch die Drohung, das macht es nur schlimmer, aber es ändert nichts, die Wirklichkeit kommt nicht hinzu, sie sind nur wie Miriams Gebärde des Packens und ihre Worte (>Du gehörst mir<, >Du bist in meiner Schuld<, >Hab ich dich jetzt<, >Mit mir in die Hölle<), die nicht die späteren Küsse und den Singsang im Zimmer nebenan an der Seite des linkshändigen Mannes verhinderten, Guillermo mit Namen, dem man gesagt hatte: >Sie oder ich, eine Tote wirst du haben.<


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Christoph Gäbler 16.09.2009