Ich bin bei den letzten Seiten des Buches, das acht Monate lang mein Leben ausgefüllt hat, bei Tag und bei Nacht. Zu so einer Zeit hat man die Arbeit schon satt, sie langweilt und widert einen bereits an. Doch in der Nacht finde ich in einer Schublade die ersten Skizzen zu der Arbeit: einen Einakter von vor neunzehn Jahren - in Berlin geschrieben, ich konnte damals weder gut Ungarisch noch Deutsch - und einige herausgerissene Notizbuchblätter von vor acht Jahren, aus London datiert. Beide Fragmente kreisen um dasselbe Thema: den Stoff meines Buches, den ich jetzt endlich, einmal nach neunzehn-, einmal nach achtjähriger Vorbereitung und Zaudern, niedergeschrieben habe. Diese Notizen und Versuche waren während der Arbeit völlig vergessen; im Augenblick der Ausführung schien mir das Thema ganz neu, es hat mich gelockt und mitgerissen; jetzt sehe ich, dass ich den Stoff schon vor neunzehn Jahren gründlich geprüft und mir dazu vor acht Jahren Notizen gemacht habe, doch damals schreckte ich immer wieder davor zurück, weil ich mir meiner Sache nicht sicher war. Bis ich ihn endlich, nach zwanzigjähriger Anlaufzeit, an einem Tag, als die Inkubationsfrist abgelaufen war, in einer Art Zwangshandlung zu schreiben begann. Die Inkubation, die Zeit des Reifens, lässt sich nicht abkürzen. Der Schriftsteller konnte sein Werk keinen Tag früher schreiben, erst als das Thema ganz ausgereift war. Ein Mensch benötigt neun Monate, um fertig für die Welt zu sein, der Elefant anderthalb Jahre, ein Buch braucht manchmal zwanzig oder vierzig Jahre. Man muss sich nicht, kann sich gar nicht beeilen, hat zu warten, zu lauern. Das Buch ereignet sich in uns.
APRES
Schon eine Minute nachdem ich das Buch abgeschlossen habe, das mein Leben, meine Gesundheit, Nerven, Glück und Freiheit, meine ganze Zeit bis zur Neige gefordert hatte - acht Monate lang -, spüre ich eine sonderbare Verwirrung. Fühle mich wie einer, der endlich seinen Tyrannen und Qualgeist abgeschüttelt hat, fühle mich befreit, möchte vorsichtig jubeln und jauchzen, weil ich mich endlich, ja, endlich nicht mehr bei Tag und bei Nacht mit derselben fixen Idee und Zwangsvorstellung befassen muss. Weil ich ihr endlich den Hals umgedreht und mich von ihr befreit habe - wie von einem Gefängniswärter und Kerkermeister, meinem Henker und Peiniger! Und zugleich fühl' ich mich heimatlos. Als ob man mich aus einem unheimlich vertrauten Zuhause und der Heimat verbannt hätte, wo mir alles verhasst und zugleich süß und wunderbar bekannt und vertraut war. Denn die Arbeit ist auch Heimat, also Kerker und Glück zugleich. So, jetzt hab' ich den Punkt gesetzt und bin endlich frei. Ich schaue in Panik um mich: Was soll ich mit dieser Freiheit nun anfangen?