in der Übersetzung von Barbara Schönberg Heyne 01/8212
Während Mutters Krankheit tat ich, was ich konnte nicht so wie bei Freddie, als ich einfach die Augen verschlossen hatte. Aber ich konnte nicht viel tun. Die ganze Zeit war mir übel vor Entsetzen. Sie verfiel zusehends. Der Verfall - das war es. Körperliches Leiden ist mir zuwider. Ich kann es einfach nicht ertragen. Morgens, bevor ich zur Arbeit ging, schaute ich gewöhnlich zu ihr in die Küche hinein, wo sie im Bademantel herumwirtschaftete. Ihr Gesicht war gelb und hatte einen krankhaften Glanz. Man sah alle Knochen. Zumindest sagte ich nicht zu ihr: >Fühlst du dich heute besser, das ist fein<; wir setzten uns hin und tranken Kaffee zusammen. Ich fragte, ob ich beim Apotheker vorbeigehen solle - so viele Pillen und Medikamente. Und sie sagte: »Ja, bring bitte dies oder jenes mit.« Aber küssen konnte ich sie nicht. Zärtlichkeit ist in unserer Familie nie sehr groß geschrieben worden. Ich kann mich nicht erinnern, meine Schwester je so richtig gedrückt zu haben. Ein Küsschen auf die Wange war das höchste der Gefühle. Und jetzt wollte ich Mutter gern in den Arm nehmen und vielleicht ein bisschen wiegen. Als es aufs Ende zuging und sie so tapfer war und es ihr so schrecklich schlecht ging, dachte ich, ich sollte sie einfach in die Arme nehmen und an mich drücken. Aber ich konnte sie nicht berühren. Nicht richtig zärtlich. Dieser Geruch - und es heißt zwar, Krebs sei nicht ansteckend, aber was weiß man schon darüber? Nicht viel. Sie pflegte mich so gerade und offen anzusehen. Und ich konnte ihr kaum in die Augen schauen. Nicht dag ihr Blick um etwas gebeten hätte. Aber ich schämte mich so meiner Gefühle, meiner selbstsüchtigen Angst. Ich benahm mich nicht so schäbig, wie ich es bei Freddie getan hatte. Aber ihr muss es vorgekommen sein, als gäbe ich ihr nicht gerade viel von mir - als hätte ich nicht viel zu geben. Ein paar Minuten morgens zwischen Tür und Angel. Abends kam ich immer spät nach Hause, nach dem Essen mit irgendwelchen Kollegen, in der Regel mit Joyce, und dann war Mutter schon im Bett. Aber schlafen tat sie nicht, wie ich es mir gewünscht hätte. Dann ging ich hinein und setzte mich zu ihr. Oft litt sie Schmerzen. Ich machte ihre Medikamente für sie fertig. Das war ihr angenehm, hatte ich den Eindruck. Eine gewisse Fürsorge. Wir sprachen auch miteinander. Dann fing meine Schwester Georgie an, zwei bis drei Nachmittage in der Woche herüberzukommen und bei ihr zu sitzen. Ich konnte ja nicht, ich arbeitete, und ihre Kinder waren in der Schule. Wenn ich heimkam und die beiden zusammensitzen sah, wurde ich immer ganz grün vor Neid, weil sie sich so gut verstanden. Mutter und Tochter.
Als Mutter dann ins Krankenhaus kam, besuchten Georgie und ich sie abwechselnd. Georgie musste immer von Oxford herkommen. Ich sehe nicht, wie ich hätte öfter kommen können. jeden zweiten Tag zwei, drei Stunden im Krankenhaus. Es war grauenhaft. Ich wusste nie, was ich sagen sollte. Aber Georgie und Mutter unterhielten sich die ganze Zeit. Und worüber! Ich hörte immer ganz ungläubig zu. Sie sprachen über Georgies Nachbarinnen, über die Kinder und die Männer von Georgies Nachbarinnen, über die Freundinnen ihrer Freundinnen. Der Stoff ging ihnen nie aus. Es war sogar interessant. Weil sie so drinsteckten.
Als Mutter dann starb, war ich natürlich erleichtert. Georgie auch. Aber ich wusste, dass es einen großen Unterschied machte, ob Georgie das sagte oder ich. Sie hatte ein Recht dazu. Weil sie war, was sie war. Georgie war den Monat vor Mutters Tod Tag und Nacht jede Minute bei ihr gewesen. An den Anblick hatte ich mich da schon fast gewöhnt: Mutter bestand nur noch aus Knochen mit gelblicher Haut darüber. Aber ihre Augen waren unverändert. Sie litt Schmerzen und versuchte nicht, sie zu verbergen. Sie hielt Georgies Hand.
Weil Georgie eine Hand hatte, die man halten konnte.
Dann war ich allein in der Wohnung. Ein oder zweimal kam einer der Männer. Das brachte nicht viel. Ihnen gebe ich nicht die Schuld, wie könnte ich? Damals fing ich schon an zu begreifen, dass ich mich verändert hatte. Sie wurden mir lästig! Ganz etwas Neues. Nicht dass mir Sex nicht gefehlt hätte. Manchmal hätte ich die Wände hochgehen können. Aber irgendwie ist das doch öde, immer dasselbe. Und die Wohnung war voller Andenken an Freddie. Ich hatte das Gefühl, ich würde noch selber zu einem Monument für Freddie, weil ich auf Schritt und Tritt an ihn erinnert wurde. Musste das sein? Ich beschloss, die Wohnung zu verkaufen und mir etwas Eigenes einzurichten. Diesen Gedanken wälzte ich monatelang. Schon damals war mir klar, dass das für mich eine völlig neue Art zu denken war. Wenn ich an der Zeitschrift arbeite, denke ich ganz anders, treffe schnelle Entscheidungen, bin wie ein Ball, der auf einem Wasserstrahl tanzt. Darum wurde mir ja der Posten angeboten. Komisch, ich hatte gar nicht damit gerechnet. Andere wussten, dass ich für die Position der stellvertretenden Herausgeberin vorgesehen war, ich nicht. Zum Teil war ich zu sehr damit beschäftigt, mein Image zu pflegen. Am Anfang war mein Image die Ulknudel Janna mit den verrückten Klamotten, Jannadarnpf in allen Gassen. Später dann, zu Joyces Zeit, die Seele des Betriebs, zuverlässig und unbezahlbar und immer schon dabei gewesen, und im Hintergrund ein smarter vorzeigbarer Ehemann. Nicht dag Freddie sich darin wieder erkannt hätte. Und dann, scheinbar ganz plötzlich, eine Frau in mittleren Jahren. Tüchtig. Attraktiv. Es war schwer zu verkraften. Es ist immer noch schwer.
Eine attraktive Witwe in mittleren Jahren mit einem Traumjob in der Publizistik.
In der Zwischenzeit überlegte ich hin und her, wie ich mein weiteres Leben gestalten sollte. In der Wohnung, die ich mit Freddie geteilt hatte, hatte ich das Gefühl, umhergeweht zu werden wie eine Feder oder ein Fussel. Wenn ich nach der Arbeit nach Hause kam, war es, als hätte ich dort eine Art Stütze oder Anker zu finden erwartet, und es war nichts da. Das machte mir bewusst, wie haltlos ich war, wie abhängig. Es tat weh, mich abhängig zu sehen. Natürlich nicht finanziell, aber menschlich. Kind-Tochter, Kind-Frau.
Mit dem Gedanken, wieder zu heiraten, konnte ich mich nicht recht befreunden. Irgendwie konnte ich mir das für mich nicht vorstellen. Dabei sagte ich mir, ich sollte unbedingt wieder heiraten, bevor es zu spät sei. Und manchmal möchte ich das jetzt noch tun. Gerade jetzt, wo ich das Gefühl habe, ich sei ein bisschen weniger schäbig geworden als früher. Aber wenn ich wirklich nachdenke, weiß ich, dass ich nicht heiraten sollte. Es hat mich ja sowieso niemand gefragt!
Ich verkaufte die Wohnung und kaufte diese hier. Wohn-, Schlaf- und Arbeitszimmer. Ein großes, teures Apartmenthaus. Aber ich halte mich hier selten auf. Wenn ich mal hier bin, denke ich viel nach.
Diese Nachdenkerei - es ist eigentlich kein richtiges Denken, eher ein geistiges Festhalten von Dingen, bis sie sich von selber ordnen. Wenn man das richtig langsam geschehen lässt, kommen überraschende Resultate heraus. Zum Beispiel, dass man ganz andere Vorstellungen hat, als man vorher geglaubt hatte.
Über manches muss ich noch in dieser Weise nachdenken, wozu ich noch nicht gekommen bin.
Joyce zum Beispiel. Unser Büro im obersten Stock mit Sonnenlicht und Weiter von allen Seiten. Sie an ihrem langen Schreibtisch und ich gegenüber an dem meinen. So sitzen wir nun seit Jahren einander gegenüber und machen die Zeitschrift. Dann das lange Regal an der einen Längswand mit all den Dingen, die wir für die Arbeit brauchen, Maschinen, Zeichenbretter, Fotos. Und auf der anderen Seite das Tischchen, wo die Sekretärinnen ihre Notizen aufnehmen oder Leute sitzen, mit denen wir sprechen wollen. Daran denke ich gerne, denn das ist so richtig, so stimmig, das passt genau zur Funktion. Aber ich muss nachdenken, nachdenken ... da ist ein Gefühl von Unbehagen, so als wäre irgend etwas nicht ganz richtig.
Nach dem Einzug in die neue Wohnung merkte ich bald, dass mein Leben sich nur im Büro abspielte. Zu Hause lebte ich gar nicht. Zu Hause - was für ein Ausdruck! Es war der Ort, wo ich mich fürs Büro fertigmachte oder vom Büro ausruhte.
Eins der Dinge, die bei meinem Nachdenken herauskommen, ist, dass ohne meine Arbeit nicht viel von mir übrig bliebe. Ich schaue mir die cleveren jungen Frauen an, die sich nach oben durchboxen. Eine davon, Phyllis, sehe ich gerade vor mir und grübele. ja, sie ist viel versprechend, sie kann mit Worten umgehen, jeden interviewen, Texte redigieren, sie hat einen messerscharfen Verstand und verliert nie die Ruhe.
Versteht sie auch, wie alles wirklich läuft? Was ich damit meine? Ach, so viel. Alles. Sie ist ehrgeizig und ungeduldig, und man muss doch auch abwarten können.
Am meisten musste ich daran denken, dass ich Freddie im Stich gelassen hatte und meine Mutter im Stich gelassen hatte und dass das daran lag, dass ich eben so ein Mensch war. Wenn wieder einmal so etwas auf mich zukäme wie Krankheit oder Tod, etwas, mit dem ich fertig werden müsste, und ich sagte zu mir jetzt benimmst du dich wie ein Mensch und nicht wie ein Gör, ich würde es nicht schaffen. Es ist keine Frage des Willens, sondern wie man ist.
Darum beschloss ich, etwas Neues zu lernen.
In der Zeitung sah ich eine Anzeige. >Möchten Sie sich um einen alten Menschen kümmern?<
...
Ich sah eine alte Hexe. Ich starrte die alte Frau an und dachte, eine Hexe. Das kam, weil ich den ganzen Tag über einem Artikel >Frauenbilder damals und heute< verbracht hatte. Das >Damals< war nicht genau spezifiziert: die Dame der spätviktorianischen Zeit, die Wohltäterin, die Kinderreiche, die kränkliche unverheiratete Tante, die Missionarsfrau und so weiter. Ich hatte etwa vierzig Fotos und Zeichnungen zur Auswahl. Unter anderem eine Hexe, aber die hatte ich nicht genommen. Aber hier stand sie neben mir in der Apotheke. Eine kleine, gebeugte Frau mit einer Hakennase, die beinahe das Kinn berührte, in schweren, schwarzen, angestaubten Kleidern und mit einer Art Häubchen auf dem Kopf. Sie sah, dass ich sie anstarrte, hielt mir ein Rezept unter die Nase und verlangte: »Was ist das? Lesen Sie es mir vor.« Zornige blaue Augen unter vorstehenden grauen Brauen, aber in ihnen lag etwas wunderbar Sanftes.
Aus irgendeinem Grund mochte ich sie sofort leiden. Ich nahm das Papier an mich und wusste, dass ich damit viel mehr übernahm. »Mache ich«, sagte ich. »Aber warum? Ist er nicht höflich zu Ihnen?« Dies in scherzhaftem Ton, und sie reagierte sofort mit einem energischen Schütteln ihres Greisinnenkopfes.
»Nein,. er taugt überhaupt nichts, ich verstehe nie, was er sagt.«
...
Und nach der Arbeit ging ich wieder zu Mrs. Fowler.
Den ganzen Tag hatte ich über mein wunderbares Badezimmer nachgedacht und wie abhängig ich von meinen Bädern war. Ich dachte, mit dem Geld, das ich in einem Monat für heißes Wasser ausgab, könnte man ihr Leben umkrempeln.
Als ich mit sechs Flaschen Malzbier und ein paar neuen Gläsern ankam und von der Tür her rief: »Hallo, da bin ich, lassen Sie mich rein, sehen Sie mal, was ich für Sie habe!« und den grässlichen Korridor entlang zu ihr hineinstürmte, da war ihr Gesicht sauer wie eine Zitrone. Sie wollte mich für ihre neuen Kabel und Schalter bestrafen, aber ich ließ sie nicht. Ich fuhrwerkte herum und knallte mit Schranktüren, schenkte Malzbier ein und stellte die neuen Gläser ins Licht, und als ich mich schließlich hinsetzte, tat sie es auch und war wieder vergnügt.
»Haben Sie schon meine neuen Stiefel gesehen?« fragte ich und streckte sie ihr hin. Sie beugte sich vor, um sie genau zu sehen, und ihr Mund verzog sich in übermütigem Lachen.
»Ach«, hauchte sie, »was Sie immer für entzückende Sachen anhaben. Ich liebe schöne Kleider.<«
Also verbrachten wir den Abend damit, dass ich ihr jeden Faden vorführte, den ich am Leibe trug. Ich zog meinen Pullover aus und stand still, damit sie um mich herumgehen konnte, und sie lachte. Darunter trug ich mein neues Unterkleid aus Crêpe de Chine. Ich hob den Rocksaum, dass sie die Spitze daran sehen konnte. Die Stiefel zog ich aus und ließ sie sie in die Hand nehmen.
Sie lachte und hatte ihre Freude.
Dann erzählte sie mir von Kleidern, die sie in ihrer Jugendzeit getragen hatte.
Ein Lieblingskleid von ihr war aus grauem Popelin mit rosa Blumen. Sie hatte es getragen, wenn sie ihre Tante besuchte. Es hatte dem Flittchen ihres Vaters gehört und war zu groß für sie, aber sie hatte es enger gemacht.
»Ehe meine arme Mutter starb, war nichts zu gut für mich, nur nachher bekam ich die abgelegten Sachen. Aber dieses Kleid war so schön, so schön, und es stand mir so gut.«
Wir unterhielten uns über Kleider, Unterhosen, Petticoats, Unterkleider, Pantoffeln, Boas und Korsetts, die man vor fünfzig, sechzig, siebzig Jahren getragen hatte. Mrs. Fowler ist über neunzig.
Und am meisten redete sie über die Freundin ihres Vaters, der eine Kneipe gehört hatte. Als Mrs. Fowlers Mutter starb ... »Sie wurde vergiftet, meine Liebe! Sie hat sie vergiftet - ja, ich weiß schon, was Sie denken, ich sehe Ihr Gesicht, aber ich sage Ihnen, sie hat meine Mutter vergiftet und hat es auch bei mir versucht. Sie hat bei uns gewohnt. Das war in St. John's Wood. Ich musste für das ganze Haus das Dienstmädchen machen, Tag und Nacht musste ich schuften, und wenn die beiden zu Bett gingen, musste ich ihnen dünnen Porridge mit Whisky und Sahne hinaufbringen. Dann stand sie in ihrem frivolen roten Bettjäckchen mit Federbesatz auf der einen Seite des Feuers und mein Vater im seidenen Schlafrock auf der anderen. Sie sagte zu mir: Maudie, fühlst du dich heute stark? Und dann warf sie den ganzen Federkram ab und stand im Korsett da. Solche Korsetts werden heute gar nicht mehr hergestellt. Sie war eine große, dralle, hübsche Frau, und mein Vater sag daneben in seinem Armsessel, lächelte und strich sich den Schnurrbart. Ich musste die Korsettschnüre lösen. Was für eine Arbeit! Aber immer noch besser, als sie in das Korsett zu quetschen und zu schnüren, wenn sie sich zum Ausgehen anzog. Und nie fragten sie mich: Maudie, möchtest du auch einen Löffel Porridge? Nein, sie aßen und tranken wie die Fürsten, ihnen fehlte es an nichts. Wenn sie Appetit auf Krebs oder Seezunge oder Hummer hatte, ließ er es holen. Aber nie hieß es: Maudie, magst du etwas davon? Aber dann wurde sie dicker und dicker, und dann hieß es: Willst du mein altes Blauseidenes haben, Maudie. Ob ich wollte! Aus einem von ihren Kleidern konnte ich mir ein Kleid und eine Bluse machen und manchmal noch eine Schärpe dazu. Aber trotzdem hatte ich nie so richtiges Vergnügen daran, ihre Sachen zu tragen. Ich hatte immer das Gefühl dabei, dass sie sie meiner armen Mutter gestohlen hatte.«
Es wurde spät, ehe ich heimkam, und in der Wanne überlegte ich, ob wir wohl einen Artikel über diese alten Kleider bringen könnten. Ich trug die Idee Joyce vor, und sie schien durchaus interessiert.
...
Ich flog mittags von München zurück und ging direkt ins Büro, erholt und tatendurstig. Ich liebe diese Reisen. Was ich daran liebe, ist das Gefühl meiner Effizienz. Mir macht es Spaß, alles im Griff zu haben - ich tauchte auf, und sofort klappt alles. Ich mag es, wenn man mich kennt, mir mein Zimmer gibt, sich an meinen Geschmack erinnert. Am Wochenende habe ich Freunde besucht, eigentlich eher Geschäftsfreunde, dann Montag und Dienstag die Messe. Ich genieße es, Herrin der Lage zu sein. Ich berste vor Vitalität, ich esse genau das Richtige, trinke keinen Tropfen zuviel, schlafe kaum, bin ich von früh bis spät auf Achse. Ich weiß ganz genau, wie ich mich in Szene zu setzen und aus meinem Auftritt das Beste zu machen habe. Ich sah mich selber, wie ich Montag früh zur Modenschau kam und Platz nahm und die Leute mir zulächelten und mich grüßten; und gleichzeitig war ich fünfzehn Jahre jünger und sah mich durch die Augen der anderen genau so, wie ich mit dreißig die arrivierten Frauen mit ihrer langen Erfahrung gesehen hatte. Ich bewunderte sie und hätte gern zu ihnen gehört, und ich nahm sie unter die Lupe und studierte sie bis ins kleinste Detail, und dabei suchte ich nach etwas, was sie übersehen hatten, nach Anzeichen dafür, dass sie durch andere, darunter mich, verdrängt werden würden. Von diesen Frauen, die ich damals studiert habe, ist nur noch eine da; einige sind allerdings auch noch anderweitig in der Branche tätig. Vier Tage hindurch habe ich gegrübelt, was bei mir wohl einmal dazu führen könnte, dass ich gefeuert werde oder im Büro eine weniger aufreibende Arbeit übernehme, während jemand anders - wer wohl? - auf diese Reisen geht. Ich kann es mir nicht vorstellen. Einfach das Alter? Das hat doch nichts damit zu tun! Dass mir das alles einmal langweilig wird? Daran kann ich nicht glauben, noch nicht.
Als ich ins Büro kam, wartete Joyce schon auf mich, damit sie nach Hause könnte: Das haben wir nie ausdrücklich vereinbart, aber wir richten es so ein, dass zu jeder Zeit eine von uns da ist. Sie sah erschöpft aus. Sie sagte, sie hätte mit ihrem Mann Furchtbares durchgemacht, während ich weg war, und sie würde mir später alles erzählen, aber nicht jetzt, und damit ging sie. Dann war eine Notiz von Hermione Whitfield da, sie hätte meine Nachricht wegen der Pflegerin erst Montag bekommen, und dann hätte Mrs. Fowler sich geweigert, die Pflegerin einzulassen. Das brachte mich unsanft in meinen Londoner Alltag zurück. Den ganzen Nachmittag arbeitete ich, größtenteils am Telefon und dann mit den Fotografen für morgen. Aber gleichzeitig dachte ich an Joyce. Ich habe begriffen, dass diese Geschichte mit ihrem Mann das Ende oder wenigstens einen Wandel in unserer Zusammenarbeit bedeutet. Das ist gewiss. Darum fühlte ich mich deprimiert und sorgenvoll, noch ehe ich das Büro verließ. Noch etwas habe ich begriffen wie nie zuvor: Joyce ist meine einzige wirkliche Freundin. Zu ihr habe ich eine Beziehung wie zu niemandem sonst, jetzt nicht und nie vorher. Zu Freddie am allerwenigsten.
Ich nahm ein Taxi und wollte auf kürzestem Wege nach Hause, denn auf einmal war ich müde. Aber dann lieg ich mich doch bei Maudie Fowler absetzen. Ich klopfte und hämmerte auf die Tür ein, stand dann stockstill und lauschte. Kein Ton. Ich bekam es mit der Angst - war sie etwa tot? - und bemerkte nicht ohne Interesse, dass eine meiner Empfindungen bei diesem Gedanken Erleichterung war. Zu guter Letzt rührte sich etwas an den Vorhängen ihres >Vorderzimmers<, das' sie nie zu benutzen scheint. Ich wartete. Nichts geschah. Ich hämmerte wieder drauflos, jetzt fuchsteufelswild. Ich hätte sie mit Wonne erwürgen mögen. Dann schließlich ging die Tür nach innen auf, klemmend und über den Boden scharrend, und da stand sie, ein winziges schwarzes Bündel mit einem weißen Gesicht. Und der Geruch. Es hat keinen Zweck, mir einzureden, dass ich solche Kleinigkeiten nicht so wichtig nehmen sollte. Ich nehme sie furchtbar wichtig. Dieser Gestank entsetzlich, ein säuerlicher, süß scharfer Dunst. Aber ich sah, dass sie sich kaum auf den Füßen halten konnte.
Ich fühlte mich überhaupt nicht mehr >charmant<, nur noch wütend.
»Warum lassen Sie mich in der Kälte stehen?« fragte ich und trat einfach ein, an ihr vorbei, so dass sie ausweichen musste. Dann ging sie mir voran den Korridor entlang und stützte sich dabei mit einer Hand an der Wand ab.
In dem Ofen im Hinterzimmer war nichts als kalte Asche. Immerhin hatte sie ein elektrisches Heizöfchen mit einem Glühstab, das gab Geräusche von sich, war also defekt und gefährlich. Alles war kalt, dreckig, stinkig, und die Katze kam an und strich mir maunzend um die Beine. Maudie ließ sich in ihren Sessel gleiten, blieb dort sitzen und starrte den Ofen an.
»Warum zum Teufel haben Sie die Pflegerin nicht rein gelassen«, schrie ich sie an.
»Die Pflegerin«, sagte sie bitter. »Was für eine Pflegerin?« »Ich weiß, dass eine hier war.«
»Erst Montag. Das ganze Wochenende war ich hier ganz allein.«
Ich wollte schreien: >Und warum haben Sie sie dann am Montag nicht rein gelassen?<, sah aber ein, dass es sinnlos war.
Jetzt steckte ich wieder voller Energie - voller Wut.
»Maudie«, stellte ich fest, »Sie sind das Allerletzte, Sie sind unmöglich, Sie machen sich selbst das Leben schwer. Ich setze jetzt den Kessel auf.«
Das tat ich. Dann holte ich Kohlen. Den Nachtstuhl fand ich voll mit Urin, aber Gott sei Dank nichts Schlimmerem. Gott sei Dank dachte ich da jedenfalls, aber ich merke schon, dass man sich an alles gewöhnt. Dann nahm ich eine Plastiktüte und ging hinaus auf die Straße, in den grauen Schneeregen. Da stand ich in meinem schicken Aufzug frisch aus München und grabbelte in dem Container nach Holzabfällen. Und wieder waren Gesichter an den Fenstern, die mich beobachteten.
Drinnen machte ich den Ofenrost sauber, dass der Kohlenstaub in Wolken aufflog, und baute das Feuer. Mit Feueranzünder, Holz und Kohlen. Bald brannte es.
Ich machte Tee für uns beide, nachdem ich die schmutzstarrenden Tassen mit kochendheißem Wasser gespült hatte. Ich muss aufhören, das so eng zu sehen. Machen schmutzige Tassen denn etwas aus? Ja! Ja und nochmals ja.
Sie hatte sich nicht gerührt, sondern saß da und schaute ins Feuer.
»Die Katze«, sagte sie.
»Ich habe ihr zu fressen gegeben.«
»Dann lassen Sie sie ein bisschen raus.«
»Es regnet und schneit.«
»Das macht ihr nichts aus.«
Ich öffnete die Hintertür. Sofort schlug mir der eiskalte Regen ins Gesicht, und die dicke gelbe Katze, die schon ungeduldig vor der Tür gestanden hatte, miaute und lief zurück, in den Kohlenkeller.
»Jetzt ist sie in den Kohlenkeller gerannt«, rief ich.
»Dann werde ich mich wohl selbst darum kümmern müssen«, sagte sie.
Das brachte das Fass zum Überlaufen. Die Emotionen kochten in mir hoch. Wie üblich hätte ich sie am liebsten verprügelt oder geschüttelt, und wie üblich hätte ich sie gern in den Arm genommen.
Aber zum Glück gewann mein Verstand die Oberhand, und ich tat das Notwendige, ohne mich - Gott sei Dank! - aber >humorvoll< oder charmant oder mildtätig anzustellen.
»Haben Sie überhaupt etwas gegessen?«
Keine Antwort.
Ich ging noch einmal los, um einzukaufen. In dem Krämerladen an der Ecke war keine Menschenseele. Der Inder an seiner Kasse sah grau und verfroren drein, und das mit Recht, der arme Kerl.
Ich sagte ihm, dass ich für Mrs. Fowler einkaufte, denn ich hätte gerne gewusst, ob sie dort gewesen war.
Er sagte: »Ach ja, die alte Dame, sie ist doch hoffentlich nicht krank?«
»Doch, sie ist krank.«
»Warum geht sie nur nicht in ein Heim?«
»Sie will eben nicht.«
»Hat sie keine Verwandten?«
»Ich glaube schon, aber die kümmern sich nicht um sie.«
»Das ist schlimm.« Er wollte mir zu verstehen geben, dass seine Leute eine alte Frau niemals so verkommen ließen.
»Sie haben recht, es ist schlimm«, bestätigte ich.
Als ich zurückkam, dachte ich schon wieder, sie sei tot. Sie saß mit geschlossenen Augen so still da, dass ich glaubte, sie atmete nicht mehr.
Aber dann öffnete sie ihre blauen Augen und sah ins Feuer.
»Trinken Sie Ihren Tee«, befahl ich. »Und dann grille ich Ihnen ein Stück Fisch. Werden Sie den essen können?«
»Ja, kann ich.«
In der Küche suchte ich nach irgend etwas, was nicht schmierig war, gab dann aber auf. Ich tat den Fisch auf den Grill und öffnete kurz die Tür, um etwas Frischluft hereinzulassen, Schneeregen hin, Schneeregen her.
Ich brachte ihr den Fisch, und sie setzte sich aufrecht hin und aß ganz langsam und mit zitternden Händen, aber sie aß alles auf, und ich sah, dass sie Hunger gehabt hatte.
Ich sagte: »Ich komme gerade aus München. Da habe ich mir die neuen Herbstmoden angesehen.«
»Ich bin noch nie aus England raus gewesen.«
»Wenn es Ihnen etwas besser geht, erzähle ich Ihnen alles.«
Darauf gab sie keine Antwort. Aber zum Schluss, als ich gerade gehen wollte, bemerkte sie: »Ich könnte ein paar saubere Sachen brauchen.«
Ich wusste nicht, wie ich das verstehen sollte. Immerhin bin ich jetzt feinfühlig genug, um zu erfassen, dass das alles andere als eine einfache Bitte war.
Wollte sie etwa, dass ich ihr Kleidungsstücke kaufte?
Ich sah sie an. Sie zwang sich, meinen Blick zu erwidern, und sagte: »Nebenan finden Sie Sachen.«
»Was für Sachen?«
Eine Art zittriges, mutloses Schulterzucken.
»Hemd. Hose. Unterrock. Wieso fragen Sie, tragen Sie denn keine Unterwäsche?«
Wieder dieser automatisch, wie auf Knopfdruck einsetzende Ärger. Ich ging nach nebenan, in das Zimmer, das sie mich nicht hatte sehen lassen wollen.
Das Bett mit der guten Daunendecke, der Kleiderschrank, der Frisiertisch mit Nippsachen und Döschen aus Porzellan, die guten Bücherregale. Aber überall Haufen von - Gerümpel. Einfach unglaublich. Zerfallende, fünfzig Jahre alte Zeitungen; widerliche gelbfleckige Stofffetzen, Enden Spitze, schmutzige Taschentücher, abgerissene Bänder - so etwas habe ich noch nie gesehen. Sie scheint nie etwas fortgeworfen zu haben. In den Schubladen ein wüstes Durcheinander von - aber darüber könnte man seitenlang schreiben. Reflexartig kam mir der Gedanke, schade, dass ich keinen Fotografen hier habe. Unterröcke, Hemden, Hosen, Korsetts, alte Kleider oder Stücke davon, Blusen ... und nichts davon jünger als zwanzig Jahre, manches noch aus dem Ersten Weltkrieg. Der Unterschied zwischen den Sachen von damals und heute: Das waren alles Naturstoffe, Baumwolle und Seide und Wolle. Keine Kunstfaser dabei. Aber alles zerrissen oder fleckig oder schmuddelig. Bündelweise zog ich Sachen heraus und prüfte jedes Stück, erst aus Interesse und dann um zu sehen, ob etwas Sauberes oder Tragbares darunter sei. Schließlich fand ich ein wollenes Unterhemd, lange Wollunterhosen, einen recht hübschen Unterrock aus rosa Seide, ein blaues Wollkleid und eine Jacke. Diese Sachen waren sauber, jedenfalls beinahe. Da arbeitete ich nun, schlotternd vor Kälte, und dachte daran, wie stolz ich in diesen letzten Tagen auf mich gewesen war, wie stolz ich noch auf mich als die große Macherin bin; und ich dachte, die Hilflosigkeit der armen Maudie kann man höchstens nachempfinden, wenn man sich erinnert, wie man als kleines Kind gehofft hatte, die Toilette zu erreichen, bevor alles in die Hosen ging.
Ich brachte die Sachen in das andere Zimmer, wo es jetzt durch das prasselnde Feuer höllisch heiß war. Ich fragte: »Soll ich Ihnen beim Umziehen helfen?« Ein ungeduldiger Seitwärtsruck des Kopfes, den ich jetzt schon kenne; das bedeutete, ich hatte etwas Dummes gesagt.
Aber ich wusste nicht, wieso.
Also setzte ich mich erst einmal ihr gegenüber hin und sagte: »Ich will meinen Tee austrinken, ehe er ganz kalt wird.« Mir fiel auf, dass ich ohne Ekelgefühl trank: Ich habe mich an schmuddelige Tassen gewöhnt, ein interessantes Phänomen. Einst war Maudie wie ich und wusch sich ständig, spülte Tassen und Teller, wischte Staub, wusch ihr Haar.
Sie erzählte - aufs Geratewohl, wie ich zuerst glaubte - von ihrem Aufenthalt im Krankenhaus. Ich hörte nur mit einem Ohr zu und überlegte, Ärzte und Krankenschwestern sollten sich einmal anhören, wie ein Mensch wie Maudie ihre Kliniken erlebt. Gefängnisse. Besserungsanstalten. Dann aber horchte ich auf, als sie erzählte, wie zwei Schwestern sie im Bett gewaschen hatten, weil sie zu krank fürs Badezimmer war, und da verstand ich.
»Ich werde ein paar Kessel Wasser aufsetzen«, sagte ich. »Und dann müssen Sie mir sagen, wie ich es anfangen soll.«
Ich setzte zwei Kessel auf, fand eine emaillierte Waschschüssel - die ich voller Interesse begutachtete, da ich schon lange nur noch Plastikschüsseln kenne - und suchte nach Seife und Waschlappen. Beides war in einem Mauerloch über dem Ausguss: einfach ein Stein herausgenommen und der Hohlraum angestrichen.
Schüssel, die beiden Kessel, Seife, Waschlappen und einen Krug mit kaltem Wasser trug ich nach nebenan. Maudie schälte sich gerade aus ihrer obersten Schicht von Kleidern. Ich half ihr und merkte, dass ich die Sache noch nicht richtig durchdacht hatte. Ich fuhrwerkte herum, fand Zeitungen, räumte den Tisch frei, breitete eine dicke Schicht Zeitungen darüber, baute Schüssel, Kessel, Krug, Waschzeug auf. Kein Handtuch. Ich raste in die Küche, fand nur ein feuchtes schmutziges Handtuch, raste ins Vorderzimmer, kramte dort herum, und es kam mir vor, als dauerte das alles den ganzen Tag. Mich beunruhigte es, dass Maudie krank und hustend dort halbnackt herumstand. Endlich fand ich ein halbwegs sauberes Handtuch. Sie stand mit bloßem Oberkörper vor der Waschschüssel. An ihr ist überhaupt nichts dran. Ein magerer Brustkorb mit gelber runzliger Haut darüber, Schulterblätter wie bei einem Skelett, Arme wie Stöcke, aber mit kräftigen Arbeitshänden daran. Lange schlaffe Hängebrüste.
Sie war dabei, ungeschickt den Waschlappen einzuseifen. Der war - überflüssig zu sagen - speckig. Ich hätte ihn vorher auswaschen sollen. So lief ich wieder nach nebenan, riss von einem alten sauberen Handtuch ein Stück ab und brachte ihr das. Ich wusste, dass sie mich für das Zerreißen des Handtuchs gern tüchtig ausgeschimpft hätte, aber sich ihre Puste aufsparte.
Sorgsam wusch ich ihr den Oberkörper mit reichlich Seife und heißem Wasser, aber das Schwarze an ihrem Hals saß fest, nur mit Schrubben hätte man es abbekommen, und das war zu viel. Sie zitterte vor Schwäche. Ich verglich diesen gebrechlichen Greisinnenkörper mit dem meiner Mutter; aber ihren kranken Körper hatte ich nur flüchtig gesehen. Sie hatte sich selbst gewaschen, bis sie in die Klinik kam, und erst jetzt frage ich mich, was es sie gekostet haben mag. Und Georgie hatte sie gewaschen, wenn sie kam. Aber nicht ihre Kind-Tochter, nicht ich. Jetzt wusch ich Maudie Fowler und dachte an Freddie und daran, wie seine Knochen unter dem Fleisch irgendwie flach und dünn zu werden schienen. Maudie mochte nur aus Haut und Knochen bestehen, aber ihr Körper macht nicht diesen besiegten Eindruck, als wolle das Fleisch in den Knochen verschwinden. Sie fröstelte, sie war krank und schwach - aber ich fühlte, wie die Vitalität, das Leben in ihr pulsierte. Wie mächtig doch das Leben ist. Nie war mir das aufgefallen, nie hatte ich Leben in der Art gespürt wie jetzt, als ich Maudie Fowler wusch, eine wilde zornige Greisin. Und wie zornig: Mir kam der Gedanke, dass ihr Zorn ihre ganze Vitalität ausmacht, und ich darf ihn auf keinen Fall übel nehmen oder ihr auszutreiben versuchen.
Jetzt stellte sich das Problem ihres Unterkörpers, und ich wartete auf Anweisungen.
Ich zog ihr das >saubere< Hemd über den Kopf und wickelte sie in die >saubere< Wolljacke, und dann sah ich, wie sie ihre faltenreichen Röcke herunterließ. Und da schlug mir der Gestank ins Gesicht. Ach, es hat keinen Zweck, ich bringe es nicht fertig, mich nicht aufzuregen. Sie war zu schwach oder zu müde zum Hinausgehen gewesen, und so hatte sie sich in die Hosen gemacht, hatte alles vollgeschissen.
Die Unterhosen, diese Schweinerei ... Nein, ich will nicht mehr darüber schreiben, nicht einmal, um Dampf abzulassen, sonst wird mir übel. Aber ich sah das Hemd und die Unterröcke, die sie ausgezogen hatte, und alles war braun und gelb vor Scheiße. Aber weiter. Da stand sie mit entblößtem Unterleib. Ich schob ihr Zeitungen unter, bis sie auf einer dicken Papierschicht stand. Dann wusch und wusch ich sie, ihren ganzen Unterleib. Mit den großen Händen stützte sie sich auf den Tisch. Als ich an ihren Hintern kam, streckte sie ihn vor wie ein Kind, und ich wusch alles, auch in den Falten. Dann schüttete ich das Wasser weg, füllte die Schüssel mit frischem und setzte schnell die Kessel noch einmal auf. Ich wusch ihre Schamteile und dachte zum ersten Mal über diese Bezeichnung nach: Sie litt schrecklich vor Scham, dass eine Fremde sich dort zu schaffen machte. Und dann wusch ich ihre Beine von neuem, weil der Dreck da hinuntergelaufen war. Und ich ließ sie sich in die Schüssel stellen und wusch ihre Füße, gelbe, hornige alte Füße. Das Wasser auf den Gasflammen war wieder heiß, und ich half ihr, die >sauberen< Unterhosen anzuziehen. Nach allem, was ich gesehen hatte, kamen sie mir wirklich sauber vor, höchstens ein bisschen angestaubt. Und dann den hübschen rosa Unterrock.
»Ihr Gesicht«, sagte ich. Denn daran hatten wir noch nichts getan. »Was ist mit Ihrem Haar?« Weiße Strähnen über gelber schmutziger Kopfhaut.
»Das kann warten«, sagte sie.
Also wusch ich ihr vorsichtig mit einem frischen Fetzen von dem alten Handtuch das Gesicht.
Dann ließ ich sie sich hinsetzen, fand eine Schere, schnitt ihr die hornigen Zehennägel, zog ihr saubere Strümpfe über, das Kleid, die Jacke. Und als sie dann wieder die schwarzen Sachen über alles ziehen wollte, sagte ich unwillkürlich »Nicht doch«, und gleich tat es mir leid, denn sie war verletzt, sie zitterte noch mehr und saß still da wie ein schmollendes Kind. Sie war völlig erschöpft.
Ich schüttete das Schmutzwasser fort, wusch die Schüssel mit brühheißem Wasser und füllte einen Kessel, um frischen Tee zu machen. Ich warf einen Blick zum Küchenfenster hinaus: strömender Regen vermischt mit schwärzlichen Graupeln, ein stürmischer Wind; unter der Küchentür kam Wasser durch; und wenn ich daran dachte, dass sie in dieses Wetter hinaus musste, um in die Eistruhe von Abtritt zu gelangen - und doch war sie draußen gewesen und würde ja wohl wieder gehen.
Ich sagte mir ständig: Sie ist über neunzig und lebt schon seit Jahren so und hat das auch überstanden!
Ich brachte ihr Tee und Zwieback und ließ sie damit an ihrem heißen Ofen allein.
All die verdreckten Kleidungsstücke wickelte ich in Zeitungspapier und stopfte sie in die Mülltonne, ohne sie zu fragen. Dann wählte ich unter den Sachen in den Schubladen einiges aus und zog die dreckigen Bettlaken und Kissenbezüge ab und trug alles durch den Regen in die Wäscherei.
Die Wohnung machte ich sauber, so gutes ging, und der Katze, die sich an Maudies Beinen rieb und gestreichelt werden wollte, stellte ich Futter hin. Ich räumte richtig auf. Währenddessen sag Maudie da und starrte in die Flammen; wenn ich sie ansah, schaute sie nicht zurück, aber sie verfolgte meine Bewegungen mit den Augen, wenn sie dachte, ich merkte es nicht.
»Glauben Sie nicht, ich wüsste das nicht zu schätzen«, sagte sie schließlich, während ich immer noch weiterschuftete. Da kehrte ich gerade den Fußboden mit Handfeger und Schaufel. Etwas anderes hatte ich nicht gefunden. Die Art, wie sie das sagte, konnte ich mir nicht deuten. So tonlos. Sogar hoffnungslos, fand ich: Vielleicht fühlte sie sich in einer neuen Weise hilflos, so wie ich es erahnt hatte, als ich mich an meine Kinderzeit erinnerte. Denn ganz offensichtlich hatte nie zuvor jemand so etwas für sie getan.
Ich ging wieder in die Wäscherei. Die Irin dort, eine große, tüchtige junge Frau, mit der ich beim Abgeben der Sachen unbefangen, von gleich zu gleich geredet hatte, gab mir die große Tüte mit sauberer Wäsche, starrte mir ins Gesicht und sagte: »Ekelhaft. So etwas habe ich noch nie gesehen. Einfach ekelhaft.« Sie verabscheute mich.
Ich dankte und ging, ohne mich um eine Erklärung zu bemühen. Aber ich glühte vor Verlegenheit! Wie angewiesen bin ich doch auf Bewunderung, Zuneigung, Wertschätzung.
Durch den Schneeregen trug ich die Sachen zurück. Inzwischen war ich müde und durchgefroren und wollte nur noch nach Hause ...
Aber ich räumte noch die Schubladen einer großen Kommode aus, legte die sauberen Sachen hinein und erklärte Maudie, wo ich sie hingetan hatte.
Dann sagte ich: »Ich komme morgen Abend wieder vorbei.«
Ich war gespannt, was sie antworten würde.
Aber sie sagte nur: »Also bis dann.«
Und jetzt bin ich allein und habe gebadet, aber es war nur ein fixes Zweckbad, kein stundenlanges Aalen. Ich hätte noch aufräumen sollen, aber tat es nicht. Ich bin einfach hundemüde. Kaum zu glauben, dag ich gestern um die Zeit als Gast im Hotel verwöhnt wurde und mit meinem geschätzten Kollegen Karl zu Abend aß. Blumen, Wildbret, Wein, Sahne - alles, was man will.
Es kommt mir unmöglich vor, dag es dort das gibt und andererseits Maudie Fowler hier. Oder bin ich es, die unmöglich ist? Verwirrt bin ich jedenfalls.
Ich muss über all das nachdenken. Was soll ich tun? Mit wem kann ich darüber sprechen? Joyce ist meine Freundin, sie ist meine Freundin. Sie ist meine Freundin?