Blauer Reitersreiter. Die Redaktion: Sturm hat sich eine Filiale angeschafft von meinen Gedichten: Isidor Quanter oder Quantum liefert erstaunliche Nachahmungen. Wie kommt so was? Ich, die gar nichts von einer Lehrerin an mir habe, mache Schule. Mir graut davor! Außerdem hat die Jury der Ausstellung: Sturm dieses Porträt abgewiesen, das seine vier Vorsitzenden in einem Trauakt darstellt. - 0, blauer Reiter, wie die Liebe herabwürdigt, wie die Liebe herabgewürdigt wird, wie die Liebe sich besaufen kann!! Ich bin doch auf die Idee gekommen, dass nur bedeutendes Blut sich vermischen darf mit Wein, mit Rausch, mit der Liebe. Nun ist es Nacht ? überall ?o, wir, wir wollen. Du, Mareia und ich, furchtbar zärtlich miteinander sein ...
Wir haben nicht verlernt, unsere Haut herabzureißen wie ein Feierkleid. Was ist denn noch anders los, als wie die Liebe; blauer Reiter, können wir von anderem leben wie von der Liebe, von Blut und Seele ? ich will lieber ein Menschenfresser werden als Nüchternheit kauen, wiederkauen; blauer Reiter, ich bin alleine fromm in der fremden Stadt. Kein Mensch kommt hier in den Himmel. Bitte gehe einmal über den Kurfürstendamm, bieg in die Tauentzienstraße ein, kannst Du Dir denken, vorstellen, dass ein Dir begegnender in den Himmel kommt? Sag mir blauer Reiter, komm ich in den Himmel?
Du blauer Reiter, ich möchte Dir noch privatim was erzählen, aber sag es Niemand wieder, auch Mareien nicht. Ich hab mich doch wirklich wieder verliebt. Wenn ich mich tausendmal verliebte, ist es immer ein neues Wunder eine alte Natur der Sache - wenn sich ein anderer verliebt. Du, er hatte gestern Geburtstag. Ich schickte ihm eine Schachtel voll Geschenke. Er heißt Giselheer. Er ist aus den Nibelungen. Meine Stadt Theben ist nicht erbaut davon. Meine Stadt Theben ist ein islamitischer Priester. Meine Stadt Theben ist ein Bureaukrat. Meine Stadt Theben ist mein Urgroßvater. Meine Stadt Theben passt mir auf bei jedem Schritt. Meine Stadt Theben ist ein ? Ekel. Ich schickte dem ungläubigen Ritter lauter Spielsachen, als ob er mein Brüderchen sei ? weil er ein rot Kinderherz hat, weil er so ein Barbar ist, weil er noch ein heimatliches Spielzimmer haben möchte: einen Gralsoldaten aus Holz, eine Chokoladentrompete, eine Spielfahne meiner Stadt Theben, einen Becher, einen silbernen Federhalter, zwei Seidentücher, eine Pettschaft aus Achad und viel, viel Siegellack. Ich schrieb dazu: Lieber König Giselheer, ich wollte, Du wärst aus Kristall, dann möchte ich Deine Eidechse sein, oder Deine Koralle oder Deine fleisch-fressende Blume.
Aber ich darf mich jetzt gar nicht so viel mit der Liebe befassen, ich muss - deklanieren! Bald im Gnutheater lesen: St. Peter Hille, dann meine teuren Pragerkameraden: Paul Leppin, Otto Pick und Franz Werfel, den Wiener Schwärmer: Richard Weiß, die verehrten Berliner Paschas: den Gnudirektor, Kurt Cajus Majus Hiller, den Peter Baum, Ernst Blaß, Albert Ehrenstein, Paul Zech, Hans Ehrenbaum-Degele, Rudolf Kurtz, den Blutkalifen Richard Dehmel und Gottfried Benn. Der ist Frauenarzt, nebenbei kuriert er die zehn Musen und hätte mich und Ritter Boom wohl ein paar Tage in seinem Krankenhaus aufnehmen können, wir hätten uns so schön ausgeruht bei ihm, er konnte ganz gut ein Auge zudrücken; nämlich der Pitter und ich haben am Abend die bunten Stifte verwechselt mit denen wir uns die Rödeln beibrachten, er hatte lila Rödeln und ich grüne. Nun hab ich dir nix mehr zu schreiben, lieber Reiter, auch kann Franz Pfemfert nichts mehr drucken in der AKTION: andere Leute wollen auch dran. Die Neurosenpathetiker laufen alle herum, als ob sie eine Blindschleiche im Blinddarm haben wir kommen gar nicht mehr ans Ziel. Aber Cassirer will meine Illustrationen ausstellen unter schwarzes Glas ? da sieht man doch nix! Der Oppenheimer hat Schuld, zwischen uns sitzt die Kabale. Gestern ist er von seinem Schaukelpferd gestürzt, gerade vor dem Cafe des Westens, den Pressianern die Schilderung der Katastrophe nahe zu legen. - Lieber, lieber, lieber, lieber, blauer Reiter, grüße Campendonk, er ist eines der fünf Heimonskinder, grüße Listle den Franzosen und seine Frau, grüße den adeligen Straßenjungen, die große Malerin Marianne von Werefken und ihren Pfalstaff von Jablenky. Grüße deine wilden und zahmen Tiere, und alle Pferde in den Ställen der Bauern und an den Karren draußen, und Deine Magd und Deinen Knecht und Deinen Hund den Russel und aber vor allen Dingen Deine schöne Königin die Mareia grüße, die mich aufnahm in Euer Haus. Ich umarme Dich, o, blauer Reiter! Ewig Dein Jussuf.