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Leseprobe aus "Ein makelloser Mann"

Von Alison Louise Kennedy

Aus dem Englischen von Ingo Herzke
Wagenbach, Berlin 2001

WARTEN AUF GEGENREAKTION

Es ist unverkennbar organisch, der Geschmack von etwas Lebendigem.

»Lih, das ist ja widerlich.«

Sie rutscht auf ihrem Stuhl hin und her, und der Doktor geht zu seinem Kühlschrank hinüber.

»Widerlich?«

»Der Geschmack. Kriege ich keinen Bonbon zum hinterher Lutschen?«

»Nein.« Er dreht sich mit dem Hauch eines Lächelns um. »Kein Zuckerwürfel dazu und kein Bonbon für hinterher.« Er spottet leise zwischen den schlanken und sanft glänzenden Regalen. »Zucker ist ungesund, und ungesunde Dinge werden hier nicht verabreicht.«

»Dann vielleicht ein Stückchen Obst?«

»Dies ist eine Arztpraxis und kein Restaurant.« Er hüstelt ein kurzes Lachen hervor und riskiert einen Scherz: »Und außerdem ist das schottische Medizin - wenn es widerlich schmeckt, wirkt es bestimmt.« Dann schaut er sie kurz an, um zu überprüfen, ob sie seinen Humor lustig findet.

Sie zieht ein Grimasse, nicht ganz unglücklich, und läßt den Geschmack auf der Zunge kreisen. Sie hofft, daß er schwächer wird. Unter der salzigen Oberfläche und dem ersten kalten, schweren Eindruck des Impfstoffs liegt ein irgendwie bekanntes Aroma. Sie weiß genau, wenn sie sich konzentriert, wird sie es identifizieren können.

Der Doktor kommt auf sie zu, in den mildtätigen Händen gut gekühlte Vorsorgemaßnahmen. Der Anfang eines jeden wirklich gelungenen Urlaubs.

»Ich brauche beide Arme.« Er legt die Packungen ab und reißt die erste Nadel aus der Hülle. »Tetanus und Hepatitis auf dieser Seite...", ein heilendes Grinsen, »Diphtherie und Typhus auf der anderen.«

Diese beiläufige Aufzählung schrecklicher Krankheiten hat et was seltsam Erfreuliches, Beruhigendes. Sie wird sicher gemacht; ein Teil ihres Blutes läßt etwas Fremdes herein, damit mit ihr nichts Schlimmes passiert, wenn sie mit ihrem ganzen Körper in die Fremde reist.

Sie schluckt und denkt kurz über Gordon nach. Gordon wird nicht sicher gemacht, weil er nicht mit ihr reisen wird, weil er das Ausland nicht mag. Er mag sie, aber nicht das Ausland. Sie mag das Ausland. Schon den Gedanken ans Ausland mag sie sehr.

»Ich werde Ihnen nicht weh tun. «

Der Doktor zieht sorgfältig einen Haufen Erreger in seine Spritze.

»Sie nicht. Aber die Spritze.«

am 12. Dezember 2001 gelesenSie rollt den Ärmel hoch und hofft, daß sie ihm damit genug Fleisch anbietet. Sie möchte ihre Bluse lieber nicht ausziehen. Bisher waren die Untersuchungen durch ihren Arzt medizinische und höfliche Angelegenheiten; die Sprechstundenhilfe unauffällig im Hintergrund, falls weitergehende Nachforschungen nötig werden sollten. Dennoch ist Ausziehen immer unangenehmer als Ausgezogen werden - aus den Kleidern steigen, während der Arzt nach nebenan geht und die Sprechstundenhilfe leise und gepreßt durch die desinfizierte Stille atmet und auf ihren weißen Krepp­sohlen unmerklich hin und her wippt, während sie zuschaut. Nichts zum Genießen. Aber das ist heute auch gar nicht nötig.

Er nickt. »Gut.« Dann drückt er eine Art kneifenden Schmerz in ihre Haut; hält ihn dort fest, rupft drum herum, zieht ihn her­aus und rupft noch einmal. »Sehr schlimm?«

»Nein. Gar nicht schlimm.«

»Mhm. Ich bin auch wirklich ganz gut im Spritzen geben. Ich übe das immer noch, wissen Sie. Viele meiner Kollegen tun das nicht, wie ich weiß. Was macht die Polio?«

»Ich schmecke sie immer noch. Es wird sogar schlimmer. Es erinnert mich an - ich weiß nicht was.« Er schiebt rasch eine weitere Spritze hinein, während sie grübelt. »Das war nicht fair.«

»Manche Menschen wollen vorher nicht wissen, wann es passiert.«

»Es ist schließlich mein Arm, da wüßte ich schon gern, was los ist.«

»Das kann ich verstehen. Jetzt noch die andere Seite, dann haben wir es geschafft. Wir müssen Sie nur noch ein paar Minuten dabehalten und warten, ob es eine Gegenreaktion gibt.«

Kaum hat er das gesagt, spürt sie ein Anschwellen ihres Blutkreislaufs, einen fremdartigen Ausbruch, aber sie würde das nicht als Gegenreaktion bezeichnen. Es fühlt sich an, als würde ihr Körper gekräftigt, wie angereicherter Likörwein; mit jedem Nadelstich stärkt die Wissenschaft sie gegen die Unbilden der Natur.

»Sie verkrampfen - wenn Sie sich nicht entspannen, tut es weh.«

»Entschuldigung.«

»Kein Problem. Sie waren eine sehr geduldige Patientin. Und. Die. Letzte. So. Fahren Sie lange weg?«

»Einen Monat.« Einen Monat ohne Gordon, und in dieser Zeit wird sie ihn anzurufen versuchen, ihm sicherlich Postkarten schreiben und womöglich trotzdem immer heftiger von Erleichterung befallen werden. Sie kann jetzt schon die ersten Symptome spüren.

»Großartig. Ein ganzer Monat.«

Ein ganzer Monat Erleichterung.

Wahrscheinlich wird sie gefeuert werden, wenn sie zurückkommt. Sie hat sich ausgerechnet, wie wahrscheinlich eine Kündigung ist - und es macht ihr gar keine Angst, jedenfalls nicht so sehr wie eine Krankheit oder wie ein Monat mit Gordon und seiner Liste von Dingen, über die sie nicht reden dürfen.

»ja, ich habe mir Urlaub aufgespart«" sie hält inne, ruft sich den Geschmack der Polioimpfung in Erinnerung, und wo sie ihm schon mal begegnet ist, weiß es, lächelt, »Und ich mache drei Tage krank.«

»Wirklich?« Er sieht gerade aus wie die Quintessenz des Mediziners: Spritze in die Luft gehalten, am Ende der Nadel schimmert ein Tropfen, seine Hände sind sicher kalt, aber verläßlich und ruhig. »Was wird Ihnen denn Ihrer medizinischen Einschätzung nach fehlen?« Seine Stimme klingt locker, eine Art Augenzwinkern liegt darin - das Auge selbst kann das aus Gründen der professionellen Distanz und des Vertrauens nicht tun.

»Mir fehlen? Ach, ich glaube, Grippe. Wahrscheinlich nicht Typhus oder Hepatitis oder -«

»Oder Tetanus oder Diphtherie oder Polio. Ja, ich denke auch, daß Grippe wahrscheinlich das Beste sein wird. Meiner medizinischen Einschätzung nach.«

Oder Polio. Sie leckte an den Zähnen und lächelte wieder. An ihrem zweiten Jahrestag, letztes Frühjahr, hatte Gordon sie gebeten, es zu tun, und als sie schließlich eingewilligt hatte, als er seinen Willen bekam - da hatte er so geschmeckt. Das würgende Pochen in ihrer Kehle, einmal, zweimal, noch ein bißchen, und dann der Geschmack von aufgewärmter Polioimpfung. Schmeckt genau wie er.

»Wenn Sie so lange weg sind ...« Der Doktor grübelt über ihrer Akte. »Ich könnte Ihnen ein neues Rezept für Trinovum ausschreiben.«

»Für was?«

»Für ihre Empfängnisverhütung.«

Ihr Paß, mit dem Gordon sie schwangerschaftsfrei bereisen kann.

»O ja. Vielen Dank.«

»Keine Probleme? Regel normal?«

»Überhaupt keine Probleme.« Das kann sie sagen, weil es schon bald so sein wird und deshalb ebensogut auch jetzt schon stimmen kann. Ihre Zukunft ist plötzlich unerwartet ansteckend.

Sie wartet, während er den Druck ihres sich wandelnden Blutes prüft. Die eng sitzende Manschette stört sie gar nicht. Aus Höflichkeit nimmt sie das Rezept für ein Verhütungsmittel entgegen, das sie vielleicht nie benutzen wird - jedenfalls nicht mit Gordon.

»Vielen Dank.«

»Wir wollen, daß Sie zufrieden sind.« Er öffnet die Tür, damit sie gehen kann. »Ich wünsche Ihnen einen schönen Urlaub.«

»Den werde ich haben.«

Ihr wird bewußt, daß ihr Atem beim Sprechen schwach nach etwas Ähnlichem wie Samenflüssigkeit riecht. Ihr wird bewußt, daß sie etwas Ähnliches schmeckt wie den klebrigen Fischgeruch von Sperma. Ihr wird bewußt, daß ihr Ehemann wie eine zurückhaltend gesüßte Krankheit schmeckt.

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Christoph Gäbler 21.07.2010