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Leseprobe aus "Du sollst nicht begehren"

Von Batya Gur

Aus dem Hebärischen von Mirjam Pressler
Goldmann 1500, Seite 342 - 345

Bild groesser"Dave sagt, Jankele sei völlig isoliert und habe außer zu ihm zu niemandem eine richtige Beziehung. Man würde zwar für ihn sorgen, und nicht nur seine Mutter, auch alle anderen; an Festtagen und so würden sie ihn, genau wie Dave, gut behandeln, aber im Prinzip~" Michael betonte die letzten beiden Worte, "im Prinzip würden sie abweichende Individuen nicht akzeptieren. Es gebe sogar ein lesbisches Paar dort. Im Prinzip lehnen sie Lesben ab, aber den Menschen als Person akzeptieren sie, wenn er der Gemeinschaft nützt und seine Arbeit ordentlich macht. Sie kümmern sich um ihn, aber sie isolieren ihn auch."

Michael wurde still, er überlegte, was noch wichtig war zu erzählen, und dabei hörte er Dave sagen: "Man kann das verachten, aber man kann auch das Schöne daran sehen, dass der einzelne sozusagen über das Prinzip siegt. Wenn man an die hochgepriesene Gleichheit denkt und an die bürgerliche Auffassung, die sich dahinter verbirgt, ist es sehr schön, dass man den einzelnen auf praktische Art akzeptiert, jenseits aller Prinzipien. Der Mensch besiegt die Ideologie, und das passiert einfach so, unausgesprochen und quasi gegen den Willen der Gemeinschaft."

Dave hatte gelächelt, dann war er wieder ernst geworden. "Und Jankele ist ein einsamer Mensch, emotional ist er einsam. Und die Diskrepanz zwischen körperlicher Fürsorge und allgemeiner Gleichheit auf der einen Seite und der sozialen Vereinsamung auf der anderen ist besonders hart." Dave seufzte und goss noch einmal kochendes Wasser in die kleine chinesische Porzellankanne. "Denkt man darüber nach, stellt man fest, dass an dieser konservativen Gesellschaft etwas Primitives, Bedrohliches ist. Wegen seiner Krankheit sprechen sie Jankele so was wie Intelligenz ab, und dabei ist er ein intelligenter Kerl, er ist sogar klug und sehr gebildet, er hat viel gelesen, und wenn er keinen Schub hat, wenn er ruhig ist, hat er auch was zu sagen. Er versteht sehr viel und hat eine große Offenheit gegenüber Mystischem."

Dave trank einen Schluck Tee und fügte hinzu, dass auch er selbst immer bereit sei, etwas Neues auszuprobieren. Einer der zentralen Vorteile des Lebens im Kibbuz sei, sagte er, das Fehlen der Dinge, zu deren Sklaven sich die Menschen außerhalb machten. Auch hier könne man sich, was Materielles betraf, bis zu einem gewissen Grad abhängig machen, das gebe er zu, aber man müsse es nicht unbedingt. Denn das Minimum, das einem hier zur Verfügung stehe, sei mehr als genug. Er spreche aber nicht nur über das Wirtschaftliche> sagte er, sondern auch über die Eitelkeiten der anderen Welt, über Status und ähnliches. Er wolle ein reines Leben führen, erklärte Dave und stellte die Porzellankanne und kleine Tassen auf den Tisch. Hier im Kibbuz könne man das, man könne ein reines Leben führen, man könne kreativ sein und arbeiten, und es gebe gute Leute hier, nicht alle seien beschränkt. Es seien ausgerechnet die Anomalen, die ihn interessierten, vielleicht weil er selbst nicht so normal sei. Ihn selbst kümmere es nicht, anomal genannt zu werden, das sei der Preis dafür, nicht so zu sein wie die anderen, er komme ohne Bitterkeit damit zurecht, aber unter anderem deshalb, weil er keine Familie habe und daher keinem Druck ausgesetzt sei. Er habe hier sogar eine Pflegemutter, Dworka, falls er sie kenne ? Michael reagierte nicht ?, er nehme an den Kibbuzversammlungen teil, erfülle seine Pflichten, melde sich zu freiwilligen Arbeiten, und niemand störe ihn bei seinen mystischen Zirkeln. Man bringe ihm sogar so viel Vertrauen entgegen, dass man ihm jetzt die Verantwortung für die Volontäre übertragen habe, und das sei in seinen Augen wirklich etwas Außergewöhnliches. Es sei sehr beruhigend, wenn man wisse, dass für alles gesorgt werde, dass man selbst ein kleines Rad in einem gut geölten Getriebe sei. Aber er mache sich keine Illusionen. Diese Gesellschaft habe nichts mit Gerechtigkeit zu tun.

Als Michael ihn fragte, wie er im Kibbuz gelandet sei, erklärte Dave mit absoluter Ernsthaftigkeit und ohne Jede Selbstironie, dass er als Volontär gekommen sei, auf der Suche nach einem Sinn, nachdem er schon die halbe Welt gesehen hatte, Afrika, Indien und so weiter. Ihm habe das mönchische Leben gefallen, das er hier führen konnte, und die Bereitwilligkeit, mit der seine Erfindungen akzeptiert wurden, vor allem von Srulke, der seinen Versuchen mit Kakteen absolut offen und interessiert gegenübergestanden habe. Srulke sei ein ganz besonderer Mensch gewesen, von dem er, Dave, nur sagen könne, es sei ein Glück, einen solchen Mann kennensgelernt zu haben. Im Schweiße seines Angesichts habe er die Erde hier zum Blühen gebracht, eine Erde, deren ursprünglichen Zustand man noch sehen könne, wenn man die Grenzen des Kibbuz überschreite. "Und Srulke hat auch sehr wenig gesprochen. Er hat sich selbst nicht mit Komplimenten überschüttet, aber er hat gewusst, was er wert war, nicht mehr und nicht weniger", sagte Dave und erklärte, Srulke und ihn hätte eine "gegenseitige Hochachtung" verbunden. "Übrigens", fügte er mit stoischer Ruhe hinzu, als spreche er über eine bekannte Tatsache, "übrigens glaube ich nicht, dass Srulke an einem Herzanfall gestorben ist."


© 
Christoph Gäbler 21.07.2010