Mit Blick auf den Rückspiegel noch einmal Kilometer fressen. Zwischen Passau und Kiel unterwegs. Gegenden abklappern. Auf Stimmenfang. Ans Steuer unseres geliehenen DKW hat sich Gustav Steffen, ein Student aus Münster, geklemmt, der, weil nicht aus zu gutem Hause, sondern in katholisch-proletarischem Milieu aufgewachsen - der Vater war früher beim Zentrum -, den zweiten Bildungsweg, eine Mechanikerlehre, das Abendgymnasium abtraben mußte und nun, weil er wie ich für die Sozis Wind machen will, vernünftig, pünktlich - »Wir sind anders. Wir kommen nicht zu spät!« - die Termine unserer Wahlreise abhakt: »Gestern in Mainz, heute nach Würzburg. Viele Kirchen und Glocken. Schwarzes Nest mit Aufhellungen an den Rändern ...«
Und da parken wir schon vor den Huttensälen. Weil auf den Rückspiegel angewiesen, lese ich die Inschrift auf einem Transparent, das von den immer korrekt gescheitelten Buben der Jungen Union wie eine Pfingstbotschaft hochgehalten wird, zuerst spiegelverkehrt, dann in natura: »Was sucht der Atheist in der Stadt des Heilgen Kilian?« und komme erst im überfüllten Saal, den in den vorderen Reihen korporierte Studenten, erkennbar an ihren Bierzipfeln, besetzt halten, zu einer das allgemeine Zischen beschwichtigenden Antwort - »Ich suche Tilman Riemenschneider!« -, die jenen Bildhauer und Bürgermeister der Stadt aufruft, dem die fürstbischöfliche Obrigkeit während der Zeit der Bauernkriege beide Hände verkrüppelt hat und der nun, so deutlich heraufbeschworen, meiner Rede von Absatz zu Absatz Luft und womöglich Gehör verschafft: »Dich singe ich, Demokratie!« - Walt Whitman, für Wahlkampfzwecke leicht abgewandelt...
Was nicht dem Rückspiegel, nur der Erinnerung abzulesen ist: Organisiert haben diese Reise Studenten vom Sozialdemokratischen Hochschulbund und vom Liberalen Studentenbund, die, ob in Köln, Hamburg oder Tübingen, verlorene Haufen sind und denen ich, als alles nur hoffnungsstichiger Plan war, in der Friedenauer Niedstraße einen konspirativen Topf Linsensuppe gekocht hatte. Bis dahin ahnte die SPD nichts von ihrem unverdienten Glück, fand aber später, als wir auf Reise gingen, zumindest unser Plakat, meinen Es-Pe-De krähenden Hahn, gelungen. Auch waren die Genossen erstaunt, daß die Säle, obgleich wir Eintritt nahmen, gerammelt voll waren. Nur inhaltlich hat ihnen manches nicht geschmeckt, etwa mein überall zitiertes Verlangen nach der endlichen Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze, also der erklärte Verzicht auf Ostpreußen, Schlesien, Pommern und - was mich besonders schmerzte - Danzig. Das lag jenseits aller Parteitagsbeschlüsse, so auch meine Polemik gegen den Paragraphen 218; doch hieß es: Andererseits sehe man, daß viele Jungwähler kämen, zum Beispiel in München ...
Platzvoll heute der Zirkus Krone mit seinen dreitausendfünfhundert Plätzen. Gegen das auch hier epidemische Zischen einer Rechtsaußenclique hilft mein Gelegenheitsgedicht »Der Dampfkessel-Effekt«, das jedesmal, so auch hier Stimmung macht: »... Seht dieses Volk, im Zischen geeint. Zischoman, zischoplex, zischophil, denn das Zischen macht gleich, kostet wenig und wärmt. Aber es kostete wessen Geld, diese Elite, geistreich und zischend, heranzubilden ...« Wie gut, daß ich im Zirkuskronebau rückgespiegelt Freunde sitzen sehe, unter ihnen welche, die inzwischen tot sind. Hans Vierner Richter, mein literarischer Ziehvater, der anfangs, bevor ich auf Reise ging, skeptisch war, dann aber sagte: »Mach mal. Ich hab das alles schon hinter mir: Grünwalder Kreis, Kampf dem Atomtod. Jetzt darfst du dich verschleißen ...«
Nein, lieber Freund, kein Verschleiß. Ich lerne dazu, sondiere langangestauten Mief, bin auf Schneckenspur, komme in Gegenden, in denen noch immer der Dreißigjährige Krieg tobt, jetzt, zum Beispiel, nach Cloppenburg, schwärzer als Vilshofen oder Biberach an der Riß. Gustav Steffen steuert uns pfeifend durchs flache Münsterland. Kühe, überall Kühe, die sich im Rückspiegel vermehren und die Frage aufwerfen, ob hierzulande sogar die Kühe katholisch sind. Und immer mehr vollbepackte Traktoren, die wie wir in Richtung Cloppenburg fahren. Es sind vielköpfige Bauernfamilien, die dabeisein wollen, wenn in der von uns gemieteten Münsterlandhalle der Leibhaftige spricht...
Zwei Stunden benötige ich für die Rede »Es steht zur Wahl«, die sonst in knapp einer Stunde vorbeirauscht. Ich hätte auch mein »Loblied auf Willy« vom Blatt weg posaunen können oder »Des Kaisers neue Kleider«; doch diesen Tumult hätte selbst eine Lesung aus dem Neuen Testament nicht beschwichtigt. Auf Eierwürfe reagiere ich mit Hinweisen auf »verschleuderte« Subventionen für die Landwirtschaft. Gezischt wird hier nicht. Hier geht es handfester zu. Einige Bauernjungs, die gezielt mit Eiern warfen und auch trafen, werden mich vier Jahre später, als nunmehr bekehrte Jungsozialisten, zur zweiten Runde nach Cloppenburg einladen; doch diesmal ermahne ich die Eierwerfer aus moorlochtief katholischem Wissen: »Laßt das, Jungs! Sonst müßt ihr am nächsten Sonnabend eurem Herrn Pfarrer ins Ohr beichten ...«
Als wir den Tatort, beschenkt mit vollem Eierkorb - die Gegend um Vechta und Cloppenburg ist bekannt für drangvolle Geflügelfarmen -, verließen und ich ziemlich bekleckert den Beifahrer abgab, sagte Gustav Steffen, der wenige Jahre später bei einem Verkehrsunfall ums junge Leben kam, mit Blick auf den Rückspiegel: »Geht bestimmt schief, die Wahl. Aber hier, das hat Stimmen gebracht.«
Zurück in Berlin brannte, während ich bleischwer schlief, unsere Haustür und erschreckte Anna, die Kinder. Seitdem hat sich in Deutschland einiges geändert, nur in Sachen Brandstiftung nicht.