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Leseprobe aus "Fancsikó und Pinta"

Von Péter Esterházy

Aus dem Ungarischen von Zsuzsanna Gahse
Berliner Taschenbuch Verlag, Seite 129 - 135

(KUHLE)

Nachdem Pinta unter mehrdeutigem Zwinkern eine Klette mit Reißzwecken an der Wand befestigt hatte, ging ich ins Bad. Es waren trostlose Zeiten: Noch wusch ich mich ungern, aber es störte mich schon, wenn ich schmutzig war. Praktisch gesehen, zeigte sich diese Diskrepanz dergestalt, dass man mich zwar zum Baden schickte, aber ich ging gerne, wohl nicht so gern, dass ich die Initiative selbst ergriffen hätte, und natürlich konnte ich ein mildtätiges Quengeln und etwas Widerspruch meiner Mutter gegenüber nicht abschlagen. Insbesondere schmutzig waren meine Knie, schließlich können Verteidiger keine großen Sperenzchen machen.

»Wie viele lange Jahre müssen wir herumbolzen, um den ganzen Rasen mit unseren Knien abzutragen.«

Darüber habe ich oft nachgedacht. Und Fancsikó sagte:

»Mit der vielen Erde in deinen Wunden könntest du leicht auf die Liste der Kulaken kommen.«

Dann fiel er in ein grölendes Gelächter, so dass ihm die Fliege schier zu zerreißen drohte. Was hat ihm an dem Satz denn so gut gefallen?

Krumm beugte sich meine Mutter über mich und überschüttete mich mit böswilligen Ratschlägen.

»Die Seife.«

»Die Bürste.«

»Nur zu, kräftiger.«

Sie war nicht wirklich bei der Sache, woraus ich fälschlicherweise folgerte, dass ich die Wäscherei mit den eigenen Methoden zu Ende führen könnte, und die gleichgültigen und mürrischen Linien, die Faltenmöglichkeiten im Gesicht meiner Mutter schienen die Richtigkeit meiner Mutmaßungen zu bestätigen.

Heimtückisch drückte sie meinen Kopf nach vorn, und mit einer Wut, die ihrem Gesichtsausdruck widersprach, begann sie mich zu schrubben. Dann ließ sie die Bürste plötzlich ins Wasser fallen, als hätte sie dieses verdammte Etwas satt, und sie fragte:

»Geht dein Vater auch zum Match?«

Ihre rechte Hand, mit der sie mich gewaschen hatte, hing ganz überflüssig ins Wasser hinab und berührte meinen Rücken; mit der anderen Hand drückte sie mich mit unverringerter Kraft weiter nach vorn. Als hätte sie meinen Kopf zu meinem ewigen ja fixieren wollen.

»Ihr spielt ja ständig Fußball.«

Pinta, der auf dem hereinströmenden Lichtstrahl balancierte, begann zu sprechen, und zwar so, als wäre er mit aller Aufmerksamkeit nur auf die eigene Unternehmung konzentriert:

»Denn wozu leben wir.«

Fanecsikó winkte ab, man sollte nicht immerzu schwatzen, das gehöre nicht hierher.

»Schon in Ordnung. Ich lass mit mir reden. Obwohl das jetzt sehr schön gewesen wäre. Eine Trouvaille«, so Pinta.

»Das ist eine andere Sache. Dann nur zu.«

Ast doch egal. Lassen wir's. Wesentlich wäre an der ganzen Sache nur gewesen, dass der Fußball eine wirkliche, lebendige Sache ist. Während des Fußballspiels sind wir wirklich vorhanden.«

»Und wenn das Spiel nicht gut läuft?«

Ganz zu Recht ließ sich Pinta nicht stören, er schaute sich mit feierlich rotem Gesicht um, dann umarmte er den Lichtschweif und verschwand in der Tiefe des Badezimmers.

»Fußball spiele nur ich«, antwortete ich schonungslos.

Und auf meinen Lippen der lahmende Blick meiner Mutter.

 

(KUHLE)

 

Die Verteidiger schlichen um uns herum und suchten den Ball. Fanecsikó hatte sich mit einem herrlich rhythmischen Dribbling freigespielt, so dass wir Zeit für ein Gespräch hatten.

»Man sagt«, begann Fancsikó und bugsierte den Ball ein Stück weiter, »das Geschriebene sei wie eine Zwiebel: Immer wieder kann man Schichten von ihm abziehen.«

»Nein, so ist es nicht«, fuhr er fort und beschleunigte, denn einer der Verteidiger bekam Wind davon, dass wir sie ausgetrickst hatten, »nein, das Geschriebene ist wie ein Luftballon: Immer wieder kann man Schichten von ihm abziehen.« 

 

(KUHLE)

 

Die Frauen liebten Fanecsikó und Pinta eher als mich. (Ausgenommen vielleicht meine Mutter.) Verständlicherweise wirkte Fancsikós zurückhaltende, wenn auch eckige Klugheit anziehend, und Pinta konnte zauberhaft grinsen.

Jetzt aber hatte ich entschieden den Eindruck, dass die Hilfskellnerin mich anschaute. Oder war ich es, der sie anschaute, und konnten sich unsere Blicke für meine Begriffe darum so auffallend oft begegnen? (Statistisch gesehen, wäre das begründet.) Nach dem Match saßen wir im Gartenlokal unter einem riesigen ausgebleichten Schirm und befanden uns in einer Erstarrung, die man nicht einfach damit abtun kann, dass wir in der Fantasie das Spiel nochmals ablaufen ließen. Nein, eher fällt da alles aus einem heraus, sogar das eigene Selbst, daher geht es nicht um die Müdigkeit, sondern um die fehlende eigene Gegenwart.

Über das Bier kursierte die Nachricht, es sei mordsmäßig bitter. Also blieb uns nichts anderes übrig, als den Ober mit demütigen Blicken herbeizulocken, und dann, nachdem wir wieder etwas Respekt erlangen konnten, großspurig acht Flaschen Bambi zu bestellen.

»Kellner, achtmal Bambi!«

Verschämt betrachtete Fancsikó die hartgestampfte Erde unter dem Tisch.

Die Hilfskellnerin hatte sich (weil sie nichts zu tun hatte) auf eine Bierkiste gesetzt und kratzte sich am Oberschenkel. Sie war sehr schön und ordinär. Neben dem Mädchen befand sich ein Aquarium voller Möglichkeiten von unschuldigen Fischsuppen und serbischem Karpfen mit Zwiebeln.

»Schau, wie der Fisch nach Luft schnappt. Widerlich.« Staunend hörte sich Pinta selbst zu.

»Man muss nicht unbedingt schön atmen«, kam darauf die Eulenweisheit Fancsikó.

Von Mädchen verstand Pinta eine Menge, Fancsikó verstand auch viel von Mädchen, aber Pinta hatte die leichtere Art und war schneller, was nicht bedeuten sollte, daß Fancsikö am Ende nicht das gleiche erreicht hätte, nur war er, Fancsikö, immer gleich verliebt in die Mädchen (und sie in ihn), was nicht zu den fairen Mitteln gehört. Pinta rückte sein Leibchen zurecht, glättete die Klothhose, oder wollte es zumindest, und ging auf die Kellnerin zu, die zu diesem Zeitpunkt gerade die Innenseite ihrer Schenkel zu kratzen begann. Pinta verneigte sich ungezwungen.

»Küßdiehand. Kann ich behilflich sein?«

Inzwischen näherte sich der Kellner mit tückischen Schritten dem Aquarium. Durch den höckrigen Holzstiel, mit dem er das Netz hielt, waren seine Hände verlängert. Pinta sprach noch mit dem Mädchen, einen Verdacht aber hatte er schon, und als der Kellner zum letzten schäbigen Schritt ausholte, schrie er hell auf Mit seiner Stimme landete er genau zwischen dem Entsetzen und dem Witz.

»Achtung, ihr Fischlein! Er kommt!«

Faul rutschte die Hilfskellnerin von der Kiste herab, und deutlich rot leuchteten die Spuren der breiten Latten an ihren Schenkeln, sie zupfte ihren Rock schnell zurecht, an ihrem Hemd (denn sie steckte absolut in einem Hemd, in einem, an dem die Knöpfe spannten!), an dem Hemd schloss sie einen Knopf, nicht den obersten, und mit einem feinen Wiegen der Hüften verschwand sie wie eine zweitklassige Vision im Küchendampf.

Auf meine Frage hin, um wie viel Uhr er mit dem Mädchen ein Rendezvous ausgemacht habe, antwortete er, o Schmerz, mit den abgekauten Nägeln sei er einfach nicht in der Lage gewesen, ihr den vorzuschlagenden Zeitpunkt auf seiner Uhr zu zeigen. Und wo waren denn die Worte, hätte ich fragen können.

 

(KUHLE)

 

Wir führten mit drei Toren, als wir ein Gegentor einstecken mussten. Den Gegnern drückten viele die Daumen, und die fühlten nun, dass ihre Zeit gekommen war. Sorgfältig bereitete ich mich auf den Anpfiff vor. Es war ein schöner, genauer Augenblick: der Augenblick des eindeutigen Besitzens. Mit dem Ball umgehen zu können, mit der Liebe von gewissen Leuten, mit der Ablehnung anderer, wobei man weiß, dass deren Wünsche nicht von Interesse sind, denn auf der dunklen Glocke ihrer Stimmen, die uns den Tod wünschen, könnte ich mich über sie emporschwingen, ihre scheinbaren Freiheiten und Möglichkeiten könnten ihr Blut in Wallung bringen, und abgesehen vom Wesentlichen würden sie sich durch alle Teilergebnisse bestätigt sehen, obwohl ich da bereits alles in den Händen hätte (außer dem Ball!), denn ich müsste nur mit gespielter Traurigkeit hinter mich schauen, und schon wäre der Ball vor mir, und dann wäre es bereits still.

Nach einem Tor hat man es nicht leicht: In solchen Augenblicken verliert der Gegner den Kopf und will die Angelegenheit in einem ganz neuen Rhythmus fortsetzen; trotzdem war ich bald darauf (doch) vor den Torwart gelangt, hinter mir standen die Verteidiger in alle vier Himmelsrichtungen verstreut.

»Verteidiger sind eine ethische Kategorie für sich«, pflegte Fancsikó zu sagen. »Sie sind nicht unbedingt grob, nur tun sie nichts, um nicht grob zu sein.«

Der Torwart bewegte sich vorsichtig auf mich zu, seine Augen aber zeigten, dass er keine großen Hoffnungen mehr hatte. Und in der Tat: Ich konnte problemlos an ihm vorbeilaufen. Als ich den Kopf hob, um den herrlichen und etwas langweiligen Anblick des leeren Tores zu erfassen, sah ich auch einen Ausschnitt der Zuschauertribüne und sah zwischen den vielen Teenies Frau Judit, wie sie, in der Vorfreude auf mein Tor, die Arme hob und damit die Achselhöhlen zeigte, die von merkwürdig schwarzen Haaren bedeckt waren, oder nicht einfach bedeckt, vielmehr wuchsen die Haare dort innen drin.

»Wie eine schwarze, düstere Bürste. Düsterbürste«, kicherte Pinta. Ich blieb auf der Torlinie stehen und starrte unverschämt zu ihnen hinüber, denn auch mein Vater stand dort, und zwar konnte ich in seinem Gesicht etwas Spannung entdecken, die mir für meine Leistung zustand, in Wirklichkeit aber nistete seine linke Schulter (beinahe) schon in ihrer Achselhöhle, und mit seiner rechten Hand legte er schon los, auf ihren Bauch zu.

Also stand ich herum und wurde durch eine so wahrhaftige Langeweile und Aussichtslosigkeit gelähmt, dass ich mich nicht rühren konnte, obwohl mir klar war, wie ekelhaft es ist, an der Torlinie herumzustehen (Situationen haben eine ihnen eigene Choreographie, pflegte mein Vater zu sagen), und die Verteidiger wurden schon unruhig: Sie streckten sich und bleckten die Zähne.

»Blödmann«, sagte Fancsikó, und im letzten Augenblick schubste er den Ball ins Tor.

 

(KUHLE)

 

Nach einem Tor, und nachdem ich mich aus den Umarmungen der Jungens befreien konnte, stand ich plötzlich vor meinem Vater, und da ich hoffte, er würde mir anerkennend über die Haare streichen, streckte ich den Kopf vor. Der Blick meines Vaters war ohne Inhalt, als er mich fragte:

»Und deine Mutter?«

Ich antwortete nicht, presste die Zähne zusammen, die Wörter wollten weder raus noch rein. Nur Fancsikó sagte etwas, freundlich und schwerfällig, er nämlich wusste, wie man lieben kann, aber gleichzeitig auch sehen.


© 
Christoph Gäbler 21.07.2010