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Leseprobe aus "Emoticon"

Von Jessica Durlacher

Aus dem Niederländischen von Hanni Ehlers
Diogenes 2006, Seite 267 - 271
Jessica Durlacher bei einer Lesung am 09.05.06 in Bremen 

Aischa suchte noch nach einem anderen Schluss für ihre Mail, als ihr jemand auf die Schulter tippte. Sie versuchte sofort, den Monitor mit ihrem Körper abzuschirmen.

Es war Janey.

»Na, so ein Zufall!« rief sie. Offenbar wusste sie nicht, dass man in einem Internetcafe den Mund zu halten hatte. »Ich wusste ja gar nicht, dass man dich hier finden würde! Ich wollte mir nur mal ansehen, wie so ein Computercafe bei euch aussieht.«

»Und?« fragte Aischa kühl.

»Na ja, normal, interessant, anders. Ganz anders als bei uns in den States, meine ich.«

»Wie sind sie denn in den States?«

»Größer vor allem, viel größer. Ansonsten, tja, vielleicht etwas luxuriöser. Aber hier haben sie eine so viel größere Bedeutung! Chattest du viel?«

»Was meinst du damit?«

»Chatten, übers Internet kommunizieren.«

»Ich weiß, was chatten ist. Warum willst du wissen, ob ich chatte? Und warum hat es hier eine so viel größere Bedeutung?«

»Dein Englisch ist sehr gut, weißt du das? Wo hast du das so gut gelernt?« fragte Janey.
»Im Gefängnis.«

Aischa horte es sich geradezu wollüstig aussprechen. So ganz der Wahrheit entsprach es natürlich nicht, aber mit irgend etwas musste sie diese wandelnde Sommersprosse doch zum Schweigen bringen.

»Ach?« sagte Janey. »Wirklich? Wie denn das?«

Aischa blieb stumm.

Janey hakte nicht weiter nach. »Kommst du oft hierher?« fragte sie.

»Mindestens einmal die Woche. Manchmal öfter. Es kostet Geld.«

»Natürlich. Viel?«

»Wenn man nur ehrenamtlich arbeitet, ist alles viel.«

»Aber du verdienst doch etwas bei Raschid, will ich hoffen?«

»Klar.« Aischa wurde nervös. Was sollten diese ganzen Fragen? »Schreibst du jetzt einen Artikel für diese amerikanische Zeitung?« fragte sie im Gegenzug.

»Vielleicht«, antwortete Janey. »Wahrscheinlich schon. Es ist so unglaublich, was sich hier abspielt. Ich kann gar nicht sagen, wie sehr ich euch bewundere. Mir fehlt nur noch ein geeigneter Blickwinkel.«

»Dabei kann dir Raschid bestimmt sehr gut helfen«, sagte Aischa kalt.

»Na, was das Schreiben betrifft, habe ich wohl selbst genug Erfahrung«, sagte Janey freundlich.

»Was wirst du denn schreiben?« fragte Aischa mir nichts, dir nichts.

»Ach, was ich so sehe, was ich miterlebe, allein und mit Raschid zusammen. Und vielleicht können wir beide ja auch noch mal zusammen losziehen. Mein Gott, Aischa, gestern, gestern haben wir etwas Schreckliches mit ansehen müssen. Wirklich grauenhaft war das. Es hat mich... Allmählich beginne ich zu verstehen, wie ihr hier lebt.«

Aischa sah, dass es in Janeys Augen tatsächlich feucht schimmerte und sie noch durchsichtiger und wässriger wirkten als ohnehin schon.

»Dich erschreckt so etwas vielleicht schon gar nicht mehr, Aischa, aber mich hat das...«

Kühl starrte Aischa Janey an. »Wovon sprichst du?«

»Ich habe gesehen, wie eine junge Palästinenserin, ungefähr in deinem Alter, mit einem Messer auf einen Soldaten zuging - um ihn anzugreifen, es konnte gar nicht anders sein. Einen Anlaß gab es nicht, es geschah einfach so, ohne dass er etwas getan hätte. Ich war vielleicht hundert Meter entfernt und hörte das Geschrei. Es war wirklich ein sehr großes Messer, sie muß verzweifelt gewesen sein.«

»Wo war das?«

»Nicht weit von hier, am Qalandia-Checkpoint. Es war so abscheulich, Aischa, denn danach... sie wurde geschlagen, es wurde auch geschossen, und dann hat man sie abgeführt. Sie war verletzt, sie blutete, und sie haben sie in einem Jeep mitgenommen... Die Gewalt, mit der... Es war schockierend, beinahe faschistisch... Ich bin völlig fertig.«

Aischa schwieg. Tonlos sagte sie: »Faschistisch, ja. Das steht außer Zweifel. Aber manchmal... manchmal ist das Gefängnis eine Befreiung für so eine Frau.«

Janey riss den Kopf hoch und starrte Aischa an. »Eine Befreiung?«

»Manchmal ist so etwas der einzige Weg, um aus der Unterdrückung durch die Familie herauszukommen, zumal für unverheiratete Frauen. Oder für Frauen, die einen viel älteren Mann heiraten müssen. Manchmal werden sie auch von den Soldaten erschossen, und damit wird es dann im Grunde zu einer Art Selbstmord. Viele Frauen und junge Mädchen hier sind unglücklich. Jetzt ist sie eine Märtyrerin. In gewissem Sinne bietet ihr das Gefängnis sogar Schutz.«

Janey machte große Augen. »Aber das ist ja entsetzlich! Und du verstehst das?«

Aischa zuckte die Achseln.

»Wirst du auch unterdrückt, als Frau?«

Aischa warf sich lächelnd in die Brust. »Ach wo. Sehe ich etwa so aus, als würde ich unterdrückt? Meine Mutter weint zwar oft über mich, aber meine Familie lässt mich hier arbeiten und allein nach Ramallah fahren. Meine Mutter sieht ja auch, dass ich mich behaupten kann. Sie hat zwar mal versucht, mich einzusperren, aber gelungen ist es ihr nicht!«

Janey lachte. Aischa versuchte, das Lachen nicht zu erwidern. Sie dachte an Tarik, das half.
»Und arbeitest du schon lange bei Raschid?« fragte Janey, die offenbar auf mehr hoffte und sie ermunternd anstarrte.

»Ja«, sagte Aischa. Sie wich Janeys Blick aus und tippte einige Sätze auf ihrer Tastatur.

Janey bemerkte den Wink nicht. »Ich bewundere Raschid. Er möchte mit seinem Blatt wirklich etwas ausrichten«, sagte sie. Sie lächelte kurz über einen Gedanken, den sie nicht äußerte. »Weißt du, ich denke gerade... vielleicht bleibe ich einige Monate und nicht nur ein paar Wochen. Raschid hat mich gefragt, ob ich nicht auch etwas für eure Zeitung schreiben könnte, aus meiner Perspektive, und dazu hätte ich große Lust. Ich habe zu Hause so viel über dieses Land gelesen, aber hier lerne ich jeden Tag, dass alles noch unendlich viel komplizierter ist.«

»Ach?«

»Ich habe noch nicht zugesagt.« 

»Nein!«

Es blieb kurz still. Für den Bruchteil einer Sekunde forschte Janey in Aischas Blick, doch sie sah darin offenbar nichts, was sie am Weitersprechen gehindert hätte.

»Weißt du, ich kenne Raschid schon länger. Ich bin eine alte Bekannte von Raschids Frau. Ihre Ehe ist schon seit Jahren schlecht. Das war auch ein Grund, warum er hierher gegangen ist.«

»Ach?« Aischa heftete den Blick verbissen auf ihren Bildschirm. Wenn sie nur lange genug darauf starrte...

»Meine Zeit ist gleich um«, sagte sie.

»Oh! Ja, dann geh ich jetzt mal«, sagte Janey, obwohl ihr gar nicht klar zu sein schien, was Aischa denn damit meinte. »Kennst du hier in der Nähe vielleicht eine gute Bäckerei oder ein Restaurant? Ich möchte irgendwo etwas essen.«

»Gleich um die Ecke kannst du was essen. Hier gibt es überall was«, sagte Aischa. Irgendwie fand sie es unappetitlich, sich damit zu befassen, wo und mit was Janey ihren dünnen Körper nährte.

»Hast du vielleicht Lust, mitzukommen?«

»Nein, ich habe noch eine halbe Stunde Internetzeit im voraus bezahlt.«

Janey sprang erschrocken auf. »Ach, das meinst du! Daran hatte ich gar nicht gedacht! Entschuldige bitte vielmals! Kann ich dich für mein vieles Gerede entschädigen? Es tut mir ja so leid, Aischa.«

Verärgert sah Aischa, wie Janey in ihrer Tasche zu graben begann.

Sie drehte sich zu ihr um. »Nein, bitte nicht«, sagte sie.

Janey verabschiedete sich. Von ihrem Fensterplatz im ersten Stock aus sah Aischa sie kurz darauf draußen entlanglaufen, aufrecht, mit flinken, zerbrechlichen Schritten, ihre Ledertasche quer auf der Hüfte, das weißblonde lange Haar wehte im feuchten Wind. Die Frau mit dem Messer kam ihr wieder in den Sinn, und durch alle von unten heraufsteigenden Gerüche hindurch - Kaffee mit Kardamom, Minze, Diesel, faulender Gemüseabfall - roch sie an diesem Nachmittag zum ersten Mal Blut.


© 
Christoph Gäbler 21.07.2010