Aus dem Niederländischen von Hanni Ehlers Diogenes 23351, Seite 95 - 113
»Hallo, mein kleines Sabinchen«, sagte mein Vater, wenn Sabine und ich meine Eltern besuchten. Es hörte sich beinahe zärtlicher an, als wenn er mit Lana, seiner eigenen Tochter, sprach.
Meine Mutter war auch ganz vernarrt in Sabine, aber sie tat sich schwer mit der Schwiegermutterrolle. Sie wusste nicht, ob sie eher Freundin oder doch lieber eine Art Mutter sein sollte, und so schwankte ihr Verhalten zwischen übertrieben nett und betreten distanziert als schüchterte sie die eigene Freundlichkeit manchmal plötzlich ein.
Sabine schlug oft vor, zu meinen Eltern zu fahren. Ich glaube, sie hatte meinen Vater auch wirklich gern. Sie nannte ihn Siem. Keiner meiner Freunde, geschweige denn irgendeine Freundin, hatte ihn je so genannt. Aber Sabine hatte sich das gleich nach Jerusalem zur Gewohnheit gemacht.
»Ha, Siem«, jubelte sie, wenn wir eintraten. Meine Mutter nannte sie nie beim Vornamen. Aber sie küsste sie dreimal auf die Wangen, beiläufig, selbstverständlich.
Mein Vater blühte auf, wenn Sabine kam. Als wäre er verliebt.
»Hallo, mein kleines Sabinchen.«
Obwohl es mir anfangs die Zehen krümmte, gewöhnte ich mich daran. Nach einer Weile fand ich es sogar rührend, wenn ich auch ein kleines bisschen eifersüchtig war. Nicht auf sein Interesse an ihr, sondern auf ihr Interesse an ihm. Als hätte ich von meinem Vater irgend etwas zu befürchten gehabt!
»Woher stammen eigentlich deine Eltern, Siem?« fragte sie bei Tisch mir nichts, dir nichts. »Wie jüdisch waren sie, gingen sie in die Schul? Bist du in die Schul gegangen, als Kind?«
Und während ich mich noch von dem Schrecken erholen musste und kaum richtig zuhören konnte - aus schierer Panik schwerhörig, als könnte ich meinen Vater damit vor diesem Übergriff schützen -, antwortete er ganz ruhig und erzählte ohne die Angespanntheit, die mich sonst immer so geärgert und gelähmt hatte, die Geschichten aus seiner Kindheit. Geschichten, die ich so gut und doch auch wieder nicht kannte. Er bediente sich sogar jiddischer Ausdrücke, die er sonst immer vermied.
Sabine fragte bei jedem Essen weiter, ganz ohne Hemmungen oder Zurückhaltung. Sie verstand es einfach, genau den richtigen Ton zu treffen. Wann sie geflüchtet seien. Wohin. Und was seine Mutter dann gemacht habe. Ob sie alle zusammen in Auschwitz gewesen seien. Und Judith und er, wo genau sie auch noch gewesen seien. Und wie Judith für beide Essen habe zusammenschmuggeln können, wenn sie doch im Frauenlager gewesen sei.
Alles nicht schlimm. Das war alles erlaubt.
Ich fürchtete diese Mahlzeiten so sehr, wie ich mich darauf freute. Denn letztlich waren sie eine Art Erlösung, so etwas wie der Schlussstrich unter meine Kindheit. Und sie schmiedeten Sabine und mich noch fester zusammen.
Ich war Sabine dankbar dafür, dass sie auf ihre freundliche Art zum ersten Mal eine Vergangenheit aus all den grimmigen Erfahrungen meines Vaters zu machen schien. Aber ich verübelte ihr die Identitätskrise, die das bei mir auslöste: Wo gehörte ich hin? Gehörte ich zur Außenwelt, der Welt der Fragen, zu ihr? Oder zu meinem Vater, also zur Welt der Antworten?
35
Sabine und ich hatten eine Vorliebe für Antiquariate.
»Buchhandlungen sind optimistische Einrichtungen«, sagte Sabine. »Das Tolle an ihnen ist, dass dort nicht die Spur von Faulheit herrscht. Bücher sind per definitionem unfaul.«
Sie seufzte tiefsinnig.
Wir befanden uns auf einem Einkaufsbummel. Esst das zarte Gemüse von Verhaar buchstabierte ich von einer Schaufensterscheibe.
»Gemüse ist meiner Meinung nach auch nicht faul«, sagte ich.
»Gemüse ist«, sagte Sabine mit Nachdruck. »Gemüse ist gewachsen und hat sich dem Willen der Natur gefügt. Bücher werden gegen das Chaos angeschrieben, erfunden. Sie sind per definitionem unnatürlich.«
»Gemüse ist gezüchtet. Das meiste von dem, was in Geschäften ausliegt, ist auch ein geplantes Produkt. Und was sagst du zu Stühlen, Klamotten, Brot, Staubsaugern?«
»Nichts davon setzt einen derartigen ideellen Aufwand voraus wie Bücher. Das alles hat eher mit Nutzen und Notwendigkeit zu tun. Aber die meisten Bücher entstehen nicht auf Wunsch - die drängen sich einfach auf oder legen sich quer. Genau wie Menschen.«
Ich gab ihr einen Schubs. »Du schwafelst ja wieder ganz schön«, sagte ich. »Aber du hast recht.«
Das Wort Faulheit hörte ich nicht gern. Ich trat mit meiner Schreiberei nämlich ziemlich auf der Stelle. Sie war nicht mehr als eine Kopfgeburt, ein Ideal. Manchmal putschte es mein Selbstvertrauen auf, wenn ich meine latenten Aggressionen in entsprechend drastische, kühne Worte kleidete, doch was ich eigentlich erzählen wollte, hatte ich bis dato nicht herausgefunden.
»Ich bin faul«, jammerte ich.
»Verschon mich bitte mit der Leier«, sagte Sabine schnell. Sie konnte meinen Hang zur Selbstkasteiung absolut nicht leiden.
Ich überhörte das. »Ich liebe Bücher und Buchhandlungen, weil ich faul bin. Ich habe keine eigenen Ideen. Deshalb lese ich wohl auch so viel.«
»ja, ja. Das wird's sein.«
Wie von selbst steuerten wir auf das Antiquariat am Ende der Straße zu. Nach Büchern zu stöbern, sie an beliebiger Stelle aufzuschlagen und in ihrer Geschichte herumzuzappen, war mindestens so schön, wie sie zu lesen - oder sich gar selbst etwas einfallen zu lassen -, fand ich. So gut wie täglich gingen wir in diese Buchhandlung, und doch reichte die Zeit nie aus.
Sabine fand jedes Mal etwas, das sie für eine Rarität hielt, aber ich war kritischer - und geiziger. Hin und wieder mal leisteten wir uns Bücher mit Holzschnitten, Erstausgaben oder anderes, was uns als Besonderheit erschien.
36
Es war ein warmer Septembertag, und wir hatten beide unsere Jacken ausgezogen und trugen sie über dem Arm. Morgens war es noch kalt und neblig gewesen, aber dann war mit einem Mal die Sonne durchgekommen.
Wir waren in Feierlaune. Wir fühlten uns frei, und die Sonne tat ein übriges.
Sabine hatte zu irgendeiner langen Theorie angesetzt, und so spazierten wir zunächst durch den Laden, ohne etwas zu sehen, denn Sabine wollte erst ihre Geschichte zu Ende bringen. Wenn ich mich recht entsinne, ging es um eine Freundin, die ihr die Fotografenausbildung hatte ausreden wollen. Da mich Sabines Zukunftspläne relativ stark beschäftigten, meinte ich sofort das Böse in dieser so genannten Freundin zu entdecken, die natürlich nur so redete, weil sie neidisch war und Sabine übel wollte.
Sabine muss sehr laut und schnell gesprochen haben, denn die plötzliche Stille, als sie verstummte, war so eklatant, dass ich mich bis heute daran erinnere. Sabine hörte einfach mitten im Satz auf zu reden.
Dann erst sah ich, dass sie mit offenem Mund zu einem Mann hinüberstarrte. Er stand vor dem hohen Regal mit der ältesten Sammlung des Antiquariats und studierte die Buchrücken.
Der Mann war groß und kräftig und hatte kurz geschnittenes graues Haar, so kurz, dass es ihm in Stoppeln vom Kopf abstand. Er trug eine kleine Metallbrille und hatte einen langen beigen Regenmantel an. Ein gutaussehender Mann. Allem Anschein nach in den Fünfzigern.
Sabine ging zu ihm hin und stellte sich vor ihn.
»Hallo«, sagte sie mit einem unsicheren Unterton in der Stimme, der mich überraschte.
Da erst schien der Mann sie zu bemerken. Sein Blick erhellte sich wie eine langsam aufleuchtende Lampe, bis er strahlte.
Tochter!«
»Was machst du denn hier, Vater?«
Ihr Vater!? Dass sie »Vater« zu ihm sagte, fand ich noch komischer als sein »Tochter« - es klang so seltsam altmodisch.
Ich schickte mich zu einem höflichen Händedruck an. Ich muss zugeben, dass ich neugierig war.
»Mein Gott, wenn das nicht meine liebe Tochter ist!« sagte er noch einmal. Seine Stimme war tief und jovial. Mir fiel ein leichter Akzent auf. Sie umarmten sich.
Ihr Vater. So sehr überrascht sah er eigentlich gar nicht aus, dachte ich, eher ein wenig zerstreut, in seinen Gedanken gestört. Diesem einen jovialen Satz folgte nichts mehr. Er sah mich an, ein wenig abwesend, als sei er sich nicht ganz sicher, ob meine Gegenwart nun etwas zu bedeuten hatte oder nicht.
»Vater, das ist Max Lipschitz, mein Freund. Ich wollte ihn dir schon früher vorstellen, aber.-. daraus wurde nie was.« Ihre Stimme klang hoch und etwas zittrig; ich konnte mir nicht denken, wieso. Es machte mich mit einem Mal nervös.
Der große Mann nickte mir mit dem trägen Augenaufschlag eines massigen Tieres zu. Er reichte mir seine harte, trockene Hand.
»Max, das ist mein Vater«, sagte Sabine.
Sie lächelte mich nervös, mit weit aufgerissenen Augen an, in denen schon ein Anflug von Enttäuschung lag, die ich wohl auf mich beziehen musste.
Infolgedessen stammelte ich irgend etwas daher, über Bücher, glaube ich, und fragte ihren Vater, wonach er denn suche. An seine Antwort erinnere ich mich nicht nur an das Gezwungene meiner Stimme.
Sabine übernahm rasch wieder das Wort.
»Können wir dich zu einer Tasse Kaffee einladen, Vater?«
Ich kam mir vor wie in einer verkehrten Welt, als wäre er das Kind und sie der Elternteil, der begierig Kontakt aufzunehmen versuchte.
Er nickte. »Das ist eine gute Idee. Könnt ihr euch noch einen Augenblick gedulden? Ich muss noch etwas nachsehen, bevor ich gehen kann ... «
Wir gingen schon mal nach draußen. Angesichts des Tons, in dem sich Sabines Vater geäußert hatte, fragte ich mich, ob er nicht lieber noch ein paar Stunden in dem Laden für sich allein geblieben wäre.
Wir rauchten eine Zigarette. Sabine stand da wie ein nervöses Straßenmädchen, mit der einen Hand den angewinkelten Ellenbogen des anderen Arms stützend, Kippe in die Höhe.
»Mein Vater ist immerzu beschäftigt«, sagte sie nachdenklich, »immerzu liest er, immerzu ist er auf der Suche nach Material über dieses verdammte fünfzehnte Jahrhundert und Spanien. Da hat erst die eigentliche kulturelle Veränderung eingesetzt, sagt er, da begann das goldene Zeitalter. Er ist jetzt beinahe mit seiner Dissertation fertig, nach fünfundzwanzig Jahren.«
»Arbeitet er an der Universität?« fragte ich.
»Ja, er ist an der Universität, aber er unterrichtet auch fast täglich Schüler in Vorden.«
»Vorden?« fragte ich.
»Na, bei Zutphen.«
»Wie alt ist er?«
»Er ist Jahrgang '25. Er wird dieses Jahr siebenundfünfzig«, blaffte sie. Als hätte ich sie mit meiner Frage beleidigt.
Ich warf ein möglichst unbeschwertes »Okay« ein, und wir schwiegen erst mal. »Scheint so, als sei dein Vater mit seinen Gedanken ein bisschen woanders, oder täuscht das?« versuchte ich dann doch noch mal einen neuen Anlauf.
»Das ist typisch mein Vater. Er ist eigentlich am liebsten zu Hause an seinem Schreibtisch, auf seinem harten Stuhl, allein. Er ist ein Professor wie er in Buche steht, mein Vater, ein richtiger zerstreuter Professor.«
Wir schwiegen wieder. Mir ratterten Sabines Geschichten über das Leben ihres Vaters durch den Kopf wie bei einem antiquierten Vervielfältigungsapparat. Mittelalter, untergetaucht, wehrloser Rücken ...
Es dauerte etwas mehr als zehn Minuten, bevor er erschien. Zehn Minuten, die wir natürlich auch im Laden hätten verbringen können, dachte ich. Aber mit seiner schleppenden, fast schon abwesenden Art, sich zu entschuldigen, schien er so sehr aus einer anderen Welt zu kommen, dass meine Verärgerung sofort wieder verflog. Warum hatte es nur so etwas Verführerisches, wenn jemand so schwer mit einem warm wurde?
37
Wir gingen gemeinsam Richtung Dam, Sabine und ihr Vater Arm in Arm vorneweg. Ohne ein weiteres Wort ließen wir uns in einer kleinen Kneipe am Anfang der Damstraat nieder. Aus Kaffee wurde Bier, ein Vorschlag, dem er sofort zustimmte.
Mit langsamer, souveräner Bewegung wischte er sich den Schaum von der Oberlippe. Seine Miene war aufgeräumt, ihm konnte keiner was. Voll Feuer erzählte er von dem Buch, das er gerade gekauft hatte, ein Buch, auf das er mehr als ein Jahr hatte warten müssen. Es stammte aus irgendeiner spanischen Bibliothek, aus Sevilla, glaube ich. Er habe es aber nicht bei sich, sagte er entschuldigend, weil er es gleich zum Binden dagelassen habe, damit es ihm nicht womöglich gleich auseinander falle.
Dann fragte er, ob ich in Amsterdam studierte. »Komisch, nicht, aber ich sehe dir an, dass du studierst. Stimmt's, oder hab ich recht?«
Woran erkannte er das? Musste ich mich jetzt schämen? Ich gab Sabine zuliebe mein Bestes und stand ihm Rede und Antwort.
»Literaturwissenschaft, hin, spannend«, sagte er. »Und hast du in dem Gebiet auch schon eine besondere Leidenschaft entwickelt? Ein Thema gefunden, das dich nicht mehr loslässt? Studieren hat nur Sinn, wenn man seine Passion entdeckt ... «
Ich sagte, dass ich gern schreiben wolle. Er nickte scheinbar verständnisvoll.
Angespannt sah Sabine uns zu. Ob ich wollte oder nicht, der Mann faszinierte mich ungemein. Nach unserem kurzen Dialog konnte ich ihn nach Herzenslust studieren, weil er uns kaum ansah und demnach auch nicht zu bemerken schien, dass wir ihn ansahen.
Sabines Vater war ein schöner Mann, kräftig gebaut, bestimmt russische Vorfahren, Steppe, nicht Schtetl. Sabine hatte wenig Ähnlichkeit mit ihm. Kein Wunder, dass ein Mann von diesem Zuschnitt das KZ überlebt hatte, dachte ich.
Als Sabine ihm erzählte, wie es mit ihren Zukunftsplänen aussah - mich erwähnte sie dabei mit keinem Wort -, guckte er sie zum ersten Mal voll an, lächelnd und enthusiastisch, aber die Lider mit den nahezu weißen Wimpern ein wenig gesenkt. Verlegenheit, Unbeholfenheit oder doch ein Zeichen von Desinteresse?
Nein, er hatte sie ganz offensichtlich sehr gern, wenn auch auf bequem unbeteiligte Weise - zu sehr in andere Dinge involviert, um sich ganz in den Dienst des Hier und jetzt stellen zu können. Nicht einmal das seiner Tochter.
Aber es tat mir doch weh mit anzusehen, wie Sabine sich krampfhaft bemühte, bisher eher spielerische und wenig konkrete Pläne und Träume zu ernsthaften Vorhaben herauszuputzen und etwaige Zweifel mit übertriebenem Ernst zu rechtfertigen. Die Fotografie spielte plötzlich eine ungeahnt große Rolle in ihrem Leben. Und im Anne-Frank-Haus war sie unentbehrlich geworden.
Ihr Vater nickte zu all diesen beruhigenden Mitteilungen mit ernstem Lächeln. Dass er gut zuhörte, war aus der Tatsache ersichtlich, dass er hin und wieder eine scharfe Frage stellte, nicht so, als glaubte er eigentlich nur die Hälfte von dem, was sie sagte, sondern eher, als wollte er sie anspornen, bis zum äußersten für die eigene Persönlichkeit einzutreten.
Das veranlasste Sabine zu weiteren hochtrabenden, mit schon fast schriller Stimme verkündeten Geschichten über verschiedenste Vorhaben bis sie urplötzlich innehielt.
»Wie geht es Mama?« fragte sie auf einmal.
Auch darauf antwortete ihr Vater lächelnd: »Ich dachte, ihr sprecht täglich miteinander?«
»Ich wollte es aber gerne mal von dir hören, ist das so abwegig?«
»Sie hat wieder zum Pinsel gegriffen und arbeitet an neuen Meisterwerken«, sagte er. So zackig, wie das plötzlich klang, fragte ich mich unwillkürlich, ob er wohl in einer Burschenschaft gewesen war.
»Okay, Vater, das reicht«, sagte Sabine. Ihre erste töchterliche Bemerkung, ging es mir durch den Sinn.
»Sie sieht sich viele Kunstausstellungen an«, sagte er daraufhin. »Dazu ist sie in letzter Zeit des öfteren mit ihrer Malklasse herumgereist. Aber das weißt du ja sicher ... «
»Ja«, sagte Sabine, »ja, natürlich.«
»Na, dann wird's für mich wohl langsam wieder Zeit, in den Zug zu steigen«, sagte ihr Vater vergnügt.
Er erhob sich und sah uns jungenhaft herzlich an. Nun, da das Ende unseres Zusammenseins in Sicht war, blühte er noch einmal sichtlich auf. »Tschüs, meine liebe Tochter«, sagte er, fasste Sabine an den Schultern und sah ihr ein paar Sekunden lang schweigend und fast beschwörend in die Augen.
Dann umarmte er sie innig und gab ihr zum Abschluss drei laute Schmatzer. Ich bekam den gleichen harten Händedruck wie zu Beginn. »Nett, dass ich dich nun auch einmal kennen gelernt habe«, sagte er, ehe er zügigen Schrittes in der Menge verschwand.
Die Verabschiedung hatte alles in allem nicht mehr als eine halbe Minute in Anspruch genommen.
38
Ich wagte kaum, Sabine anzusehen. Sie starrte auf ihren Bierdeckel und zupfte heftig an ihrem Daumen.
»Du hast überhaupt nichts gesagt!« sagte sie wütend.
»Mein Gott, als wenn das so einfach gewesen wäre«, entgegnete ich. »Außerdem stimmt das gar nicht!«
jetzt starrte sie auf ihr Glas und wirkte ein bisschen entspannter.
»Komisch, nicht?« sagte sie. »Mein Vater macht mich immer ein bisschen nervös. Dabei bewundere ich ihn doch so sehr.«
Im Sitzen rückte ich mit meinem Stuhl zu ihr hin. Ich fasste sie sanft bei den Schultern, aber sie machte sich ebenso sanft wieder los.
Es sollte das einzige Mal bleiben, dass ich ihren Vater zu sehen bekam.
39
»Du bist nun mal nicht der Typ Temme fatale<«, hatte Victor eines Abends bei uns zu Sabine gesagt.
Victor und ich waren von der Vorschule an zusammen in eine Klasse gegangen. jahrelang hatte er jeden Tag bei uns zu Mittag gegessen, weil seine Mutter berufstätig und nie zu Hause war. Als wir auf unterschiedliche weiterführende Schulen kamen, hatten sich unsere Wege vorübergehend getrennt. Victor war nie ein besonders guter Schüler gewesen. Wiederaufgefrischt hatten wir unsere Freundschaft, als ich zu studieren begann und sich herausstellte, dass er ganz bei mir in der Nähe wohnte. Victor hatte sich zum gewieften Geschäftsmann gemausert; er machte jetzt irgendwas Schlaues mit Computern. Das war seinerzeit noch ziemlich außergewöhnlich.
An Victor gefiel mir unter anderem, dass ich in seinen Augen ein Intellektueller war und er ziemlich zu mir aufblickte. Ebenbürtig war unsere Freundschaft demnach zwar nicht so ganz, aber wir kannten uns schon so lange und so gut, daß das keine Risse mehr herbeiführen konnte. Ich gab mich Victor gegenüber wie ein älterer Bruder und hielt mich damit an eine alte Rollenvertellung, die er akzeptierte und die mir sehr genehm war. Victor durchschaute mich übrigens immer verdammt gut, besser als ich ihn.
Unter Femme fatale verstand Victor - der in seinem Liebesleben von einem entsetzlichen Fehlschlag zum nächsten tragischen Irrtum schlitterte eine Frau, die unerreichbar und unberechenbar war, und das erregte ihn genauso sehr, wie es ihm sauer aufstieß. Ich war mir ganz sicher, dass er sich insgeheim unendlich nach einer gar nicht so »fatalen« Freundin sehnte, nach einer wie Sabine.
Aber Sabine war beleidigt. Für sie sei es erstrebenswert, als mysteriös, eigenwillig und unberechenbar zu gelten, sagte sie und behauptete, Victor habe sie mit seiner Bemerkung als Frau degradiert. Prompt verfiel sie daraufhin in düstere Selbstbetrachtungen, die seine Einschätzung nur noch bekräftigten.
»Du findest also, ich bin keine Femme fatale.«
Sie blickte dabei so unglücklich in die Flämmchen des Gasofens, dass ich unwillkürlich lachen musste. Eine Femme fatale ist bestimmt nicht so rührend wie du, wollte ich sagen. Aber sie kam mir zuvor.
»Ich achte auch immer viel zu sehr auf andere, wie die sich fühlen. Ich wünschte, ich würd mir weniger draus machen, wenn er wieder mal 'ne Stinklaune hat. Ich würd einfach meine eigenen Wege gehen. Weniger in seiner Seele herumstochern.« (Das bezog sich auf mich.)
»Ich stochere doch auch in deiner Seele herum«, schleimte ich, und damit hatte das Thema für mich auch schon wieder an Interesse verloren.
Sabine schwieg den gesamten restlichen Abend. Wahrscheinlich in der Hoffnung, doch noch für fatale gehalten zu werden. Aber Victor und ich bemerkten es nicht einmal. Erst als sie sagte, dass sie zu Bett gehe, wurde uns bewusst, dass sie stiller gewesen war als sonst.
Am nächsten Tag bekam ich dann was zu hören. Wenn sie genauer darüber nachdenke, finde sie es eigentlich unausstehlich von mir, dass ich Victor nicht heftig widersprochen hätte, sagte sie.
»Findest du denn gar nichts unberechenbar an mir?«
»Doch, alles«, sagte ich ganz ohne Ironie. »Du bist vollkommen unberechenbar. Ich hätte nie gedacht, dass du nach Jerusalem kommen würdest, noch dazu mit meiner Mutter. Ich hätte nie gedacht, dass du mit mir zusammenziehen wolltest. Ich hätte nie gedacht, dass du so hübsch bist und so ... Dass ich dich so sehr... Ach, Schluss mit dieser Faselei.«
»Auch wieder so was. Eine Femme fatale würde natürlich nie mit jemandem zusammenziehen wollen.«
»Nein, die könnte sich nicht binden, stimmt. Femmes fatales sind Wesen, die sich nicht festlegen, weil sie ihre widersprüchlichen Wünsche nach Freiheit einerseits und Geborgenheit andererseits nicht auf die Reihe kriegen. Und deshalb lügen und betrügen sie auch. Ich persönlich steh nicht so auf Femmes fatales, da können sie noch so attraktiv sein. Wieso findest du 's denn bloß so erstrebenswert, so zu sein, mein Gott?«
Irgendwie brachte mich das doch auf die Palme.
»Gedanken sind zollfrei, hoff ich doch«, sagte Sabine.
Ihre Stimmung hatte sich allem Anschein nach schon wieder gebessert, und sie tat jetzt ganz überlegen.
»Für mich bist du so fatal, wie es überhaupt geht. Was Fataleres könnt ich gar nicht verkraften«, sagte ich.
Da legte sie mir einen wundervollen, unbeholfenen Striptease hin und gab sich endlich zufrieden.
40
Später habe ich noch oft an diesen Abend zurückgedacht. Da war sie unterdessen zur fatalsten Frau meines Lebens geworden. Aber eine Femme fatale würde ich auch heute, fünfzehn Jahre danach, noch nicht aus ihr machen wollen. Zwar hat sie sich in meiner Vorstellung verändert, nahm etwas Gerissenes, Tragisches, Bösartiges an. Aber Femme fatale? Nein, nie. Dafür schwang bei der ganzen Sache zuviel Unbegreifliches mit, das eher kläglich und traurig war, und dafür blieb Sabine auch zu sehr Sabine. Ihr Verschwinden hat einfach nie zu Sabine gespaßt - obwohl ich sie deswegen natürlich verflucht habe.
Letzten Endes saß ich allein da. Einziger Hinterbliebener und somit Hauptschuldiger.
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Sie verschwand an einem Freitag - das weiß ich noch so genau, weil Sabine morgens auf einmal davon geredet hatte, den Schabbes zu feiern. Das würde ihr gefallen, sagte sie. Sie wollte mittags Kerzen und Challa besorgen.
Ich war dann in die Uni gegangen. Sabine musste freitags nie ins Anne-Frank-Haus, und in ihrem neuesten Ausbildungsgang - der Fotografie, jawohl - hatte sie schon wieder vorlesungsfrei, so dass sie diese Freitage mit den verschiedensten Aktivitäten ausfüllte, die für mich größtenteils im dunkeln blieben.
Als ich um drei Uhr nachmittags nach Hause kam, fiel mir gleich auf, dass irgend etwas ungewöhnlich war. Es war beängstigend ordentlich in der Wohnung, das musste es sein. Hatte wohl was mit diesem komischen Sabbat zu tun, dachte ich, da brachten Frauen ihr Haus doch auf Hochglanz, oder?
Zu Hause hatten weder Sabine noch ich je Sabbat gefeiert, und mich beschlich gleich ein gewisses Unbehagen. Was sollte der Firlefanz?
Und wo war Sabine?
Ich ging ins Bad und las auf dem Klo die Zeitung, und erst nach mehreren Minuten fiel mir dort etwas Weiteres auf, das eigenartig war: Sämtliche Tuben und Döschen und Fläschchen von Sabine waren verschwunden. Zuerst dachte ich: aufgeräumt. Einige Sekunden später aber wusste ich: weg. Ich rannte ins Schlafzimmer, und da erst wurde mir bewusst, dass die Stille in der Wohnung eine andere war, als wie wenn jemand nur mal eben nicht da ist.
Die Stange zwischen den Fenstern war bis auf ein paar alte Oberhemden leer. Ihre Bücher waren weg. Auf dem Bett lag etwas, das wie ein Brief aussah.
Ich war so durcheinander, dass ich gar nicht mehr richtig denken konnte. Was war gestern gewesen? Hatte sie vorgehabt, irgendwem einen mehrtägigen Besuch abzustatten? Hatten wir uns gestritten? Nein, sie war fröhlich und munter gewesen. Wir hatten sogar eine ziemlich leidenschaftliche Nacht hinter uns, und das passierte, wenn wir Streit hatten, nie.
Ich riss das Kuvert auf. Mein Herz hämmerte wie verrückt, und meine Hände zitterten. Im ersten Moment war ich gar nicht fähig, etwas zu lesen. Ich blickte noch ein mal in dem leeren Zimmer herum - war das alles ein Irrtum?
Der Brief war offenbar in aller Eile geschrieben, ein hingekritzelter Brief in dieser plötzlich so ordentlichen Wohnung:
Lieber Max, wenn Du das hier liest, bin ich weg.
Mit Dir und mir kann es einfach nie etwas werden, das ist unmöglich. Komm mir nicht nach, such mich nicht. Mein Entschluss steht ein für allemal fest. Ich liebe Dich, aber ich kann nicht.
Bitte lass auch meine Mutter in Ruhe. Sie weiß, dass ich weg bin, aber sie weiß nicht, wohin. Belästige sie bitte nicht, sie hat schon genug Kummer.
Ich muss eine Weile allein sein, gründlich nachdenken, weit weg.
Ich hoffe, dass Du das irgendwann einmal akzeptieren wirst.
Mach Dir keine Hoffnungen, such nicht. Es geht nicht. Ich will es nicht.
Tschüs, lieber Max. Das Weinen übernehm ich schon.