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Leseprobe aus "Der Schmerz"

Von Marguerite Duras

in der Übersetzung von Eugen Helmlé
dtv 11844, Seite 197 - 208

Aurélia Paris

Dies ist erfunden. Es ist die irre Liebe. zu dem kleinen, verlassenen jüdischen Mädchen.

Ich war immer versucht, Aurélia Paris für die Bühne umzuschreiben. Ich habe es für Gérard Desarthe getan. Er hat den Text im Januar 1984 zwei Wochen lang im kleinen Saal des Théâtre du Rond-Point ganz wunderbar gelesen.

Heute ist der Wald hinter den Fensterscheiben, und der Wind ist gekommen. Die Rosen waren dort, in jenem anderen Land im Norden. Das kleine Mädchen kennt sie nicht. Es hat nie die Rosen gesehen, die jetzt verwelkt sind, und auch nicht die Felder und auch nicht das Meer. Das kleine Mädchen steht am Fenster des Turms, es hat die schwarzen Vorhänge leicht beiseitegeschoben, und es betrachtet den Wald. Der Regen hat aufgehört. Es ist fast Nacht, doch hinter der Fensterscheibe ist der Himmel noch blau. Der Turm ist viereckig, sehr hoch, aus schwarzem Beton. Das kleine Mädchen ist im obersten Stockwerk, es sieht hier und da andere Türme, ebenfalls schwarz. Es ist nie in den Wald hinuntergegangen.

Das kleine Mädchen tritt vom Fenster zurück und beginnt ein seltsames Lied zu singen in einer Sprache, die es nicht versteht. Man sieht noch deutlich im Zimmer. Es betrachtet sich im Spiegel. Es sieht schwarze Haare und die Helligkeit der Augen. Die Augen sind von einem sehr dunklen Blau. Das kleine Mädchen weiß es nicht. Ebenso wenig weiß es, dass es immer das Lied gekannt hat. Es erinnert sich nicht, es gelernt zu haben.

Jemand weint. Es ist die Dame, die auf das kleine Mädchen aufpasst, die es wäscht und die ihm zu essen gibt. Die Wohnung ist groß, fast leer, fast alles ist verkauft worden. Die Dame sitzt in der Diele auf einem Stuhl, neben sich einen Revolver. Das kleine Mädchen hat sie immer so gekannt, wie sie dort auf die deutsche Polizei wartet. Tag und Nacht, das kleine Mädchen weiß nicht, seit wie vielen Jahren die Dame wartet. Das kleine Mädchen weiß nur dies: sobald sie das Wort "Polizei" hinter der Tür hört, wird die Dame die Tür öffnen und alle töten, zuerst die andern und dann sie beide.

Das kleine Mädchen geht die schwarzen Doppelvorhänge zuziehen, dann geht es zu seinem Bett, es knipst die kleine Lampe auf seinem Schreibtisch an. Unter der Lampe die Katze. Sie richtet sich unter dem Licht auf. Um sie herum liegen durcheinander die Zeitungen über die letzten Operationen der deutschen Wehrmacht, mit deren Hilfe die Dame dem kleinen Mädchen das Schreiben beigebracht hat. Neben der Katze, ausgestreckt und steif, ein staubfarbener toter Schmetterling.

Das kleine Mädchen setzt sich der Katze gegenüber aufs Bett. Die Katze gähnt, streckt sich und setzt sich nun ebenfalls dem Mädchen gegenüber. Sie sind in gleicher Augenhöhe. Sie schauen. Und jetzt das jüdische Lied, das kleine Mädchen singt es für die Katze. Die Katze legt sich auf den Tisch, und das kleine Mädchen streichelt sie, hört ihr zu. Dann nimmt es den toten Schmetterling, es zeigt ihn der Katze, sieht ihn mit einer spaßhaften Grimasse an, und dann singt es noch einmal das jüdische Lied. Dann sehen sich die Katze und das kleine Mädchen noch einmal in die Augen.

"Mädchen mit Katze" von Udo WollmeinerMitten aus dem Himmel herunter ist er plötzlich da. Der Krieg. Der Lärm. Vom Flur aus ruft die Dame, die Vorhänge vorzuziehen, es nicht zu vergessen. Die dicken Stahlbrummer fangen an über den Wald hinzufliegen. Die Dame ruft:

"Sprich mit mir."

"Noch sechs Minuten", sagt das kleine Mädchen. "Schließ die Augen"

Das Dach des Lärms, der näher kommt, die Todeslast, die Bäuche voller Bomben, glatt, nahe daran, sich zu öffnen.

"Sie sind da. Schließ die Augen."

Das kleine Mädchen betrachtet seine kleinen, mageren Hände auf der Katze. Sie zittern wie die Wände, die Fensterscheiben, die Luft, die Türme, die Bäume des Waldes. Die Dame ruft: "Komm her."

Sie fliegen immer noch vorbei. Sie sind ein wenig später da als das kleine Mädchen gesagt hat. Mitten im lautesten Lärm ganz plötzlich der andere Lärm. Der Lärm der Geschosse der leichten Flak.

Nichts fällt vom Himmel, kein Fallschirm, kein Geheul. Die intakte Masse des Luftgeschwaders gleitet über den Himmel.

"Wo fliegen sie hin?" schreit die Dame.

"Berlin", sagt das kleine Mädchen.

"Komm her."

Das kleine Mädchen durchquert das schwarze Zimmer. Da ist sie, die Dame. Dort ist es hell. Dort kein Fenster, keine Öffnung nach draußen, es ist das Ende des Flurs, die Eingangstür, von dort müssen sie herkommen. Eine Glühlampe, die an der Wand hängt, beleuchtet den Krieg. Die alte Dame ist da, um auf das Leben des Kindes Achtzugeben. Sie hat ihr Strickzeug auf die Knie gelegt. Man hört nichts mehr, nur noch, weit weg, den sich entfernenden Geschützlärm. Das kleine Mädchen setzt sich zu Füßen der Dame, es sagt: "Die Katze hat einen Schmetterling getötet."

"Mädchen mit Katze von Frank Rub

Die Dame und das kleine Mädchen sitzen lange eng umschlungen beisammen und weinen und schweigen fröhlich wie jeden Abend. Die Dame sagt: "Ich habe wieder geweint, ich weine jeden Abend über den wunderbaren Irrtum des Lebens."

Sie lachen. Die Dame streichelt die Seidenhaare, die schwarzen Locken. Der Lärm entfernt sich immer weiter. Das kleine Mädchen sagt: "Sie haben den Rhein überflogen."

Es gibt nur noch das Geräusch der Windböen im Wald. Die Dame hat vergessen.

"Wohin fliegen sie?"

"Berlin", sagt das Kind.

"Stimmt ja, stimmt ja ... "

Sie lachen. Die Dame fragt:

"Was wird aus uns werden?"

"Wir werden sterben", sagt das Kind, "du wirst uns umbringen."

"Ja", sagt die Dame - sie hört auf zu lachen - "dir ist kalt." Sie berührt den Arm.

Das kleine Mädchen antwortet der Dame nicht, es lacht. Es sagt:

"Die Katze, ich nenne sie Aranacha."

"Aranachacha", wiederholt die Dame.

Das kleine Mädchen lacht ganz laut. Die Dame lacht mit ihm, und dann schließt sie die Augen und berührt den kleinen Körper.

"Du bist mager", sagt die Dame, "deine kleinen Knochen unter der Haut."

Das kleine Mädchen lacht zu allem, was die Dame sagt. Das ist oft so am Abend, das kleine Mädchen lacht über alles, was kommt.

Und dann fangen sie auf einmal an, das jüdische Lied zu singen. Dann erzählt die Dame: "Außer diesem weißen Baumwollviereck, das auf die Innenseite deines Kleides aufgenäht war, wissen wir nichts von dir. Es standen die Buchstaben A. S. drauf und ein Geburtsdatum. Du bist sieben Jahre alt."

Das kleine Mädchen lauscht in die Stille. Es sagt. "Sie sind über Berlin angekommen" - es wartet - "es ist geschafft."

Es stößt die Dame brutal zurück, es versetzt ihr einen Schlag, dann steht es auf und geht weg. Durchquert die Flure, stößt nirgends an. Die Dame hört es singen.

Von neuem die Flakgeschütze gegen den Stahl der blauen Flugzeugkörper. Das kleine Mädchen ruft die Dame: "Auftrag erfüllt", sagt das kleine Mädchen. "Sie kommen zurück."

Der Lärm nimmt zu, geordnet, langanhaltend, eine unaufhörliche Flut. Nicht so schwer wie auf dem Hinweg.

"Nicht ein einziger ist getroffen worden", sagt das kleine Mädchen.

"Wie viele Tote?" fragt die Dame.

"Fünfzigtausend", sagt das kleine Mädchen.

Die Dame klatscht Beifall.

"Was für ein Glück", sagt die Dame.

"Sie haben den Wald überflogen", sagt das kleine Mädchen, "sie fliegen zum Meer."

"Was für ein Glück, was für ein Glück", sagt die Dame.

"Hör zu", sagt das kleine Mädchen, "sie werden übers Meer fliegen."

Sie warten.

"Es ist geschafft" sagt das kleine Mädchen, "sie haben das Meer überflogen."

Die Dame spricht ganz allein. Sie sagt, dass alle Kinder getötet würden. Das kleine Mädchen lacht. Es sagt zur Katze:

"Sie weint. Sie tut das, damit ich zu ihr komme. Sie hat Angst."

Das kleine Mädchen schaut in den Spiegel und spricht mit sich: "Ich bin Jüdin", sagt das kleine Mädchen, "Jüdin."

Das kleine Mädchen tritt nahe an den Spiegel heran und sieht sich an: "Meine Mutter hatte ein Geschäft in der Rue des Rosiers in Paris."

Sie zeigt zum Flur hin: "Sie hat es mir gesagt."

Das kleine Mädchen spricht mit der Katze, es spricht.

"Manchmal will ich sterben", sagt das kleine Mädchen - es sagt weiter - "mein Vater, ich glaube, er war ein Reisender, er kam aus Syrien."

Aus der Tiefe des Außenraums das Wiedereinsetzen des Getöses. Das kleine Mädchen ruft: "Sie kommen zurück."

Die Dame hat die zweite Todesladung gehört. Sie warten.

"Wohin geht's diesmal?"

Das kleine Mädchen schließt die Augen, um besser zu hören. Es sagt: "Nach Düsseldorf."

Das kleine Mädchen hat seinen Kopf in den Händen versteckt, es hat Angst. In der Ferne sagt die Dame aus dem Flur die Liste der Pfälzer Städte auf, sie bittet Gott um das Massaker der deutschen Bevölkerung.

"Ich habe Angst", sagt das kleine Mädchen.

Die Dame hat nicht gehört.

Die Katze hat sich davongemacht, sie ist im lichtlosen Flur, dort, wo der Lärm nicht so laut ist.

"Ich habe Angst", sagt das kleine Mädchen noch einmal.

"Mädchen mit Katze im Birkenwald" 1904 von Paula Modersohn- Becker"Sind es viele?" fragt die Dame.

"Tausend", sagt das kleine Mädchen. "Sie sind da."

Es ist geschafft, sie haben den Wald erreicht. Sie fliegen darüber hinweg. Das Licht geht aus.

Ich möchte, dass sie herunterfallen", schreit das kleine Mädchen, "ich möchte, dass es vorbei ist."

Die Dame ruft dem kleinen Mädchen zu, es solle den Mund halten, das sei eine Schande.

Die Dame betet, sie sagt mit ganz lauter, irrer Stimme ein Gebet auf, das sie in der Kindheit gelernt hat. Und dann schreit das Kind plötzlich im Dunkeln: "Der Wald."

Plötzlich das Ende der Welt, das gellende Pfeifen, das herabstürzt, der Knall, das Gebrüll, und dann der Feuerschein, das Licht.

Obendrüber die Bomberstaffel fliegt weiter.

Das abgestürzte Flugzeug wird zurückgelassen.

Das kleine Mädchen hebt den Vorhang hoch und betrachtet das Feuer. Es ist nicht weit vom Turm entfernt.

Das kleine Mädchen sucht die Gestalt des englischen Fliegers. Die Dame schreit in der Dunkelheit: "Komm, komm her zu mir."

Das kleine Mädchen geht.

"Es ist ein englisches Flugzeug, es ist genau dort abgestürzt", sagt das kleine Mädchen.

Es sagt, dass der Wald brennt, genau dort, unterhalb des Turms, ein wenig dahinter. Dass alles wie ausgestorben ist, abgesehen vom Feuer.

Das kleine Mädchen möchte zu dem abgestürzten Flugzeug gehen. Die Dame sagt, dass sie das, dass sie so etwas nicht sehen will. Das kleine Mädchen besteht darauf, es sagt, der Flieger ist tot, nein, es ist nur Feuer, sie solle kommen.

Die Dame weint, sie sagt, es lohnt sich nicht.

"Wenn ich das gewusst hätte, ach was, reden wir nicht mehr davon, zumal ich nichts gegen dieses kleine Mädchen habe ... nichts ... es wäre mir lieber gewesen, wenn sich Juden um es kümmerten und außerdem jüngere ... aber wie? ... Beide nachts abgereist, ein Zug mit dreizehn Güterwagen, aber wohin abgereist? Und was tun, um zu beweisen, dass es ihr Kind ist? Wie? ... wenn sie wiederkommen, es bestätigen, warum nicht? ... es wächst zu schnell, das kleine Mädchen, es heißt, das läge an der mangelnden Ernährung ... sieben Jahre alt nach dem kleinen, weißen Viereck am Kleid ... "

Das kleine Mädchen hört der Dame zu. Manchmal bricht es in Lachen aus, und die Dame wird wach. Sie fragt, was los ist, wer gesprochen hat und wohin sie geflogen sind.

"Mannheim", sagt das kleine Mädchen, "oder Frankfurt, oder München, oder Leipzig oder Berlin" - es hält inne - "oder auch Nimwegen."

Die Dame sagt, dass sie das kleine Mädchen sehr mag. Dann schweigt sie. Dann sagt sie wieder, dass sie es so sehr mag. Das kleine Mädchen schüttelt sie sacht. Es sagt:

"Sie ist also die Treppe hinaufgelaufen, sie trug ein kleines Mädchen."

"Richtig."

"Wer?"

"Deine Mutter", sagt die Dame.

"'Nehmen Sie die Kleine, ich habe eine dringende Besorgung zu machen'", sagt das kleine Mädchen.

"Richtig, ‚ich habe eine dringende Besorgung zu machen, ich bin in zehn Minuten wieder zurück'."

"Lärm im Treppenhaus?"

"Ja. Die deutsche Polizei."

"Dann nichts mehr?"

"Nichts mehr."

"Nie nie wieder?"

"Nie wieder."

Das kleine Mädchen legt den Kopf auf die Knie der Dame, damit ihm die Dame das Haar streichelt.

Die Dame streichelt das Haar des kleinen Mädchens, wie es das wünscht, ganz fest, und sie erzählt ihm von ihrem eigenen Leben. Dann hält ihre Hand inne. Sie fragt:

"Na, wo sind sie jetzt, diese Leute?"

"Lüttich", sagt das kleine Mädchen, "sie fliegen heim."

Das kleine Mädchen fragt die Dame: "Der, der umgekommen ist, wer war das?"

Die Dame erzählt eine Geschichte von einem englischen Flieger.

Das kleine Mädchen drückt die Dame fest in seine Arme. Die Dame beklagt sich.

Halt mich fest, halt mich fest", sagt das kleine Mädchen.

Die Dame strengt sich an und streichelt das Haar des kleinen Mädchens, dann ist der Schlaf stärker. Von Station zu Station melden die Sirenen in der Stadt das Ende des Fliegeralarms.

"Sag mir seinen Namen", sagt das kleine Mädchen.

"Wessen Namen?" fragt die Dame.

"Von wem du willst."

"Steiner", sagt die Dame. "Das ist der Name, den die Polizei rief."

Die Katze. Sie kommt aus einem Zimmer nebenan.

"Sie sind zurückgekommen", sagt das kleine Mädchen, "sie werden übers Meer fliegen."

Das kleine Mädchen beginnt die Katze zu streicheln, zuerst zerstreut, dann immer heftiger. Es sagt: "Sie hat auch eine Fliege gefressen."

Die Dame lauscht. Sie sagt:

"Man hört sie gar nicht zurückkommen."

"Sie sind in nördlicher Richtung zurückgeflogen", sagt das kleine Mädchen.

An den Fensterscheiben schon der Tag. Er dringt in den Flur des Krieges ein.

Die Katze legt sich auf den Rücken, sie schnurrt von dem irren Verlangen nach Aurélia. Aurélia schmiegt sich an die Katze. Sie sagt: "Meine Mutter hieß Steiner."

"Mädchen mit Katze" von Franz MarcAurélia legt ihren Kopf auf den Bauch der Katze. Der Bauch ist warm, er enthält das gewaltige Schnurren der Katze, ein vergrabener Kontinent",

"Steiner, Aurélia. Wie ich."

Immer noch dieses Zimmer, in dem ich Ihnen schreibe. Heute gab es hinter den Fensterscheiben den Wald, und der Wind war gekommen.

Die Rosen sind verwelkt in diesem anderen Land des Nordens, Rose um Rose, vom Winter dahingerafft.

Es ist Nacht. Jetzt sehe ich die geschriebenen Wörter nicht mehr. Ich sehe nur noch meine reglose Hand, die aufgehört hat, Ihnen zu schreiben. Aber hinter der Fensterscheibe ist der Himmel noch blau. Wäre das Blau der Augen Aurélias dunkler gewesen, wissen Sie, vor allem am Abend, dann hätte er seine Farbe verloren, um klare und bodenlose Dunkelheit zu werden.

Ich heiße Aurélia Steiner.

Ich wohne in Paris, wo meine Eltern Lehrer sind.

Ich bin achtzehn Jahre alt.

Ich schreibe.

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© 
Christoph Gäbler 16.09.2009