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Leseprobe aus "Meines Vaters Land"

Von Wibke Bruns

Ullstein 36748, Seite 217 - 220

ACHT

FAMILIENTAG IST 1925 AUCH WIEDER, diesmal in Berlin-Grunewald im Haus des Bankiers Walter Klamroth. Das ist ein Vetter von Kurt, Jurist und Schatzmeister des Verbandes, und ich erinnere mich, dass die Schmisse in seinem Gesicht mich genauso faszinierten wie die Behauptung, man habe sich dergleichen freiwillig dort hineinsäbeln lassen - Onkel Walter war im Korps »Hansea«. Er trug einen Kneifer, und ich hoffte als Kind vergeblich, der werde ihm einmal von der Nase fallen. HG und seine Frau sind erstmals gemeinsam auf einem Familientag, 1923 war die schwangere Else tapfer allein dabei, HG saß in Bochum fest, 1924 fand kein Familientag statt, aber da war Else auch schwanger gewesen, und diesmal ist es wieder so - HG: »Ich habe ihr das schönste Kleid für den nächsten Familientag versprochen.« 46 Familianten sind gekommen, die Sippe fährt mit drei Motorbooten »und viel Wein« erst zur Pfaueninsel, dann nach Sakrow und Sanssouci.

Kurt, der Archivar, legt ihnen den »soziologischen Stammbaum« vor und referiert über »den sozialen Aufstieg in den Geschlechterfolgen des Geschlechts Klamroth« - vom Bauern zum Rittergutsbesitzer, vom Arbeitsmann zum Fabrikanten, Dorfschullehrer - Pfarrer - Privatgelehrter, einst Schreiber, heute Oberregierungsrat. Er erzählt, wie die »Blutzufuhr« der Ehefrauen dem Auftrieb der Familie genützt hat, die Aufgestiegenen holen sich ihre Frauen schließlich nicht mehr aus den Nachbardörfern. Da ist von Blut aus Hannover und Blut aus Hessen die Rede, aus Franken, nur protestantisches Blut übrigens. Elses Blut wird lobend erwähnt - nicht nur Mecklenburg, sondern auch Dänemark! Dann sitzen sie in Pschorrs Bierkeller, 46 vergnügte Klamroths, durch Blut und Boden geadelt, zehn Jahre später werden sie singen: »Von den Väter her hab ich das Klamroth-Blut - der Tropfen Blut ist gut schrumm schrumm. Es bringe der Familientag ein volles Glas dem alten Schlag, blüh weiter, edles Blut!«

Da haben sie dann ihre Unschuld verloren. Sie finden das zwar immer noch lustig - schrumm schrumm -, aber sie liegen mit ihrem Blut im Trend. Doch jetzt, 1925? Die Klamroths waren nicht »völkisch«, der Eifer war ihnen fremd. Sie waren keine Antisemiten, jedenfalls nicht mehr als damals üblich und dem gesellschaftlichen Anstand angemessen. Juden waren nicht ihr Thema. Noch nicht. National waren sie in der Tat. Das schloss den Wunsch nach Verständigung mit anderen Nationen nicht aus, ihre Klassenzugehörigkeit trug die Klamroths sicher über Grenzen. Sie waren nett, rechtschaffen, in Maßen liberal und stolz nicht auf das »Blut«, sondern auf die Leistung der Vorfahren, die ihnen Verpflichtung bedeutete. Sie pflegten ihre familiäre Gemeinsamkeit, und das hieß dann eben »Blut«.

Else passt da gut rein. Sie ist selber ein Familientier, und die vielen Dänen und Mecklenburger, die sie anschleppt und die mit Spottlust und Schlagfertigkeit die Förmlichkeit der Bismarckplatz-Diele aufmischen, begeistern Kurt und HGs Geschwister jedes Mal. Gertrud hält tapfer mit - »Humor hatte die nicht!«, seufzt Else noch Jahrzehnte später. Sie verstört gelegentlich eine Abend-Gesellschaft, wenn sie »rote« Gedanken äußert, etwa dass ohne Gewerkschaften die Arbeiter Freiwild wären - HG: »Else war wieder der Sozenschreck!« Gewählt hat sie aber bürgerlich, natürlich. Gregers Hovmand, ein jüngerer Vetter Elses aus dem dänischen Bandholm, den ich zärtlich geliebt habe, schüttete sich bis zu seinem Tod vor ein paar Jahren immer noch aus vor Lachen, wenn er von Elses Auftritten erzählte: »Du glaubst nicht, wie frech sie war! Sie hat jeden aufgezogen. Sie war so schnell mit ihrem Witz, und ihre arme Schwiegermutter hat immer erst verstanden, dass sie was verpasst hat, wenn alle lachten.« Und HG? »Der war genauso begeistert wie wir.«

Sie fahren noch mal nach Wismar im Sommer, bevor das dritte Kind geboren wird. Paul Podeus geht es nicht gut, er hat Angina pectoris und scheußliche Anfälle. Else meint, der Stress wegen des verlorenen Vermögens sei der Grund. Ich habe in den Unterlagen nichts finden können, das erklärt, warum das Geld plötzlich weg ist, auch in Wismarer Chroniken nicht. Vermutlich kam Paul in Schwierigkeiten wegen des Versailler Vertrags, es gab massive Ausfuhrbeschränkungen für bestimmte Waren. Jedenfalls spielten seine Banken nicht mehr mit, wegen fehlender Liquidität hat Paul dann verkauft zu einer Zeit, als der Geldwert wie Butter in der Sonne schmolz. Auch von Ravelin Horn müssen Paul und Dagmar sich deshalb trennen, aber das ist nicht so einfach in diesen rauhen Zeiten, niemand hat das Geld für so ein Schloss. Trotzdem ist die Atmosphäre im Haus ungebrochen, HG bewundernd im Tagebuch: »So viel Wärme, so viel Lachen, die Sorgen kommen nicht vor.« 

Die Töchter und ein Kindermädchen bleiben zum Entzücken der Großeltern in Wismar, während HG und Else zwei Wochen in Bandholm Ferien machen. Das ist sein zweiter Besuch in der Wahlheimat, und die Zuneigung zwischen den Dänen und HG ist wechselseitig - Gregers erzählte, HG habe mit einem Stoßseufzer bei einem Abendessen verkündet: »Hvis jeg ikke var prøjser, saa ville jeg gerne være dansk« - wenn ich nicht Preuße wäre, dann wäre ich gern Däne. »Doch, den hätten wir genommen«, sagte Elses wunderbarer Vetter noch ein halbes Jahrhundert später. HG verliebt sich in die dänische Küche - Leberpastete mit süßem Gurkensalat, die kross gerösteten Zwiebeln, zig Sorten eingelegte Heringe, rote Grütze mit Sahne - »rødgrød med fløde«, der Zungenbrecher für jeden, der Dänisch lernt. Die handgeschriebenen Kochbücher von Dagmar Podeus und Else sind dicke Wälzer mit vielen Flecken, durchgestrichen, drüber geschrieben - ich muss aufpassen, dass ich mich nicht festlese. HG fliegt zurück nach Berlin. Das erste Mal im Flugzeug, knapp vier Stunden von Kopenhagen nach Tempelhof. Er ist beeindruckt.

Der Sohn kommt am 17. Oktober 1925, Sonnabend nacht um zehn Minuten nach eins. Wieder hat Else eine Rekordgeburt von einer knappen Stunde zustande gebracht, aber dies mal ist die Hebamme schon seit abends um neun im Haus. »Gottseidank!« notiert HG und »Ein Junge!!! Sehr glücklich!« Nachts um halb drei noch greift er zum Kindertagebuch. Da ist die Rede von dieser rauhen Welt, an die der Sohn sich jetzt gerade gewöhne, und dass »Mutter und Vater versuchen wollen, sie Dir so schön wie möglich zu machen, und hoffen dabei auf Gottes Hilfe, der uns allen so gnädig beigestanden hat in dieser schweren Stunde. Ihm sei Ehre, Preis und Dank!«


© 
Christoph Gäbler 21.07.2010