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Leseprobe aus "Gilles' Frau"

Von Madeleine Bourdouxhe

in der Übersetzung von Monika Schlitzer
Serie Pieper, Seite 62 - 67

"In diesem Jahr ist Ende Januar so mildes Wetter, dass man meinen könnte, der Winter sei schon vorüber. Doch der Februar endet mit bitterer, trockener Kälte, ohne Schnee oder Regen. Die Erde im Garten ist so hart gefroren, dass sie unter Elisas Schritten knackt und in der Nähe der eisigen Pfütze bei der Mauer, unterhalb des tropfenden Wasserhahns, Risse bekommt. Dann folgen schwere Regenfälle, die fast ohne Unterbrechung mehrere Tage lang anhalten.

Und plötzlich kommt zwischendurch die Sonne heraus, unterbricht den Regen mit ihren großen, nassen Lichtstrahlen. Es ist wirklich ein merkwürdiges Wetter, man weiß nicht, woran man ist... Wenn die Sonne sich sacht über dem Garten entfaltet wie ein Fächer, steigen aus der nassen Erde schwere Frühlingsschwaden. Doch bald sammeln sich die Wolken wieder, die Sonnengarbe schließt sich, ja es ist kalt... Es ist immer noch Winter. Und eine Viertelstunde später ist wieder Frühling. Diese Verheißungen von Freude und Liebe, die aus der Erde emporsteigen, sind für Elisa eine einzige Qual.

Es gibt diese lange Folge von Tagen, an denen sie Gilles' Rückkehr ängstlich erwartet, Tage, an denen sie auf eine winzige Zärtlichkeit von ihm hofft, Tage, an denen sie erfährt, dass er an einem Ort, wohin er angeblich gegangen ist, nicht gesehen wurde.

Und es gibt diese Nächte, die sich gleichen, in denen Elisa neben dem schlafenden Gilles gepeinigt wach liegt. Ihre Hände bewegen sich auf ihn zu, berühren ihn sacht, nähern sich vorsichtig seinem Gesicht, um ihn nicht zu wecken: wie eine Katze auf Mausejagd spürt sie an seinem Körper diesen fremden Geruch auf. Und dann der Tag, an dem sie aus dem Schlafzimmer herunterkommt und ihre Schatten auf dem Küchenfußboden jäh auseinanderfahren sieht.

Und der Sonntag, an dem Gilles vorausgeht, um an einer Versammlung seiner Arbeitskollegen aus der Fabrik teilzunehmen. Sie sollten sich anschließend bei den Eltern treffen: als sie ankommt, ist er schon da, die Eltern sind ausgegangen, Victorines Kleid ist merkwürdig zerknittert, auf Gilles' Gesicht liegt dieser sonderbare Ausdruck, den Elisa so gut kennt und der sie jetzt zum erstenmal mit leisem Ekel erfüllt.

Und dieser andere Tag, an dem er mit einem kleinen blauen Fleck an der Lippe nach Hause kommt. In Elisas Herzen verschwinden seine Spuren viel langsamer als auf Gilles' Lippe.

Manchmal fragt sie sich, ob sie nicht offen mit Gilles oder Victorine reden, ohne Rücksicht einschreiten sollte. Aber sie kennt Gilles und fühlt, dass er gefangen ist und fähig wäre, sie zu verlassen, um mit Victorine zusammenzuleben. Zwar ist jetzt ihr ganzes Leben bedroht und hängt an einem seidenen Faden, doch einen irreparablen Bruch hat es noch nicht gegeben. Gilles lebt noch immer mit ihr zusammen, er schläft neben ihr, sie küsst ihn, wenn er von der Arbeit kommt, kocht sein Essen, spricht mit ihm. Er ist da, er gehört noch zu ihr. Da das Drama noch geheim ist, hat sie die Möglichkeit, alles neu aufzubauen... Ach! Diese Hoffnung, die ihr hilft zu überleben, einsam zu kämpfen, ohne schwach zu werden! Dieser Glaube an ihre Liebe, der sie stets wie eine Woge trägt, wenn sie Gilles die Stufen der Betontreppe hinuntergehen hört.

Sie wird jetzt immer schwerer; wenn sie den ganzen Tag im Haushalt gearbeitet hat, haben ihre geschwollenen Beine abends keine Kraft mehr zum Gehen. Die schweren Glieder, der erschöpfte, unförmige Körper behindern sie in der Aufgabe, die sie sich vorgenommen hat. Sie schämt sich dieser Schwäche - doch bald wird sie wieder flink, schlank und hübsch sein... Ihre Niederkunft erscheint ihr wie eine neue Hoffnung, die sie geduldig erwartet, in sich zurückgezogen, ein wenig schläfrig, ihren unbeweglich gewordenen Leib und den ständigen Schmerz mit sich herumschleppend.

Schließlich kam sie nieder. Die Geburt dauerte lange und war schwer. Aber Schmerzen zu haben, einen Schmerz auszuhalten, der einem die Beine auseinander treibt, so als wollte der Körper entzweireißen, das ist für eine Frau wie Elisa nicht schlimm, man weiß ja, dass dieses Leiden nur einige Stunden dauert: es beginnt, ebbt ab, kehrt wieder, steigert sich und verschwindet endgültig.

Doch einige Zeit später, als sie mit befreitem Leib in ihrem Bett liegt, das Gesicht noch etwas blasser als sonst und in ihren Armen ein neugeborenes Kind, da beginnt die eigentliche Tortur: Victorine kommt jeden Abend, um den Haushalt zu machen und für Gilles das Abendessen zu kochen. Sie sitzen beide unten in der Küche. Elisa hört sie sprechen, Gegenstände hin und her schieben, Victorine stellt die Teller weg...

Jetzt hört Elisa nichts mehr. Sie hebt leicht den Kopf und rührt sich nicht mehr, angespannt und voller Unruhe... Ihr Herz pocht so laut, dass seine Schläge in ihren Schläfen die Stille stören... Endlich hört sie wieder Geräusche... Sie lässt den Kopf ins Kissen sinken; ihre Stirn und ihre Hände sind schweißnass, sie keucht noch ein oder zwei Herzschläge lang, bis sie sich schließlich beruhigt hat und wieder auf die Stimmen und Schritte lauscht. Nach einer Weile wird es erneut still - lange, unendlich lange... Die Sekunden reihen sich in Elisas Herz aneinander... Was bedeutet diese Stille, die nicht enden will? Wieder ist ihr Körper schweißbedeckt, so als wäre er plötzlich im Fieber. Vorsichtig zieht sie den Arm, mit dem sie das Baby festhält, heraus und krallt sich mit ihren feuchten Händen nervös in ihre Bettdecke. "Gilles!" hat sie gerufen. Der Schrei hatte sich ohne ihr Zutun aus ihrem angsterfüllten Herzen gelöst.

Er kommt die Treppe herauf.

"Was willst du, Elisa?"

"Bring mir ein wenig Wasser - mir ist so heiß."

Sie beobachtet ihn: sein Gesicht ist normal, er kaut noch sein Essen, als er ins Zimmer kommt... Sie haben gegessen... Sie haben schweigend gegessen, mehr war nicht.

Sie trinkt und streckt sich dann völlig erschöpft wieder flach in ihrem Bett aus; dann schließt sie die Augen, öffnet sie wieder und blickt ihn an: "Geh doch hinunter und iss weiter", sagt sie fast unhörbar mit ihrer sanften, kraftlosen Stimme. Am Morgen kommt Elisas Mutter, um den Haushalt zu führen. Sie kommt im Laufe des Vormittags öfter zu ihr herauf: "Brauchst du irgend etwas, mein Mädchen?"

"Nein, Mutter."

Elisa sieht ihr zu, wie sie sich im Zimmer zu schaffen macht, aufräumt, Laken zusammenfaltet, das Baby wickelt. Sie spricht nicht viel: man muss auch nichts sagen, wenn man durch seine kleinen, von vielen Fältchen umgebenen glücklichen Augen seine Freude zeigt, wieder ein Enkelkind zu haben und seinen Kindern behilflich sein zu können.

Ihre Mutter ist die einzige Frau auf der Welt, der Elisa sich anvertrauen, bei der sie Unterstützung und Trost suchen könnte... Und auch diese Hilfe ist ihr verwehrt... Wie sie in jener Nacht, in der sie die Entdeckung machte, begriff, dass ihr von Gilles' Seite keine Hilfe zuteil werden würde, so begreift sie jetzt, dass es unmöglich ist, sich Victorines Mutter anzuvertrauen.

"Ach, das Stärkepulver für den Kleinen ist alle - ich werde Victorine bitten, heute Abend welches mitzubringen, und ich gebe ihr auch noch ein paar Orangen für dich mit."

"Ja, Mutter, das ist sehr lieb."

Und die alte Frau, die Elisa ansieht, kann auf dem Gesicht ihrer Tochter das breite Lächeln einer glücklichen jungen Mutter sehen."


© 
Christoph Gäbler 21.07.2010