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Leseprobe aus "Neue Arbeit - Neue Kultur"

Von Frithjof Bergmann

Aus dem Amerikanischen übersetzt von Stephan Schuhmacher
Arbor Verlag, Freiamt im Schwarzwald, Seite 9 - 60, 220 - 229

Wie kann die Arbeit der Zukunft aussehen? Nach jahrzehntelanger Praxis legt Frithjof Bergmann nun endlich das Grundlagenwerk zu neuen Perspektiven der Arbeitsgesellschaft vor. Sein Gegenvorschlag zu dem gängigen Arbeits- und Lebensmodell hat mittlerweile unter dem Titel "Neue Arbeit" weite Kreise gezogen.

Einleitung

Die Neue Arbeit hat nicht mit einem flüsternden Wind hoch in den Bäumen angefangen, sondern mit einem Paukenschlag. Sie begann nicht mit zögernden, kleinen Schritten, sondern mit einem originären Vorschlag, über den gleich zu Beginn sehr viel geschrieben, in Radio und Fernsehen berichtet und auch sehr viel gestritten wurde. Es geschah während der Rezession der frühen achtziger Jahre, zu einer Zeit, als in den Fabriken überraschend schnell auf beiden Seiten des Fließbandes Computer auftauchten. Der Ort war Flint, die Automobilstadt in den Vereinigten Staaten, die etwa dem entspricht, was Wolfsburg für Deutschland bedeutet. Es gab keine eindeutige Ankündigung, aber Gerüchte machten die Runde, die sich immer weiter hochschaukelten: Es würde Entlassungen geben in einer Größenordnung, die alles bisher Gekannte überträfen. Als Antwort darauf gründeten "wir" (das war zu diesem Zeitpunkt eine zusammengewürfelte Gruppe sehr unterschiedlicher Freunde – einige kamen aus der Gewerkschaftsbewegung, andere aus dem Management, einer war Priester, einige waren Unternehmer, einer war der stellvertretende Bürgermeister der Stadt) das erste Zentrum für Neue Arbeit.

Ich hatte bereits zuvor über das Thema Arbeit geschrieben, unter anderem in meinem Buch On Being Free ("Die Freiheit leben"). Außerdem hatte ich eine zehnteilige Fernsehserie mit dem Titel Culture after the Elimination of Labor ("Kultur nach der Abschaffung der Arbeit") geschrieben, produziert und gesendet. Ich war also nicht ganz unvorbereitet, aber die Dinge entwickelten sich sehr viel schneller, als ich es erwartet hatte. Basierend auf dem, was wir über Flint wussten – und das war eine Menge, da die meisten Mitglieder des Zentrums den größten Teil ihres Lebens in der Automobilbranche tätig gewesen waren –, und einer Ansammlung noch unreifer Ideen, formulierten wir einen ersten Vorschlag.

An diesem Vorschlag entzündete sich zu unserer eigenen Überraschung eine lebhafte Debatte, nicht nur in Flint, sondern darüber hinaus in Detroit, in Michigan und in der gesamten Automobilindustrie.

Es gab Presseberichte, Radio- und Fernsehinterviews, und fast jeder in der Stadt beteiligte sich an der Diskussion.

Der Kern unseres Vorschlags lautete: "Es gibt eine Alternative zur Massenentlassung der Arbeiter." Wenn es zu diesen Entlassungen käme, so sagten wir, "würde halb Flint arbeitslos werden, und die andere Hälfte würde erdrückend viele Überstunden machen müssen". Die Alternative bestand darin, die arbeitende Bevölkerung von Flint nicht derart vertikal in zwei Teile zu spalten, sondern mit einem horizontalen Schnitt eine sehr viel sinnvollere Teilung vorzunehmen: "Selbst nach der Einführung der Computer wird es noch genug Arbeit geben, so dass alle Arbeiter sechs Monate im Jahr in den Fabriken arbeiten können."

Das Wichtigste sollten unserer Ansicht nach jedoch die verbleibenden sechs Monate sein. In dieser Zeit sollten die Arbeiter nämlich nicht einfach zu Hause sitzen und warten. Vielmehr sollte das neu gegründete Zentrum für Neue Arbeit zum Zug kommen. Dieses Zentrum sollte zwei Aufgaben erfüllen: Zum einen wollten wir unser Bestes tun, um die Talente, die verborgenen Fähigkeiten und brachliegenden Fertigkeiten, aber auch die Wert- und Wunschvorstellungen der Arbeiter ans Licht zu bringen. Wir wollten herausfinden, welche Arbeit sie "wirklich, wirklich" tun wollten – das war der Ausdruck, der, bevor wir uns versahen, zu unserem Markenzeichen wurde. Zum anderen wollten wir alle Anstrengungen unternehmen, damit sie in diesen sechs Monaten tatsächlich diese sinnvollere und erfüllendere Arbeit tun konnten und darüber hinaus mit dieser Arbeit auch noch ein substantielles Einkommen erzielen würden.

In den seither vergangenen 25 Jahren sind insgesamt etwa 30 Zentren für Neue Arbeit gegründet worden, und das nicht nur in den Vereinigten Staaten und Kanada, sondern auch in Europa (hier besonders in Deutschland) sowie in Asien und Afrika.

Vom ersten Tag an vertraten wir den Standpunkt, dass das Lohnarbeitssystem nur eine Weise ist, die Arbeit zu organisieren und zu strukturieren, und eine problematische noch dazu. Wir betonten, dass der größte Teil der Menschheit Tausende von Jahren nicht in einem Lohnarbeitsverhältnis, sondern auf Bauernhöfen gearbeitet hatte. Die besondere Form der Arbeit, die wir "Lohnarbeit" nennen, ist erst so alt wie die industrielle Revolution, also ungefähr 200 Jahre. Schon als dieses System eingeführt wurde, gab es warnende Stimmen, die ihm keine gute Zukunft voraussagten. Heute krankt das Lohnarbeitssystem an vielfältigen und schweren Mängeln. Deshalb ist es an der Zeit, die Arbeit von Grund auf neu zu organisieren. Das Lohnarbeitssystem ist dabei, zu sterben, und das nächste System, die Neue Arbeit, muss aufgebaut werden.

Was ist die "Neue Arbeit"? Dieses Buch ist eine lange und komplexe Antwort auf diese Frage. Zur Einführung hier eine kurze Antwort: Zentral für die Neue Arbeit ist eine Umkehrung. Das lässt sich am einfachsten mit den Begriffen von Zweck und Mitteln ausdrücken. In der Vergangenheit war die zu erledigende Aufgabe in vielen Fällen das Ziel oder der Zweck. Der Mensch wurde von anderen, aber auch von sich selbst als Werkzeug benutzt, als Mittel zur Verwirklichung dieses Zwecks. Wir, die menschlichen Wesen, unterwarfen uns diesem. Wir stellten uns selbst in den Dienst der Arbeit, die getan werden musste.

Die Neue Arbeit ist eine nun schon mehr als 20 Jahre andauernde Bemühung, diesen Zustand umzukehren. Nicht wir sollten der Arbeit dienen, sondern die Arbeit sollte uns dienen. Die Arbeit, die wir leisten, sollte nicht all unsere Kräfte aufzehren und uns erschöpfen. Sie sollte uns stattdessen mehr Kraft und Energie verleihen, sie sollte uns bei unserer Entwicklung unterstützen, lebendigere, vollständigere, stärkere Menschen zu werden.

"Umkehrung" ist im Grunde noch ein viel zu milder, zu blasser, zu farbloser Ausdruck. Wenn wir uns ansehen, wie die Arbeit in einem Bergwerk, an einem Fließband, in einer Küche, auf einem Bauernhof oder in einer Autowerkstatt aussieht, dann stellt sich die Frage, was die Arbeit in der Vergangenheit mit dem Menschen gemacht hat. Sie hat die Menschen verunstaltet, und zwar jede Art von Arbeit auf eine ihr entsprechende Weise: Die Arbeit führte zum Bergmann mit Staublunge, zum aus schierer Überarbeitung abgestumpften Bauern, zum in seiner gespielten Jovialität festgefahrenen Vertreter, zum Priester in einer Soutane aus Scheinheiligkeit - lassen Sie ruhig noch weitere Beispiele vor Ihrem geistigen Auge Revue passieren.

Sieht man sich an, welch enormen Raum die Arbeit im gesamten Leben eines Menschen einnimmt, dann wird deutlich, dass die Belastung und der Druck, unter dem die meisten Menschen unablässig standen, sie auf ähnliche Weise eingeengt haben wie die Bandagen, mit denen im alten China die Füße der Chinesinnen verkrüppelt wurden. Man umwickelte die Füße bereits in jungen Jahren mit angefeuchteten Stoffstreifen, die sich noch weiter zusammenzogen, wenn sie trockneten, weil "kleine" Füße als besonders attraktiv galten. Über lange Jahre derart "stranguliert", blieben die Füße so klein wie die Fäuste eines Babys. Diese eingeschnürten Füße sind für mich ein Symbol für das, was die Arbeit mit der Masse der Menschen gemacht hat: Sie hat sie verkrüppelt.

Im Herzen der Neuen Arbeit steht also der Gedanke, diesen Zustand nicht nur abzuschaffen, sondern den Prozess umzukehren. Die Neue Arbeit ist nicht nur ein Versuch, den Menschen diese Bürde abzunehmen, indem man die Arbeit leichter macht und ihnen mehr Freizeit einräumt. Unsere Absicht ist eine ganz andere. In 20 Jahren sehr vielseitiger Erfahrungen mit dem Phänomen Arbeit haben wir gesehen, dass eine Arbeit, die guten Gebrauch von den Veranlagungen und Talenten der Menschen macht, eine Arbeit, die ihren tiefsten Wünschen entspricht und an die sie glauben, die sie als Herausforderung und Berufung empfinden, die Menschen nicht auslaugt, sondern das genaue Gegenteil tut: Sie gibt den Menschen mehr Energie, stärkt sie und hebt sie auf eine höhere Ebene. Statt sie zum verkrüppelten Fuß einer Chinesin zu machen, ist sie ihnen eine Hilfe auf dem aufsteigenden Pfad der Entwicklung zu einem kräftigen, lebensfrohen menschlichen Wesen. Das Ziel der Neuen Arbeit besteht nicht darin, die Menschen von der Arbeit zu befreien, sondern die Arbeit so zu transformieren, damit sie freie, selbstbestimmte, menschliche Wesen hervorbringt.

Mehr Vitalität und mehr Spannkraft sind in unserer gegenwärtigen Kultur sehr gefragt. Wir führen deshalb oft einschlägige Vergleiche an, manche mit einem Augenzwinkern. Wir behaupten, dass die Neue Arbeit den Menschen mehr Kraft gibt als Ginseng, Vitamin E, das Wachstumshormon STH oder irgendein anderes der Nahrungsergänzungsmittel, die Sie vielleicht schon ausprobiert haben. Eine Arbeit zu tun, deren Sie sich nicht schämen, sondern die Sie interessant und aufregend finden, macht Sie selbstbewusster als Dang Quo, Taiji oder Seminare in Selbstverteidigung. Einer unserer oft verwendeten Sprüche sagt, dass Sex schon sehr gut sein muss, wenn es dem Vergleich mit dieser Art von Arbeit standhalten will. (Fragen Sie einmal jemanden, der die Situation kennt, allein im Bett auf einen Menschen zu warten, der gerade mit einer Arbeit beschäftigt ist, die er leidenschaftlich gern tut!)

Wir glauben, dass jeder dieser Vergleiche ganz buchstäblich wahr ist. Das können Sie selbst testen, beobachten und sehen. Doch gibt es in unserer Kultur eine tief verwurzelte Tradition, die uns daran hindert, Arbeit als etwas Köstliches und sogar Wunderbares anzusehen. In der Tat erfahren viele Menschen ihre Arbeit als eine Art milde Krankheit. Sie ist nicht so schlimm wie Krebs oder Hepatitis, eher so wie eine Erkältung. Diese Analogie ist tatsächlich sehr treffend: Über eine Erkältung sagt man, dass sie in zwei Tagen vorübergeht. Im Falle der Arbeit sagen wir: Es ist schon Mittwoch; bis Freitag halten wir das schon noch aus.

Weil es diese Tradition gibt und diese Art zu denken und zu reden so vorherrschend und tief eingeprägt ist, tun wir, das heißt die "Associates" der Neuen Arbeit, alles nur Mögliche, um immer wieder die Polarität der Arbeit zu betonen. (Wir gebrauchen den Ausdruck Associates, weil wir die Bezeichnung Mitarbeiter, Partner oder gar Mitglieder für unpassend halten. Associates sind alle die, die in dem weit verbreiteten Netzwerk der Neuen Arbeit an ihrer weiteren Entwicklung beteiligt sind.)

Die Polarität der Arbeit

Frithjof BergmannMit diesem Begriff meinen wir zum einen, dass sehr viel Arbeit alles andere ist als eine nur milde Krankheit. Wie gesagt ist Arbeit oft eine den Menschen verkrüppelnde Krankheit. Und natürlich kann sie Menschen auch umbringen – ich denke dabei nicht nur an die berüchtigten Unfälle in Kohlenbergwerken oder auf See, sondern auch an die vielen Soldaten und Offiziere, die in den verschiedensten Armeen auf der Welt ihre Arbeit machen. Sie werden dafür eingestellt und bezahlt, und wenn man jene, die bei dieser Arbeit getötet werden, hinzuzählt, dann wäre die Zahl der Todesopfer, welche die Arbeit verursacht hat, nicht länger überschaubar.

Diese Tatsachen werden meist verschwiegen, weil man uns beigebracht hat, dass Arbeit immer ehrenwert ist, dass Faulheit eine Sünde ist und dass Menschen, die sich weigern zu arbeiten, verachtenswert sind. Und das, weil selbst die einfachste und niedrigste Arbeit auf magische Weise gut und ehrenwert wird, wenn man sie nur mit genügend Disziplin und Sorgfalt ausübt. Was für eine unglaubliche, zauberhafte Verwandlung ! Sie geht weit hinaus über die Träume der Alchemisten, die ja nur aus Blei Gold machen wollten. Für jeden Chef und Vorgesetzten ist dies natürlich der beste Mythos, den er sich wünschen kann! Was könnte jemand, der Sklaven beaufsichtigt, die Eisenerz schleppen, weben oder Baumwolle pflücken, sich Besseres erträumen? Und die Ausgebeuteten und Schuftenden glauben ihre ehrenvolle Pflicht zu erfüllen.

Für die Neue Arbeit ist der andere Pol jedoch noch wichtiger. Wir haben bereits gesagt, dass Arbeit, welche die Menschen fasziniert und mitreißt, Arbeit, die sie lieben und der sie sich hingeben können, mehr Kräfte in den Menschen entfesselt, als sie zu besitzen glaubten. Diese Tatsache ist für die Neue Arbeit von solch großer Bedeutung, dass wir gern einige besonders eindrucksvolle Beispiele anführen. Sie sind für uns so etwas wie Leuchttürme, die uns den Kurs halten helfen, wenn wir Gefahr laufen, uns zu verirren.

Das erste Beispiel ist eine Begebenheit, die oft in Psychologielehrbüchern erwähnt wird. Eine Frau kommt aus einem Geschäft. Sie schaut hinüber zum Parkplatz, wo sie ihr Auto geparkt hat, einen altmodischen VW "Käfer". Auf den ersten Blick erfasst sie zu ihrem Entsetzen, dass ihr fünfjähriger Sohn unter dem Auto liegt, das aus irgendeinem Grund nach vorn gerollt sein muss und ihr Kind überfahren hat. Das liegt jetzt unter einem Rad, mit der enormen Last des Wagens auf seiner Brust. Ohne einen Augenblick zu zögern, läuft sie hinüber, greift auf einer Seite mit beiden Händen unter das Auto, hebt es an und rettet so ihren Sohn. Der Bericht über diese Begebenheit betont auch, dass sie sich dabei weder das Kreuz verhoben noch sonst irgendwie verletzt hat.

Der wesentliche Punkt dieser Geschichte ist, wie ich glaube, ziemlich klar. Stünde man mit der Frau, deren Sohn sicher zu Hause spielt, auf einem Parkplatz und forderte sie auf: "Gehen Sie doch mal zu Ihrem Wagen rüber und heben Sie ihn hoch!", dann wäre das nichts weiter als ein schlechter Scherz. Selbst wenn die Frau es versuchen würde, könnte sie den Wagen wahrscheinlich nicht einen Zentimeter hochheben. Es ist also der Kontext, der entscheidend ist. Der Kontext ist in diesem Fall die Situation, zu der sie selbst, ihr Sohn und das Auto gehören. Sie sind miteinander verknüpft, es ist plötzlich eine ganz bestimmte Verbindung zwischen ihnen entstanden. Man könnte auch sagen, dass die Lebensgefahr, in der ihr Sohn schwebt, sie unter enormen Druck stellt; das Ganze ist wie ein Kraftfeld, das sie umgibt. Dieses Kraftfeld bringt Kräfte in ihr zum Vorschein, die sie "normalerweise" nicht besitzt. Deshalb vermag sie in dieser Situation etwas zu leisten, das wirklich außergewöhnlich und erstaunlich ist.

Nun werden viele von uns, wie ich glaube, mir zustimmen, dass dieser Fall zwar besonders spektakulär ist, es aber dennoch zahlreiche andere Fälle gibt, die sich in ihrer Grundstruktur ähneln. So gibt es fast in jeder Sportart legendäre Beispiele für derartige Begebenheiten. Das Wichtige für die Neue Arbeit ist, dass im Bereich der Arbeit so etwas ebenfalls geschehen kann. Etwas stellt sich als schwieriger heraus, als wir zuerst dachten. Aber wir sind engagiert; es ist uns wichtig. Die Situation ist vielleicht nicht so dramatisch wie im Fall mit der Mutter und dem Sohn unter dem Auto, aber wir finden uns darin dennoch in einem ganz besonderen Kraftfeld. Wir werden Teil einer größeren Situation, und diese Situation bringt unerkannte Energien in uns zum Vorschein.

Wenn man mich persönlich auffordert, das, was ich unter Arbeit verstehe, in ein oder zwei Sätzen zu formulieren, so lehne ich das stets strikt und entschieden ab. Solche Formel-Definitionen sind zwar schillernd, aber doch nur Seifenblasen. Ich antworte trotzdem oft auf die Frage, dann aber ausführlicher, indem ich sage, dass ich mich gegen die traditionelle moderate und lauwarme Sicht der Arbeit verwahre, und die Arbeit meiner Ansicht nach eher einem von zwei Extremen entspricht: Arbeit kann uns verunstalten, oft sogar umbringen, aber es gibt auch eine außerordentliche Art von Arbeit, die uns mehr Energie schenkt, als wir zuvor besaßen. Manchmal führe ich das noch weiter aus und füge hinzu, dass es ein integraler Bestandteil solcher Situationen ist, dass wir nicht im Voraus wissen, wie viel Energie wir wirklich besitzen. Das kann uns selbst überraschen, und oft nicht nur einmal, sondern einige Male hintereinander. Die Anforderungen wachsen, und wir haben mehr Energie als geglaubt. Dann wird die Latte noch höher gelegt, und zu unserer eigenen Überraschung können wir bei der nächsten Runde sogar noch mehr Energie mobilisieren.

Die Tatsache, dass Arbeit die seltene Fähigkeit besitzt, uns lebendiger zu machen, und uns deshalb von einer Ebene auf die nächste heben kann, nennen wir in den Neue-Arbeit-Gruppen oft den "Zug" der Arbeit. Damit wollen wir sagen, dass Arbeit tatsächlich so etwas sein kann wie ein Seil, das uns nach oben zieht – etwa so wie bei einer Rettung aus Hochwasser oder wie beim Bergsteigen.

Diese physisch sehr wohl wahrnehmbare Zunahme der Energie durch die Arbeit spielt eine große Rolle, wenn Menschen die "Pensionierung" erleben. Zu diesem Thema wurde sehr viel geforscht. Studiert man das gesammelte Material, kommen erstaunliche Fakten zum Vorschein. Sehr viele Menschen sind gänzlich von ihrer Arbeit abhängig. Sobald ihnen ihre Arbeit genommen wird, sind sie wie Marionetten, deren Fäden durchgeschnitten wurden, so dass sie zu einem kläglichen Häufchen zusammensacken.

Erfahrungen dieser Art habe ich auch viele Male mit Jugendlichen aus den Innenstädten gemacht. Wenn diese Jugendlichen eine Arbeit leisten können, die sie wirklich tun möchten, so führt das zu erstaunlichen körperlichen Veränderungen: Sie gehen anders, ihre ganze Haltung und ihr Gesichtsausdruck machen sie zu völlig neuen, anderen Menschen. Die Geistlichen, mit deren Kirchen ich in einigen Projekten zusammenarbeitete, übersetzten dies in eine religiöse Sprache: Sie sagten, die Tatsache, dass diese Jugendlichen tun konnten, was sie wirklich, wirklich tun wollten, habe bei ihnen zu einer Art Wiederauferstehung geführt. Das war ein großes Wort, aber es war nicht unangemessen. Es brachte die Leben schenkende und das Leben erneuernde Kraft zum Ausdruck, die eine solche Arbeit oftmals hat.

Ich möchte Ihnen ein zweites Beispiel geben, diesmal von den Ufern des Mississippi. Vor einigen Jahren stieg dort der Wasserspiegel im Frühjahr über jeden bisherigen Pegelstand, und der Wetterbericht sagte noch mehr Regen und zusätzliches Wasser durch die Schneeschmelze voraus. Nachdem die üblichen Maßnahmen ausgeschöpft waren, erging ein Aufruf an alle Bürger, zum Fluss zu kommen und beim Bau von Deichen zu helfen. Wie bei allen ähnlichen Fällen verfolgte das ganze Land die Fernsehberichterstattung. Was mich besonders beeindruckte, war der Gesichtsausdruck der Menschen, die die Sandsäcke schleppten. Ich erinnerte mich daran, dass Dostojewski über seine Zeit in den Lagern geschrieben hatte, man könne einen Menschen zur Verzweiflung und in den Nihilismus treiben, wenn man ihn zwinge, Sand zu schleppen, erst von hier nach dort und dann wieder von dort nach hier, an genau denselben Ort, und dann wieder nach dort. Hier im Fernsehen sah ich ein ganz anderes Bild: Ja, die Menschen schleppten Sand, aber sie verteidigten ihre eigenen Dörfer! Das Ganze war ein heroischer Kampf. Sie nahmen es mit dem Mississippi auf! Ihre Gesichter zeigten es unmissverständlich: Seit Jahren hatten sie nicht mehr etwas so Sinnvolles, so Leben Gebendes getan. Allein die Erinnerung daran würde ihnen noch Kraft geben, wenn sie viele Jahre später, im Alter, von diesem Erlebnis erzählten.

Dieses Beispiel zeigt wiederum, dass der Kontext, der Zweck, der Sinn entscheidend sind, wenn es um die Bestimmung der Qualität einer Arbeit geht. Eine physische Aktivität kann sich ständig wiederholen und, wie am Ufer des Mississippi, äußerst mühsam sein. Entscheidend ist, dass das, was man tut, einen Zweck und einen Sinn hat und man ein Ziel damit verfolgt. Diese Umstände bestimmen den Kern, das eigentliche Wesen, die Bedeutung, die eine Arbeit hat.

Wir alle kennen Menschen, die weit über 80 Jahre alt sind und die noch immer eine ungemein erstaunliche Vitalität, Energie und Kraft besitzen. Solch ein Mensch war Martha Graham, aber auch Linus Pauling, Arturo Toscanini und Albert Einstein gehörten dazu. Man erinnert sich besonders an Einsteins Foto, auf dem er auf einem Kinderdreirad fährt und die Zunge herausstreckt wie ein Sechsjähriger.

Ein Teil dieser Vitalität ist zweifellos genetisch bedingt, aber ein Teil ist sicherlich auch der Arbeit zu verdanken, die diese Menschen tun. Sie sind lebendige Beispiele für die Idee, die wir mit der Geschichte der Mutter, die das Auto stemmt, um ihren Sohn zu befreien, und den Dorfbewohnern im Kampf mit dem Mississippi vermitteln wollten. Ihre Arbeit schenkt ihnen Energie und zieht sie mit einer ungeheueren Kraft nach oben. Ihre Arbeit hat das über lange Zeit getan; es gab gelegentliche Pausen, aber dann setzte der Zug nach oben mit voller Kraft wieder ein. Das Resultat ist diese erstaunliche Vitalität, die Lebensfülle, von der wir gesprochen haben. Wir sollten dabei eines nicht übersehen: An diese Menschen erinnern wir uns, weil sie weltberühmt sind. Doch es gibt auch viele Namenlose mit vergleichbarer Vitalität. Ich habe einmal eine Zeit lang die Auswirkungen von Arbeit auf die Energie älterer Menschen untersucht. In diesem Zusammenhang bin ich Hunderten von Menschen begegnet, auf die Arbeit eine ähnliche Wirkung gehabt hatte. Sie waren erstaunlich lebendiger als ihre Altersgenossen, weil ihre Arbeit ihnen mit jedem Tun einen Löffel Lebenselixier einflößte.

Wir haben diese faszinierende, den Menschen aufbauende Kraft über 20 Jahre in verschiedenen Projekten der Neuen Arbeit erkundet, getestet und uns zunutze gemacht. Die Projekte, in denen wir das taten, erstreckten sich von einigen der größten und namhaftesten internationalen Konzerne bis hin zu einer Hand voll Dauerarbeitslose oder Obdachlose. Diese Spannweite war uns wichtig und wir sind stolz darauf. Im Verlauf des Buches werden wir Ihnen die Höhepunkte dieser Arbeit vorstellen und Ihnen mehr berichten über Zentren der Neuen Arbeit, die direkt mit Mega-Konzernen verbunden waren, aber auch über andere Projekte, in denen etwa Jugendliche von der Straße auf den Dächern von Hochhäusern in Vancouver Gärten anlegten, über ein Projekt, in dem Jugendliche in einem Hochsicherheitsgefängnis Motorräder zusammengebauten, und natürlich über viele andere Projekte, die auf konventionellere Weise mit Regierungsbeamten, Managern mittleren Alters, Rentnern, Depressiven, Schulen, Universitäten, Städten oder Regionen arbeiteten.

Die Vielfalt unserer Bemühungen stellt in unseren Augen einen Beweis, eine Demonstration dar. Im Laufe der Jahre sind wir zu der Überzeugung gelangt, dass wir zumindest nahe an einen viel versprechenden und Hoffnung machenden Weg herangekommen sind, und dafür gab es vor allem einen Grund: Wir konnten in jedem unserer Projekte beobachten, dass wir den Menschen nicht nur "Verbesserungen" brachten und selbst im Falle der Elendsten der Elenden nicht nur Nahrung, Kleidung und Unterkunft zugänglich machen konnten. Wir verteilten keineswegs nur Almosen und schufen das, was wir selbst mit böser Zunge "Comfort Stations" nannten, also Situationen, in denen sich die Menschen auf der sicheren, ja bequemen Seite wähnten. Nein, was die Menschen wirklich aufbaute, nicht nur materiell, sondern als menschliche Wesen, das war die Möglichkeit, eine Arbeit zu leisten, die sie schätzten, die sie interessant fanden und auf die sie stolz sein konnten. Es hob ihre Stimmung, gab ihnen Kraft, machte sie mutiger und ganz erstaunlich lebendiger.

Wir haben uns selbst bewiesen, dass sehr viele von denen, die im tiefsten Elend leben, diese Aufwärtsbewegung, diesen Aufstieg durch solche Arbeit "aus eigener Kraft" angehen und verwirklichen können. Aber wir erlebten auch, und das war uns nicht weniger wichtig, dass auch mit Menschen, die in Bequemlichkeit, Wohlstand und Fülle lebten, dasselbe geschehen kann. Auch sie wurden stärker, fröhlicher und lebensvoller. Es war diese Breite, diese Annäherung an etwas, das Allgemeingültigkeit zu besitzen scheint, was uns Hoffnung gab und uns schließlich dazu brachte, eines der Ziele unserer Bemühungen zu formulieren: Es geht uns um die Schaffung einer Gesellschaft und Kultur, in der wirklich jeder, Mann oder Frau, die Chance bekommt, einen beträchtlichen Teil seiner Zeit mit einer Arbeit zu verbringen, die er oder sie erfüllend und faszinierend findet und die die Menschen aufbaut und ihnen mehr Kraft und mehr Vitalität gibt.

Dies möglich zu machen würde sehr viel mehr erreichen, als nur die Stimmung der Menschen zu heben und ihre Energie zu vermehren. Führungspersönlichkeiten aus dem Management waren von Anfang an von der Neuen Arbeit fasziniert, weil sie darin die Möglichkeit sahen, zwei Aspekte zu optimieren. Dass es gut für die Arbeiter sein würde, ihnen zu ermöglichen, eine Arbeit zu leisten, die sie ernsthaft tun möchten, war aus ihrer Sicht selbstverständlich und geradezu eine Binsenweisheit. Was sie mehr interessierte, war die andere Seite der Medaille, nämlich dass das auch für die Produktivität und damit für ihre Gewinne das Beste sein würde. Diese doppelte Optimierung war aus unserer Sicht von großer Wichtigkeit, denn sie bedeutet, dass eine Gruppe von Firmen, eine Stadt oder eine Region, welche die Neue Arbeit in größerem Maßstab einführt, sich sehr viel schneller entwickeln würde.

Es gab eine weitere und damit verbundene Dimension, die unserer Ansicht nach ebenfalls großes Gewicht hatte: Sie besteht in der Gesamtsumme dessen, was durch die verschiedenen "Zielsetzungen" und "Berufungen", die im Rahmen einer Gruppe zum Zuge kommen, erreicht wird. Wenn man Menschen fragt, was sie wirklich, wirklich tun möchten, stellt sich heraus, dass nicht sehr viele von ihnen Symphonien oder Gedichte schreiben wollen. Viele sagen, dass sie vor allem "etwas verändern", einer Sache "ein anderes Gesicht geben" wollen; sie wollen "etwas Sinnvolles tun", und das ist oft nur eine andere Art zu sagen, dass sie etwas tun wollen, was anderen Menschen hilfreich ist.

Eine funktionierende Neue-Arbeit-Wirtschaft hätte deshalb zwei Vorteile: Wenn viele Menschen etwas tun könnten, was sie ernsthaft tun möchten, dann gäbe es in der Arbeitswelt sehr viel mehr Freude und Fröhlichkeit. Gleichzeitig gäbe es aber auch sehr viel mehr Kreativität und Erfindungsreichtum. Wir glauben, dass die Veränderung, die dadurch herbeigeführt werden könnte, so beträchtlich wäre, dass wir manchmal vom "Kraftstrom der Neuen Arbeit" sprechen. Auch für den zweiten Vorteil haben wir einen Namen; halb im Scherz nennen wir ihn den "Niagarafall der Neuen-Arbeits-Energie". Eine Gesellschaft, in der ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung einer "sinnvollen Beschäftigung" nachgehen könnte, hätte Energieressourcen zur Verfügung, die wir gern mit dem Energiepotential dieser Wasserfälle vergleichen.

Abriss der Entwicklung der Neuen Arbeit

Trotz hoffnungsfroher und viel versprechender Anzeichen waren wir schon vor Beginn des frühen Projekts in Flint davon überzeugt, dass die Betonung des "Wirklich-wirklich-Wollens" oder der "Berufung" in der Neuen Arbeit an sich noch nicht ausreichen würde. Um den Wohlstand, aber auch die Fülle der Arbeit, die uns erstrebenswert schien, bereitstellen zu können – und wir glauben, dass Arbeit im Prinzip ganz buchstäblich un-endlich ist (wie das ja beispielhaft an der Arbeit einer Hausfrau oder eines Bauern deutlich wird) –, mussten wir noch etwas ganz anderes entwickeln: eine zweite, zusätzliche Art der Neuen Arbeit. Dem lag die Überlegung zugrunde, dass das Lohnarbeitssystem, unsere gegenwärtige Weise, die Arbeit zu organisieren, heute an solch gravierenden und lähmenden Mängeln leidet, dass es wohl nicht nur einer, sondern zweier Arten der Neuen Arbeit bedarf, um ein praktikables System der Neuen Arbeit für das 21. Jahrhundert zu schaffen.

Diese andere Art der Arbeit lässt sich am besten durch ein kurzes Beispiel aus meiner persönlichen Erfahrung erklären. Nachdem ich ein Jahr lang in Princeton Philosophie gelehrt hatte, habe ich in den Wäldern von New Hampshire gelebt. In der Nachfolge von Henry David Thoreau war ich entschlossen, nur das zu essen, was ich selbst angebaut hatte. Mais, Kohl, Kartoffeln und 20 andere Gemüse anzubauen war kein Problem. Das Problem waren die strengen Winter in New Hampshire. Ich besaß mit Absicht keine Ketten- oder Motorsäge, und deshalb verbrachte ich schließlich sehr viel Zeit damit, Stapel von Holz mit einer kleinen Bogensäge zu schneiden. Im April nach dem zweiten Winter kam ich zu dem Schluss, dass dies nicht etwa Freiheit, sondern eher Sklaverei ist. Ich verließ die Wälder wieder, aber aus dieser Erfahrung entwickelte sich ein umfangreiches Projekt, das ich seither verfolge.

Ich nenne es die "High-Tech-Eigen-Produktion", der Kürze halber auch als HTEP bezeichnet. Sie basiert im Wesentlichen auf der Idee, unsere brillanten Technologien nicht nur dazu zu benutzen, aus unseren Flüssen Kloaken oder aus unserem Regen Säure zu machen, sondern auch noch für etwas ganz anderes. Wir könnten eine Reihe von Geräten, Apparaten, Materialien, Maschinen und Herstellungsarten entwickeln, die es uns oder einer nicht sehr großen Gruppe von Menschen ermöglichen würden, 60 bis 80 Prozent von dem, was wir zum Leben brauchen, selbst herzustellen. Dann könnten wir das fabelhafte, unabhängige Leben führen, von dem ich einen Vorgeschmack erhalten habe – ohne im Schweiße unseres Angesichts mit einer Bogensäge Holz schneiden zu müssen.

Die Idee der High-Tech-Eigen-Produktion brachten wir in all die verschiedenen Projekte ein, die wir seither initiiert haben, auch in das in Flint, und die Idee stieß überall auf enthusiastische Zustimmung. Die Menschen verstanden sofort, dass dies enorme materielle Vorteile haben und darüber hinaus ein aufregendes und großartiges Experimentierfeld darstellen würde, auf dem sie herausfinden könnten, welche Arbeit sie wirklich, wirklich leisten wollten. Wäre man von seiner frühen Kindheit an daran beteiligt, eine große Vielfalt von Gütern herzustellen, und entwickelte man auf diese Weise die Gewohnheit, sich praktisch jeden Morgen neu zu entscheiden, welches spezifische Ding man an diesem Tag herstellen möchte, dann würde das die Fähigkeit in uns entwickeln, die uns ganz entschieden fehlt. Was ich meine, ist – etwas provokativ und merkwürdig formuliert – die Fähigkeit, uns zu fragen, welcher von 500 mir offen stehenden Aktivitäten ich mich heute widmen möchte. Bei dem Leben, das wir gegenwärtig führen, wissen wir bereits in dem Moment, in dem wir am Morgen die Augen aufschlagen, was wir an diesem Tag tun Viele von uns machen sich in der Tat morgens zuerst einmal eine Liste der zu erledigenden Dinge. Hier würde die High-Tech-Eigen-Produktion uns darin unterstützen, uns in kleinem Rahmen jeden Tag erneut die Frage zu stellen, die ganz im Zentrum eines Lebens der Neuen Arbeit steht, nämlich: Wie möchte ich an diesem heutigen Morgen meine Arbeit und mein Leben in Ernst und vollem Bewusstsein gestalten?

Jedem der an den verschiedenen Projekten Beteiligten war klar, dass die ökonomische Freiheit, welche die High-Tech-Eigen-Produktion uns ermöglicht, auf lange Sicht eine unerlässliche Voraussetzung dafür ist, tatsächlich das tun zu können, was man wirklich, wirklich müssen. will. Das ist ohne den durch die HTEP erreichbaren Grad an materieller Unabhängigkeit nämlich nicht möglich. Wo diese nicht gegeben ist, wird der Druck der "Realität" – oder dessen, was Bertolt Brecht "die Verhältnisse" nannte – uns zu beschämenden Kompromissen zwingen.

Ich sagte, dass praktisch jedermann, der mit der Neuen Arbeit zu tun hatte, mit der Idee der HTEP einverstanden war. Deren Durchführung, die Praxis, war indes zwei Paar Stiefel. Widerstand gegen die Idee gab es nie, das Problem war ihre praktische Realisierbarkeit. Die Vision, Technologien zu entwickeln, die es einer kleinen Gruppe von Menschen erlauben würde, das, was sie selbst brauchte, in ihrer eigenen unmittelbaren Umgebung auch selbst herzustellen, war – inspirierend. Das stand außer Frage. Nur: Wo sind die Werkzeuge, die Maschinen und Apparate, die Herstellungsmethoden, die uns in die Lage versetzen, das zu tun?

Rückblickend lässt sich sagen, dass der Fortschritt auf diesem Gebiet während der ersten 20 Jahre der Neuen Arbeit zugegebenermaßen langsam war. Zu dem großen Sprung vorwärts kam es erst in den letzten acht Jahren. Natürlich begannen wir, wie praktisch jedermann, der an Selbstversorgung denkt, zuerst einmal mit dem Gartenbau. Allerdings möchte ich betonen, dass wir das überhaupt nicht wie "praktisch jedermann" angingen. Wir benutzten vielmehr die fortschrittlichsten und am weitesten entwickelten Methoden der Permakultur, des Gartenbaus in Containern, und wir bauten in unseren Gewächshäusern sogar die exotischsten Nahrungsmittel an, bis hin zu Tee und Kaffee. Mit einem ironischen Unterton können wir von uns behaupten, dass wir selbst beim Anbau von Kohl und Tomaten "High-Tech" waren.

Wir hatten auch gute Erfolge beim Hausbau: Während unserer langen Reise stolperten wir über eine Reihe verschiedener Bausysteme, die es Menschen ohne spezielle Fertigkeiten und Erfahrungen möglich machen, sich selbst ein Haus zu bauen. Eines dieser Systeme war eine spezielle Methode zur Errichtung von Kuppelbauten. Auf unserer Website findet sich an exponierter Stelle ein Foto eines solchen Kuppelhauses, denn es wurde zu einem der Embleme der Neuen Arbeit, einem unserer "Markenzeichen": Zum einen, weil der Anblick dieser Kuppel schlichtweg beeindruckend ist, zum anderen, weil auch die Methode der Herstellung zur Neuen Arbeit passt. Man nimmt eine sehr reißfeste, etwa einen halben Zentimeter dicke "Haut", die so zugeschnitten ist, dass sie die Form einer Kuppel hat, und bläst diese zu einem großen Ballon auf. Dann sprüht man entweder dünnen Leichtzement oder eine Lehmmischung auf dessen Oberfläche. Dann braucht man nur noch zu warten. Es dauert zwei bis vier Tage, bis die Kuppel getrocknet ist. Wenn es so weit ist, zieht man einfach nach Kinderart den Korken aus dem Ballon. Die Luft strömt heraus, der Ballon fällt zusammen, die Kuppel bleibt stehen, und man zieht die Haut zur Vordertür hinaus. Was diese Methode zu einer typischen Neue-Arbeit-Methode macht, sind die Einfachheit, die Intelligenz, die Ausschaltung unnötiger abstumpfender Arbeit und der dazu gehörende humorvolle Unterton.

Wir initiierten eine ganze Palette weiterer Projekte. Bei einigen davon wurden Computer benutzt, um Aufgaben zu erledigen, die Menschen, die ins Elend geraten sind, oft Schwierigkeiten bereiten – etwa das Vereinbaren eines Termins mit einem Sozialarbeiter oder einem Arzt –, aber die Erfahrungen mit der High-Tech-Eigen-Produktion blieben insgesamt eher entmutigend und schwer greifbar. Wir wollten jedoch nicht dilettantisch herumspielen, sondern mit entschlossenem Wagemut ein ernsthaftes wirtschaftliches Interesse umsetzen. Entscheidend war für uns die Reduzierung der Abhängigkeit von der Lohnarbeit, das Ausbrechen aus dieser Knechtschaft. Wir wollten hier eine Ebene erreichen, die in dieser Hinsicht eine deutliche Veränderung zeigt, die es einem Menschen also erlaubt, seine Lohnarbeit um ein Drittel oder die Hälfte zu reduzieren, indem er sie auf angenehme Weise mit einer selbstversorgenden oder eigenproduzierenden Arbeit ausbalanciert. In den ersten 20 Jahren machten wir dazu hier und dort Fortschritte, aber im Großen und Ganzen erreichten wir dieses Ziel nicht.

Das war der Stand bis zur zweiten Hälfte der neunziger Jahre. An diesem Punkt erhielten wir immer mehr und immer dringlichere Einladungen aus fernen Ländern, oft Ländern der Dritten Welt. Zuerst aus Indien, Russland und der Ukraine, bald danach von Haiti und einigen anderen pazifischen Inseln, dann aus China und Japan und in den letzten Jahren aus Marokko und weiteren afrikanischen Staaten, insbesondere aus Ghana und Südafrika. Die Einladungen sagten stets, die eine oder andere Gruppe habe (im Internet oder sonst wo) von unseren Bestrebungen gelesen, und man wolle sich mit einem oder mehreren von uns unterhalten. Jede dieser Einladungen war eine Überraschung.

Während der Jahre, in denen wir uns langsam den Berg hinaufschleppten, hatten wir eine Menge Ideen und Informationen angesammelt, die verschiedene "Möglichkeiten" darstellten. Überall, wo wir hingingen, stellten wir zuerst klar, dass es nicht in unserer Absicht stand, stattliche Mengen Geld auszugeben, damit die großen Unternehmen ins Land kommen und dort Arbeitsplätze schaffen würden. Die Zahl von Arbeitsplätzen, die auf diese Weise geschaffen werden können, ist lächerlich klein, und deshalb ist diese Strategie unverantwortlich teuer. Wir schlugen stattdessen eine Palette kleiner, mobiler und preiswerter Technologien vor, mit denen die Menschen das, was sie brauchen, sich selbst herstellen können.

In jedem dieser Fälle war entscheidend, dass wir keine "primitiven" Apparate anboten – was unweigerlich als Beleidigung aufgefasst worden wäre –, sondern ganz im Gegenteil Maschinen vorschlugen, die meistens nicht nur "ultramodern" waren, sondern darüber hinaus zur noch in der Entwicklung befindlichen "High-Tech-Eigen-Produktion" gehörten. In jedem einzelnen Fall, ob es nun ein Mittagessen mit dem Minister für soziale und wirtschaftliche Entwicklung war oder ein Treffen mit einer kleineren, sich auf einer lokalen Ebene um Verbesserungen bemühenden Organisation, der Funke sprang augenblicklich über.

Wir legten dann Abbildungen auf den Tisch und erklärten, dass eine der deutschen Universitäten, die zu den Partnern der Neuen Arbeit gehört, die TU Chemnitz, zurzeit führend ist auf dem Gebiet der Entwicklung kleiner mobiler Fabriken – genauer gesagt: von High-Tech-Werkstätten, die in Containern untergebracht werden können. Eine Möglichkeit wäre deshalb eine kleine mobile Fabrik, die von Dorf zu Dorf reist und mit der die Bewohner ihre eigenen Elektrogeneratoren aus recyceltem Plastik und Aluminium – Flaschen und Büchsen – herstellen. Eine andere Möglichkeit wäre eine ähnliche kleine mobile Fabrik, mit der man Ziegel für Hausdächer herstellen könnte. (Die meisten Dächer in den Slums von Indien und Afrika sind aus verrostetem Metall gemacht. Im Winter ist es darunter kalt, im Sommer verwandeln sie das Haus in einen Ofen.) Eine dritte Möglichkeit wäre eine kleine mobile Fabrik, in der man leistungsfähige Wasserfilter herstellen kann, die ungenießbares Wasser in Trinkwasser umwandeln können. Eine vierte Möglichkeit wäre eine kleine mobile Fabrik zur Herstellung von Zement. Eine fünfte Möglichkeit …

Die Reaktion war überall stürmisch: Warum sind Sie nicht schon vor Jahren gekommen? Besteht die Möglichkeit, dass Sie bleiben? Haben Sie Leute, die an Ihrer Stelle herkommen können und ein Projekt in dieser Richtung initiieren können? Sagen Sie uns, wo wir anfangen können, und bitte, wenn irgend möglich schon heute.

Diese Reaktion darf nicht missverstanden werden. Was diesen Enthusiasmus auslöst, sind nicht nur die raffinierten und oft buchstäblich noch nicht da gewesenen technischen Neuentwicklungen, die wir vorstellen. Wir stellen diese Dinge nie und unter keinen Umständen als "Lösungen" oder "Antworten" dar, mit denen wir schlaue weiße Männer mit unseren schicken Aktenkoffern angereist kommen. Bevor wir irgendwelche Bilder zeigen oder irgendwelche technischen Maschinen oder Technologien vorstellen, beharren wir stets darauf, dass sie, die Menschen, mit denen wir arbeiten, am Steuer sitzen. Alle Entscheidungen werden sie selbst treffen müssen, und auch die Arbeit wird von ihnen kommen müssen: "Überhaupt nichts wird geschehen, kein Nagel wird eingeschlagen und kein einziger Schlüssel wird in irgendeinem Schloss umgedreht, bevor SIE sich in Ihrem Geist vollkommen klar darüber sind, dass es das ist, was SIE wirklich und ernsthaft wollen! In dieser Hinsicht werden wir nicht wanken und keine Kompromisse machen: Vom ersten Tag an wird dies nicht unser Projekt, sondern IHR Projekt sein. Wir kommen nur mit ‚Möglichkeiten‘, die wir Ihnen anbieten. Wenn daraufhin etwas geschieht, dann nur, weil SIE es so wollen!"

Wir denken und sprechen gern in Polaritäten, in entgegengesetzten Extremen, und auch das, was wir jetzt in der Dritten Welt tun, ist nur ein polares Extrem eines Gegensatzpaares, zu dem es einen entsprechenden Gegenpol gibt. Die andere Hälfte dessen, was kürzlich auf dem Gebiet der Neuen Arbeit geschehen ist, hat nichts mit den im Elend Lebenden – den Benachteiligten – zu tun, sondern mit den Begabtesten und den Erfolgreichsten. Nach einigen Schätzungen gehört heute etwa ein Viertel unserer arbeitenden Bevölkerung zu einer Gruppe von Menschen, deren Insignien das Handy und der Laptop sind. Ein großer Teil dieser Menschen empfindet seine Arbeit ganz und gar nicht wie eine "milde Krankheit" – wie wir uns leicht vorstellen können.

Als die Blase der New Economy plötzlich platzte, verloren viele dieser Menschen über Nacht ihren Arbeitsplatz, aber zur allgemeinen Überraschung waren sie deswegen nicht unbedingt niedergeschlagen oder deprimiert. Ganz im Gegenteil: Viele schienen erleichtert zu sein. Viele hatten in der schon sprichwörtlichen "Garage" ihr eigenes Unternehmen gegründet. Der Erfolg brach dann über sie herein und machte sie zu Gefangenen von erfolgs- und gewinnorientierten Unternehmen (wie etwa Microsoft), in denen sie arbeiten mussten wie Galeerensklaven. Darum die Erleichterung.

Viele dieser Menschen erleben ihre Arbeit ganz ähnlich, wie es Künstler und Intellektuelle tun. Vor dem Boom führten sie beinahe so etwas wie eine Boheme-Leben: Waren sie gerade inspiriert, dann konnten sie vier Tage und Nächte ohne Pause durcharbeiten; wenn sich ihr Gehirn unproduktiv und dumpf anfühlte, dann blieben sie auch einmal eine Woche lang im Bett. Die Software, die sie schrieben (oder was immer sonst es war), war ihre Arbeit, und wie bei Künstlern war ihre Arbeit beinahe das Wichtigste in ihrem Leben.

Verständlichweise brennen viele dieser Menschen vor Neugier beim Thema Neue Arbeit. Unsere Grundvorstellung davon, was Arbeit eigentlich sein sollte, verbindet uns mit ihnen – ebenso wie, natürlich, das Konzept der High-Tech-Eigen-Produktion. Vielen von ihnen lag nicht viel an einem opulenten und schicken Leben. In ihren Augen ist es eher ein Rummelplatz, ein zu sehr in die Länge gezogener Karneval.

Dazu kommt, dass viele von ihnen einen finanziellen Absturz erlebt haben. Auch das macht das Konzept eines weniger teuren und weniger verschwenderischen Lebens für sie attraktiv.

Besonders wichtig ist, dass diese Menschen oft zu den einfallsreichsten und begabtesten Menschen gehören, natürlich nicht nur in den Vereinigten Staaten. Nicht wenige haben das Gefühl, dass ihnen ihre Ideen gestohlen und dann zu Zwecken missbraucht wurden, die ihren ursprünglichen Absichten völlig entgegengesetzt waren. Das hat sie erbost, man könnte auch sagen: Sie sind wütend. Nichts scheint deshalb natürlicher als ihr Wunsch, ihre fabelhaften Fertigkeiten und Talente auf die Entwicklung neuer Technologien zu verwenden, die es den Menschen erlauben werden, ein angenehmes Leben zu führen – das aber zu drastisch reduzierten Kosten. Für die Neue Arbeit bedeutet dies, dass wir unter dieser weit verbreiteten und erstaunlichen Gruppe von Menschen plötzlich viel Gehör und Interesse gefunden haben.

Dieses Buch ist – eine Einladung. Es beschreibt Bemühungen, an denen wir seit über 20 Jahren arbeiten. Wir sind uns aber ganz und gar darüber im Klaren, dass das Bisherige nur der Auftakt zu einem Vorspiel für eine Ouvertüre ist. Unsere nicht stille, sondern im Gegenteil eindringliche Hoffnung ist, dass eine immer größere Anzahl sehr unterschiedlicher Menschen in vielen Ländern diesen Anfang weiterentwickeln werden.

Kapitel I

Der Zustand nach dem Kalten Krieg

Stellen Sie sich eine Szene in einem möglichen Hitchcock-Film vor: Ein Zug fährt immer tiefer in eine trockene Berglandschaft hinein. Die Fahrgäste werden zunehmend unruhig. Vor einer Weile war es noch ein Gefühl des Unbehagens, dann wurde es Nervosität, jetzt ist es die nackte Panik. Eine Reihe schnell aufeinander folgender Ereignisse legt die Vermutung nahe, dass der Zug ohne Lokomotivführer fährt und niemand die Fahrt kontrolliert; außerdem haben die Fahrgäste entdeckt, dass die Notbremse nicht funktioniert. Der Zug fährt bergab, und inzwischen ist er viel zu schnell, als dass jemand abspringen könnte. Doch selbst wenn jemand abspringen wollte: Es scheint, dass sämtliche Türen und Fenster des Zuges fest verriegelt sind und es keine Möglichkeit gibt, sie zu öffnen.

Das Bild des Zuges ist eine Metapher für einen Glauben und eine emotionale Situation, die viele Menschen in unserer Kultur erfahren. Wir fühlen uns ohnmächtig, im Lauf der Dinge gefangen, wir sehen eine Geschichte sich entfalten, der wir nicht entrinnen können. Die Situation ist unheilschwanger und wird immer erschreckender. Und was alles noch furchtbarer macht: Wir haben nicht die allerleiseste Ahnung, wie diese Fahrt anzuhalten oder umzukehren wäre. Natürlich laufen Leute gestikulierend und laut rufend durch die Waggons, aber jeder weiß mit schreckensstarrer Überzeugung, dass das nur ein Ablenkungsmanöver ist. Was früher oder später unausweichlich geschehen wird, geschehen muss, ist inzwischen allen klar geworden: Der Zug wird entgleisen, gegen eine Felswand prallen oder auf einer Brücke kippen und in die Tiefe stürzen.

Es ist ganz erstaunlich, wie viele unterschiedlichste Gruppen von Menschen sich in diesem Zug befinden. Die Millionen, die das Nahen der apokalyptischen Katastrophe in ökologischen Begriffen beschreiben, haben lebhaftere und eindrucksvollere Bilder dafür als viele andere. Nach ihrer Vorstellung rattert der Zug bergab auf die Erschöpfung natürlicher Ressourcen wie Kohle oder Öl zu, oder er fährt hin zu noch unheimlicheren Bildern von einer Welt zunehmend versalzender Böden, von fruchtbarem Land, das sich in Wüste und Staub verwandelt, von Städten in Küstennähe, die dem steigenden Wasserpegel der Ozeane zum Opfer fallen, und von immer größeren einst fruchtbaren Landstrichen, die von Schichten von Asphalt, Zement und Beton versiegelt werden.

Andere, inzwischen ebenso umfangreiche und weit verbreitete Gruppen sehen die größte und am schnellsten sich nähernde Bedrohung in der sich ständig vertiefenden und verbreiternden Kluft zwischen den Reichen und den Armen. Viele von ihnen schauen erst seit kurzem der erschütternden Tatsache ins Auge, dass die 80 Prozent der Welt, die wir bisher, uns selbst belügend, die "Entwicklungsländer" genannt haben, in Wirklichkeit in eine Spirale der Rückentwicklung geraten sind, und das bereits seit etwa 15 Jahren. Der Anblick dessen, was dort geschieht, wird bald die satte Selbstgefälligkeit der Phantasie, dass diese Länder "aufholen", auslöschen. Angesichts der Zustände, in die sie abstürzen, werden wir vielleicht neue Begriffe erfinden müssen, weil Wörter wie Anarchie oder Chaos noch viel zu friedlich, zu glatt und zu konventionell sind. Nur in sehr seltenen Momenten sehen wir ein Foto wie das von den drei Kindersoldaten kürzlich auf der Titelseite der New York Times oder lesen wir in einem Nachrichtenmagazin eine Geschichte wie die von den drei indischen Schwestern, die sich am selben Tag vor Verzweiflung darüber, dass sie keine Arbeit gefunden hatten, aufhängten, und erhaschen dadurch einen Blick in diese mögliche Zukunft.

Die große Anzahl Menschen, die sich verstärkt mit dem Thema Armut beschäftigt haben, sehen schon seit langem den Alptraum eines letzten und endgültigen Krieges auf uns zukommen, auf dessen Schlachtfeld die Reichen den Armen gegenüberstehen. Was zum gegenwärtigen Zeitpunkt (2004) in den unterschiedlichsten Köpfen aufdämmert, ist die Erkenntnis, dass das, was wir heute und in diesem Stadium noch "Terrorismus" nennen, in zehn Jahren vielleicht ganz anders verstanden und benannt werden wird. Es mag sein, dass bis zum Jahr 2014 völlig offensichtlich geworden ist, dass wir heute durch die Anfangsstadien eben dieses Krieges gehen – eines Krieges, der völlig anders aussieht als alle Kriege, die wir bisher kannten. Aber es mag noch Jahre dauern, bis wir bereit sind, das zuzugeben.

Wiederum andere Gruppen bringen ihr Gefühl, in einem bergab rasenden, verriegelten Zug zu sitzen, mit dem Niedergang, dem Untergang, der fortschreitenden Austrocknung und dem Zerbröckeln dessen in Verbindung, was einmal unsere Kultur war. Es geht hier aber nicht darum, dass auch wir leiden und uns deshalb nicht nur in der Betrachtung der Horrorszenarien der Dritten Welt verlieren sollten. Es geht darum, dass wir zumindest ein allgemeines, grundlegendes, intuitives Verständnis für das entwickeln sollten, was in der Zeit, in der wir leben, in dieser Welt im Ganzen geschieht. In diesem Sinne ist es überaus notwendig, deutlich darauf hinzuweisen, dass es, einmal ganz abgesehen von der Umweltproblematik und der sich eklatant vertiefenden sozialen Kluft, auch mit dem Leben der Privilegierten, oder zumindest der Mehrheit von ihnen, steil und rapide abwärts geht. Diese Menschen reagieren auf den Zusammenbruch ihrer früheren Lebensqualität. Dazu gehören die wachsenden Aufwendungen für ihre Gesundheitsfürsorge und ihre Rente, ja im Grunde für das gesamte soziale Sicherheitsnetz. Dazu gehört auch die Geldknappheit von Bibliotheken und Museen, die ihre Öffnungszeiten einschränken müssen, von Orchestern und Theatern, bei denen sich die Budgetkürzungen ebenfalls immer stärker bemerkbar machen, und nicht zuletzt die Tatsache, dass man für praktisch alle Universitäten ein Requiem schreiben könnte (mit Ausnahme einiger weniger Universitäten in den Vereinigten Staaten). Dazu gehört auch die Verdummung durch das Fernsehen, die erbärmliche Erosion dessen, was einmal Journalismus hieß, oder auch die zunehmende Prostitution der Politiker gegenüber dem Business, ganz zu schweigen von der Vulgarisierung persönlicher Beziehungen und den um sich greifenden Konsequenzen eines allgegenwärtigen Zeitmangels, der zu einem gnadenlosen Crescendo des täglichen Stresses, der Hast, der Erschöpfung führt.

Es ist sehr bedeutsam für die hinter uns liegende Geschichte, aber auch für die künftigen Aussichten der Neuen Arbeit und ganz besonders im Hinblick auf das zentrale Thema "Macht", dass eine beträchtliche Anzahl Manager aus den oberen Etagen angesehener Großunternehmen heute so redet, als seien auch sie in diesem Zug gefangen. Allerdings gibt es hier einen Unterschied. Bei den Weltklasse-Managern herrscht nicht das Bild vor, dass der Zug von einer Brücke stürzen oder gegen eine Felswand prallen wird. Bei ihnen ist die vorherrschende Befürchtung, dass das Terrain immer flacher, aber auch härter und unwegsamer und das Klima immer trockener und unfruchtbarer wird. Sie fürchten, dass der Zug immer mehr an Fahrt verlieren und schließlich quietschend zum Stehen kommen wird. Unter den oberen Zehntausend grassiert die große und nur noch teilweise unter den Teppich gekehrte Furcht vor einer chronischen Verlangsamung der Wirtschaft, einem sich lange hinziehenden Niedergang, einer nicht nur zyklischen, sondern permanenten Lähmung, die schließlich zu einem totalen Stillstand führen wird.

Wir haben wohl alle schon davon sprechen hören, dass die Topmanager unter Druck stehen, dass sie gehetzt, frustriert, überarbeitet und erschöpft sind. Doch Bilder wie das des "Gefangenen im goldenen Käfig" oder des "Hamsters im Laufrad" müssen korrigiert werden. Das Bild des Hamsters im Laufrad ist sogar völlig irreführend, denn das Laufrad dreht sich, wenn der Hamster läuft; hält der Hamster an, bleibt auch das Rad stehen – und genau das entspricht nicht der Erfahrung unserer erfolgreichen Wirtschaftsbosse.

In den vergangenen 20 Jahren habe ich eine ganze Reihe von Führungspersönlichkeiten gut kennen gelernt und etliche von ihnen persönlich beraten, Männer, die stolz waren auf ihre Büros mit der phantastischen Aussicht und den dicken Teppichen. Ausnahmslos klagten sie darüber, dass es für sie kein Innehalten gäbe, kein Ausruhen, keine Stabilität, keine Dauer. Ganz im Gegenteil: Sich zurückzunehmen und innezuhalten war für sie gleichbedeutend mit einem Abrutschen ins Bodenlose, dem freien Fall. Das zutreffende Bild ist deshalb nicht das eines Käfigs, sondern einer sehr glatten, rutschigen, schiefen Ebene, die so steil ist, dass man nur mit äußerster Anstrengung an seinem Platz bleiben kann. Und das Erschreckendste daran ist, dass diese schiefe Ebene sehr kurz ist und zum Rande eines Abgrunds führt. Hält man inne, so wird man zuerst beruflich zurückversetzt und bald danach gefeuert. Der Abgrund ist also nicht nur tief, sondern gleicht auch einem Schlangennest.

Es ist vielleicht noch bedeutsamer, dass das Sichanklammern auf der geölten, schiefen Ebene über dem Abgrund keineswegs nur das individuelle, persönliche Leben jener Menschen beschreibt, die (zeitweise) an der Spitze stehen – und damit meine ich natürlich nicht nur Manager, sondern auch Ärzte, Ingenieure, Professoren und Rechtsanwälte. Es beschreibt treffend auch die Situation vieler der erfolgreichsten Geschäftsleute, Financiers und Unternehmer, die unsere Gesellschaft, unser Wirtschaftssystem und sogar unsere Kultur als Ganzes definieren. In den letzten 20 Jahren habe ich viele Male beobachtet, dass nicht nur Führungspersönlichkeiten in der Automobilindustrie, sondern auch Topmanager in der Computerindustrie und besonders im legendären Silicon Valley angesichts der derzeitigen ökonomischen Gesamtstruktur in Verzweiflung und Ausweglosigkeit verfallen, was in scharfem Kontrast zu dem oberflächlichen Optimismus steht, den sie beruflich zur Schau stellen müssen.

So wie viele Individuen sich verzweifelt festklammern und mit Armen und Beinen rudern müssen, um nicht in den leeren Raum zu stürzen, so müssen sich die Räder unserer Wirtschaft buchstäblich bis zur Weißglut immer schneller drehen, nur damit unsere Gesellschaft sich über Wasser halten kann. Neue Produkte, neue Erfindungen, neue Technologien, neue Industrien und neue Märkte müssen ständig in diesen großen Schlund geworfen werden. Und die Frage, wie lange das, was bereits in die große Maschinerie Eingang gefunden hat, noch ausreichen wird, um uns vor dem Absturz zu bewahren, sitzt in den meisten Aufsichtsräten in einem eigenen Sessel mit am Tisch. Ständig herrscht da das Gefühl, dass wir eine neue Idee, einen neuen Dreh, vielleicht eine ganz neue Produktlinie brauchen, das nächste "große Ding", sonst ... Ja, genau, dieses "sonst" ist der springende Punkt. Wenn nichts kommt, um uns zu retten, dann werden der Niedergang und der Verfall beginnen und die Stagnation wird allgegenwärtig sein. Es ist ganz wichtig, dass wir auch diesen Teil des Bildes sehen: In unseren Tagen meinen nicht nur die im Elend Lebenden, dass wir auf dem Weg in den Abgrund sind; viele Menschen aus den verwöhnten, privilegierten Eliten sind derselben Ansicht. Das ist eine Tatsache von entscheidender Bedeutung, denn sie zeigt, dass wir davon ausgehen können, dass nicht nur die Machtlosen auf eine große Veränderung hoffen, sondern dass auch viele derer, die nicht weit von den Hebeln der Macht entfernt sind, dieselbe Hoffnung hegen.

Es wäre ein Leichtes, weitere große Gesellschaftskreise aufzuführen und zu beschreiben, die sich ebenfalls in einem dem Abgrund entgegenrasenden Zug gefangen glauben. Einige sehen den kommenden Zusammenbruch vor allem im Bereich Gesundheit (eine Pandemie von Aids, exponentiell steigende Kosten), andere sprechen von einer "Ankunft des Anarchismus" und verweisen auf den Brudermord auf dem Balkan, auf die Stammesfehden in Afrika oder auf die beherrschende Rolle, die das organisierte Verbrechen, die Mafia, in sehr vielen Ländern spielt. Wir alle könnten diese Liste fortführen, aber die für uns zentrale und entscheidende Frage ist eine andere, nämlich: Was ist passiert? Was war die Ursache oder welche waren die einzelnen, teils parallel laufenden Entwicklungen, die uns in diese Hilflosigkeit, Passivität, fassungslose Ratlosigkeit hineinmanövriert haben?

Unterstreicht nicht schon die längst nicht vollständige Aufzählung der angeführten Tatsachen, wie außerordentlich und beängstigend diese Lähmung ist? Macht nicht schon allein die schiere Menge der Menschen, die alle zusammen das Gefühl haben, in einer gigantischen Maschinerie gefangen zu sein, die Situation besonders dringlich? Wenn die Zahl all dieser Menschen zusammengenommen wirklich so immens ist, warum bringen wir dann nicht genügend Energie auf, um die Richtung zu ändern? Ist die riesige Zahl Menschen, die heute nicht nur in einer schweigenden, sondern in einer somnambulen, einer komatösen Opposition leben, nicht eine Beleidigung für den letzten Rest des uns verbliebenen gesunden Menschenverstands?

Diese Masse von Menschen eine "Mehrheit" zu nennen wäre eine krasse Untertreibung. Um zu einer zutreffenden Einschätzung der Proportionen zu gelangen, müsste man die Fragestellung umkehren. Nicht: Wer teilt die Ansicht, dass unsere Kultur sich auf einem unheilvollen Kurs befindet? Sondern: Wo sind die Ausnahmen? Wer glaubt noch daran, dass wir als Gesamtzivilisation, dass dieses ganze moderne, weiße, industrielle Superunternehmen auf einem soliden und viel versprechenden Weg ist? Die Antwort lautet natürlich: Diese Zahl ist verschwindend gering. Damit wird die Dringlichkeit unserer Frage noch größer. Wenn man sich diese Situation, dieses enorme Missverhältnis vor Augen führt – warum verhält sich die große Masse der Menschen so, als stünden sie unter einem Bann, der sie in diesem gespenstischen Zug gefangen hält? Und das, obwohl wir wenigstens in einem nominellen Sinne noch daran glauben, in einer Demokratie zu leben? Warum fühlen wir uns so hilflos, so machtlos, so unentrinnbar gefangen, so gänzlich ausgeliefert? Was für eine Kette von Ereignissen hat uns in diese jämmerliche Situation gebracht? Was waren die Gründe für diese beängstigende Lähmung, diese seltsame und spezielle Impotenz?

Es gibt gute Gründe dafür, Gründe mit sehr tief reichenden und überaus starken Wurzeln. Ein Großteil dieser Gründe hat damit zu tun, dass wir in einem wirtschaftlichen System leben, das eine Dynamik besitzt, die uns mit unglaublicher Kraft in diese Richtung zieht.

Und wir sind hilflos, weil es keine Alternative zu diesem ökonomischen Moloch zu geben scheint. Ja, wir sind so zutiefst davon überzeugt, dass es keine Alternative gibt, dass es unmöglich geworden ist, sich eine solche auch nur bildlich vorzustellen. Sosehr wir uns auch bemühen mögen, uns ein alternatives ökonomisches System wenigstens als Phantasie vor Augen zu führen, ein ökonomisches System, das mächtiger oder produktiver sein könnte als das, unter dem wir gegenwärtig leiden, es liegt außerhalb der Grenzen unserer Vorstellungskraft. Und deshalb sind wir vollkommen verwirrt und wie betäubt.

Es war einmal vor langer Zeit, da gab es eine ökonomische Alter-native. Wir wissen von dem System, das die Hälfte unseres Globus umspannte. Aber wir wissen auch um das Schicksal dieser Alternative.

Der Tod des Sozialismus

Wie oft bei Todesfällen musste wohl auch nach dem Tod des Sozialismus eine gewisse Zeit verstreichen, bis wir die volle Realität dieses Vorgangs zu fassen vermögen. Fünfzehn Jahre waren nicht genug, denn er war einer der seltsamsten und unerhörtesten Todesfälle überhaupt und er ereignete sich absolut unerwartet und abrupt. Für Generationen war der Sozialismus die Hoffnung für die Menschheit gewesen! Die Hälfte der Menschheit hatte an ihn geglaubt, und Generationen hatten dafür gekämpft, gelitten und sich in Gefängnissen und Straflagern um seinetwillen foltern lassen. Und dann war er über Nacht einfach verschwunden. Er starb so "gründlich", dass nicht einmal ein Leichnam zurückblieb, den man hätte beweinen können.

Der Sozialismus war eine detaillierte und kohärente Alternative gewesen. Er war nicht nur eine Säule hier, ein Torbogen dort; er war ein in sich stimmiges ausgefeiltes Bauwerk, das in gewissem Sinne vollständig war. Er hatte sich zu einer voll ausgestatteten Gegenwelt entwickelt, die in krassem Gegensatz zu der Welt stand, in der wir jetzt leben. Es gab in beiden Systemen kaum einen Strebebalken, einen Träger oder eine Säule, die man nicht hätte miteinander vergleichen können und zu denen man nicht sagen konnte: So und so vollzieht sich diese Transaktion in der Wirtschaft, die wir jetzt haben, und so und so sollte sie sich stattdessen vollziehen – in jener perfekteren Welt, um deren Verwirklichung wir ringen.

Dass etwas, das so detailliert und so umfassend war, etwas, das die Hälfte der Welt regiert hatte, sich praktisch über Nacht in Rauch auflösen könnte, wäre uns zuvor als gespenstischer, verrückter, völlig unwahrscheinlicher Alptraum vorgekommen. Und eigentlich hätte die halbe Welt danach jahrelang in Trauerkleidung gehen und Klagelieder singen müssen. Aber nichts dergleichen geschah. Zahllose Menschen zuckten die Schultern, klopften sich den Staub von den Kleidern und machten weiter, als sei nichts Besonderes geschehen.

Wir haben nie innegehalten. Wir haben nie hinterher geschaut. Wir haben nie tief darüber nachgedacht, was der Tod dieses Kolosses für uns für Konsequenzen haben könnte. Nicht einmal die offensichtlichste und nächstliegende dieser Konsequenzen haben wir uns klar gemacht. Hätten wir nicht vom ersten Tag an vorhersehen müssen, dass unser eigenes System, das plötzlich ohne Gegengewicht dastand, ohne jene Kraft, die es bisher in Zaum gehalten hatte, unausweichlich zum Extremen, zum Unausgeglichenen, zur Schieflage, zum Brutalen, zum Gefährlichen, zum Schrillen hin tendieren würde? Die Wirkung in den Rängen der Macht war offensichtlich enorm, aber das war nicht alles. Dieser Tod führte auch zu enormen Veränderungen in unserer politischen, intellektuellen und sogar spirituellen Welt. Man spricht oft von Verschiebungen im intellektuellen Spektrum, einer Bewegung von einigen Zentimetern. Aber dies war keine bloße Verschiebung – ein riesiger Teil unseres intellektuellen Bodens brach einfach weg, wie bei einem Erdbeben. Die fundamentale Polarität war verschwunden, sie war auf etwas unvergleichlich Kleineres zusammengeschrumpft: Wo es früher echte Streitpunkte und Debatten gegeben hatte, gab es jetzt nur noch kleinkariertes Gezänk und Haarspaltereien, ein müßiges Tauziehen um Schattierungen, um Nuancen.

Ist es nicht wahrhaft erstaunlich, dass wir überhaupt nicht reagiert haben, dass der Schock uns nicht schwindlig gemacht hat? Vielleicht hätte es ja geholfen, wenn es tatsächlich den Leichnam irgendeines Märchenriesen gegeben hätte, so groß, dass er die Hälfte der Ebenen der Ukraine bedeckt hätte. Doch alles, wozu es tatsächlich kam, war ein kaum hörbares unterdrücktes Schluchzen, und das trotz der Millionen echter menschlicher Leichen, trotz der zahllosen Leben, die in aufopferungsvoller Hoffnung lichterloh gebrannt und eine Energie abgestrahlt hatten, die der eines kleinen Sterns gleichkam. Dass wir uns einfach umgedreht haben und weitergegangen sind, ist ein denkwürdiges und in der Geschichte bisher nie da gewesenes Ereignis. Nero soll Kithara gespielt und gesungen haben, als Rom brannte. Wir haben nur sorgfältig die Haut von einer Salami abgezogen und uns dünne Scheiben aufs Brot gelegt.

Die andere Kultur

Dass wir uns ohne Alternative wieder finden, ist einer der Hauptgründe für unser Gefühl, gefangen und wie gelähmt zu sein. Wir werden von einer gigantischen Maschinerie mitgerissen, die eine so unbeschreibliche Macht besitzt, dass es völlig aussichtslos erscheint, ihren Kurs ändern zu wollen. Das Gefühl der Machtlosigkeit, das Gefühl, wie im Mittelalter an einen Pranger gekettet zu sein, ist jedoch verwunderlich, ja geradezu bizarr. Schließlich leben wir nicht in einer uniformen, homogenen, im Gleichschritt marschierenden Welt. Davon sind wir weit entfernt und können es also auch nicht als Entschuldigung anführen. Aber auch wenn es ganz offensichtlich keine ökonomische, keine systemische Alternative gibt, existieren seltsamerweise doch zwei ganz unterschiedliche, in vieler Hinsicht sogar gegensätzliche Kulturen.

Auf oberflächliche Weise ist sich natürlich fast jeder dessen bewusst, und die meisten Menschen könnten auch sehr verallgemeinert diese beiden Kulturen beschreiben. Zu den Klischees, die mit der Kultur der Angepassten, der Biedermänner, der Spießbürger verbunden werden, gehören der Nadelstreifenanzug der Männer und das klassische dunkelblaue Kostüm der Frauen mitsamt den dazu passenden Accessoires. Als Nächstes würde wahrscheinlich angeführt, dass diese "offizielle" Kultur den global arbeitenden Großkonzernen Vorrang einräumt, diesen geradezu hörig ist und deshalb Wachstum nicht nur wünscht, sondern für eine absolute Notwendigkeit hält. Das wiederum bedeutet, dass sie sich für eine freie Marktwirtschaft mit einem guten Investitions- und Geschäftsklima stark macht, die wiederum niedrige Löhne verlangt und die Gewerkschaften am liebsten abgeschafft sähe. Dazu gehören natürlich eine bestimmte Sozialpolitik und gute Beziehungen zum militärisch-industriellen Komplex und zum Netzwerk internationaler Machtpolitik. Niemandem würde es schwer fallen, einige typische Vertreter dieser Kultur aufzuzählen. Bill Gates könnte ein Beispiel sein, George W. Bush ein anderes. Bush verkörpert diesen Typ mit einer solchen Perfektion, dass man ihm dafür beinahe dankbar sein müsste. Mit ihm als Maskottchen ist es bedeutend leichter geworden, diese offizielle Kultur auf einen Begriff zu bringen. Er ist schon beinahe so überzeichnet wie eine Karikatur: Es fällt nicht schwer, sich vorzustellen, wie er mit seinem beschränkten Wortschatz und dem einfältigen Gesicht auf dem Schoß eines Bauchredners sitzt – eines der großen multinationalen Konzerne.

Viele Menschen bringen die andere Kultur, ebenso in Klischees denkend, mit einer bestimmten Musik und gewissen Bands in Verbindung, mit einer völlig anderen Art, sich zu kleiden und zu ernähren, und sehr oft mit dem Gedankengut des spirituellen Aufbruchs und vielleicht auch des Buddhismus, ganz gewiss aber mit einer ungezwungeneren Einstellung zu Sex, mit einer starken Abneigung gegen Hierarchien und Autorität sowie einer Nähe zur legendären, oft missverstandenen 68er-Generation. Zu den Unterschieden zwischen beiden Kulturen gehören auch sehr gegensätzliche Einstellungen zur öffentlichen Ordnung, zu Disziplin, Monotonie und Langeweile sowie in großem Ausmaß auch zum sehr viel ernsteren Thema Krieg und Frieden.

Fast jeder würde wohl zugestehen, dass die zweite Kultur enorm viele verschiedene Gesichter hat. Dies wirft wiederum Licht auf eines ihrer interessantesten Charakteristika: Obwohl sie ganz außerordentlich bunt und vielfältig ist und keine gemeinsamen und verbindenden

Insignien, Strukturen und Institutionen kennt, und obwohl es in ihr zahllose Formationen gibt, die sich um ganz unterschiedliche Themen scharen, erkennt man ihre Mitglieder doch auf den ersten Blick. Es spielt keine Rolle, ob man ihnen auf den Straßen von Peking oder Tokio, ob man ihnen in Nord- oder Südafrika, in Zentralasien oder in der Ukraine begegnet. Ganz gleich wo, die paradoxe Qualität, die augenblicklich identifizierbare Präsenz dieser anderen Kultur tritt überall klar zutage, auch wenn sie sich in ein Panoptikum verschiedener Gewänder kleidet und völlig unterschiedliche Sprachen spricht. Oft genügt eine einzige Reaktion, ein kurzer Blick, ein kleines Lächeln, und man weiß, auf welcher Seite der Wasserscheide zwischen den beiden Kulturen man sich gerade befindet.

Unnötig zu sagen, dass diese zweite Kultur eine immense Zahl von Mitgliedern hat. Es gibt wahrscheinlich kein einziges Land auf dieser Welt, in dem man nicht ihre Cafés und Kneipen findet, selbst auf dem Lande, und natürlich die Läden und Boutiquen, welche die Klientel dieser anderen Kultur ansprechen. Diese liefern sogar einen gewissen Maßstab. Und doch gibt es eine unbestreitbare Schwierigkeit. Wollte man heute versuchen, ihre Vertreter zu zählen, wäre das nicht nur äußerst schwierig, man müsste daran scheitern. Es sind zu viele geworden. Halb im Scherz könnte man behaupten, dass es eine angemessenere und praktikablere Prozedur wäre, wenn man fragte: Wer fühlt sich eigentlich in der offiziellen Kultur noch wirklich wohl? Wer fühlt sich darin zu Hause, wer identifiziert sich mit ihr, wer glaubt an sie und wer ist froh und glücklich in ihr? Wie schon im Falle unseres Hitchcock-Zuges sind es wohl eher wenige.

Ein Hinweis darauf, wie tief und breit der Graben zwischen diesen beiden Kulturen ist, ist die Häufigkeit, mit der die Kommunikation zwischen ihnen zusammenbricht. Dieses Unvermögen geht bis zur Sprachlosigkeit. Frustration und schließlich Kapitulation sind weit verbreitet, und der Satz, der Männern von Feministinnen gern entgegengebracht wird: "Du begreifst es einfach nicht", trifft ebenso auf die Kommunikation zwischen diesen beiden Kulturen zu. Dass beide Seiten es einfach aufgeben, ist keineswegs nur eine Frage der Sprache. Nein, Worte werden sinnlos, weil man auf Grund gelaufen ist. Es gibt natürlich zahllose Meinungsverschiedenheiten über Tausende von oberflächlichen Themen und über Werte, aber am Schluss läuft alles auf zwei grundverschiedene Vorstellungen darüber, wie man leben soll und was der Sinn des Lebens ist, hinaus – und da gibt es dann nichts mehr zu sagen.

An der Oberfläche erscheint die andere Kultur ziemlich heterogen. Und in ihr gibt es wiederum Subkulturen, die oft um ein einziges Thema kreisen und einander nicht selten sogar befehden. Dennoch haben große Teile dieser anderen, zweiten Kultur Wurzeln, die sehr viel tiefer hinabreichen und die letztlich fest im Boden der Aufklärung wurzeln. Das bedeutet, dass nicht nur die "offizielle" und öffentliche Kultur auf diesen Grundlagen fußt, sondern dass es tatsächlich zwei diametrale Sätze von Prämissen, zwei total unterschiedliche Weltanschauungen gibt, die beide in der Zeit der Aufklärung entwickelt wurden. Anders ausgedrückt, die Aufklärung hat einen Januskopf. (Diesen Gedanken habe ich in meinem Buch über die Freiheit, On Being Free, im Detail entwickelt.)

Da gab es einerseits die Tradition, auf der die uns vertrauten klassischen Dokumente der Demokratie beruhen und die wir alle aus dem Schulunterricht und dem täglichen Leben kennen. Das ist die Grundansicht, dass menschliche Wesen unentrinnbar von ihrem Eigeninteresse, ihrem Egoismus geleitet, ja kontrolliert werden und immer darauf schauen, was ihnen persönlich zum größten Vorteil gereichen könnte. Diese Aussage ist durch allzu häufigen Gebrauch glatt poliert worden, und so muss man sich erneut vor Augen führen, was sie ursprünglich besagen sollte. Wenn man sich an das berühmte Diktum von Thomas Hobbes erinnert, dass das Leben in seinem ursprünglichen Zustand "widerlich, brutal und kurz" war, dann ist die sanfte Mittelklasse-Sprachregelung, die von "Eigeninteresse" spricht, offensichtlich viel zu harmlos.

Die Grundidee war eher, dass der Mensch im Grunde blutrünstig und wild ist – so, wie man sich die Tiere zu dieser Zeit vorstellte – und dass er zuallererst sozialisiert werden muss, indem man ihm die Krallen beschneidet und ihn zähmt. Mit diesem Argument rechtfertigten die bekanntesten Philosophen dieses Zweiges der Aufklärung die Moral, den Staatsvertrag und den Staat. (Kant, der in vieler Hinsicht das andere, Hobbes entgegengesetzte Ende des Spektrums dieser Philosophen vertrat, bestand nichtsdestoweniger darauf, es sei der Zweck der Moralität, das "Eigeninteresse" auszulöschen.) Bliebe der Mensch unkontrolliert, ungezähmt, seinen eigenen Impulsen überlassen, so der Standpunkt dieser Philosophen, dann könnten wir nicht sicher in einem Bus fahren. Der Fahrgast neben uns könnte uns ja eine Hand abbeißen.

In dieser offiziellen, die Zähmung betonenden Tradition der Sozialisierung wird die zentrale politische Idee der Freiheit sofort von Vorsichtsmaßnahmen und Bedenken eingeschränkt; sie ist ein "Ja … aber auf keinen Fall zu viel!". Es soll Freiheit geben, aber mit Verantwortung und allen möglichen anderen Einschränkungen. Mit anderen Worten: Freiheit ja, aber nur wenn das Halsband umgelegt und die Leine stark ist. Die meisten von uns sind so sehr an diese Vorstellung gewöhnt, dass sie ihnen ganz unvermeidlich und fraglos wahr erscheint. Der bloße Gedanke, dass es grundlegende Axiome geben könnte, die diesem Verständnis entgegengesetzt sind, erscheint deshalb bereits seltsam und irreal. Doch ist das völlig gegenteilige Verständnis der menschlichen Natur nicht im Geringsten exotisch, sondern ganz einfach. Es geht von der Überzeugung aus, dass das menschliche Wesen an sich zuerst einmal schwach und zerbrechlich ist. Die Menschen sind schnell entmutigt, niedergeschlagen und zahm. Es ist in der Tat allzu leicht, die Menschen einzuschüchtern und zu dressieren, und sehr viele sind scheu und in sich zurückgezogen.

Das Problem ist also nicht, dass Menschen aufbegehren und sich nicht anpassen wollten. Ganz im Gegenteil. Eigentlich sollte der Faschismus uns davon überzeugt haben, dass es nicht schwer ist, Menschen dazu zu bringen, zu kuschen und stillzuhalten. Sie leisten nur wenig Widerstand, und die Gesellschaft vermag sie zu formen wie Wachs. Wirklich schwer ist es also nicht, den Menschen zu zähmen, sondern ihn so weit zu stärken, dass er sich erheben und Widerstand leisten wird.

In der offiziellen Strömung des Denkens, in der wir aufgewachsen sind, ist die große Gefahr zu viel Wille, zu viel Wildheit und zu viel Aufbegehren. Deshalb geht es darum, zurechtzustutzen, zurückzuschneiden und zu sozialisieren. Da stellt sich natürlich sofort die Frage, wie emanzipatorisch, wie wirklich befreiend in diesem Geiste ausgeführte Dinge sein können. Kann etwas, das auf den Prämissen der Tradition beruht, in der wir erzogen wurden, wirklich zu einer ernst zu nehmenden "Revolution" werden, oder werden die so genannten Revolutionen nur darin bestehen, dass man das Kostüm wechselt oder neue Knöpfe an alte Uniformen näht? Natürlich kann es eine neue Regierung geben, eine neue Autorität, die Ordnung und Disziplin zusichert. Anstelle eines Königs kann man ein Parlament oder einen Kongress installieren, und man kann auch den Menschen erlauben, alle paar Jahre zu wählen. Doch Ziel und Absicht bleiben im Grunde noch immer dieselben. Die einzige Frage wird lediglich sein, unter genau welchen Umständen man das Recht hat, einen König zu enthaupten oder sich seiner anderweitig zu entledigen. Aber die neuen, nur anders gekleideten Regierenden werden die Kontrolle der Menschen noch immer als ihren Auftrag ansehen. Deshalb werden sie die ganze Bandbreite der sozialen Institutionen und Strukturen, von den Gerichten über moralische Instanzen und die Polizei und die Schulen bis hin zum Militär dazu benutzen, sicherzustellen, dass die Menschen nicht aus ihrem Käfig ausbrechen, sondern ruhige und zahme Bewohner des Zoos bleiben.

Die andere Tradition, der zweite Zweig der Aufklärung, geht von der Erkenntnis aus, dass menschliche Wesen bei ihrer Geburt noch sehr unvollständig und sehr abhängig sind. Dies steht in krassem Gegensatz zu dem berühmten Satz von Rousseau: "Der Mensch ist frei geboren." Der Mensch muss vielmehr genährt und gestärkt werden. Seine Individualität muss gefördert und ermutigt und zum Vorschein gebracht werden. Das Letzte, was ein Mensch braucht, ist, dass man seine Individualität abschleift, dass man sie poliert, bis sie verschwunden ist, dass man ihm Beruhigungspillen verabreicht und ihn in den Schlaf singt. Was Not tut, ist, dass man ihn aufweckt!

Nichts könnte irriger sein als die Annahme, die konventionelle und zähmende Tradition sei irgendwie vernünftiger oder glaubwürdiger als die anstachelnde und belebende Strömung. Der Stammbaum dieser letzteren Tradition kann sich durchaus sehen lassen, denn zu ihren Vorvätern gehören viele angesehene, überragende Persönlichkeiten. Man könnte Goethe, Melville und Whitman anführen, aber auch Hölderlin, Rilke, Hesse, Lawrence und Gide, und natürlich Philosophen wie Emerson und Thoreau und sicherlich nicht zuletzt, sondern an einem Ehrenplatz, Hegel und Nietzsche. Suchte man einen einzigen Satz als ein Emblem, als Motto für diese breite Strömung, dann könnte man William Blakes "Energie ist Ewiges Entzücken" nehmen oder auch Jack Londons "Lieber will ich zu Asche verbrennen, als zu Staub zerfallen".

Es steht außer Frage, dass die Geschichte dieser anderen, das Individuum stärkenden und fördernden Tradition lang und beeindruckend ist. Sehr allgemein gesagt, könnte man feststellen, dass sie ihre Anfänge vor allem in der Literatur, der Philosophie und der Kunst hatte. (Viele meiner Freunde haben mich darauf hingewiesen, dass die lebensbejahende Tradition der Aufklärung vielfältige Ähnlichkeiten mit den Philosophien und auch Religionen des Ostens hat. Die Rezeption von östlicher Philosophie, Psychologie, Religion und von Methoden zur Transformation von Körper und Bewusstsein begann nach ihrer Auskunft im Abendland bereits mit Schopenhauer, dessen Denken entscheidend von den Upanischaden beeinflusst war, hat sich seit Mitte des letzten Jahrhunderts [C. G. Jung, D. T. Suzuki, Erich Fromm] ständig beschleunigt und hat inzwischen viele Bereiche der abendländischen Natur- und Geisteswissenschaften erfasst sowie nicht zuletzt Bereiche der Medizin [Psychoneuroimmunologie] und große Bereiche der körper- und psychotherapeutischen Methoden. Einen guten Überblick über die Entwicklung dieser Integration der lebensbejahenden Strömungen von östlichem und westlichem Denken gibt das Werk von Ken Wilber, insbesondere sein Hauptwerk Eros, Kosmos, Logos.)

Nun, inzwischen hat diese Tradition einen alles durchdringenden und auf alles abfärbenden Einfluss darauf, wie zahllose Menschen, ja in der Tat die überwiegende Mehrheit in unserer gegenwärtigen Kultur über Moral und Werte denken sowie darüber, wie man sein Leben leben sollte. Die große Geistesverwandtschaft zwischen dieser anderen, belebenden Strömung und dem Feminismus ist bezeichnend und bedeutsam. Alle möglichen Gemeinsamkeiten springen sofort ins Auge. Eine der fundamentalsten ist der Standpunkt, dass die Fähigkeit, sich selbst zu behaupten, nicht geschwächt, sondern im Gegenteil gestärkt und trainiert werden muss wie die Muskeln eines Athleten.

Die Kultur, die anstacheln und aufwecken will, hat auch in einigen Bereichen der Erziehung ihre Zelte aufgeschlagen. Sie hat zwar bisher keineswegs einen entscheidenden Sieg davongetragen, doch in der Diskussion darüber, wie man mit jungen Menschen und ganz besonders mit Kindern umgehen sollte, spielt die bekräftigende Seite des Projekts der Modernität eine zunehmend wichtige Rolle. Immer mehr Eltern kommen zu dem Schluss, dass sie sich nicht an der Schwächung und Verunstaltung ihrer Kinder beteiligen wollen oder daran, wie man zu sagen pflegte, ihren Willen zu brechen.

Auch in vielen Bereichen der Beratung und der Therapie ist es zu einer vergleichbaren Transformation gekommen. Ganz allgemein kann man gewiss sagen, das viele sich von rigiden Standardvorgehensweisen und präzise definierten, oft pseudomedizinischen Techniken abgewandt haben. In vielen Fällen geht man heute davon aus, dass wir es in unserer Gesellschaft mit einem durchgängigen Gefühl der Depression zu tun haben. Diese manifestiert sich letztlich als eine Schwächung der Fähigkeit des Einzelnen, auf der Höhe seiner Energie zu funktionieren, und in vielen therapeutischen Situationen ist das oberste Ziel, das Wohlbefinden des Klienten und sein Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten wiederherzustellen.

Dieselbe allmähliche Verschiebung von den traditionellen und älteren Ideen hin zu einer neueren, die Lebendigkeit fördernden Einstellung ist noch deutlicher bei den Ansätzen zu erkennen, den tief im Elend Versunkenen Hilfe zu leisten. Wer sich über längere Zeit und intensiv mit dieser großen und ständig wachsenden Bevölkerungsgruppe beschäftigt hat, versteht immer klarer, dass das entsetzliche Gefühl der totalen Entmutigung, der schieren Verzweiflung, der verhärteten Überzeugung, alles sei vergeblich und nichts wert, das alles andere überschattende Hindernis für erfolgreiche Hilfe und Unterstützung ist. Das führt natürlich zu ganz anderen Vorstellungen darüber, wie man diesen Menschen beistehen könnte. Wenn eine monströse, eisige Gleichgültigkeit jeden Zugang zu diesen Menschen verbaut, dann muss die erste Hilfe darin bestehen, dass man versucht, diese Rüstung aus Eis aufzutauen – und das gehört wiederum zur Domäne der anfeuernden und belebenden Kultur.

Trotz des ehrfurchtgebietenden Stammbaums und der vielfältigen Errungenschaften der lebensbejahenden Kultur fehlt doch etwas ganz Entscheidendes, und das gleicht einem schockierenden, sprachlos machenden Geburtsfehler: sie hat nur einen halben Kopf. So beeindruckend diese andere Kultur auch in vieler Hinsicht sein mag, sie hat es doch nie geschafft, sich in ein Gefüge von sozialen Institutionen zu übersetzen. Es gibt hier keinerlei ernst zu nehmendes, ausgearbeitetes politisches Programm. Man sucht vergeblich nach einem fest umrissenen, klar definierten Konzept eines Ziels, einer Vorstellung davon, wie eine Gesellschaft strukturiert und reguliert werden müsste, damit sie den grundlegenden Impuls zu verkörpern vermag, der darauf abzielt, Individuen zu stärken, zu fördern und zu entwickeln.

Dieser erstaunliche Mangel ist so krass, dass wir bis auf den heutigen Tag der Meinung sind, dass Strukturen, Regeln und Institutionen sozusagen per definitionem die Individualität beschneiden Doch das ist nichts weiter als eine programmierte intellektuelle Beschränktheit, auch wenn sie in vielen Bereichen, insbesondere in der amerikanischen Politik, eine große Rolle spielt. In den Vereinigten Staaten schwenkt man noch immer den Slogan "Weniger Staat bedeutet mehr Freiheit" wie eine Fahne im Wind, ganz besonders auf Parteitreffen der die Wirtschaft beherrschenden Konservativen. Es als Entschuldigung herzunehmen, noch immer an diese Einfaltsformel zu glauben, ist heutzutage nicht mehr zu akzeptieren. Wir brauchen uns nur die verschiedenen Regionen anzusehen, in denen der Staat tatsächlich an Blutarmut gestorben oder einfach vertrocknet ist. Bei einem Besuch auf dem Balkan, im Kongo oder in Zentralasien dürften wir bald die elementare Lektion lernen, dass die Abwesenheit des Staates sehr schnell zu einer Abwesenheit aller Freiheit und ins Chaos führt. Es sollte also nicht nötig sein zu betonen, dass Strukturen und Institutionen die Individualität durchaus stützen und fördern können.

Wie gesagt hat es also schon die ganze Zeit eine alternative, das Leben fördernde Plattform gegeben, eine Konfiguration aller nötigen grundlegenden Begriffe und Metaphern. Und von ihren ersten Anfängen an hatte diese emanzipatorische Plattform beachtliche Stärken im Bereich der Philosophie und der Kunst und unzweifelhaft hat die 68er-Bewegung in ihrer Geschichte eine Rolle gespielt. Bis dahin hatte sie eher im Verborgenen geblüht. Sie lebte zwar im Theater (denken Sie an Strindberg, O’Neill oder Büchner), in Bibliotheken, Universitäten, Studios, Gelehrtenstuben und Museen, aber eben nicht in gesetzgebenden Versammlungen, bei Gewerkschaftskongressen und anderen Foren, die wir den "öffentlichen Bereich" nennen.

Das hat sich in den berühmtberüchtigten Jahren nach 1968 völlig geändert. Die andere Kultur stieg von ihren Elfenbeintürmen herab und wurde überraschend schnell zu einem Massenphänomen. Sie hatte nicht nur eine Affäre mit den Medien, nein, sie ging eine Ehe mit ihnen ein. Sie bemächtigte sich der Pop-Kultur, wurde zu so etwas wie dem kulturellen Äquivalent von Fast Food, usurpierte gleichzeitig aber auch die Galerien der "hohen Kunst". Die Strebungen in der gesamten modernen Kunst glichen sich weitgehend denen dieser anderen Kultur an. Ob Film, Skulptur oder Happening, das Wichtigste war, dass das Kunstwerk "lebendig" war. Es musste Kraft haben und authentisch sein. Und das beinahe um jeden Preis, auch was seine Wirkung auf das Publikum anging: Ein sehr großer Teil der Kunst strebte auf Biegen oder Brechen an, die Leute aus ihrem Schlaf aufzuschrecken, sie aufzuwecken – und die Methoden dazu konnten gar nicht schockierend genug sein.

Doch ihr "Geburtsfehler" führte letztlich auch zum traurigen und kläglichen Scheitern der Achtundsechziger. Heute wissen nur noch wenige, dass diese Epoche, zumindest in den Vereinigten Staaten, einen wirklich glorreichen Anfang hatte. Man braucht sich nur einmal anzusehen, welche Sprache Menschen wie Robert Moses und Stokley Carmichael bei den frühen Friedensbusfahrten nach Mississippi sprachen. Im Vergleich dazu war bereits Martin Luther King an Farbe und Kraft geschwächt. Sie trugen wirklich das "Feuer auf den Berg" und waren, wie viele zu ihrer Zeit auch erkannten, echte "Evangelisten"– und das nicht zuletzt, weil sie Whitman, Melville, Thoreau und Blake gelesen hatten.

Das Unglück geschah, als die kleine und zutiefst idealistische Bürgerrechtsbewegung zu einer Massenbewegung gegen den Krieg in Vietnam wurde. Plötzlich wurde sie ins Rampenlicht sämtlicher Fernsehstationen gerückt und Stimmen wurden laut, die ein politisches Programm über die Beendigung des Vietnamkrieges hinaus forderten. Darauf war man bedauerlicherweise ganz und gar nicht vorbereitet. Und das wurde zum entscheidenden Punkt: Die andere, das Leben fördernde Strömung innerhalb unserer Kultur hatte sich nicht mit den programmatischen Fragen von Politik und Gesellschaft auseinander gesetzt. Doch plötzlich waren die Straßen und Plätze voll von Menschen, die Antworten verlangten. Sie wollten wissen, in welche Richtung sie nun marschieren sollten und was sie mit den inzwischen entfesselten himmelstürmenden Energien aufbauen sollten. Nicht nur, was man "beenden", "zerschlagen" oder "übernehmen" sollte, sondern welche Dinge man aufbauen und in neue Formen gießen sollte. Und da wussten die Achtundsechziger plötzlich nichts mehr zu sagen. Was dann kam, ist uns allen nur allzu gut bekannt. Bittere sektiererische Fehden brachen an allen Ecken und Enden aus. Splittergruppen packten ihre Koffer und fuhren ab in jede erdenkliche Richtung.

Aber das Schlimmste waren zwei Verirrungen, die im Rückblick gar nicht so schwer zu verstehen sind. Die eine war der Abstieg in sich verpuffende Gewalt (z. B. die Weathermen in den USA, Baader-Meinhof in Deutschland), die andere das Abrutschen in wahre Schlammschlachten der Rhetorik und der Vulgarität. Zu diesen beiden Formen kam es, weil Briefe an den Abgeordneten des eigenen Wahlkreises, Boykotts und Protestmärsche und die anderen sanfteren Formen des Protests offensichtlich nicht ausreichten. Es waren letztlich vergebliche Zeichen und Gesten – ein wirkungsloses Posieren und Drohen. Aber man wusste nicht, was man sonst tun sollte. Es gab keine Alternative! Also bewarf man die Polizei mit Pflastersteinen oder zog sich – wie bei dem viel kommentierten Woodstock-Festival – nackt aus und badete im Schlamm.

Wie zu erwarten, schwang das Pendel zurück. Die Friedensbewegung erzeugte eine Reaktion, deren Name in den Vereinigten Staaten "Reagan" war. Und bis in unsere Zeit hat man den Eindruck, dass sie sich von dieser Reaktion noch nicht wieder erholt hat. Die Achtundsechziger waren kläglich, beschämend und erbärmlich gescheitert, und eine sich ständig vertiefende Desillusionierung über die Politik als Ganzes griff um sich. Gleichgültigkeit, Apathie, Zynismus sowie reine Clownerie nahmen zu und breiteten sich aus wie ein Sumpf, in dem immer mehr Menschen Zentimeter um Zentimeter versanken.

Alle Beobachter sind sich einig, dass diese Stimmung noch dadurch verstärkt wurde, dass man sich ab da der Arbeitsplätze nicht mehr sicher sein konnte. Dies bedeutete, dass man sich stärker auf das eigene Überleben und das Durchbringen seiner Familie konzentrieren musste und sich nicht mehr die Ablenkung und den Luxus erlauben durfte, über den Tellerrand hinauszuschauen. Dies bedeutete auch, dass man sich stärker auf materielle Güter konzentrierte, was dann zur Konsumgesellschaft führte. Es gibt allerdings einen ziemlich weit gehenden Konsens darüber, dass das Abrutschen in immer tiefere Abstumpfung, in immer tieferes Koma auch durch die immer deutlichere Spaltung in zwei völlig verschiedene Welten zustande kam: die Welt der im Elend Lebenden und die Welt der Reichen.

Diese Version der Geschichte der vergangenen Dekaden ist sicher in vieler Hinsicht wahr. Man sollte ihr jedoch noch eine Perspektive hinzufügen, die eine in einigen Bereichen zwar deckungsgleiche, in anderen jedoch verschiedene Gestalt erkennen lässt. Die Abwendung von der Politik und die Stimmung der Apathie und der Lähmung, die damit einhergehen, haben wahrscheinlich noch eine ganz andere und viel faszinierendere Ursache.

Die Ära der Achtundsechziger war weitgehend ein Strohfeuer, weil sie ein Durchbruch, ein Comingout einer völlig anderen Kultur war, die schon seit langem parallel zur offiziellen disziplinierenden Kultur existiert hatte. Die Nemesis dieser traurigen kleinen Episode war, dass sich keine Form ergab, die diesem Geist hätte Gestalt, Fleisch und Substanz geben können. Und so löschte dieses kurze Aufflackern sich selbst aus, noch bevor die Bewegung aus ihren Kinderschuhen herausgewachsen war. Aber der dahinter stehende Impuls überlebte dieses viel versprechende und dennoch groteske Debakel. Dieser Impuls war etwas viel Ernsthafteres, eine viel wagemutigere Vorstellung von Freiheit als das bloße Ersetzen eines Königs durch ein großes Komitee. Die Sehnsucht und die Hoffnung, die in dieser Idee bereits vage angelegt waren, nahmen an Kraft zu, und die Zahl der Menschen, die sich dadurch inspiriert und entflammt fühlten, wuchs ganz enorm. Während der Zeit des Vietnamkrieges bestand die andere Kultur aus einer kümmerlichen und unansehnlichen Schar Studenten, verlorener Intellektueller und Künstler. Doch inzwischen ist die andere Kultur um die Welt gewandert, und man kann sie in den entlegensten Dörfern Chinas und Mexikos finden. Und nicht nur das. Außer den bereits erwähnten Bereichen Erziehung, Therapie und Kunst sollte man sich den Bereich der neuen Industrien näher anschauen, vor allem den Bereich jener, die Computer herstellen, sowie derer, die auf irgendeine Weise mit Computern arbeiten. Man erkennt schon an ihrer Frisur und ihrer Kleidung, aber auch an dem, was sie essen, und an dem Kaffee, den sie trinken, zu welcher Kultur sie gehören.

Die Computerleute sind nur eines von vielen möglichen Beispielen, ein Querschnitt an einer bestimmten Stelle. Ich habe sie herausgegriffen, weil sie während des vergangenen Jahrzehnts die Lokomotive gewesen sind, die die Wirtschaft gezogen hat, und wenn wir sie, oder sehr viele von ihnen, als Teil der anderen Kultur ausmachen, gibt uns das einen Eindruck von der Macht, den die stärkende Kultur in der Zukunft haben könnte. Ein sehr großer Teil der jungen Leute sowie eine überraschend große Zahl von Managern und Ingenieuren, vor allem solche, die in kleinen und mittelgroßen Unternehmen (also nicht in der Großindustrie) arbeiten, stehen ebenfalls auf dieser Seite der tiefen Kluft.

Die politische Gleichgültigkeit hat deshalb vielleicht einen ganz anderen Grund. Vielleicht kommt sie nicht aus Apathie oder Verzweiflung, sondern hat gänzlich andere Wurzeln. Vielleicht ist es eher eine Haltung des Abwartens: Man liegt auf der Lauer und spart seine Kräfte für einen späteren Zeitpunkt auf. Die Themen, die von den Parteien gegenwärtig diskutiert werden, etwa die Gesundheitsreform oder noch größere Steuervorteile für die Superreichen, haben nichts mit den grundlegenden Unterschieden zwischen den beiden Kulturen zu tun. Das sind Streitigkeiten zwischen nahen Verwandten, die zum selben Lager gehören: dem der "Angepassten", der braven Bürger, der ordnenden und disziplinierenden Kultur. Und dabei geht es nur um die Größe der zu verteilenden Kuchenstücke: ein bitte nicht mehr ganz so kleines für die Armen und ein natürlich sehr viel größeres für die Reichen. Weder die Republikaner noch die Demokraten, weder die Sozialdemokraten noch die Christliche Union, weder die Labour Party noch die Tories haben die geringste Vorstellung davon, welche Art von "Programm", welche Veränderungen in der Wirtschaft und im sozialen Bereich stärkere und lebendigere Individuen hervorbringen würde, Menschen, die in sich ruhen, die lebhafter, authentischer und selbstbewusster sein würden. Und das ist der Punkt, an dem wir vor einer Betonmauer stehen. Niemand weiß, wie das Ziel zu erreichen wäre.

Aber genau das ist des Pudels Kern! Die überwiegende Mehrzahl der Menschen, die heute auf diesem Erdball leben, interessiert sich nicht mehr für das Gezänk zwischen den Fraktionen der jetzt sterbenden Kultur, von der sie sich selbst vielleicht schon vor Jahren losgesagt haben. Sie halten still und scheinen merkwürdig ruhig zu sein, aber nicht, weil sie betäubt oder apathisch wären. Sie halten still, weil sie warten. Man kann sogar mit dem Finger in die ungefähre Richtung zeigen, in der das liegt, worauf sie warten. Und das könnten erste Fingerzeige darauf sein, dass die bisher noch unvollständige andere Kultur, in der sie jetzt noch sehr beengt und unbehaglich leben, vielleicht doch noch verwirklicht werden könnte, Anzeichen dafür, dass diese Kultur nicht länger ein bloßer Impuls bleiben muss, nicht länger ein Kind mit einem halben Kopf. Irgendetwas müsste diesen Wartenden das Gefühl geben, dass es einen Plan gibt, dass konkrete Schritte möglich sind, dass es eine gangbare Leiter gibt, die Sprosse für Sprosse hinaufführt zu der Kultur, die sie sich wünschen. Wenn ein Zeichen davon am Horizont erschiene, dann würden sie ihre Apathie ausziehen wie Regenmäntel. Dann würden sie die Ärmel hochkrempeln und würden anfangen, an einer mehr Leben gebenden und das Leben stärkenden Welt zu arbeiten.

Die Kopplung von Business und Arbeitsplätzen

In optimistischen Momenten geben die Existenz der anderen Kultur und insbesondere ihre phänomenale Größe uns Hoffnung. Wir wachsen mit gewaltigen Sprüngen, und die konventionelle, unterdrückende, zähmende und sozialisierende Kultur ist im Schrumpfen begriffen und vertrocknet langsam. In fünf Jahren könnte die Welt völlig anders aussehen als heute … wenn da nicht diese monströsen Kräfte wären, die uns umklammert halten wie ein Schraubstock und die unbeugsam entschlossen scheinen, uns alle in einen gähnenden Abgrund fahren zu lassen. Dass wir dermaßen in dieser kolossalen Dynamik gefangen sind, liegt nicht in erster Linie daran, dass es keine gangbare Alternative gäbe, sei es nun der verstorbene Sozialismus oder eine andere Kultur, die sich vielleicht zu einer Alternative entwickeln könnte, die aber bis jetzt noch keine Macht, keine Agenda und noch nicht einmal eine Vorstellung von ihrem Ziel hat.

Wir sind vielmehr in einem Mechanismus gefangen, der über solch immense Kräfte verfügt, dass alles Reden von einer Hoffnung und von künftigem Wandel verlorene Träumerei ist, solange wir diesen Mechanismus nicht klar und deutlich verstanden und darüber hinaus entmachtet und entwaffnet haben. Vier Zahnräder greifen ineinander wie die Gänge in einem Getriebe. Wir müssen uns jeden dieser vier Faktoren vornehmen und ihn leidenschaftslos untersuchen.

  1. Der erste Faktor ist, dass Arbeitsplätze zu unserem alles andere überragenden Omni-Wert geworden sind. Es gab einmal einige Indianerstämme, für die der Büffel keineswegs nur Fleisch bedeutete. Natürlich aßen sie die Beute, die sie jagten. Aber aus den Häuten machten sie auch ihre Zelte und Kleidungsstücke und selbst ihre Mokassins, und aus den Sehnen des Büffels machten sie ihre Bogensehnen. Es gab keinen Teil des Büffels, den sie nicht verwendeten, und der Büffel lieferte ihnen alles, was sie brauchten. Das meine ich mit Omni-Wert.

    Heutzutage sind Arbeitsplätze das, was diesen Indianern ihre Büffel waren. Arbeitsplätze versorgen uns natürlich mit unserem Einkommen, aber sie leisten noch sehr viel mehr. Unser Job ist die Quelle unseres sozialen Status. Und er ist unsere Verbindung zu anderen Menschen: "Das Telefon klingelt nicht mehr" ist eine der häufigsten Klagen, die man von Arbeitslosen hört. Darüber hinaus ist er die Stütze unserer Selbstachtung. In dem Moment, in dem wir arbeitslos werden, fällt das Gefühl für unseren eigenen Wert in sich zusammen wie ein Kartenhaus. Viele der Arbeitslosen, mit denen ich gearbeitet habe, verheimlichten die Tatsache, dass sie ihren Job verloren hatten, selbst vor ihrer Frau und ihren eigenen Kindern. Sie packten am Morgen ihre Brote ein, zogen los und kamen erst am Abend – aus der öffentlichen Bibliothek – wieder zurück. Ohne Arbeitsplatz ist man ein von anderen "Abhängiger", also kein ganzer Mensch. Man ist überflüssig, störend, eine Last. Man hat auf nichts wirklich ein Recht, nicht einmal auf sein Essen.

    Dies ist eine Situation, die sich sehr von der vieler, wenn nicht der meisten anderen Kulturen unterscheidet, und das ist noch nicht das Ende. Jedes Jahr laden wir noch etwas mehr von dem, was einmal unser Leben ausgemacht hat, auf einen Karren und verbrennen es auf dem großen Scheiterhaufen unserer Arbeitsplätze. In dem Dorf in den Alpen, in dem ich aufgewachsen bin, wurde Weihnachten sechs Wochen lang gefeiert, mit vielen Liedern, Kerzen, Festmählern und allen möglichen, durchaus nicht nur kirchlichen Zusammenkünften; und wenn jemand gestorben war, dann ging das ganze Dorf zum Begräbnis und für die nächsten zwei Tage blieb niemand nüchtern.

    Fast alles davon ist verschwunden. Wir haben keine Zeit mehr für unsere Freunde und nicht mehr viel Zeit für unsere Kinder. Unsere früheren zwischenmenschlichen Beziehungen sind dahin, aber sie hinterließen keinen leeren Raum. Unsere Arbeit hat, wie Wasser, jede Ecke und jeden Winkel ausgefüllt.
     

  2. Das zweite Zahnrad in der großen Maschinerie ist die Automatisierung. Viele Jahre lang haben selbst die am großzügigsten orakelnden Experten auf dem Gebiet der "Zukunft der Arbeit" die erdrutschartigen Auswirkungen, die die Automatisierung mit sich bringen kann, vollkommen unterschätzt. In unzähligen angeblich gelehrten Aufsätzen wurde in den frühen achtziger Jahren nachzuweisen versucht, dass durch die Einführung von Computern nur die Qualität der Arbeit zu einem gewissen Grade aufpoliert werden wird, die Quantität aber unverändert bleiben würde.

    Daran glaubt heute niemand mehr, aber die meisten Menschen sträuben sich gegen den Hinweis, dass wir uns noch immer erst in einem Vorzustand der Automation befinden, dass alles, was wir bisher gehört haben, erst das Stimmen der Instrumente eines Orchesters ist und das Konzert noch gar nicht angefangen hat. Der Dirigent hat noch nicht mit dem Taktstock gegen sein Pult geklopft. Was Automatisierung erreichen kann, wie sich diese Musik anhören wird, wenn erst einmal die bisher durcheinander spielenden Instrumente unter einer Führung harmonisch zusammenspielen – davon haben wir bisher noch keinen Begriff.

    Es gibt einige Beispiele, die uns bereits jetzt einen ersten Eindruck geben von dem, was sich da entwickeln könnte. Beispielsweise in Mexiko in Grenznähe zu den USA. Dort sind bereits ein oder zwei ultramoderne Fabriken in Betrieb, die ihren Kunden anbieten, das Gewünschte auf Anforderung zu produzieren. Eine Woche lang stellen sie Kühlschränke her, in der nächsten Woche Fernsehempfänger, eine Woche danach DVD-Player und einige Tage später X-Boxen für Microsoft (von Jeffrey M. O’Brien in der Zeitschrift Wired, November 2001). Es ist sehr nützlich, diese Fabriken als Symbole zu verstehen, als Metapher dafür, wie flexibel und wie anpassungsfähig Fabriken werden können.

    Noch vor wenigen Jahren wurde ein bizarrer Glaube häufig diskutiert, den wir bald nur noch im Wachsfigurenkabinett antreffen werden. Ich meine den verzweifelten Glauben, dass Wachstum im Bereich der Dienstleistungen durch die Schaffung neuer Arbeitsplätze die Verluste in der Industrie wettmachen werde. Inzwischen ist allgemein bekannt, dass eine genau gegenteilige Entwicklung eingesetzt hat. Arbeitsplätze im Dienstleistungsbereich lassen sich viel leichter automatisieren als dort, wo "Dinge hergestellt" werden. So wird auf die Automatisierung der Banken und Versicherungsgesellschaften und natürlich an Tankstellen, am Fahrkartenschalter und am Schalter zum Einchecken auf Flughäfen bald eine große Entlassungswelle im Bereich der privatwirtschaftlichen und öffentlichen Verwaltungen folgen. Das wird sicherlich einer der am meisten begrüßten Fortschritte auf diesem Gebiet sein. Das lästige Ausfüllen endloser Formulare für alle möglichen Anträge, Lizenzen, Führerscheine, Visa, Kredite und Kreditkarten und die Zahlung an Versicherungen, Krankenkassen und Rentenanstalten wird endlich vorbei sein, und ein großer Seufzer der Erleichterung wird zum Himmel aufsteigen, wenn all dies zu Grabe getragen und das Grab mit Software zugeschüttet wird. Die absurde Komik dieser ganzen Entwicklung ist natürlich schwer zu übersehen: Zuerst haben wir Arbeitsplätze mit allen Werten ausgestattet, die wir nur finden konnten. Wir haben sie nicht nur herausgeputzt, sie sexy und verführerisch aussehen lassen, wir haben sie auch unerlässlich gemacht. Ohne sie wurde das Leben unmöglich. Wir haben alles getan, um sicherzugehen, dass es keinen Ersatz für sie gibt. Bildlich gesprochen, wir haben ihnen alle nur möglichen Medaillen und Orden angeheftet und sie auf ein sehr hohes Podest gehoben. Aber dann haben wir uns auf einmal um 180 Grad gewendet und 550 Methoden erfunden, um sie abzuschaffen und zu Grabe zu tragen, auf dem Scheiterhaufen zu verbrennen oder im Ozean zu ersäufen. Mit Hilfe zahlloser Maschinen wurden Arbeitsplätze auf einmal zu einer gesuchten Rarität.

    Jedermann hätte vorhersagen können, dass es einen wahnsinnigen Wettlauf geben würde, dass die Menschen sich mit Faustschlägen und Fußtritten um sie reißen würden. Das war zu erwarten, aber wir haben noch eine weitere Wendung hinzugefügt, die jene betraf, die in dem großen Gerangel den Kürzeren gezogen hatten und zur Seite gedrängt worden waren. Man sollte meinen, es wäre Bestrafung genug, wenn aus dem Füllhorn des Arbeitsmarktes nichts für sie abfiel. Aber nein. Gerüchte wurden über diese Menschen verbreitet, Gerüchte, die ihnen nachsagten, dass sie aus schierer Bewegungslosigkeit keinen Arbeitsplatz gefunden hatten, ja dass sich eine Fäulnis unter ihnen ausbreite, die ihre anscheinend nutzlosen Gliedmaßen in brandige, übel riechende Stümpfe verwandle.

    So haben wir jetzt eine überaus paradoxe Situation: Erst haben wir Arbeitsplätze in den Himmel gehoben, und dann haben wir alle Kraft und Intelligenz darauf verwendet, sie massenweise abzuschaffen.

    Und als sei das noch nicht genug, wurde noch ein drittes wichtiges Element in die verfahrene Situation eingebracht. Es war nicht beabsichtigt, und es wurde auch nicht vorhergesehen. Es war ein völlig überraschendes Nebenprodukt anderer Entwicklungen: Wir perfektionierten bestimmte Technologien. Diese waren nicht so umstritten oder esoterisch wie die genetische Manipulation von Nahrungsmitteln oder die Herstellung von Maschinen aus einzelnen Molekülen. Sie gehörten zu einem eher banalen Bereich. Sie hatten im Wesentlichen alle mit dem Transportwesen und dem Zurücklegen großer Entfernungen in einem Minimum an Zeit zu tun. Genauer gesagt: Entscheidend war die Entwicklung großer Langstreckenflugzeuge, sehr schneller und sehr billiger Frachtschiffe, von Lastwagen und Eisenbahnen und natürlich von einer der elementarsten Möglichkeiten von Computern, nämlich der, E-Mails zu empfangen und zu versenden. Selbstverständlich gab es noch eine Menge anderer Faktoren, aber diese Technologien trugen wesentlich dazu bei, das dritte Zahnrad in unserem Getriebe zu erzeugen.
     

  3. Dieses dritte Zahnrad ist die Globalisierung. Der erstaunliche Überraschungseffekt war der Wandel der Größenordnungen, in denen wir nun denken mussten. Mit einem Sprung verließ beinahe alles die lokale und regionale, ja selbst die nationale Ebene, und in erstaunlich kurzer Zeit waren wir in eine neue Ära eingetreten, die des Globalen.
    Einer der reichlich seltsamen Aspekte dieser plötzlichen Transformation ist, dass Geschäftsleute sie im Allgemeinen nur aus der engstmöglichen Perspektive sehen und diskutieren. Aus ihrer Sicht bedeutet das Wort "global" vor allem einen globalen Markt, und zu allem Überfluss ist ihre Vorstellungskraft auch noch allein auf das Produkt beschränkt, das sie selbst zufälligerweise herstellen.

    So sieht die Autoindustrie zum Beispiel China als Glücksfall an: als ein einziger riesiger Marktplatz, auf dem sich Millionen von Chevrolets verkaufen lassen. Das Vermögen, auf diese Art und Weise zu denken, ist geradezu akrobatisch: Es stellt eine Ausnahmeleistung in der Meisterung des Einseitigen und Asymmetrischen dar. Schon fast so wie die berühmte Fähigkeit, mit einer Hand zu klatschen. Wie ist es nur möglich, die andere Seite dieser Medaille zu übersehen? Nämlich dass die Chinesen nicht nur kaufen, sondern selbst herstellen werden – und vielleicht billiger und mit höherer Qualität. Die Japaner machen uns das schon seit vielen Jahren vor, weshalb es noch erstaunlicher ist, dass dieselben Manager der Automobilindustrie, die mit den Zähnen knirschen, wenn die Sprache auf Japan kommt, nun voller Überschwang von China sprechen.
    Doch das Thema des Handels sollte unsere Diskussion hier nicht monopolisieren. Unglücklicherweise ist dies das bereits bekannte Muster, nach dem das Für und Wider der Globalisierung im Allgemeinen diskutiert wird. Vernachlässigt wird die Seite, die mit der Arbeit zu tun hat. Stellen Sie sich eine Kombination dieser drei Aspekte vor: Erst hebt man Arbeitsplätze auf ein Podest, dann macht man sie durch Automatisierung rar, was schließlich nicht zu mehr Produkten führt, sondern zu immer mehr Menschen, die Arbeit suchen.

    Was wäre, wenn es ein Wunderheilmittel (sagen wir gegen Aids) gäbe, das Angebot an diesem Mittel aber äußerst eingeschränkt wäre. Denken Sie an die Masse Menschen, die bereits unruhig in der heißen Sonne stehen und warten. Und dann bringt man an diesen Ort mit Zügen, Schiffen, Bussen und Autos noch Tausende zusätzlicher Patienten. Aber machen wir uns nichts vor: So wahnwitzig dies wäre, es ist immer noch kein zutreffendes Bild für das, was wirklich geschehen ist. Die Wahrheit ist noch um einiges grausamer.

    Bis in sehr viel jüngere Zeit, als man gemeinhin glaubt, lebte die überwiegende Mehrheit der Menschen auf dem gesamten Globus in Dörfern und erzeugte ihren Lebensunterhalt, indem sie Land bestellten, ihr eigenes oder das anderer. Selbst in den Vereinigten Staaten und in Europa lag die Zahl der Menschen, die auf dem Land lebten, bis vor etwa 150 Jahren bei 80 Prozent. Jedermann weiß, dass die Bauern in diesen Ländern heute enorme Subventionen erhalten und dennoch "in Schwierigkeiten" sind. Deshalb sind ganze Dörfer auch in Europa und den USA beinahe wie ausgestorben. Im Vergleich zu praktisch dem gesamten Rest der Welt ist diese Landflucht aber noch geringfügig. In jedem Land in Afrika, Asien und Südamerika sind riesige Wanderungsbewegungen im Gange. Die ehemaligen Bauern verlassen ihre Dörfer aus den verschiedensten Gründen, zum Teil aber einfach deshalb, weil sie keine andere Wahl haben. Und sie haben keine Wahl, weil es zwei gewaltige Veränderungen gegeben hat: große Agrarindustrieunternehmen haben ihr Land aufgekauft, und Nahrungsmittel sind auf der ganzen Welt zu billig geworden. Ein kleines Stück Land reicht nicht mehr aus, um auch nur das lebensnotwendige Minimum an Mais oder Reis zu erzeugen.

    Das wahre Bild ist also, dass diese Menschen nicht einfach so in Bussen, Zügen und Schiffen angefahren kommen – sie sind gezwungen zu kommen. Die Lebensform, in der sie länger, als irgendjemand zurückdenken kann, gelebt haben, ist ihnen wie ein Teppich unter den Füßen weggezogen worden, und so wandern sie wie Flüchtlinge zu Millionen und Abermillionen auf der Suche nach Arbeitsplätzen in Richtung der Städte (um nur ein Beispiel zu nennen: Simbabwe hat zurzeit "offiziell" 70 Prozent Arbeitslose.). Die Zahl der Menschen, welche diese Migrationsbewegung umfasst, ist so riesig, dass die Zahlen, die in unserer noch so freundlichen westlichen Welt die Arbeitslosigkeit messen, im Vergleich dazu geradezu lächerlich ist. Wenn man die faktische Auslöschung des größten Teils der traditionellen Landwirtschaft nicht in das Bild einbezieht, dann ist man außerstande, die wahre Größenordnung des Mangels an Arbeitsplätzen, mit der wir konfrontiert sind, einzuschätzen.
     

  4. Das vierte und letzte Zahnrad der angesprochenen Maschinerie wird ein weiteres Schlaglicht auf unsere gegenwärtige Situation werfen: das Arbeitsplätzemonopol. Seine Auswirkung ist so einfach wie krass: Stellen Sie sie sich schlicht als eine ungeheure, überwältigende Zunahme an Macht vor. Wessen Macht? Der Macht der Wirtschaft natürlich, denn die Wirtschaft baut neue Fabriken und schafft damit Arbeitsplätze, aber die Wirtschaft schließt auch Fabriken und schickt die Leute nach Hause.
    Die drei gigantischen Kräfte, die wir zuvor beschrieben haben, sind alle relativ neu, und alle sind seit 1989 wie ein Feuersturm angewachsen. Vor 15 Jahren nahm die Arbeit noch nicht so viel Platz in unserem Leben ein und hatte nicht denselben Status wie heute. Die Automatisierung war noch ein Kätzchen im Vergleich zu dem Menschen fressenden Tiger, der sie heute ist, und Millionen, die heute in Slums leben, lebten damals noch auf ihren Bauernhöfen. Der Druck war also längst nicht so groß; inzwischen hat er enorm zugenommen, und die Macht der Wirtschaft ist proportional dazu gewachsen.

    "Wir, das Volk", um diesen großen, klangvollen Ausdruck zu benutzen, sind in die Position von Bittstellern und Bettlern geraten. Das ist nun die Essenz. Oft ist die Rede davon, dass Städte, Regionen oder sogar Staaten sich bemühen, Großunternehmen durch Anreize dazu zu "verführen", sich auf ihrem Territorium niederzulassen. Aber dieses Bild ist nicht ganz zutreffend: Eine Verführerin, die sich mit nicht mehr als schwarzer Unterwäsche bekleidet auf einem roten Sofa räkelt, braucht beträchtliches Selbstvertrauen. Dazu muss man sich begehrenswert und attraktiv vorkommen. Gegenüber den Großunternehmen ist heute der Großteil der Städte und Länder jedoch mitnichten in einer solchen Position. Sie schmeicheln und bieten "Geschenke" und große Summen in Form von Subventionen und Steuerersparnissen an, aber darüber hinaus bleibt ihnen oft schlichtweg nichts anderes übrig als zu betteln. In der Beziehung zu den Wirtschaftsfürsten sind "wir, das Volk" also keineswegs mit einer verführerischen Frau zu vergleichen. Wir ähneln mehr den "Bürgern von Calais", Rodins berühmter Skulpturengruppe. Wir kommen barfuss und in Lumpen. Wir warten in Vorzimmern und haben den Schlüssel zu unserer Stadt um den Hals hängen. Diese Haltung und diese Art von Beziehung waren der Grundstein und das archetypische Modul, aus dem die Wirtschaft und das politische Leben in der Ära nach dem Kalten Krieg gebaut wurde.

    Es mag beklagenswert sein und wütend machen, aber es ist nichtsdestoweniger wahr, dass ein einziger roher und brutaler Ringergriff einer ständig kleiner werdenden Gruppe von Menschen so viel Macht verliehen hat. Aber halten Sie diesen primitiven Knebelmechanismus nur einmal gegen – beispielsweise – den Erfolg von Reagans Wahlkampf oder, was das angeht, gegen die Karriere von Clinton, Blair, Schröder oder Bush, oder halten Sie ihn gegen das, was in den Vereinigten Staaten aus den Gewerkschaften oder allgemeiner aus dem Liberalismus oder speziell aus der demokratischen Partei geworden ist. Ist es dann nicht ein Leichtes, zu sehen, welch beherrschende Macht die Kopplung von Business und Arbeitsplätzen ausgeübt hat?

    Es ist von entscheidender Bedeutung, klar zu erkennen, wie ein Würgegriff es geschafft hat, uns lahm zu legen. Wie er unseren Verstand und vor allem unsere politische Vorstellungskraft wie an einen mittelalterlichen Pranger gekettet hat. Es hätte kaum einfacher, kaum banaler sein können: Arbeitsplätze sind unser Omni-Wert, und die kombinierten Kräfte von Automatisierung und Globalisierung konnten sicherstellen, dass wir ständig und zunehmend an einem Mangel an Arbeitsplätzen leiden. Auf die drohende Hungersnot kannten wir nur eine Antwort: die Wirtschaft aufs Podest zu heben und ihr gegenüber immer noch ergebener und noch unterwürfiger zu werden. Wir glaubten, dass es keine andere Möglichkeit gäbe. Wir glaubten, wir säßen in einem Zug, dessen Türen und Fenster fest verriegelt seien...

Kapitel IV

Die Wirtschaftsform der Neuen Arbeit

... Jeder Versuch, die heutige Welt der Arbeit zu verstehen, muss diesen tiefen Riss berücksichtigen. Der industrielle Komplex ist kein zusammenhängender, einheitlicher Block. Der Unterschied zwischen den alten Industrien (Automobil, Öl und Stahl) und den neuen Industrien (Computer, Software, Biotechnologie und Mikrochips) ist so groß, dass wir es hier mit völlig verschiedenen Welten zu tun habe ii. Das sieht man auf einen Blick. Die neuen Industrien und das sind auch diejenigen, die sich in kleinen Fabriken und kleinen Organisationen entwickeln - nennen ihr Gelände oft einen "Campus". Das ist ein Ausdruck, der sehr viele Dinge zusammenfasst. Die Rate der Angestellten mit Hochschulabschluss ist bei diesen Unternehmen sehr viel höher als in der Öl- oder Stahlindustrie. Ihre Verbindung zur akademischen Welt ist sehr viel enger - ja sogar so eng, dass man heute von einem akademisch industriellen Komplex sprechen könnte. Und als Folge davon ist die gesamte Unternehmenskultur, bis hinein in die Sprache und Kleidung sowie die Ungezwungenheit des Umgangs, völlig verschieden von dem, was in den alten und "schweren" Industrien und gäbe ist. Die neuen Industrien sind im Vergleich erkennbar "leicht" und deshalb reaktionsschnell, agil und gewandt. Der Kampf dien diesen beiden Welten ist eine weitere Version der uralten David-und-Goliath-Geschichte.

Ober die reine Tiefe und Breite dieser Kluft hinaus gibt es einen Aspekt, der für die "alten" Industrien besonders schmerzlich, für die "neuen" Industrien jedoch besonders viel versprechend ist. Er besteht, kurz gesagt, darin, dass die macht vollen sich gegenwärtig entwickelnden Technologien ganz eindeutig auf der Seite der "neuen" Unternehmen sind, während sie genauso eindeutig die "alten" und großen Unternehmen benachteiligen. Was sind die drei modernen Erscheinungsformen der Technologie mit der größten Signalwirkung für "Modernität"? Viele würden wohl darin übereinstimmen, dass es Jas Internet, das Mobiltelefon und der Laptop sind. Wenn wir auch nur einen Augenblick nachdenken, wird sofort deutlich, dass alle drei dezentrale Strukturen fördern. Denken Sie nur an den jungen Unternehmer, der irgendwo hoch in den Bergen in seinem Pick up sitzt und von dort aus mit aller Welt über Telefon und E Mail kommuniziert.

Das ist auch von entscheidender Bedeutung für die Frage der Macht. Keine Meinung ist heute verbreiteter als die, dass ein Kampf gegen die Riesenunternehmen von vornherein hoffnungslos zum Scheitern verurteilt ist. Aber sowohl die Kluft, die ich soeben dargestellt habe, als auch die gerade beschriebene Eigenart der neuen Technologien unterminiert diese veraltete Überzeugung.

Wir könnten heute an einem Punkt stehen, an dem eine "Wende" hin zu kleinen und dezentralisierten Strukturen kurz bevorsteht ganz entscheidend ist dafür die Tatsache, dass einige der modernsten und potentesten Industrien heute bereits klein sind und dass die neuesten Technologien dem Kleinen und Dezentralisierten ganz klar einen Vorteil verschaffen. (Sowohl IBM als auch Microsoft sind in diesem Gesamtbild die Ausnahmen.) Wenn es also zu dieser Wende kommt, dann hauptsächlich, weil die neuen Technologien das Kräfteverhältnis zum Kippen bringen. Die alten babylonischen Organisationen können keinen optimalen Nutzen aus diesen neuen Technologien ziehen. ja, sie gehen ihnen sogar gegen den Strich, bringen sie durcheinander und schwächen sie. Im Gegensatz dazu sind diese neuen Technologien die natürliche Nahrung für die kleinen und beweglichen Unternehmen. Sie beleben und stärken sie. Deshalb könnten diese Technologien unsere Verbündeten sein m dem Bemühen, diese historische Wende herbeizuführen. Das bedeutet aber auch, dass die Methoden und spezifischen Taktiken, die uns helfen könnten, dieses Ziel zu erreichen, sich ganz und gar von den Methoden und Taktiken der Politik des gerade zu Ende gehenden Zeitalters unterscheiden.

Wäre der Kampf, in dem wir uns befinden, tatsächlich ein Kampf der Armen gegen die Reichen oder sogar der Masse der Menschheit gegen einen einzigen und vereinten unternehmerischen Komplex, dann wäre er mit großer Wahrscheinlichkeit hoffnungslos und müßig. Ich habe nicht das geringste Vertrauen in die ausgeleierten Prozesse der politischen Entscheidungsfindung der Vergangenheit. Wäre diese Politik unsere einzige Hoffnung, dann hätte ich mich schon vor langer Zeit zurückgezogen und wäre wieder zu einem Einsiedler in den Wäldern von New Hampshire geworden. Dann hätten die Armen und die Masse der Menschheit in der Tat kaum eine Chance. Wenn es einen Silberstreifen am Horizont gibt, dann wegen der eben erwähnten Kluft und des Trends der Technologie zur Dezentralisierung.

Um es ganz überspitzt zu formulieren: Es war einer der schwerwiegendsten Fehler von Marx, dass er gleich zu Beginn laut hinausposaunt hat, dass alle Reichen enteignet werden würden. Das war die aller schlechteste Werbestrategie, die ihm hätte einfallen können. Es hat die Reichen dazu gebracht, ihre Reihen so eng zu schließen, dass keine Macht der Welt etwas gegen sie ausrichten konnte. Zum Glück kann die Strategie heute viel raffinierter sein. Wenn es eine Kluft zwischen den alten und den neuen Industrien gibt, dann wäre das Letzte, was wir versuchen sollten, diese Kluft zu schließen! Alles andere als das! Wir sollten einen möglichst strategischen Gebrauch davon machen und die "neuen" Industrien mit kluger Vorsicht auf unsere Seite ziehen. Denn mit ihnen als Verbündeten wird das Pendel der Macht in Richtung der Kultur ausschlagen, die gerade mühevoll geboren wird.

Dieser letzte Punkt ließe sich noch provokativer formulieren, bediente man sich einer Sprache, die ich im Allgemeinen vermeide. Man könnte sagen, dass der Kapitalismus selbst die Technologien produziert hat, die heute die Macht haben, ihn zu zerstören. Riesige vertikale Hierarchien waren ein integraler Bestandteil der Macht des kapitalistischen Systems. Die Informationstechnologie macht diese Hierarchien unnötig und ersetzt sie durch effizientere und schnellere horizontale Strukturen. Dazu kommt, dass die neuen Technologien in Heer ganz unterschiedlicher Arbeiter erzeugen - Arbeiter, die in ihrer Mentalität der Mentalität von Künstlern und Intellektuellen so nahe kommen, dass das Erteilen von Befehlen in der Erwartung mit Gehorsam einfach nicht mehr funktioniert. Unternehmen mit einem großen Anteil an Hochschulabsolventen verlangen eine ganz andere Kultur in Hinsicht auf die Organisation und das Personal als die vom Kapitalismus beförderte Unternehmenskultur. Das erklärt, warum so viele der talentiertesten und häufig auch erfolgreichsten jüngeren Leute gegen die alten, verkrusteten Strukturen rebellieren, was wiederum bedeutet, dass die alten und mächtigen Unternehmen oft das Nachsehen haben, wenn es darum geht, die klügsten und agilsten Arbeitskräfte zu rekrutieren. Das ganze Szenario erinnert an das späte Mittelalter, in dem Ritter in einer Rüstung, in der sie sich kaum noch bewegen konnten, mit Seilwinden auf den Rücken ihrer Pferde gehievt wurden, und furchtlose Bauernburschen, die nur mit Stöcken bewaffnet waren, sie aus dem Sattel stürzen konnten, so dass sie zu Boden polterten und dort unter ihren eigenen Helmen erstickten.

Aber da gibt es noch einen anderen Aspekt: Es ist nicht nur so, dass diese spezifischen Technologien den Kapitalismus schwächen und ihn aushöhlen. Das ganze Arsenal der Technologien, die zusammen genommen die Automatisierung möglich machten, hat das Heer der Arbeiter, die den Befehlen ihrer Manager Generale gehorchten, verkleinert. Die Automatisierung selbst, die der Kapitalismus geschaffen hat, hat diese Armeen vernichtet, wie der russische Winter die Soldaten Napoleons erfrieren ließ und vor Stalingrad auch die deutsche Armee.

Man könnte es in diesen Begriffen formulieren, aber "Kapitalismus" ist nicht mehr das angemessene Wort. Unsere Situation ist vielmehr zu einem Zustand verkommen, der eher der Herrschaft von "Mafiabossen" entspricht. Diese Herrschaft ist vor allem destruktiv. Unsere Situation ähnelt der mancher Tierarten. Etwa bei Ameisen, einigen Käfern und auch Bienen kommt es vor, dass die Muttertiere manchmal Junge zur Welt bringen, die ihre eigene Mutter töten und fressen. Das hat Ähnlichkeit mit den neuen Technologien. Geboren aus dem Kapitalismus, sind sie es jetzt, die den Kapitalismus schwächen und zum Absterben bringen. Und das ist ein Umstand, der uns hoffen lässt: Die große Wende zur neuen Kultur kann sich tatsächlich vollziehen, und nicht zuletzt deshalb, weil schon so viele Aspekte der neuen Kultur Kraft, Energie und sogar Macht besitzen.

Wie vorherzusehen war, haben mir viele Menschen klar machen wollen, dass chronisch Arbeitslose oder andere Menschen, denen es elend geht, niemals auf die Beschreibung solcher Trends hören würden. "Das ist einfach nicht konkret genug, es spricht nicht die Interessen an, die diese Menschen haben. Es ist zu schwierig, zu akademisch, zu abgehoben."

Das führt uns oft wieder an einen der Punkte, wo es nicht genug nicht "vernünftig" - ist, ganz sanft und ruhig zu argumentieren. Es kommt vor, dass ich an diesem kritischen Punkt einschiebe, dass wir darüber offensichtlich ein kleines Kristallgespräch führen müssen. Manchmal leite ich das dann mit etwa den folgenden Sätzen ein: "Sie könnten sich nicht gründlicher irren! Sie haben anscheinend keine Ahnung, was sich diese Menschen hunderte von Malen anhören müssen auf Versammlungen, an denen teilzunehmen sie gezwungen sind. Gehen Sie nur einmal zu einer dieser offiziellen Versammlungen, hören Sie zu und sehen Sie sich um. Selbst jene, die nichts eingenommen haben, verhalten sich bei diesen Versammlungen, als stünden sie unter Drogen. Endlos müssen sie die alten Litaneien und Lügen über sich ergehen lassen. Wenn Sie sich nur genug Mühe geben, dann werden Sie Arbeit finden. Alles, was Sie dazu brauchen, ist Motivation und Ausdauer.' Allein die Tatsache, dass das, was ich den Leuten erzähle, etwas anderes ist, ist für sie schon eine große Erleichterung. Manch einer ist darüber derart erstaunt, dass er allein schon deshalb zuhört. Aber Sie unterschätzen auch die Intelligenz der Leute. Ich beginne stets mit einer zweiminütigen Zusammenfassung der Quintessenz der Neuen Arbeit. Ich weiß, das ist riskant. Aber es spielt keine Rolle, ob ich in Detroit oder in Kalkutta bin, in Chemnitz, Kiew oder Johannesburg. Die Neugier, die Ideen auslösen, könnte nicht intensiver sein. Man hat die Menschen so oft missbraucht und sie so angelogen, dass "sie auf jeden, der ihnen wirkliche Ideen präsentiert, ganz aufgeregt reagieren. Heiße Luft aus heißen Köpfen ist das Letzte, was sie wollen. Und nicht noch ein weiteres Mal als Kanonenfutter benutzt zu werden ist bei diesen Menschen wie eine stark entwickelte Reflexreaktion. Eine Reaktion, die natürlich vollkommen gerechtfertigt ist nach den schier unzähligen Arten, auf die man sie ausgenutzt und betrogen hat. Das bedeutet, dass viele der im Elend Lebenden eine unerhörte Sensibilität entwickelt haben gegen Wortgeklingel, das bei ihnen falsche Hoffnungen weckt. Gegen das, was man in Amerika "bullshit" nennt. Also wollen sie sofort, gleich am Anfang, wissen, worauf ich hinaus will, sonst ziehen sie sich nach drei Minuten die Jacken wieder an. Also gebe ich ihnen einen kondensierten Abriss - die ganze Neue Arbeit auf einer einzigen Briefmarke zusammengefasst -, weil es so sein muss; weil ich ihnen das schulde. Auch wenn das glückt, täuschen Sie sich da nicht, dürfen Sie keine Fehler machen: Wenn Sie die im Elend Lebenden bedrängen, sie anpredigen, ihnen nur große Worte und ein paar Tricks auftischen, dann schließen sie die Augen und verschließen ihren Geist. Nein, diese Menschen wollen nicht den albernen, arrogant überheblichen selben Sermon. Von wegen, diese Trends seien zu schwierig, sie könnten das nicht begreifen. Im Gegenteil, direkt nach den Trends wollen sie fast immer Einzelheiten wissen, sie wollen verstehen, sie wollen Klarheit, Beweise und Fakten.

Es mag nötig sein, vieles ein paar Mal zu wiederholen, aber es ist von entscheidender Bedeutung, dass sichtbar wird, wie die Trends, die wir darstellen, alle zusammenfließen in die Richtung, die wir, die Neue Arbeit, einschlagen wollen. Wenn man sie davon nicht überzeugen kann, ist alles vergeudet. Dann halten sie dich nur für einen weiteren dieser Gehsteig Prediger. Vielleicht lächeln sie und vielleicht geben sie dir sogar noch die Hand, aber sie werden davongehen und dich nicht einen Moment lang ernst nehmen."

Hier geht es um die grundlegende Frage: Wie kann man die Armen "aufwecken", wie kann man sie aus dem Kraterloch ihrer Armut der Begierde herausziehen? Was ist die Leiter, auf der sie aus ihrer Apathie herausklettern können, aus ihrer Enttäuschung und Verzweiflung? Wenn sie die Trends verstehen, dann ist das nur ein Anfang, aber doch schon etwas, an dem sie sich bei ihrem Aufwärtsklettern festhalten können. Sie müssen, wie langsam auch immer, zu der Überzeugung gelangen, dass sie Teil von etwas Machtvollem, etwas Eindrucksvollem sind - Teil eines entschlossenen Bemühens, eine weitaus bessere Welt zu schaffen, von etwas, das nicht nur ein Pfeifen im dunklen Keller ist, sondern das, man höre und staune, in der Tat von Erfolg gekrönt sein könnte.

Aber es gibt noch eine weitere eminente Tatsache: Von allem Anfang an machen wir es nicht nur den im Elend Lebenden, sondern den politisch Denkenden, den Menschen denen es besser geht, schwer, uns entweder in die "linke" oder in die "rechte" Schublade zu stecken. Es ist ganz klar, dass wir stets auf der Seite der Unterdrückten und Armen stehen. Viel mehr sogar als viele, die sich selbst für "links" halten, denn wir wollten die Armen nicht nur mit kleinen Geschenken und Trostpflastern beruhigen - vor allem nicht mit einem Pflaster über ihrem Mund. Wir haben versucht, sie dazu anzustacheln, sich auf sich selbst zu verlassen; nicht zu bitten, nicht anzuklagen, sondern sich nach oben zu kämpfen, und keineswegs nur bis zur Ebene des Lebensnotwendigen, dem Grauenvollen, das man "Subsistenz" nennt, sondern viel höher. Aufzusteigen zu einem fröhlichen, lustvollen Leben! Wir haben sie beschwatzt, beschworen und ihnen immer wieder die Werkzeuge und die Technologie zur Verfügung gestellt, damit sie aufstehen und kraftvoll, stark und unabhängig werden können. Aber natürlich sind das genau die Worte, genau die Werte, genau die rhetorischen Ausdrücke, die von den "Konservativen" und den "Rechten" monopolisiert worden sind.

Wir sind also 50:50. Einerseits entschlossen engagiert für die Unterdrückten und Armen, aber andererseits setzen wir genau das in die Praxis um, was die von der Rechten aber eben bloß für eine kleine, ausgewählte Elite predigen. Wir versuchen, ihre Rhetorik für die große Masse der Armen in die Praxis umzusetzen. Wie können die Konservativen also gegen uns sein? Wir nehmen ihnen doch das Wort aus dem Mund - nur richten wir es an ein anderes Publikum, eines, das für sie gar kein Publikum ist, sondern nur die "Gescheiterten" sind. Diese Spaltung, diese Zweiseitigkeit - halb links und halb rechts - ist nicht nur eine Taktik, nicht nur ein Trick. Wenn es diejenigen, die gegen uns sind, verwirrt und verunsichert - umso besser. Das ist eine wunderbare Nebenwirkung. Aber das ist nicht unser Ziel. Beide Hälften gemeinsam, zusammen, das ist, was wir wirklich, wirklich wollen und glauben. Wir glauben, dass jene, die heute noch unterdrückt und arm sind, zu der Art von Menschen werden sollen, von denen Whitman und Blake, Thoreau und Emerson geträumt haben. Sie sollten nicht nur genug zu essen, ein Dach über dem Kopf und angemessene Kleidung haben. Das natürlich auch, aber sie sollten auch die Chance bekommen, großartige, strahlende, vollkommene Menschen zu werden! Mit nichts weniger wollen wir ins begnügen.

Praktisch bedeutete dies, dass die Gewerkschaften in Hinsicht auf die Neue Arbeit immer geteilter Meinung waren. Einige Gewerkschaftler glaubten, wir seien schlichtweg des Teufels; andere wieder werden überzeugt, dass wir die letzte den Gewerkschaften noch verbleibende Hoffnung wären. Genauso war es mit dem Management. Dieses war allerdings entscheidend für unsere eigene Entwicklung und für die Frage der Macht. Schon immer und überall, in jedem Kontext und in jedem Land, waren einige der einfallsreichsten, erfolgreichsten, vorausschauendsten Geschäftsleute und Manager auf unserer Seite. Sie glaubten an das, was wir taten. Auch sie strebten nach der Art von Welt, die wir selbst zu verwirklichen suchen. Und sie fanden im Netzwerk der Neuen Arbeit weitaus mehr Kreativität, Erfindungsreichtum und Optimismus als in ihren eigenen Mega-Unternehmen mit deren babylonischen Verwaltungsapparaten.

Die Neue Arbeit war immer eine Mixtur, ein weit gespanntes Netzwerk, das zusammenhielt, obwohl es Menschen aus allen Bereichen des Lebens umfasste. Das muss ein Teil des Bildes sein, wenn man die Neue Arbeit verstehen will. Das Ausmaß, in dem wir willkommen geheißen wurden und in dem wir manchmal auch Erfolg hatten, spiegelte immer die Tatsache wider, dass wir nicht nur aus der Arbeiterklasse kamen; wir sprachen nicht nur für die Arbeitslosen und Unterdrückten. Die Leute wussten immer, dass wir auch in den Chefetagen der 500 weltweit führenden Unternehmen ein und ausgingen. Sie wussten, dass die Vorschläge, die wir machten, die Ideen, die wir vertraten, auch bei Teilen der Management Hierarchie auf große Sympathie stießen. Das war so von unseren Anfängen in Flint bis hin zu der in jüngster Zeit mit der Hypobank geleisteten, sehr viel schwierigeren Arbeit. Und das ist so in Hinsicht auf unsere grundlegende Prämisse, dass die Menschen eine Arbeit haben sollten, die sie wirklich, wirklich tun wollen, und unsere gegenwärtigen Bemühungen, den Armen in der Dritten Welt Zugang zu den fortgeschrittensten Technologien der Eigen Produktion zu verschaffen.

Dass es immer eine Kohorte erfolgreicher, einfallsreicher und fortschrittlicher Geschäftsleute gab, die auf unserer Seite standen, die mit unseren Ideen übereinstimmten, die uns ermutigten, uns Türen öffneten und auch Geld zur Verfügung stellten - und die hier und da sogar das praktizierten, was wir ihnen vorschlugen -, das hat die Geschichte und die Entwicklung der neuen Arbeit in vieler Hinsicht geformt. Aber diese Tatsache müssen wir auch mit dem Bild des verriegelten Zuges in Verbindung bringen. Zu den zahlreichen Gruppen, die mit Entsetzen und Grausen sehen, in welche Richtung unsere Gesellschaft sich entwickelt, sich aber ebenfalls in dem abwärts rasenden Zug gefangen sehen, gehört auch dieses bunte Aufgebot unterschiedlichster Geschäftsleute, die oft zu den talentiertesten und ideenreichsten ihrer Zunft gehören. Einige von ihnen haben sich aus Unternehmen verabschiedet, in denen sie führende Positionen innehatten, ja die sie teils selbst gegründet und geführt hatten, um sich der Neuen Arbeit anzuschließen. Die Koalition, die zu schmieden wir dabei sind und die auf die Verwirklichung der Wende hinarbeitet, zählt sehr stark auf sie. Sie tragen viel zu unserem Optimismus bei, unserem Selbstvertrauen und der Eigenschaft, die für uns besonders kostbar ist, zu unserer schon öfter zitierten "Fröhlichkeit".

In meinen Bemühungen, das Anliegen der Neuen Arbeit zu kommunizieren, spielt diese Partnerschaft mit dem fortschrittlichsten Hügel der Geschäftswelt natürlich eine wesentliche Rolle. Ansonsten könnten sich leicht romantische und längst überholte Vorstellungen in unser Denken einschleichen; wir spielen nicht mit Phantasien von konspiratorischen Treffen in feuchten Kellern oder von Trainingslagern hoch in den Bergen. Der entscheidende Punkt, den all jene begreifen müssen, die sich mit der Neuen Arbeit verbünden wollen, ist, dass wir so etwas nicht brauchen. Wir sind weitaus stärker und weitaus fortgeschrittener, als diese pubertären, selbstbefriedigenden Tagträume vermuten. Die Grundidee, dass die Technologie sich in eine gesunde Richtung weiterentwickeln lässt (und nicht weiter in der Richtung selbstzerstörerischen Narrentums, in der wir bisher festsaßen), und dass dies bedeutet, Technologien und Produkte zu entwickeln, welche die Eigen Produktion fördern, macht für viele Geschäftsleute durchaus sehr viel Sinn. Und ebenso viel überzeugenden Sinn macht diese Idee für viele Regierungsbeamte in der Dritten Welt und sogar, wenn auch sehr viel langsamer, für einige Politiker im Westen. Aber sich diese Einsicht ganz in Fleisch und Blut übergehen zu lassen, ist eine unnerlässliche Voraussetzung. Es ist eine Art Übergangsritus. Man muss diesen Übergang vollziehen, um erwachsen zu werden, um nicht in politischer Hinsicht ein daumenlutschender Säugling zu bleiben, der davon redet, "die Welt zu verändern", ohne jedoch zu wissen, wo sich die Knöpfe, Hebel und Schalter befinden, mit denen sich dieses Ziel erreichen lässt...


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Christoph Gäbler 21.07.2010