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Leseprobe aus "Eine Woche im May"

Von Gertrud Bäumer

Rainer Wunderlich Verlag Hermann Leins, Seite 388 - 401

... Als Goethe den Herzog verlässt, ist ihm, als sei er noch um einige Zoll tiefer als zuvor im Boden Weimars eingewurzelt. Heimat gewinnen ist beglückend.

Er findet Charlotte mit den Kindern beim Kaffee. Ob sie selbst das so eingerichtet hat? Ihm ist's lieb so. Die jungen hängen sich freudestrahlend an ihn. Sie reicht ihm die Hand. Er sucht, nachdem er die schmale Hand geküsst hat, in ihrem Gesicht zu lesen. Es ist verschlossen. Er kennt diese bewusste, maskenhafte Kühle ihres graden Blicks. Aber das Zucken ihrer feingezogenen Brauen verrät ihre Erregung. Sie ist blass und unter ihren Augen liegen Schatten. Sie hat sich gequält - stellt er fest, und Mitleid zuckt mit Hoffnung gemischt durch sein Herz. Wollen Sie Kaffee? fragt sie. Aber ich kann auch Tee bestellen. Er sieht, dass eine Tasse für ihn bereit steht wie immer, und der Biscuitkuchen, den er liebt. Die beiden kleinen Zeichen wärmen ihm das Herz. Sie reicht ihm die feine Tasse mit dem duftenden Trank, den sie liebt und er eigentlich nicht. Aber die Jungen haben von der Feuersbrunst gehört, und dass er mit dem Herzog dabei war. Er muss erzählen, alles ganz genau von Anfang an. Fritz ist wie immer auf seinen Schoß geklettert, sitzt auf seinem Knie und fühlt sich in seinem Arm geborgen. Das Gefühl des Zuhauseseins überkommt ihn, wie wenn nichts geschehen wäre. Er erzählt: von den Kindern, die am Herd gespielt haben, von dem Wind, der in die Flammen fuhr und sie auseinander trieb, ganze Wolken von Funken über die Strohdächer hin, wie er mit der Schlauchspritze oben stand und die Glut löschte - wie furchtbar heiß es war, und wie das Vieh brüllte vor Angst und Verwirrung. Und wie der ganze Hausrat auf der Dorfstraße stand. Und die jungen unterbrechen ihn mit ihren Fragen. Karl will wissen, wie viel Zeit die Pferde gebraucht haben hin und zurück, und Ernst, wo nun alle schlafen die Nacht.

Er spürt, dass Charlotte mit kaum beherrschter Ungeduld zuhört. Er versteht, dass sie es nicht ertragen kann, wie durch die harmlosen Kinder sich unversehens die alte vertraute Atmosphäre herstellt. Vielleicht gibt ihr sein Verhalten den Eindruck, als sei er sich gar nicht bewusst, dass er etwas zerstört hat, oder als wolle er mit Hilfe der Kinder darüber hinweg ins alte Gleis einmünden. Noch ehe er selbst seine Beschreibung zu Ende gehen lassen kann, sagt sie heftig: So, Ihr Jungen, jetzt habt Ihr den Doktor Goethe genug bestürmt. Nun macht, dass Ihr hinaus kommt. Die Jungen sehen sie tief überrascht und bestürzt an. Er hat uns doch erzählt, verteidigt sich Karl. Er ist noch gar nicht fertig, bettelt Ernst. Ihr habt gehört, was ich gesagt habe - ihre Stimme bebt vor Erregung. Vorwärts. Die jungen schleichen mit trotzigen Mienen hinaus, ohne sich von Goethe zu verabschieden. Fritzchen hat mit erschrockenem Gesicht von der Mutter zu den Brüdern geblickt und fängt an zu weinen. Er umklammert Goethes Hals. Ich will hier bleiben, schreit er. Goethe steht mit dem Kinde auf dem Arm auf. Komm, Fritz, sagt er lächelnd, ich trag Dich hinaus, und streichelt ihm das tränenüberströmte Gesichtchen. Setzen Sie ihn herunter, sagt sie heftig, fasst das Kind am Arm schiebt es zur Tür hinaus, die die jungen aufgelassen haben, und schließt sie hinter ihm.

Sie kommt zurück, zieht den Klingelzug im Vorbeigehen und sitzt ihm nun gegenüber. Ihre Härte gegen das Kind verwundet ihn, als geschähe sie ihm selbst. Man hört noch sein trostloses Weinen. Dann scheint die Jungfer gekommen zu sein, die es holt und ihm zuredet. Er sieht besorgt den Grad ihrer Erregung. Sie muss sich seit dem Montage - es scheinen ihm Wochen seitdem vergangen zu sein - unendlich gequält haben. Wenn er ihr doch nur wohl tun könnte. Aber es ist wie ein luftleerer Raum zwischen ihnen - eine Zone des Verstummens. Was soll er ihr sagen? Auch was geschehen ist, hat sich wie vernebelt. Sein Gefühl erkennt es nicht mehr.

Wenn ich Sie verletzt habe, liebe Frau, stammelt er hilflos, verzeihen Sie mir. Er macht eine Bewegung zu ihr hin, als wolle er ihre Hände ergreifen, aber er zieht sie zurück, wie von einem kalten Hauch der Abwehr getroffen. Sie kämpft mit den Tränen, es gelingt ihr, sie zurückzuhalten. Sie ist sehr blass, und ihre Lippen beben, als sie sagt: Sie machen. unsere Freundschaft unmöglich, Goethe. Wissen Sie das nicht? Nein, sagt er rau in einer Aufwallung von Trotz und Trauer, und sieht sie nicht an dabei: Ich weiß nichts als meine Liebe, die reinste und innigste, die ich je zu einem Weibe gehabt habe. Das andere müssen Sie mir sagen. Nun sieht er ihr in die Augen, anklagend und bittend zugleich. Was soll das alles, sagt sein Blick, neben dieser Wahrheit?

Sie erwidert den Blick gerade - mit der ihr eigenen Offenheit. Sie wissen, Goethe, was Ihre Liebe in meinem Leben ist. Ich habe Ihnen einmal - oder auch nicht nur einmal - dabei spielt ein kleines trauriges Lächeln um ihren Mund - gesagt, dass die Welt mir wieder lieb geworden ist durch Sie. Ich hatte mich - trotz Mann und Kindern, fügt sie zögernd hinzu - so los von ihr gemacht. Und nun ist das Leben mir wieder wert und jeder Tag ein Geschenk. Das ist die reine Wahrheit, Goethe.

Auch sie macht eine Bewegung, als wolle sie ihm die Hand hinstrecken, hält sie aber zurück, erkennend, daß dies den Sinn ihres Geständnisses verwirren würde. Aber sie sieht ihn voll an, und was sie sagt, bestätigen ihre dunklen Augen. Ich habe gemeint, weil unsere Liebe, der wunderbare Zusammenklang unserer Naturen, etwas so Einziges ist, mit nichts vergleichbar - ein Wunder, das in die Ordnungen der Welt nicht eingeschlossen sein kann und gleichsam unter seinem eigenen Gesetz steht - ich habe gemeint, dass darin ihr Lebensrecht vor Gott besteht, und daß ich dies unverhoffte Glück annehmen darf.

Ihre Stimme ist immer klangvoller geworden. Er spürt die Wärme, die sie durchströmt; aber was sie vor allem beschwingt, ist das befreiende Aussprechen der Wahrheit.

Die Augen des Mannes, der ihr gegenübersitzt, entflammen sich bei ihren Worten. Der zauberische entrückte Sonntag steht vor ihm, da eben hier, an dieser Stelle, sein Kopf in ihrem Schoß lag und er ihre Lippen seine Wange streifen fühlte. Aber zu wissen, dass dies Geständnis nur ein Vortakt ist, macht die Spannung zwischen Glück und Sorge fast unerträglich. Was habe ich getan? fragt er. In ihren Augen erlischt ein Licht, das sie erhellt hatte. Ach, Goethe, sagt sie traurig, das müssen Sie doch wissen. Sie haben der Welt ein Bild von uns beiden gegeben, das missverstanden werden muss. Was geht, uns die Welt an? fährt er auf. Sie lächelt ein wenig. Die Frage habe ich Ihnen schon einmal beantwortet. Wir sind verschiedener Meinung über die Welt. Aber ich habe noch nicht ausgeredet. Anfangs sagten Sie: wenn ich Sie verletzt habe - - und darauf antworte ich jetzt: Sie haben das innere Gesetz unseres Verhältnisses verletzt. Das meinte ich, als ich sagte, Sie haben der Welt ein falsches Bild gezeigt. Sie haben erst dem ganzen Hof das Schauspiel mit der unerzogenen kleinen Sophie Kalb gegeben - wo Sie Ihrer mutwilligen Laune die Zügel so weitschießen ließen, dass sogar Kalb sich gefragt hat, ob er das zulassen oder hingehen lassen darf. Sie haben es doch immer richtig verstanden, murmelt er und rupft dabei an seinen Manschetten, wenn ich mit den Misels gekittert hab, wie sie's nun einmal: mögen. Und wenn Kalb auf einmal den Tugendwächter gegen mich macht, so geschieht's vielleicht nicht aus reiner Brüderlichkeit.

Er braucht burschikose Ausdrücke, weil ihm ein wenig schuljungenhaft zu Mut ist.

Sie schweigt eine Weile. Er versteht, dass sie den Weg sucht, ihm das Schwierige zu sagen. Und er. fühlt auf einmal selbst: nicht darüber streiten - nicht zulassen, dass sie von dem spricht, was sie verletzt hat. Er weiß es ja.

Als ich mit Ihnen tanzte, sagt er, füllte noch unser Gang durch den Wald meine ganze Seele. Du warst so lieb, Engel - er merkt gar nicht, dass er in das Du fällt - wir waren so innig nah - alles in mir war Seligkeit und Hoffnung. Ich hatte Dir alles gesagt. Ich hab' wie Du von dem Geschenk gesprochen, das wir hinnehmen wollen. Und da hast Du mir die Hände entgegengestreckt. Oder hab' ich geträumt? unterbricht er sich und sieht sie an. In ihre blassen Wangen steigt eine zarte Röte. Ich hätte Dich in meine Arme ziehen mögen da unter den Bäumen. Weißt Du noch? Ist nur schwer genug geworden, es zu lassen. Und dann kam der Tanz. Da durft' ich's tun. Das war das Einzige, was ich fühlte. Dass ich Dich in den Armen hielt. Und dazu die Musik, die einem das Blut aufwühlt ---

Er hat weitergesprochen, als sei's nicht zu ihr, sondern um der Erinnerung willen. Und sie hat ihn nicht unterbrochen. Ich weiß nicht, was ich getan habe oder wie es aussah. Ich hab an gar nichts gedacht. Auch nicht an Dich. Ich hab Dich nur gefühlt. So innig wie nie. Wie das All. Du warst in all meinen Sinnen. Er wendet ihr sein Gesicht voll zu. Mein ganzes Wesen gehörte Dir, sagt er anklagend. Warum hat Dich das so erschreckt?

Hast Du wirklich nicht gespürt, sagt sie leise, aber sehr bestimmt, dass ich das nicht leiden darf? Du gehörtest mir nicht nur, Du nahmst mich. Vor aller Augen. Die hast Du nicht gesehen. Du magst nicht, dass ich von der Welt rede. Mir liegt an der Welt so wenig wie Dir. Aber dass wir einander nicht an-. gehören dürfen im weltlichen Sinne, weißt Du. Ich bin nicht gemacht für Heimlichkeiten. Was ich tue, will ich jedem gegenüber vertreten können. Dem Nächsten wie dem Fernsten. Meinem Mann und meinen Kindern gegenüber wie der Welt. Sie haben mir schon manchmal Anlass gegeben zu Zweifeln, Goethe, ob es für unser reines Verhältnis in unserem gebundenen Leben Platz gibt. Ob es sich so rein erhalten lässt. Ob es nicht zwischen Zagen und Übermaß zerrissen wird. Und dann habe ich immer wieder Glauben und Gewissheit geschöpft: Gott muss etwas damit gewollt haben, dass er uns so aufeinander abgestimmt hat, so geschaffen hat, einander zu verstehen - sie stockt einen Augenblick - so einzig zu lieben. Ich kann nicht glauben, wie meine Mutter vielleicht, dass das nur eine Versuchung und eine Prüfung ist, Ich glaube, dass es Dir und mir so bestimmt ist, dass wir einander das sein sollen, was wir einander sein können. Das ist ein Glaube, der mich ebenso oft selig machen kann wie ängstigen. Bin ich zu kühn? Bin ich zu zaghaft?

In Tiefurt, Goethe, hab ich gefühlt, wie nahe am Abgrund wir wandern. Und dass es, wenn eine Grenze überschritten ist, kein Zurück gibt. Bei Dir nicht, vielleicht auch nicht bei mir. Ich kannte mich selbst nicht bis jetzt. Das sagt sie voll tiefen Ernstes.

Seine Augen hängen gebannt an ihrem ausdrucksvollen zarten Gesicht, in dem durch das Gewölk ihres inneren Kampfes unversehens ein warmer Strahl ihrer Liebe aufleuchtet. Ein paar Mal schon war er aufgefahren, aber ein Blick, eine Geste von ihr hatte ihn zurückgehalten. Sie wollte alles sagen, nun sie den Entschluss dazu gefasst hatte. Er versteht, dass dies das Letzte ist, was ihre Aufrichtigkeit ihn fühlen lassen will. Er kann nicht hindern, dass der Sturm der Seligkeit über ihr Geständnis seine Reue und die eigentliche Meinung ihrer Worte überbraust.

Nun ich Ihnen das gesagt habe, Goethe, werden Sie's nicht falsch verstehen, wenn ich Sie bitte, Ihre Besuche für eine Zeit einzuschränken.

Er fährt jäh auf. Also doch die Welt! ruft er heftig. ja, sagt sie ruhig, wenn auch mit bebender Stimme. Ich bin es Stein schuldig, dass dies Gerede erst wieder zum Schweigen kommt. Stein und mir selbst, fügt sie entschlossen hinzu. Es ist nicht meine Schuld, dass ein solcher Eindruck entstanden ist. Er trifft mich nicht. Und, fügt sie mit einem bittenden Blick hinzu, nach dem, was Sie mir eben gesagt haben, auch Sie nicht. Wenn er sich einprägen sollte, würde das der Wahrheit - unserer Wahrheit - überall .im Wege stehen, die Leute über uns auf die falsche Fährte führen und das rechte Verständnis hindern.

Sie sind sehr klug, sagt er bitter.

Ich glaubte, erwidert sie verletzt, dass Sie verstanden hätten, wie ich um unser Verhältnis kämpfe. Vielleicht schätze ich die zerstörende Macht des Misstrauens und der Verleumdung höher ein als Sie. Aber ich kann mich nicht verblenden, wo es um etwas geht, das mir teurer ist als alles. Wenn Sie das doch nur glauben könnten, ruft sie verzweifelt.

Was nützt es mir, wenn es mich um Deine Gegenwart bringt? Alles hetzt mich - und wenn ich nicht zu Dir flüchten kann - - -

Er springt auf. Ich will Dich nicht länger quälen. Muss mich wohl an die Resignation gewöhnen.

Sie streckt ihm die Hand hin. Er beugt sich formvoll über sie. Leben Sie wohl - - liebste Frau! Mit von Leidenschaft heiserer Stimme. Nein - sie muss ihn jetzt gehen lassen, obwohl sie so gern ihm noch irgend ein Zeichen gegeben hätte. Aber er ist am Ende seiner Selbstbeherrschung.

Und nun steht er auf der Straße. Es ist erst Nachmittag. Der Tag verspricht nichts mehr. Soll er sein Pferd holen und ins Weite reiten? Das wäre auch nur eine Flucht ins Leere. Wieland? Was hat er Tieferes mit ihm zu teilen? Indem seine Gedanken nach irgendeiner Zuflucht suchen, wird er sich bewusst, dass er keine hat. Wenn die eine sich verschließt, wird er mit jeder Bedürftigkeit auf sich selbst zurückgeworfen.

So geht er nachhause. Das Häuschen liegt da von der schon westlich gewanderten Sonne beschienen wie ein Bild. Das Gefühl, es wie ein Wanderer zu entdecken, kommt wieder über ihn. Und heute kommt es ihm vor, als habe er den Schlüssel für das Geheimnis dieser seiner Doppelnatur. Hat nicht Heimat nur der in der Liebe Geborgene? Ist der Mensch nicht Wanderer, solange er diese Geborgenheit nicht hat? Und er erinnert sich, wie oft er sich als Wanderer gefühlt - lange schon. Bis hin zu Wanderers Nachtlied:


Der Du von dem Himmel bist,
Alles Leid und Schmerzen stillest,
Den der doppelt elend ist,
Doppelt mit Erquickung füllest,
Ach ich bin des Treibens müde,
Was soll all der Schmerz und Lust?
Süßer Friede,
Komm, ach komm in meine Brust!

Wie ihn noch einmal die Strophe durchklingt, die im Winter auf dem Gickelhahn in ihm gesungen hatte, ist ihm, als sei er dem Frieden so ferne und seiner so bedürftig wie je. Gibt es irgendwo die doppelte Erquickung dem, der doppelt elend ist? Ist nicht Ungenügen ewig des Menschen Teil? Aus jeder Entzückung, aus jeder Seligkeit sinkt er zurück in die größere Unrast...

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© 
Christoph Gäbler 21.07.2010