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Leseprobe aus "Tochter in Moll"Von Ragnhild SchnellbachNeukirchner Verlagshaus, Seite 55 - 5712. Mai 1993
Liebe Andrea! Ein großes Problem für Vater und mich war, wie wir Oma nachts Hilfestellung geben könnten. Keiner von uns beiden konnte sicher sein, dass er sie hören würde, wenn sie rief. Die Frage, wie wir das Problem lösen könnten, trieb uns eine ganze Weile um. Eine einfache Handglocke könnten wir ihr hinstellen, überlegten wir. Dann müsste Oma, wenn sie im Bett liegt, nur ihren Arm ausstrecken, die Glocke ergreifen und sie hin und her schwenken in der Hoffnung, dass wir das Läuten auch hören. Wie aber sollte Oma die Glocke läuten können, wenn sie zum Beispiel aus dem Bett gefallen war und die Glocke nicht mehr erreichen konnte? Ein zweiter Gedanke wurde mit unserem Elektriker besprochen. Er hatte ein offenes Ohr für unsere Probleme, sprach er doch aus eigener Erfahrung, da seine Mutter lange Zeit bei ihm im oberen Stock gewohnt hatte. Er hatte für seine Mutter von seiner Wohnung eine Leitung nach oben gelegt und am Ende eine Klingel angebracht. Eigentlich war es genau das, was mir auch für uns vorschwebte. Wir überlegten diesen Schritt noch mal in aller Ruhe zu Hause. Aber, so stellte sich heraus, ergäbe sich mit der elektrischen Klingel genau dasselbe Problem wie mit der Glocke. Im Extremfall würde Oma den Klingelknopf auch nicht erreichen können. Außerdem hätten wir eine Leitung durchs ganze Treppenhaus hoch in den oberen Stock in unser Schlafzimmer legen lassen müssen. Dazu hatten wir nach den ganzen Umräumaktionen der vergangenen Wochen keine große Lust mehr. Unser Renovierungswille hatte eine Talsohle erreicht. Irgend jemand brachte uns auf eine glänzende Idee. Ob wir es nicht mit einem Babyphon versuchen wollten? Wir wollten. Für dieses Gerät würden wir keinen Handwerker im Haus brauchen, und die Überwachung wäre perfekt. Frohen Herzens, weil nun "die Lösung aller Lösungen" gefunden worden war, ging ich einkaufen. Der Preis des Geräts machte mich zwar nicht mehr ganz so glücklich, aber die Sicherheit für die Nacht sollte gewährleistet sein; folglich sollte das Gerät auch etwas taugen, und der Preis war deshalb zweitrangig. Zu Hause studierten wir gemeinsam die Betriebsanleitung und fanden alles wunderbar einfach. Oma nahm unsere technische Überwachung für die Nacht mit viel Humor und war gleichzeitig auch erfreut, dass sie sich keine Sorgen um sich selbst machen musste. Wir würden sie ja hören, wenn etwas ist; folglich könnte sie ruhig und unbesorgt schlafen. Die Nacht begann. Wir waren richtig ein bisschen aufgeregt, als wir das Babyphon anstellten. So etwas Schönes hatten wir, als ihr Kinder klein wart, nie gehabt. Wir hatten uns früher auf eure kräftigen Lungen verlassen und wurden diesbezüglich auch nicht enttäuscht. Erwartungsvoll legten wir uns am Abend unter unsere Decken und lauschten. Wir lauschten und sahen uns an. Donnerwetter, das Ding tat wirklich. Und wie es tat. Man hätte meinen können, Oma läge neben uns. Es schnarchte uns aus dem Babyphon entgegen, dass das Bett fast wackelte. Wir sahen uns an, und unsere Mienen wurden düster. Das konnte doch nicht sein. Wie sollten wir denn in dieser Nacht zur Ruhe kommen? Bei dem Lärm konnte doch niemand schlafen. Vater sprang aus seinem schon angewärmten Bett, zog sehr entschlossen den Stecker raus, packte das Babyphon und stöpselte es sehr weit entfernt in der letzten Zimmerecke wieder ein. Nicht, dass diese Tat wesentliche Erleichterung gebracht hätte, aber der Abstand verminderte ein wenig das Gefühl, dass jemand uns direkt ins Ohr schnarchte. Irgendwann muss uns wohl jegliches Geschnarche egal gewesen sein; und wir sind eingeschlafen.
Vater sprang wieder aus dem Bett und zog für die restliche Stunde Schlaf den Stecker endgültig aus der Steckdose. Auf eine Wiederholung einer solch unruhigen Nacht legt keiner von uns beiden Wert. Ich denke, dass ich mich für die kommende Zeit wieder auf mein Ohr verlassen werde. Das Babyphon ruht jedenfalls ab heute morgen stumm und still im Schrank in seiner Schachtel. Herzliche Grüße von Deiner Mutter
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