Gaebler  Info und Genealogie

 

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Lesen 1997

Das Bildnis des Dorian Gray

Von Oscar Wilde

Inhalt

Es ist der Traum eines jeden Menschen, nicht altern zu müssen. Für den jungen, aufstrebenden Dorian Gray geht dieser Traum auf mysteriöse Weise in Erfüllung. Nachdem der Maler Basil Hallward ihn für einen Freund portraitiert hat, geschieht das Unglaubliche: Während das Gesicht auf dem Bild von Tag zu Tag älter wird, scheint Dorian ewig jung zu bleiben. Jahr um Jahr geht ins Land, doch sein Gesicht ist immer noch das eines wunderschönen Jünglings. Sein blendendes Aussehen verschafft ihm Erfolg bei Frauen und Männern, die allesamt fasziniert sind von seiner unvergänglichen jugendlichen Schönheit. Er verkehrt in den besten Gesellschaftskreisen, verbringt Stunden vor dem Spiegel, um sich herauszuputzen, und führt das mondäne Leben eines Dandys.

Doch Dorian hat auch etwas Beunruhigendes. Je länger der Spuk dauert, desto verwunderter fragen sich die Leute, was es mit seiner unvergänglichen Jugend auf sich hat. Der Maler Hallward sucht nach seinem Portrait von einst, und Dorians Geheimnis droht entdeckt zu werden. Doch das kann Dorian nicht zulassen. Was als Traum ewiger Schönheit begonnen hat, wird zum Albtraum...

Rezension aus der Süddeutschen Zeitung

Spiegel der geschundenen Seele

Von Gottfried Knapp

Nein, etwas so Ordinäres wie einen Roman hat Oscar Wilde nie schreiben wollen, doch das Publikum verschlang seine Geschichte über den Fluch der Schönheit wie einen Roman. Ja, wer nur die übers Buch verstreuten Verbrechen zusammenfasst, der kann sich sogar in eine Schauergeschichte versetzt fühlen.
Was das 1890 in einer Zeitschrift veröffentlichte, erst im zweiten Anlauf auf Romanlänge gedehnte epische Gebilde weit ins 20. Jahrhundert hinein hebt, ist die von der Titelfigur vorgelebte Utopie der ewigen Jugend, die von Wilde mit Motiven aus dem Faust-Stoff und romantischen Doppelgänger-Mythen kunstvoll ausstaffiert wurde. Der ästhetisch wie moralisch ideal-schöne Jüngling Dorian Gray wird vom Glanz seines gemalten Ebenbilds und von der zynisch brillanten Suada seines mephistophelischen Mentors zum Pakt mit dem Teufel im eigenen Inneren, zum schranken- und gewissenlosen Ausleben seiner Jugend auf Kosten der Mitwelt und der eigenen Seele verführt: Die schaurigen Folgen des Selbstverwirklichungstrips graben sich in das gemalte Abbild ein; das fleischliche Urbild aber bleibt in so obszöner Weise jugendlich strahlend, dass der Konflikt mit der Realität nicht aufzuhalten ist. Das faulende Bildnis des Dorian Gray wird zum Abbild einer geschundenen Seele, zum Kampfplatz verdrängter Ungeheuerlichkeiten. Selten hat das Unterbewusstsein eine schlüssigere Bildform gefunden.

Wer heute, ein Jahrhundert nach den Bild-Exaltationen des Symbolismus, die literarischen Facetten von Wildes Prosawerk genießen will, tut gut daran, sich auf irritierende Ungleichgewichte einzustellen. Die ausladenden Dialogpartien, die virtuos die Sprechrituale der gehobenen Gesellschaft evozieren, brauchen einen Leser, der bereit ist, sich dem langsamen Fluss der Pointen hinzugeben. Neben diesen Zustandsschilderungen aus Wildes eigener Umgebung nehmen sich die Versuche, proletarisches Milieu zu suggerieren, seltsam unglaubwürdig aus. Wenn man das Kapitel liest, in dem Dorians Ausschweifungen zusammengefasst sind, merkt man, wie tief Oscar Wilde in seiner Zeit und seiner eigenen Person verstrickt war. Sein Held ergeht sich nicht in fleischlichen Orgien, nein, exquisite Textilien und fremde Düfte, Juwelen und exotische Musik sind seine Laster. Das Geschlechtliche spielt keine Rolle; von Fressen und Saufen ist nie die Rede.

Umso drastischer bedrängen die brutalen Mordszenen den Leser. Immer dann, wenn Wilde das Geschehen machtvoll weiterdreht, wird die dramatisch-sinnliche Kraft spürbar, die sich später in der "Salome" entladen wird. In der atemlos kurzen Schlussszene glaubt man gar einem cineastischen Spektakel beizuwohnen: Dorian hackt mit dem Messer auf sein blutendes Ebenbild ein; der Gendarm auf der Straße hört einen grässlichen Schrei; die Diener wappnen sich mit Lichtern und stürmen die Treppe hinauf zur verwünschten Tür ... Da ist mehr Kino drin als in allen Verfilmungen des Stoffs. 

Biographie des Autors

Der Dichter, Dramatiker und Erzähler Oscar Wilde (1854-1900) gehört zu den schillerndsten Schriftstellern der Jahrhundertwende. Schon während seiner Studienzeit in Oxford tat er sich als brillanter Denker und Autor hervor und wurde schnell zum führenden Kopf der ästhetischen Bewegung Englands. Sein Credo, dass Kunst nicht in den Dienst von ideologischen Überzeugungen gestellt werden sollte, sondern aus reinem Selbstzweck existiere, fand großes Echo und beeinflusste viele Schriftsteller der literarischen Moderne nachhaltig. Seine Theaterstücke wie etwa "Ernst sein ist alles" (1895) sind geistreiche Komödien, die auf keine politische Aussage abzielen, sondern eher als Vorläufer des Theaters des Absurden gesehen werden können.

Wilde lebte seit 1879 in London als weit über die Grenzen Großbritanniens hinaus bekannter Exzentriker und geistreicher Dandy. Literarisch war Wilde, der neben dem Roman "Das Bildnis des Dorian Gray" (1891) auch Dramen, Gedichte, Erzählungen, Essays und Kindergeschichten verfasste, äußerst erfolgreich. Doch 1895 kam es zu einem Gerichtsverfahren, in dem ihn der Vater seines Freundes Lord Douglas der Homosexualität bezichtigte. Wilde wurde zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt. Damit war er sowohl finanziell als auch gesellschaftlich ruiniert. Nach seiner Entlassung ließ er sich in Frankreich nieder, wo er 1900 starb.


© 
Christoph Gäbler 21.07.2010