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Der Richter und sein Henker

Von Friedrich Dürrenmatt

Inhalt

Kommissar Bärlach ist alt und krank. Viel Zeit bleibt ihm nicht mehr, um seine Jugendwette mit dem Verbrecher Gastmann zu gewinnen. In ihrer Wette geht es um nichts weniger als das perfekte Verbrechen. Bärlach hatte vor vielen Jahren in der Türkei behauptet, früher oder später würden alle Kriminalfälle geklärt. Gastmann aber war überzeugt vom unlösbaren Mordfall. Vor den Augen des Kommissars stieß er einen unbeteiligten Mann über eine Brücke. Doch die türkische Polizei schenkte Bärlachs Aussagen keinen Glauben, und später schützten internationale Beziehungen Gastmann vor dem Zugriff der Polizei. Bärlach aber gibt nicht auf, und jetzt, am Ende seines Lebens, kommt nach vielen Jahren der Moment der Rache. Ein neuer Mord geschieht, Bärlach kennt den Täter, doch schiebt er den Verdacht auf den unbeteiligten Gastmann. Ein Spiel der Intrigen und menschlichen Abgründe beginnt.

Dürrenmatts Erfolgsroman belebte das Genre der Kriminalgeschichte neu. Getreu seinem Motto, man müsse Kunst "da tun, wo sie niemand vermutet", revolutioniert Dürrenmatt die Gattung des Detektivromans mit seiner packenden Geschichte vom Mörder und dem Kommissar: Hier gibt es keine einfachen Lösungen mehr, und die Grenzen zwischen Opfer und Täter verschwimmen.

Rezension aus der Süddeutschen Zeitung

Erniedrigte Ermittler, düpierte Detektive

Von Georg Klein

Alle populären Genres buhlen recht verlogen um die Gunst ihrer Leser. Die Liebesgeschichte gleicht dabei einem notorischen Heiratsschwindler, der Horrorroman einem gewieften Geisterbahnbetreiber, die Kriminalstory aber ähnelt einem schlauen Jesuiten. Denn wie diese weltgewandten Gottesmänner versucht sie, die überirdische Offenbarung und das Wissen der Aufklärung aus ein und demselben schwarzen Ärmel zu zaubern.

So sind die Helden der Kriminalliteratur hybride Geschöpfe. Einerseits scheinen sie gottgelenkte Schlafwandler zu sein, denen der rechte Hinweis stets im rechten Moment aus heiterem Himmel in den Schoß fällt. Andererseits geben sie vor uns aber auch den braven Handwerker des Erkennens und werkeln erfolgreich mit der Rohrzange der Vernunft. Gerade diese Mixtur aus schicksalhafter Eingebung und logischer Maloche garantiert den Erfolg beim Leser, und damit wir das hanebüchene Doppelspiel glauben, muss Seite für Seite getrickst, getäuscht und geschwindelt werden.

Der 29-jährige Friedrich Dürrenmatt hat dies zweifellos gewusst. Aber der banale Ernst des Lebens, Geldmangel und Existenzangst, sitzt ihm 1950 so im Nacken, dass er sein Glück auf die gängige Karte des Trivialen setzt. Wie es das Genre verlangt, stattet auch er seinen alten Kommissar Bärlach mit beidem aus, mit einem haarsträubend unglaubwürdigen Instinkt für die kommenden Geschehnisse und mit dem Klempnerkasten des kausalen Denkens. Doch weil es dem jungen Schweizer Schriftsteller zugleich ernst ist mit der Kunst, bringt er ergänzend jene Gegengifte zum Einsatz, die die Erfolgsgier und den Erfolg versprechenden Hang zur Lüge, die unvermeidlichen Ingredienzien des Kriminalromans, in einer chemischen Balance halten: die Demütigung des Aufklärers und den Respekt vor den Toten.

Für die Figuren, die sich bei Dürrenmatt der Erkenntnis verschrieben haben, für Kommissar Bärlach, für seinen Vorgesetzten und für seine Untergebenen, hält die Handlung ein wunderbares Repertoire subtiler Erniedrigungen bereit. „Alles, was wir wissen, hilft uns weiter!” meint Bärlachs Assistent Tschanz einmal trotzig; in Wahrheit jedoch ist es eher so, dass jeder Wissenszuwachs, jeder Fortschritt in der Aufklärung des untersuchten Mordes die Wahrscheinlichkeit von erneuter Düpierung und Beschämung in sich birgt.

„Ich liebe die Toten nicht” beteuert der an Magenkrebs leidende Kommissar eingangs gleich zwei Mal. Und allein schon die schwere Operation, die ihm bevorsteht, wäre Grund genug, den Leichen, die der Fall mit sich bringt, nicht allzu nahe zu kommen. Am Ende jedoch wird sich Bärlach, selbst vom Tod gezeichnet, über einen Leichnam neigen und ihm seine Reverenz erweisen. Für den Lesenden wiederholt sich hier etwas. Denn auch am Anfang des Buches steht ein solcher Akt von Totenpflege, anrührend ungeschickt vollzogen von einem Schweizer Dorfpolizisten. So beugt sich der erfolgsgeile Pfeil der Aufklärung, biegt sich, schließt sich zum Kreis. Eine Geste, eine erzählerische Figur nur – aber vielleicht das Beste, Schönste und Wahrste, was eine ambitionierte Kriminalgeschichte gegen die Lüge, die dem Genre zugrunde liegt, ins Feld führen kann.

Biographie des Autors

Friedrich Dürrenmatt (1921-1990) war in der Nachfolge Bertolt Brechts einer der prägenden Dramatiker in der deutschen Literatur nach 1945. Zunächst studierte er Philosophie in Zürich und Bern, bevor er das Schreiben als seine wahre Bestimmung entdeckte. Er brach das Studium ab und widmete sich nach dem Zweiten Weltkrieg ganz der Literatur. Zum ersten Mal trat er 1947 vor die Öffentlichkeit, als das Schauspielhaus Zürich sein Wiedertäuferdrama "Es steht geschrieben" uraufführte. Der internationale Durchbruch gelang ihm neun Jahre später mit dem Theaterstück "Der Besuch der alten Dame", das Elemente des Tragischen, Grotesken und Satirischen verbindet. Ein weiterer großer Publikumserfolg gelang ihm 1962 mit dem Drama "Die Physiker".

Als Erzähler sorgte er mit der Kriminalgeschichte "Der Richter und sein Henker" bereits 1952 für Aufsehen. Auch seine weiteren Romane, wie etwa "Der Verdacht", waren überaus erfolgreich. Auch als Hörspielautor und Theatertheoretiker war Dürrenmatt produktiv. Politisch engagierte sich der Schweizer, der sich selbst als Moralist verstand, 1987 mit der Teilnahme an der von Gorbatschow einberufenen Moskauer Friedenskonferenz.


© 
Christoph Gäbler 16.09.2009