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Lesen 1997

Die schöne Frau Seidenmann

Von Andrzej Szczypiorski

Inhalt

Warschau während der deutschen Okkupation. Die schöne Irma Seidenman, Witwe eines kurz vor Kriegsausbruch verstorbenen Röntgenologen, fühlt sich ganz als Polin. Erst die deutsche Besatzung lässt sie des eigenen Judentums bewusst werden, sie wird an die Gestapo verraten. Doch die Nachricht ihrer Verhaftung lässt ganz verschiedene Personen eine Kette des guten Willens bilden. Vor allem der heimlich in sie verliebte Kunsthändler Pawil Krynski und der Deutsche Johannes Müller, der sich bei seinen SS-Parteigenossen für die unbekannte Frau verbürgt, setzen sich beherzt für sie ein. Aber nicht nur die Tugendhaften haben in diesem in Episodenform erzählten Roman ihre Auftritte. Feige, Egoisten und Denunzianten sind hier genau so zu finden wie Gutmütige und Hilfsbereite. Aus ihren Schicksalen fügt Szczypiorski ein Gesellschaftspanorama zusammen, ein komplexes Beziehungsgeflecht, in dem fast alle in irgendeiner Weise der weiblichen Hauptfigur verbunden sind. Doch endet der Roman nicht in den Vierzigern: Jahre später begegnen sich Frau Seidenman und Pawil Krynski in Paris erneut.

Rezension aus der Süddeutschen Zeitung

Für eine Prise Illusionen

Von Karl-Markus Gauss

Der Roman wirkt einfach gebaut, aber das Einfache stellt sich hier nur ein, weil ein kluger Erzähler, der bereits aus der Erfahrung von mehr als zehn Romanen schreiben konnte, souverän mit einem raffinierten Einfall umzugehen wusste. Die Geschichte scheint eine Botschaft zu haben, die zumal deutschen Lesern wohl tut, aber so einfach, wie sie manche haben wollten, ist es nicht mit ihr. Fast zwanzig Jahre sind vergangen, seit „Die schöne Frau Seidenman” in einem Exilverlag in Paris veröffentlicht wurde, sechzehn, seit der Roman auf dem Umweg über Deutschland in aller Welt zum Bestseller wurde, und vier, seit Szczypiorski, der sich mit ihm als populärer Kongressredner der europäischen Versöhnung profilierte, in Warschau gestorben ist. In dieser Zeit ist die Empörung niedergebrannt, den der Roman in Polen einst hervorrief, und deutschsprachige Leser von heute werden ihn aus anderen Gründen schätzen als jene von 1988.

Warschau im Jahr 1943: Polen ist seit Jahren okkupiert, die Leiden der Zivilbevölkerung sind entsetzlich, der Aufstand im Ghetto wird grausam niedergeschlagen, die Vernichtung der Juden geht in ihre letzte, beschleunigte Phase der „Endlösung”. In diese Szenerie der Gewalt stellt Szczypiorski seine Gestalten, mehr als zwanzig brüchige, widersprüchliche, ganz normale Menschen, die sich allesamt bewähren müssen oder versagen können – oder auf prekäre Weise beides tun. Alle sind sie in die Geschehnisse der Okkupation verstrickt, doch Szczypiorski zeigt sie nicht so, wie sie dem Klischee zufolge sein müssten: Da gibt es auch den Deutschen, der die Polen liebt, die fromm katholischen Polen, die sich als „Gaffer” anstellen, wenn Juden malträtiert werden, und den polnischen Kriminellen, der unter Lebensgefahr eine Jüdin aus dem Ghetto rettet.

Darin könnte man die schale Botschaft vernehmen, dass es eben auch in Zeiten des Krieges Würdige und Unwürdige gibt, dass auf allen Seiten Böse und Gute zu finden sind und, vor allem, viele, die aus bösen und guten Eigenschaften gemischt sind, sodass sich am Ende Täter und Opfer ungebührlich nahe geraten. Der große Erfolg in Deutschland mag ein wenig damit zu tun gehabt haben, dass von der Vernichtung der Juden erzählt wird, aber weder alle Deutschen sich daran beteiligen, noch es die Deutschen alleine sind, die das schändliche Werk vollziehen. Das Skandalon für polnische Leser lag hingegen darin, dass der Autor mutig den polnischen Antisemitismus thematisierte und danach fragte, ob sich nicht auch manche Polen schuldig gemacht hatten: Indem sie den Massenmord an den Juden, ihren Nachbarn seit jeher, ohne Mitgefühl hinnahmen.

Natürlich hat Szczypiorski seinen Roman über das Jahr 1943 mit dem Wissen geschrieben, das er vierzig Jahre später hatte. Aber er hatte den glänzenden Einfall, seinen allwissenden Erzähler nicht nur in die Gedanken und Seelen seiner Gestalten sehen, sondern ihn auch wissen zu lassen, was aus all diesen Figuren in ihrem weiteren Leben noch wurde. Der Roman führt über den historischen Moment, den er präzise fasst, hinaus; er zeigt seine Protagonisten Jahrzehnte später und spiegelt ihr Verhalten in der Stunde der Bewährung und des Verrats darin, wie es ihnen nach der nazistischen Barbarei erging. Dieser Erzähler weiß, wie wenig manchem seine Feigheit einbringen wird, dass sich Lauterkeit oft nicht bezahlt machte und den meisten, die überlebten, nicht viel mehr blieb als „eine Hand voll Leiden und eine Prise Illusionen”.

Biographie des Autors

Als die Hitlertruppen in Polen einfielen, war es die Weltliteratur, die dem jugendlichen Andrzej Szczypiorski (1928-2000) neuen Halt gab. Bei Thomas Mann fand er "die echten Deutschen", deren Sprache er im KZ Sachsenhausen erlernte. Nach dem Krieg studierte Szczypiorski Politik und arbeitete als Journalist. Mitte der Fünfzigerjahre erschien sein erster Erzählband, "Die Väter der Epoche". 1958 ging er für zwei Jahre als polnischer Kulturattaché nach Kopenhagen. Doch nach seiner Rückkehr nach Warschau wurde er immer wieder mit Publikationsverbot belegt. Während seine kritischen Texte im Untergrund zirkulierten, lebte Szczypiorski von Jugendbüchern und Kriminalromanen, die unter Pseudonym erschienen. Mit dem Schlüsselroman "Eine Messe für die Stadt Arras" (1971) machte er international auf sich aufmerksam. Als 1981 in Polen der Kriegszustand verhängt wurde, kam Szczypiorski als Organisator eines unabhängigen Kulturkongresses für mehrere Monate in Lagerhaft. "Die schöne Frau Seidenman" bedeutete 1986 für ihn den endgültigen Durchbruch. Von da an galt Szczypiorski als eine der wichtigsten Stimmen deutsch-polnischer Verständigung. 1991 wurde er bei den ersten freien Wahlen Polens nach dem Krieg mit großer Mehrheit für die "Solidarnosc" zum Senator gewählt. Am 16. Mai 2000 starb er in seiner Heimatstadt Warschau.


© 
Christoph Gäbler 21.07.2010