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WellenVon Eduard von KeyserlingInhaltSchauplatz des Romans "Wellen" (1911) von Eduard von Keyserling ist das Kurland des beginnenden zwanzigsten Jahrhunderts. In der Sommerfrische eines Fischerdorfes treffen verschiedene Adelige aufeinander, zwischen denen sich eine Geschichte voller Begehren und Intrigen, Hoffnung und Verzweiflung entspinnt. Zentrum dieses Kosmos aristokratischen Lebens ist der bürgerliche Maler Hans Grill und seine adelige Frau, Gräfin Doralice. Weil sie sich von einem langweiligen Gesandten getrennt hat, um mit dem lebenslustigen Maler zusammenzuleben, wird sie von den anderen als femme fatale, welche die Regeln der aristokratischen Gesellschaft verletzt hat, mit Missachtung gestraft. Den Mädchen Nini und Lolo aber wird sie zu einem Vorbild an emanzipatorischer Kraft. Doch da verliebt sich Lolos Verlobter, Leutnant Hilmar, in die schillernde Gräfin. Die kleine Welt der Adelsgesellschaft gerät mit einem Mal aus den Fugen, und die Folgen sind dramatisch. Rezension aus der Süddeutschen ZeitungDer letzte Sommer im KurlandVon Stephan Wackwitz
Der baltische Adlige Eduard von Keyserling, geboren 1855 im Kurland, einer Gegend westlich der lettischen Hauptstadt Riga, war – wie bezeichnenderweise zahlreiche fiktionale Helden der „Dekadenzliteratur” – später Nachfahre einer großen und mächtigen Tradition. Die Baltendeutschen bildeten noch vor dem Zweiten Weltkrieg einen wichtigen Teil der Oberschicht vor allem Lettlands und Estlands. Sie waren übrig geblieben aus den Eroberungswellen der mittelalterlichen Ostkolonisation. Ihre beträchtlichen Energien jedoch hatten sie zu Beginn des letzten Jahrhunderts von Politik, Eroberung und Landesausbau schon auf das Gebiet der Kultur verlagert. Keyserlings Onkel Alexander war ein bedeutender Forschungsreisender, dessen Enkel Hermann ein zu seiner Zeit viel gelesener philosophischer Schriftsteller. „Wellen”, ein Spätwerk Eduard von Keyserlings, erschien 1911 bei S. Fischer. 1998 erlebte eine Neuauflage, im „Literarischen Quartett” hymnisch besprochen, einen großen und überraschenden Erfolg. Dass die psychologische Delikatesse des Romans, sein familiärer Humor, die symbolistischen Landschaftsschilderungen, die poetische Stimmung von Verzicht und Resignation zeitgenössische Leser ansprechen, mag zusammenhängen mit der inzwischen fast überwältigenden Stellung Tschechows im Repertoire unserer Theater, mit dem Klassikerstatus der psychologisierenden Gesellschaftsdramen Botho Strauß‘, überhaupt mit einem Interesse für die Differenzierung und Seelenkultur gewöhnlicher bürgerlicher Individuen, wie es in komplizierten modernen Gesellschaften gedeiht. „Hilmar blieb zurück, Lolo hatte sich nach ihm umgeschaut, aber hatte nichts gesagt. Er wartete eine Weile, dann ging er ihnen langsam und sinnend nach. Unten im Wäldchen fand er die Birken voll bunter Papierlaternen, vielfarbig sich wiegende Lichter. Klaus reichte Sandwichs umher, trug eine Bowle auf und füllte die Gläser. Hilmar sah sich im Kreise um, ging gerade auf Doralice zu und setzte sich neben sie. Sein Gesicht hatte dabei einen düsteren, eigensinnigen Ausdruck.” Vielleicht findet sich in der schwebenden Aufmerksamkeit, die Judith Hermann dem poetisch unentschiedenen Innenleben ihrer (wie die Keyserlings nie mit viel Bedeutendem beschäftigten) Figuren schenkt, die einleuchtendste zeitgenössische Parallele für die zaghaften, zugleich tiefen und konsequenzlosen Seelenregungen, Gesellschaftsmanöver, Tragödien und Resignationen jener Adelsgesellschaft, die ihr Vorkriegsleben schwach, flüchtig und poetisch in Keyserlings „Wellen” fristet. In ihrem Leben begibt sich nicht viel. Aber Keyserlings Beschreibung dessen, was sie dabei denken und fühlen, können wir seit 1911 nicht vergessen. Biographie des Autors
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