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Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge

Von Rainer Maria Rilke

Inhalt

"Ich glaube, ich müsste anfangen, etwas zu arbeiten, jetzt, da ich sehen lerne. Ich bin achtundzwanzig, und es ist so gut wie nichts geschehen", schreibt Malte Laurids Brigge in sein Tagebuch. Das bleibt nicht lange so. Der letzte Spross eines aussterbenden dänischen Adelsgeschlechts verliert nach dem Tod seiner Eltern alles: seinen Besitz, seine Heimat. Er versucht, sich als Dichter im Paris der Jahrhundertwende durchzuschlagen. Mit wachem Blick zeichnet er das Bild einer pulsierenden Metropole, die zum Zentrum der modernen Welt wird. In seinen atemlosen Tagebucheinträgen berichtet er von den ewig hell erleuchteten Restaurants, den gesichtslosen Passanten und dem rasenden Verkehr, von den Bettlern und den Kranken. Bald droht der übergenaue Beobachter im besinnungslosen Strudel der Großstadt unterzugehen. Doch da entdeckt er eine zweite, innere Welt: Durch die kalten Gassen von Paris trägt er das Kind in sich, die Erinnerungen an seine Jugend auf dem dänischen Landsitz der Familie. Die "Scheinwerfer des Herzens" richten sich nach innen, und seine Spaziergänge durch Paris werden zu Gedankengängen durch die Welt seiner Gefühle.

Rilkes existenzialistischer, lyrischer Roman ist der Beginn der literarischen Moderne in der deutschsprachigen Literatur. In seinem fragmentarischen Stil spiegelt er die Zerrissenheit der modernen Welt. Er ist ein intimes Tagebuch von schonungsloser Offenheit, ein literarisches Puzzle, welches sich vor den Augen des Lesers zu einem Bild tiefer Ehrlichkeit und Schönheit zusammenfügt.

Rezension aus der Süddeutschen Zeitung

Das Leben, das flüchtige Wild

Von Martin Mosebach

Einen wundersamen Anfang nimmt die Kunst der literarischen Avantgarde des 20. Jahrhunderts. Ihre Protagonisten entstammen alten, bis zur Lebensunfähigkeit verfeinerten Familien, denen mit dem Vermögen auch das Blut ausgeronnen ist. Nun liegen die bleichen Helden im Bett, meist nicht mehr in standesgemäßen Quartieren, und lauschen erschöpft auf den Lärm der Großstadt, der über das Schicksal der vom technischen Fortschritt Vernichteten hinwegdonnert.

In dem 1910 veröffentlichten Roman „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“, der mit allen Traditionen des Erzählens brach, träumte sich Rainer Maria Rilke in die Gestalt eines jungen dänischen Edelmannes hinein, der nach dem Bankrott seines Hauses versucht, in einer Pariser Dachkammer als Dichter zu leben. Statt einer Handlung zu folgen, wird der Leser in die Welt der Erinnerungen, Wahrnehmungen und Reflexionen des einsamen Künstlers gelockt. Bilder aus einer erlesen vornehmen Kindheit voll geheimer Bedrohungen und gefährlicher Vorzeichen, grausige Eindrücke aus der Sphäre der Armen und Kranken in den Gossen des Stadtmolochs und eine Prozession mittelalterlicher Monstren und großer Liebender wie von einem halbzerfetzten flämischen Wandteppich schlingen sich ineinander. Die Persönlichkeit des Malte Laurids Brigge ist eine Projektionsfläche, die aus Vergangenheit und Gegenwart zugleich angestrahlt wird und so fließend im „Nicht mehr“ und im „Noch nicht“ verharrt wie Rilkes Sprache, der es auch in der Prosa gelingt, das singende Klagen der Enjambements, das für seine Gedichte so bezeichnend ist, in anderer Weise zu bewahren.

Es ist diese Sprache, die den eigentümlichen Charakter der „Aufzeichnungen“ ausmacht. Unter dem zwiefachen Ansturm der Außen- und der Innenwelt versucht sich der erfundene Dichter, hinter dem die Gestalt des Autors immer wieder sichtbar wird, seiner Überwältigung mit ungewohnten sprachlichen Fügungen zu erwehren. Im Gemäuer eines Abbruchhauses „standen die Mittage und die Krankheiten und das Ausgeatmete und der jahrealte Rauch und der Schweiß, der unter den Schultern ausbricht und die Kleider schwer macht und das Fade aus den Munden und der Fuselgeruch gärender Füße ... Der süße lange Geruch von vernachlässigten Säuglingen war da und der Angstgeruch der Kinder, die in die Schule gehen, und das Schwüle aus den Betten mannbarer Knaben.“

Er feiert die Farben der Verwesung: „Blau (verwandelt sich) in schimmliches Grün, Grün in Grau und Gelb in altes, abgestandenes Weiß, das fault.“ Das ist die Farbpalette des Jugendstils wie sie auf Gemälden, auf Stoffen und Tapeten Verwendung fand. Rilke ist trotz sehnsüchtig somnambuler Blicke in die Historie eingegangen. Zur gleichen Zeit wie Marcel Proust ist er auf der Jagd nach dem flüchtigen Wild Realität, das sich nur im Dämmer auf den Lichtungen der Erinnerung in glücklichen Augenblicken beobachten lässt.

Biographie des Autors

Der in Prag geborene Rainer Maria Rilke (1875-1926), der bereits als Schüler erste Gedichte veröffentlichte, war früh davon überzeugt, dass das Schreiben seine wahre Berufung sei. Als Dichter war er ein Heimatloser. Unzählige Reisen führten ihn durch ganz Europa, er schrieb und arbeitete in Spanien, Skandinavien, Österreich, Italien, Frankreich und der Schweiz, aber auch in Tunesien und Ägypten. In den 1890ern reiste er mit Lou Andreas-Salomé, die zuvor von dem Philosophen Friedrich Nietzsche vergeblich umworben worden und für kurze Zeit seine Geliebte war, mehrmals nach Russland. Diese Reisen inspirierten Rilke zu seinem 1899 begonnenen Gedichtband "Das Stundenbuch" (1905), das er als Beginn seiner ernsthaften poetischen Karriere begriff. Wenig später ließ er sich in der Künstlerkolonie Worpswede nieder und heiratete die junge Künstlerin Clara Westhoff. 1902 schließlich ging Rilke nach Paris, um ein Buch über den Bildhauer Auguste Rodin zu schreiben. Dort entstand auch das Romanfragment "Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge" (1910). Die hohen literarischen Ansprüche dieses erzählerischen Meisterwerks führten zu einer langjährigen Schreibhemmung. Erst 1923 erreichte sein dichterisches Schaffen mit den "Duineser Elegien" und den "Sonetten an Orpheus" einen späten Höhepunkt. Rilke starb 1926 in einem Sanatorium in der Schweiz.


© 
Christoph Gäbler 16.09.2009