Gaebler  Info und Genealogie

 

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44 Oscar Wilde
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49  Marguerite Duras
Lesen 2007-1
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Lesen 2001-2
Lesen 2001-1
Lesen 2000
Lesen 1997

Der Mann, der den Zügen nachsah

Von Georges Simenon

Inhalt

Von einem Tag auf den anderen ist nichts mehr so, wie es war. Kees Popinga, der brave holländische Familienvater und Prokurist, verliert seinen Job. Seine Firma geht Pleite, der bewunderte Chef verschwindet mit der Firmenkasse. Für Popinga ist das nicht nur eine persönliche Enttäuschung, sondern auch eine finanzielle Katastrophe, da er an der Reederei beteiligt ist. Dazu kommt, dass die Umstände es nahelegen, er sei an dubiosen Machenschaften der Firma beteiligt. Popinga fasst einen Entschluss: Er nimmt den nächsten Zug nach Amsterdam und taucht ein in ein neues Leben. Wenn schon alles zusammenbricht, dann möchte er wenigstens einmal richtig frei sein, leben und lieben, wie es ihm gefällt. Für seinen Traum vom neuen Leben geht Popinga sogar über Leichen, und schon bald ist er auf der Flucht.

Rezension aus der Süddeutschen Zeitung

Das nackte Monster

Von Alex Rühle

Georges Simenon sagte oft, Antrieb für sein Schreiben sei die Angst davor, als raté, als Versager und Clochard an den Rändern der Gesellschaft zu stranden. Wie groß diese Furcht war, lässt sich schon daraus ersehen, wie häufig solche verkrachten Existenzen durch seine Romane geistern. Er selbst führte seine manische Schaffenskraft auf diese dunkle Angst zurück. Geradezu eruptiv entstanden seine Bücher, sechs bis elf Tage schrieb er daran im Zustand der „Gnade”, einem Zustand, in dem er scheinbar in die Haut eines Anderen zu schlüpfen vermochte: „Ich neutralisiere mich, vergesse mein eigenes Ich”, schreibt er 1938 an Gide, im Jahr, da „Der Mann, der den Zügen nachsah”, entstand.

Ist Kees Popinga ein Gescheiterter? Oder ist er ein mutiger Mensch, weil er aus den Zwängen eines bürgerlichen Lebens ausbricht, um radikal seine Lust zu leben? So wurde der Roman oft gedeutet. Aber das ist deshalb falsch, weil es zu eindeutig ist: In dem Versuch, seinem bisherigen Leben zu entfliehen, wird Popinga zum gehetzten Outlaw, der nach und nach alles verliert, wirklich alles, bis er splitternackt gefangen genommen und in die Psychiatrie gesperrt wird. „Der Mann, der den Zügen nachsah” ist deshalb so unheimlich, weil Simenon in der Schwebe lässt, inwieweit Popinga nur scheitert oder in diesem Scheitern doch auch eine Art von Freiheit gewinnt; und inwieweit er in dem Bestreben, die festgezurrten Verhältnisse in seinem Leben zu verrücken, tatsächlich verrückt wird.

Popinga ist ein unauffälliger Biedermann: Eigenheim im holländischen Hafenstädtchen Groningen, Frau und Kinder, ein Job in der alteingesessenen Firma „Coster und Sohn”. Eines Abends aber eröffnet ihm sein betrunkener Chef, die Firma sei pleite, er, Coster, werde sich noch diese Nacht absetzen. Für den korrekten Buchhalter Popinga müsste eine Welt zusammenbrechen. Zu seinem eigenen Erstaunen aber wird er ganz ruhig und erkennt, als er die Bilanzfälschungen seines Chefs durchschaut, wie sehr sein bisheriges Leben von einem Bluff bestimmt wurde, von dem Bestreben zu gefallen, irgendwelchen Konventionen zu gehorchen. Er verlässt Groningen, um die Geliebte des Chefs zu erobern – und bringt sie (versehentlich?) um.

Ähnlich wie sein Autor einige Jahre zuvor, nimmt Popinga den Nachtzug von Amsterdam nach Paris. Anders aber als Simenon, der dort als rasender Reporter und Romanmaschine zum „Phänomen” aufstieg, wird Popinga zum „Monster” und obdachlosen Gejagten. Kommissar Lucas ist ihm auf den Fersen, die Zeitungen berichten gierig vom „Ungeheuer aus Amsterdam”, das irgendwo im Bauch von Paris sein Unwesen treibe. Popinga, der aufgebrochen war, um keinerlei Vorstellungen mehr genügen zu müssen, versucht nun verzweifelt in Leserbriefen, das Image, das die Zeitungen von ihm entwerfen, zu korrigieren. Zwar zeichnet er dabei ein scharfsichtiges Bild seiner selbst, zugleich aber steigert er sich in grotesken Größenwahn hinein.

Am Ende sitzt er in der Irrenanstalt, spielt ab und zu eine Partie Schach gegen seinen Psychiater und bittet diesen um ein Heft: Er, Popinga, wolle sein Leben aufschreiben. Nach einigen Wochen schaut der Psychiater, was aus den Aufzeichnungen wurde. Das Heft enthält nur sieben Wörter: „Die Wahrheit über den Fall Kees Popinga”.

Biographie des Autors

Der Belgier Georges Simenon (1903-1989) war einer der bekanntesten und produktivsten Autoren von Kriminalgeschichten im zwanzigsten Jahrhundert. Er wurde am 13. Februar 1903 in Lüttich geboren, doch weil sein Geburtstag auf einen Freitag den 13. fiel, änderte seine abergläubische Tante das Datum in den 12. Februar um. Da sein Vater früh starb, musste Simenon mit sechzehn Jahren die Ausbildung abbrechen, um als Bäcker, Buchhändler und Journalist zum Lebensunterhalt der Familie beizutragen. Mit siebzehn veröffentlichte er bereits seinen ersten Roman. Anschließend verkehrte er in einer Künstlergruppe, die über Philosophie debattierte und mit Drogen experimentierte. 1922 zog Simenon nach Paris, wo er unter rund zwanzig Pseudonymen unaufhörlich Romane veröffentlichte. In den folgenden elf Jahren produzierte er rund 200 Werke. Nach dem Zweiten Weltkrieg zog er nach Kanada und von dort in die USA. 1948 veröffentlichte er mit "Pedigree" einen naturalistischen Roman, der als Vermächtnis an seinen Sohn gedacht war, da ihm ein Arzt nach der Missinterpretation eines Röntgenbildes vorausgesagt hatte, dass er nur noch zwei Jahre zu leben habe. Stattdessen hatte Simenon noch 41 Jahre vor sich, in denen er weiterhin produktiv war. Insgesamt schuf er über 400 Bücher, darunter allein 84 Detektivromane mit Inspektor Maigret in der Hauptrolle. Seine Bücher wurden in mehr als 50 Sprachen übersetzt und mehrfach verfilmt.


© 
Christoph Gäbler 16.09.2009