Der Roman "Der fremde Tibeter" von Eliot Pattison ist ein Krimi; der Leser wird in die tibetische Kultur und Geschichte eingeführt, es geht um Menschlichkeit und Brutalität, um Traditionen und Gerechtigkeit. Der Schauplatz Tibet wird faszinierend dargestellt und dem Autor gelingt es, den Leidensweg der tibetischen Bevölkerung anschaulich zu beschreiben.
Das Buch "Ein französisches Leben" von Jean-Paul Dubois beschreibt sein Leben von seinen gesellschaftlichen Idealen der 68er bis zur Bürgerlichkeit, vom Zeitalter Charles des Gaulle bis Jacques Chirac. Die wohltuend unsentimentale Lektüre hat mich beeindruckt.
Der Roman "Nachtzug nach Lissabon" von Pascal Mercier (Peter Bieri) ist ein vielstimmiges Epos von einer Reise nicht nur durch Europa, sondern auch durch unser Denken und Fühlen. Ein Buch, dessen sinnliche Dichte mich genauso beeindruckt hat wie seine gedankliche Tiefe.
Paul Lendvai hat in dem Buch "Die Ungarn" die mehr als tausendjährige Geschichte Ungarns, die von Siegen und Niederlagen, von Eroberungen und Besetzungen. gekennzeichnet ist überzeugend auf unterhaltsame Weise ein einfühlsames Porträt des Magyarenstaates mit seiner einzigartigen Sprache und Geschichte dargestellt.
Das Buch "Schuld und Sühner" von Fjodor Michailowitsch Dostojewski habe ich trotz seiner Länge (700 Seiten) dank der guten Sprache und Gedankenführung ermüdungsfrei gelesen. Mich beeindruckten besonders die Gespräche zwischen Profiri und Raskolnikow, zwischen Jäger und Gejagten sowie die vielen eindrucksvollen Handlungsstränge, die ein gutes Bild der damaligen russischen Gesellschaft wiedergeben.
Leseprobe aus "Hier, wo wir uns begegnen" von John Berger
Es wird Nacht. Irgend etwas hat sie aufgehalten. Ich könnte Mirek auf seinem Mobiltelefon anrufen, aber ich lasse es. Lieber warte ich, so wie auch das Haus ohne Türschwelle wartet. Ich gehe in den Raum mit der Schaukel und dem Sessel.
Mit einem kleinen Psst! verlöscht hinten in der Ecke die Leselampe. Wahrscheinlich ist es die Glühbirne, die ich leider nicht ersetzen kann. Auf dem Tisch liegt ein Stapel vergilbter Zeitungen, einige noch aus den Siebzigern, ein Handkompass, den Mirek vielleicht während seiner Ausbildung zum Forstingenieur benutzt hat, und eine Kaffeebüchse voller Nägel. Der Tisch hat eine Schublade, die ich in der dummen Hoffnung öffne, vielleicht doch eine Glühbirne zu finden, die ich ausprobieren könnte. Aber darin sind nur Bücher, polnische Romane. Unter ihnen steckt am Boden der Schublade ein dünnes Pamphlet mit dem Photo einer Frau auf dem Umschlag. Natürlich erkenne ich sie gleich wieder, ihre Augen haben einen Ausdruck, als könnten sie durch eine opake Wand hindurch erkennen, was dahinter liegt — einen Ausdruck von überraschtem Schmerz und hartnäckiger Entschlossenheit. Ich sehe das kleine Hinken in ihrem Gang, ich höre ihre Stimme, die Polnisch, Deutsch und Russisch sprach, die Stimme einer Achtzehnjährigen, die aus Warschau floh, weil sie von der zaristischen Polizei verhaftet werden sollte, ihre junge Stimme, die sie nie verlor, sogar als ihre Worte wie die einer verehrten Prophetin klangen. Rosa Luxemburg. Mit sechzehn habe ich sie zum ersten Mal kennengelernt, mehr als zwanzig Jahre nach ihrem Tod. Sie stammt aus der Nähe von Zamość, wohin Bogena immer fährt, um mit den Behörden vergeblich über die Pension ihres Vaters zu streiten.´
Wer weiß, wie ihr Pamphlet über Zentralismus und Demokratie nur hier gelandet ist? Und was alles noch unwahrscheinlicher macht: es ist auf Französisch geschrieben. Doch sie, ihre Schriften und ihre Imagination waren das Versteck und das Inkognito der Reise gewöhnt. Sie erwarteten geradezu, in entlegenen Schubladen zu verschwinden.
Der letzte Abschnitt ihrer 1904 verfassten Abhandlung enthält folgende Argumentation: Zum ersten Mal in der Geschichte hat die Arbeiterbewegung in Russland die Chance, zu einem wirklichen Instrument des öffentlichen Willens zu werden. Doch sieh da! Ihr Ego hat die russischen Revolutionäre um den Verstand gebracht, und schon wieder reden sie von einer allmächtigen historischen Führungsrolle, die Seiner Hoheit, dem Zentralkomitee, zukommt. Sie stellen die Dinge auf den Kopf und merken gar nicht, daß heute das einzige legitime Subjekt jeder revolutionären Führung nur das Ego der Arbeiterklasse sein kann, die für sich das Recht erstrebt, ihre eigenen Fehler zu machen und selbst die Dialektik der Geschichte zu erlernen. Sagen wir es klar und deutlich. Die Fehler, die von einer revolutionären Arbeiterbewegung gemacht werden, sind historisch unendlich wertvoller und fruchtbarer als die Unfehlbarkeit eines jeden sogenannten Zentralkomitees!
Draußen ist es nun vollkommen finster, und ich höre in der Ferne das Geplapper der Nachtschwalbe. Rosa sitzt auf der Schaukel, trägt hohe schwarze Schnürstiefel aus feinem Leder, vielleicht Ziege, mit hohem, gar nicht flachem Absatz - manche der deutschen Genossen nahmen an der Wahl ihres Schuhwerks Anstoß - und lässt die Schaukel mit der Regelmäßigkeit eines Uhrpendels die kleinstmögliche Distanz von zwanzig Zentimeter vor und zurück schwingen, vor und zurück, nie mehr.
Immer wieder an die Umstände ihres Todes erinnern. Gemeinsam mit Karl Liebknecht gründete sie in den letzten Dezembertagen 1918 die Kommunistische Partei Deutschlands. Zwei Wochen später wurden beide in Berlin verhaftet und ins Hotel Eden gebracht, wo Freikorpsoffiziere sie verhörten, zusammenschlugen und in ein Fahrzeug verfrachteten, das sie angeblich in das Gefängnis Moabit überführen sollte. In Wahrheit wurden sie in den Tiergarten gebracht und dort ermordet. Ihr schlug man den Kopf ein und warf sie in den Landwehrkanal.
Ich sehe die Schaukel und die Fülle ihres dicken Haars.
Vom Tiergarten ist es nicht weit zum Botanischen Garten. Sieben Monate vor ihrem Tod hatte Rosa aus einer Gefängniszelle in Wroclaw an Sophie Liebknecht geschrieben:
Sonitschka, Ihr Brieflein hat mich so erfreut, daß ich es gleich beantworten will. Sehen Sie, wie viel Genuss und Begeisterung Ihnen ein Besuch im Botanischen Garten verschafft! Warum gönnen Sie sich das nicht öfters?! Und auch ich habe etwas davon, wenn Sie mir Ihre Eindrücke gleich so warm und farbenreich schildern, ich versichere Sie! Ja, ich kenne die wunderbaren rubinroten Kätzchen der blühenden Fichte. Diese roten Kätzchen sind weibliche Blüten, aus denen dann die großen, schweren Zapfen werden, die sich umdrehen und nach unten hängen; daneben gibt es unscheinbare, fahlgelbe männliche Kätzchen der Fichte, die den goldigen Staub verbreiten ... Hier kann ich leider nur von weitem aus meinem Fenster das Grünen der Bäume beobachten, deren Spitzen ich über die Mauer sehe; ich suche meist nach dem Habitus und dem Farbenton die Baumarten zu erraten und, wie es scheint, meist richtig.
Die Schaukel steht nun vollkommen still, und der aus Latten gefugte Sitz hängt in einem Winkel über dem Boden, als hätte er sich nie bewegt und als hätte nie jemand je auf ihm gesessen.
Morgen werde ich hinter dem Haus die Klematis zeichnen, die an einem Birnbaum hochrankt. Die Birnen werden, wenn sie reif sind, leicht rötlich, schmecken entfernt nach Wacholderbeeren, und ihre Schale duftet nach Schiefer im Regen.
Rosa liebte Vögel - vor allem die Stare, die in der Stadt in Schwärmen auf Straßen und Dächern herumflattern. Sie war selbst solch ein kleiner Vogel, ein Hänfling. Ein Name, der Zärtlichkeit und Entschlossenheit in sich trägt. Die Klematis fiel mir auf, als ich vor ein paar Stunden eine feuchte Daunendecke auf die Trockenleine hängte. Die Blüten sind außergewöhnlich groß, und ihr Blau geht fast in Schwarz über, mit einem Hauch Purpur. Für die Zeichnung werde ich schwarze Tinte, Spucke und Salz brauchen, das das Rot der Tinte hervortreten lässt. Wenn die Zeichnung gelingt, schiebe ich sie zwischen die Seiten des Pamphlets, das ich eben in die Schublade mit den Romanen zurückgelegt habe.
Das Buch "Return to Laughter" von Eleonor Bowen, ein ethnologischer Roman, entführte mich zu den Tivs nach Afrika, die 1952 von unserer Zivilisation noch ziemlich unbeleckt waren. The Tiv are an ethno-linguistic group or ethnic nation in West Africa.
The Tiv constitute approximately 2.5 percent of Nigeria's total population, and number upward of 2.2 million individuals throughout Nigeria and Cameroon.
Die Ethnien in Nigeria 1979 finden Sie im Bild links.
Jostein Gaarder hat mit der Tragikomödie "Der Geschichtenverkäufer" einen Mann beschrieben, der mit Geschichten handelt und nicht ahnt, dass sie gefährlicher werden können als das Leben.
In dem Buch "Planet Germany. Eine Expedition in die Heimat des Hawaii-Toasts" nimmt der Amerikaner Eric T. Hansen rund ein Dutzend typische deutsche Eigenschaften unter die Lupe und macht eine erstaunliche Entdeckung: Die Deutschen sind ganz anders, als sie die Welt gerne glauben machen möchten. Auch ich bin überrascht.
Schwerer Stein oder Süßkartoffel Von Hanna Ahens Breklumer Verlag,1980 Leseprobe Seite 62-65, 72/73 und 75
"Leben in einem anderen Kulturkreis.
Besucher sagen: »Papua Neuguinea ist paradiesisch schön, exotisch und faszinierend.«
Es ist anders, wenn man viele Jahre dort lebt. An die Schönheit und Ursprünglichkeit gewöhnt man sich. An Menschen, die anders leben, fühle'n und denken, die sich über anderes freuen und lachen, nie ganz. Oft empfindet man es als anstrengend, ständig den Werten einer anderen Kultur ausgesetzt zu sein. Und das gilt für alle Europäer, ob sie nun als Ärzte, Mechaniker, Geschäftsleute, Anthropologen oder Linguisten arbeiten.
Immer ist man gefragt: Wer bin ich denn selbst? Was halte ich selbst für wichtig? Was glaube ich selbst? Die eigenen Werte müssen überprüft werden. Sind zwischenmenschliche Beziehungen nicht wichtiger als objektive Ergebnisse und messbare Erfolge? Wie wichtig ist Karriere oder dass man selbst zum Ziel kommt? Was bedeuten Besitz und Geld? Wie sehe ich selbst den Zusammenhang von Schuld und Krankheit? Wie ist mein Verhältnis zur Zeit und damit letztlich zum Tod?
Die Notwendigkeit, sich zurückzuziehen.
Lebt man als europäische Familie auf einer Außenstation, so ist man immer von Neuguineern umgeben. Man lebt ja mit den Menschen, kein anderer Weg ist denkbar. Und diese enge Gemeinschaft ist ja das, was der Missionar anstrebt. Aber manchmal ist es nötig, sich zurückzuziehen und allein zu sein mit seiner Familie und auch mit seiner eigenen Kultur: mit Musik und Büchern und Hobbies. Auch allein zu sein vor Gott. Ohne Gebet ermüdet man schnell. Es ist nötig, mit anderen europäischen Freunden zusammenzusein, solchen, mit denen man sich ohne viele Worte versteht. Es hilft, einmal an einem anderen Ort zu sein und so Abstand zu gewinnen. Nach einer Weile hat man sich so erholt, dass man nichts lieber möchte, als zurück in seine Gemeinde. Man geht mit frischen Kräften an den Alltag. Denn auf der Station selbst ist es kaum möglich, sich »abzuschirmen« oder abzuschalten.
In europäischen Ländern ist man in anderer Weise vor seinen Mitmenschen »geschützt«: Die Häuser haben dicke Wände. Die Fenster sind geschlossen. Man kann die Türklingel abstellen. Menschen kommen oft nur indirekt durch Telefon, Radio und Fernsehen an einen heran. Man hat sein Wochenende und den Feierabend oder geht auf Reisen und ist so unerreichbar. Man kann leichter privat sein. In Papua Neuginea lebt man in der Großfamilie, weder Kinder noch Alte, noch Behinderte werden allein gelassen. Man weiß, was der andere tut, oder wo er sich aufhält. Wenn wir durch das Dorf gingen, wurden wir gefragt: »Wohin geht ihr?« Zuerst empfanden wir diese Frage als ein Eindringen in unsere Privatsphäre, gaben aber Auskunft. Später sagten wir es immer von uns aus. Es war so üblich und diese gegenseitige Kontrolle hatte auch eine Schutzfunktion.
Zuhausesein und Fremdbleiben.
Nach einer gewissen Zeit fühlt man sich in dieser fremden Welt schon ganz zuhause. Man spricht die Sprache, man versteht und wird verstanden. Man kennt viele Menschen und hat Freunde gefunden. An Klima und Lebensweise hat man sich gewöhnt. Man liebt den neuen Lebensstil und sieht, welche Vorteile das einfache Leben hat. Aber dann entdeckt man plötzlich an Kleinigkeiten, dass man ein Fremder ist und es auch bleibt. Ich stelle vielleicht fest, dass ich über etwas, worüber diese Menschen lachen, nicht lachen kann. Ich kann es nicht komisch finden, wenn einer hinfällt. Das wäre Schadenfreude. Oder: ich kann nicht zusehen, in welcher Weise Kinder mit Vögeln und Käfern spielen und sie quälen. Ich verstehe nicht, weshalb die schwerkranke Frau nicht ins Krankenhaus gebracht wird. Sie sagen: »Sie ist nur eine Frau«.
Für mich sind Werte, wie: Aufrichtigkeit, Zuverlässigkeit, Ehrlichkeit, Ordnung, Sauberkeit und Pünktlichkeit unaufgebbar. Für Menschen in Papua Neuguinea können sie zweitrangig sein. Vielleicht kann ich noch denken, wie sie denken. Aber: kann ich fühlen, wie sie fühlen? Ich bleibe ein Fremder auch nach vielen Jahren. Fremd bleibe ich auch, wenn ich später wieder nachhause komme, weil ich das eigene Land nun mit anderen Augen sehe. Sicher, ich werde mich anpassen, anders geht es nicht. Aber mir sind andere Dinge wichtiger als früher. Und wenn ich von Papua-Neuguinea erzähle, werde ich missverstanden. Man hat Mitleid mit den primitiven Analphabeten und ihrem schlichten Glauben. Das verletzt mich, weil ich ein Teil von ihnen geworden bin. Es heißt manchmal: »Sie gehen ja sicher dorthin zurück. Dann alles Gute!« Wo bin ich zuhause? Heimathaben und Fremdsein sind keine geographischen Begriffe mehr. Vielleicht haben Missionare es etwas leichter, zu verstehen, dass ihre Heimat im Himmel ist und dass sie in ihrem Fremdsein Anteil haben am Weg Jesu.
Erfahrungen mit mir selbst.
Bei meiner Arbeit mit melanesischen Christen mache ich immer wieder Erfahrungen mit mir selbst. Ich entdecke, dass ich gar nicht so bin, wie ich es von mir glaubte und wie andere sich eine Missionarin vorstellen, nämlich: geduldig und freundlich, bereit zu verzeihen und Schwierigkeiten auf sich zu nehmen. Die Enttäuschung in bezug auf die eigene Person ist schwerer zu ertragen als die Enttäuschung durch andere. So versuche ich, diese Enttäuschung von mir weg auf andere zu schieben. Der andere ist an meinem Verhalten und meinen Gefühlen schuld. Er ist eben so anders, dass ich mit ihm nicht zurechtkomme. So denke ich, bis Gottes Wort mir diesen Fluchtweg versperrt und mich umkehren läßt. Seine Güte bringt mich zur Umkehr und läßt mich um Vergebung bitten. Und weil Gott mir einen neuen Anfang schenkt, kann ich zu dem anderen sagen: »Es tut mir leid! Ich habe dir Unrecht getan.«
Eigentlich möchte ich nicht böse, ungeduldig, taktlos, feige, egoistisch, träge oder ängstlich sein. Und dann entdecke ich all diese Eigenschaften an mir selber und bin mehr als je auf Vergebung angewiesen...
Nach fünf Jahren wieder in Bongu.
... Die Hitze liegt schwer und feucht auf uns, gegen Abend wird es kühler. Der Lebensrhythmus an der Küste ist langsam. Nichts eilt. Man wartet. Alle Bewegungen sind langsamer. Es ist unglaublich, wieviel man trinkt. Wie kühl die Kokosnussmilch ist! Man könnte lange nur davon leben. Man hat kaum Appetit.
Vom Stationshügel aus hört man die Brandung des Pazifik. Unten am Strand: der vulkanische Sand, grauschwarz und fein. Die alten Bäume liegen halb im Wasser. Teile sind abgestorben und weißgewaschen vom Salzwasser. Die wachsüberzogenen, tiefgrünen Blätter hängen fast ins Wasser. Die Zeit scheint stillzustehen. So hat dies alles schon vor tausend und mehr fahren ausgesehen und so wird es bleiben. Ich hatte vergessen, wie sich der Sand unter den Füßen anfühlt: fein und heiß. So heiß, dass man weiter unten am Wasser geht, wo man ein kleines Stück einsinkt, dann wird er fest. Die Sandflöhe sind da und im Wasser die Wasserflöhe. Abends juckt der ganze Rücken. Auf dem Weg zurück zur Station, kommen wir wieder an die Stelle, wo der Weg quer zum Hügel verläuft und die Hitze sich zwischen dem Abhang auf der einen und dem Kunaigras auf der anderen Seite staut. Vor dem Dunkelwerden dann wieder das Kreischen, Schreien und Rufen der Vögel. Ihre Laute sind so hart wie das Gras und die Blätter. Sie durchschneiden die Luft, die stillsteht. Dann setzen die Grillen ein, schrill und gleichförmig bis zum Morgen, wenn es hell wird. Bevor es ganz dunkel ist, zünden wir die Petroleum-Lampe an. Ihr zischendes Geräusch und der Geruch des Petroleums füllen den Raum. Fliegende Ameisen und kleine Insekten kommen durch die Fliegendrahtfenster hindurch, an denen die fast durchsichtigen Eidechsen sitzen. Man sieht, wenn sie Eier im Bauch haben. Sie sitzen da unbeweglich - bei einigen sind die Schwänze abgebrochen - und lauern auf Insekten, die durch das Licht angelockt werden. Es ist ganz still...
Am letzten Tag gingen wir noch am Strand entlang. Wir badeten; die Wellen überrollten uns und schoben uns immer weiter auf den Strand hinauf. Wir gruben Löcher, die gleich wieder zugespült wurden. Leute kamen vorbei, die auf dem Weg in die Gärten waren oder zum nächsten Dorf wollten. Sie gingen langsamer und blieben stehen. Wir sagten: »Kennt ihr uns noch? Wir sind Ahrens, eure alten Missionare.« Das Gesicht des alten Mannes hellt sich auf. Er ruft einem kleinen Jungen in seinem Dialekt etwas zu und der klettert auf eine Kokospalme und schneidet ein paar grüne Kokosnüsse ab. Wir trinken die kühle Kokosmilch und sitzen eine Weile zusammen und reden. Der Mann erzählt, wer im Nachbardorf gestorben sei, wer geheiratet hatte und wer in die Stadt gegangen war.
Ich dachte: das wird uns später fehlen, dass man sich so trifft und hinsetzt und miteinander redet, ganz einfach und selbstverständlich. Die Kinder werfen Stöcke, Treibholz und Kokosnussschalen ins Wasser, die mit gewaltigem Schwung zurück an den Strand geschleudert werden. Wir sitzen da, die Finger graben sich in den weichen Sand und sehen aufs Meer, das in der Sonne glänzt. Es blendet einen, man kneift die Augen zusammen. Zeit spielt keine Rolle. Irgendwann geht der alte Mann weiter und wir laufen zurück zur Station."
Eine unbequeme Wahrheit - Die drohende Klimakatastrophe und was wir dagegen tun können Von Al Gore Riemann Verlag München, 2006
El Gore schreibt zu seinem Buch: »Vermeintlich eskaliert die Klimakrise sehr langsam, aber in Wirklichkeit schreitet sie rasend schnell voran - und hat sich zu einer bedrohlichen Krise für den ganzen Planeten entwickelt. Der chinesische Ausdruck für »Krise« wird mit zwei Schriftzeichen geschrieben: Das erste Zeichen steht für »Gefahr«, das zweite für »Chance«. Wollen wir der uns drohenden Gefahr begegnen und sie überwinden, müssen wir zuerst anerkennen, dass wir vor einer Krise stehen. Ich frage mich, warum unsere politischen Führer die eindeutigen und unmissverständlichen Warnungen ignorieren. Leugnen sie die Wahrheit, weil sie wissen, dass sie vom Augenblick der Einsicht an moralisch zum Handeln verpflichtet wären? Oder ist es einfach nur bequemer, den Kopf in den Sand zu stecken und alle Warnungen zu ignorieren? Vielleicht. Aber unbequeme Wahrheiten verschwinden nicht einfach, indem man die Augen vor ihnen verschließt. Im Gegenteil: Je länger wir sie ignorieren, umso schlimmere Konsequenzen drohen uns.«
Mission nachdenken Von Theodor Ahrens Verlag Otto Lembeck, 2002 Leseprobe dem Kapitel "Das Kreuz mit der Gewalt", Seite 203 - 205
"Die Frage, wo destruktive Gewalt in Erscheinung tritt, verbindet sich mit vielen Themen, wurzelt in vielen Situation, ist anscheinend jedem Trend verbunden, den wir ausmachen, taucht in nahezu jeder Perspektive auf, die ausgeleuchtet wird: Seien dies die weltweite Angleichung der Lebensstile, die die Globalisierung aufnötigt, seien es regional verankerte Gegenbewegungen, die auf dem 'Recht anders zu sein' bestehen. Gewalt kehrt zurück in die alltäglichsten Orte und in die geheimsten Winkel unserer Gesellschaft. Die modernen Medien verstärken diesen Eindruck. Sie verschaffen destruktiver Gewalt eine weitreichende Präsenz und zuweilen den Schein allmächtiger Gegenwart.
Ob nun die moderne Zivilisation besonders gewalttätig ist, ob unser geschichtliches Erinnern an Tiefe verliert oder wir nur wegen besserer Informations- und Kommunikationsnetze Gewalt, wo immer sie aufbricht, schneller sehen können - unsere Zeit erscheint als eine Gewalt erfüllte Zeit.
Der Zangengriff der Gewalt - einerseits die Gewöhnung an ihre Alltäglichkeit, andererseits das lähmende Entsetzen angesichts letztlich unbegreiflicher Gewaltausbrüche - droht viele Menschen zu Geiseln der Gewalt zu machen, trägt diese doch den Anschein von Unentrinnbarkeit und Allmacht.
Müssen wir Gewalt also einfach hinnehmen, weil sie zum Grundgefüge unserer Gesellschaft gehört oder handelt es sich jeweils um eine 'kulturelle Entgleisung', um die sozusagen 'abschaffbare Seite' menschlichen Miteinanders? Die Frage 'gibt es kein Entrinnen vor der Gewalt?' ist so alt wie die Menschheit. Seit dem Brudermord in den unvordenklichen Tagen (Gen 4,1) breitet sich Gewalt aus und Ruchlosigkeit bedeckt das Erdreich (Gen 6,11).
Einerseits legt sich Fatalismus nahe: Gewalt ist unentrinnbar, sie gehört zur menschlichen Natur und daher auch zum Grundgefüge jeder menschlichen Gesellschaft. Andererseits nehmen wir Gewalt nicht mehr einfach fatalistisch hin. Anders als es in vormoderner Zeit der Fall gewesen sein mag, verliert Gewalt den Schein ihrer Selbstverständlichkeit. Sie verliert auch den Schein ihrer Unentrinnbarkeit. Wir leben in einem freiheitlich-demokratischen Rechtsstaat, in dem jedenfalls destruktive Gewalt in der Öffentlichkeit durch öffentliches, demokratisch legitimiertes Recht und durch das Prinzip der Gewaltenteilung zurückgedrängt wurde.
Wir nehmen also Gewalt nicht mehr einfach hin. Wir anerkennen, dass wir als Menschen miteinander verantwortlich, weil frei, sind. Gewalt ernst nehmen heißt, sich der Wirklichkeit der Macht des Bösen stellen. Dem Fatalismus der Meinung 'gegen Gewalt lässt sich nichts machen' sollten alle Menschen guten Willens das Handwerk legen.
Zuständig sind alle Menschen. Das kommt zum Ausdruck nicht zuletzt in vielfältigen Initiativen der Vereinten Nationen, die darauf zielen, Gewalt einzudämmen und Ursachen der Gewalt zu beheben.
Zuständig sind auch die Christen und mit ihnen die Kirchen. Christen und Kirchen sind ebenso wie alle anderen von Gewalterfahrungen betroffen, in Gewaltausübung involviert und für Gewalteindämmung verantwortlich. Der Ökumenische Rat der Kirchen hat seine Zuständigkeit erklärt und nach einer Vorlaufphase Anfang der 90er Jahre in Harare für den Zeitraum 2001 - 2010 eine Dekade zur Überwindung von Gewalt ausgerufen. Wenig später verabschiedet der Zentralausschuss des ÖRK einen Rahmenplan, der das Projekt inhaltlich profiliert und zeitlich strukturiert."
Grau ist bunt. Was im Alter möglich ist Von Henning Scherf mit Uta von Schrenk Herder Verlag; 191 Seiten, 19,90 Euro
Plädoyer für aktive Teilhabe im Alter
Mit 67 ist Henning Scherf im vergangenen Jahr von seinem Amt als Bürgermeister der Hansestadt Bremen zurückgetreten, "um nicht mit den Füßen voran aus dem Rathaus getragen zu werden". Die Zeit seitdem hat er genutzt, um ein Buch zu schreiben, das wie ein Anti-Schirrmacher daherkommt und Ältere ermuntert, aktiv am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen und sich zu engagieren.
Henning Scherf ist ein Optimist, ja ein Enthusiast. Und er ist glaubwürdig. Das hat ihn in seiner Zeit als Bremer Bürgermeister zum beliebtesten Politiker der Republik gemacht. Und das macht auch sein Buch angenehm. Kein Gejammer über Rentenmisere und Gesundheitskosten, keine Plattitüden über demografische Schrecken. Im Gegenteil.
"Ich möchte gerne, gerne alt werden. Ich möchte gerne eine Botschaft sagen, es ist ein Geschenk des Himmels, dass wir älter werden, und es ist ein Geschenk des Himmels, dass wir dieses Leben gestalten können, und nun mal ran."
Scherf sieht das Alter positiv ohne es zu bagatellisieren und - das hat mir besonders gefallen - er bietet Frank Schirrmacher und allen anderen Paroli, die die demografische Entwicklung bloß als Menetekel sehen, die vielen Alten als Last der Jungen. Ob es uns in Zukunft ökonomisch gut geht, hängt von der Produktivität des Landes ab, nicht von der Zahl der Rentner, schreibt er. Und:
"Wir erleben derzeit eine regelrechte Gründungswelle von privat getragenen Stiftungen. ... Hinter diesen Stiftungen stecken oft große Vermögen, Menschen, die entscheiden, ... einen Teil ihres Geldes der Gesellschaft zurückzugeben, die ihren Aufstieg ermöglicht hat."
Scherf fordert einen neuen Generationenvertrag, der weit mehr beinhaltet als Rentenzahlungen, nämlich gegenseitige Unterstützung im Alltag und Freude am Austausch. Die sei ohnehin gewachsen, so der Autor. Generationskonflikte verlaufen heute milder; es ginge harmonischer zu in den Familien. Eine Ghettoisierung der Alten bedeutet auch deshalb Verzicht für Alt und Jung.
In dem Buch finden sich viele Beispiele für gelungenes Miteinander, die der ehemalige Politiker durch seine lange Arbeit kennt und die anregend für viele sein können. Und er stellt Fragen:
"Warum können sich Altenpfleger nicht als Assistenten und ihre Schützlinge als Arbeitgeber verstehen, wie es die körperlich Behinderten inzwischen durchgesetzt haben? ... Warum kann es nicht gesetzlich und tariflich geregelt werden, dass jemand, der zu Hause Verantwortung für einen anderen Menschen übernehmen muss, auf Teilzeit gehen kann - ohne Einbußen bei der Sozialversicherung zu erleiden? ... Und warum lässt man die Rüstigen nicht die Gärten der Altenheime machen?"
Henning Scherf verquickt grundlegende Gedanken mit eigenen Erfahrungen, er plaudert gewissermaßen. Dem Buch ist anzumerken, dass es aus Gesprächen entstanden ist, aus denen seine Co-Autorin Uta von Schrenk ein Manuskript gemacht hat, von Scherf dann ergänzt und redigiert. Diese Vorgehensweise hat Stärken und Schwächen zur Folge: Das Buch ist leicht zu lesen. Und wie in einem Dialog springt es vom biografischen Erzählen zu soziologischen und politischen Betrachtungen, vom Persönlichen zum Gesellschaftlichen und wieder zurück, und dabei gibt es auch die eine oder andere Wiederholung. Viele wichtige Themen werden angerissen, aber keines tiefer ausgelotet.
Scherf sagt seine Meinung, und er zeigt sich streitbar, allerdings - und auch hier unterscheidet er sich wohltuend von Schirrmacher - nicht mit einem verklärenden Blick zurück auf die vermeintlich wunderbare Groß- und Mehrgenerationenfamilie, sondern optimistisch von heutigen Gegebenheiten ausgehend.
Henning Scherf beharrt auf Teilhabe und Selbststimmung im Alter. Er zeigt, dass Menschen, die sozial, intellektuell und finanziell über große Ressourcen verfügen, sie für sich selbst, aber auch zum Nutzen der Gesellschaft einsetzen wollen und können.
Scherf, Jahrgang 1938, setzt in seiner und in den nachfolgenden Generationen auf neue Beziehungsformen auch im Alter. Wer in jungen Jahren in einer WG gewohnt hat, ist auch für eine Wohngemeinschaft im Alter prädestiniert. Da sind die Scherfs mit ihrem Gemeinschaftshaus, ihrer "Wahlfamilie" selbst ein Vorbild, von dem er berichtet, auch davon wie es war, als zwei Hausbewohner an Krebs erkrankten und, so wie es sich alle gewünscht hatten, zu Hause gepflegt werden und sterben konnten.
"Auf die Weise haben wir, wenn man beides zusammenrechnet, sieben Jahre lang mit sterbenskranken engsten Freunden zusammengelebt und sind ausgekommen ohne Pflegehilfe von draußen. Das ist eine Riesenerfahrung gewesen, ich denke, eigentlich die zentrale Erfahrung."
Wichtige Fragen nicht auszuklammern, bewusst zu planen, wie das Leben im Alter für einen selbst aussehen soll, dazu regt Henning Scherf an. Das ist sympathisch, menschenfreundlich, und bei allem Ernst stimmt dieses Buch zuversichtlich.
Rezensiert von Barbara Dobrick, Deutschlandradio vom 11.10.2006