Gaebler  Info und Genealogie

 

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Lesen 2006-1

Das Buch "Demokratischer Abbruch. Von Trümmern und Tabus" von Daniela Dahn ist herzerfrischend. Ich kann nur aus ihrer Rede zum Jahrestag der deutschen Einheit 2003 in Ingolstadt zitieren: "Wer nicht versucht hat, sich einzumischen, soll nicht behaupten, es ginge nicht. Sich schreibend einzumischen heißt stören. Wer zufrieden ist, schreibt nicht. Schreiben heißt abweichen und rebellieren, attackieren und ironisieren. Schriftsteller sind nicht dazu da, Harmoniebedürfnisse zu erfüllen. Sie müssen auch keine Hoffnungen machen und Lösungen anbieten. Dafür haben wir ja Politiker. Schriftsteller sollten auf ihre Art das Problembewusstsein schärfen und die Sensibilität der Menschen füreinander wachhalten. Nur wer so gezielt zuspitzt, dass er einen empfindlichen Nerv trifft, wird überhaupt gehört. Und muss dann selbst mit Angriffen rechnen."

Huldrych Zwingli (1484 -1531) gehört zu den Begründern des reformierten Protestantismus. Das Buch "Huldrych Zwingli - Leben und Werk" meines Vetters, des Kirchenhistorikers Ulrich Gäbler, erschließt dem Leser Gestalt, Denken und Werk Zwingiis in geeigneter Weise. Es bietet eine problemorientierte Einführung in Zwingiis Theologie und stellt Persönlichkeit und Handeln des Reformators in den Zusammenhang der politischen, sozialen und kirchlichen Entwicklungen seiner Zeit.

Wer Henning Mankell schätzt, wird von Arnaldur Indridason begeistert sein. Noch dunkler, verregneter sind die Schauplätze, noch bemitleidenswerter, einsamer wirkt sein Kommissar Erlendur Sveinsson. Auf Isländisch bedeutet Erlendur "Außenseiter". Sein Ermittler ist auf einer Farm aufgewachsen und lebt nach einer Scheidung allein in Reykjavik. Sein Sohn trinkt, seine Tochter ist drogenabhängig und schwanger, der Kontakt zu seinen Kindern abgerissen, nur als Geldgeber taugt er in ihren Augen noch.  Die Romanidee zu  "Nordermoor" entstand, als Indridason der Gedanke eines Mannes fesselte, der durch die Gen-Datenbank feststellt, dass er nicht der Sohn seines Vaters ist.

Das amerikanische Sendungsbewusstsein wird rund um die Welt verurteilt. Die heftigen Attacken gegen die Supermacht, die ihre Wertvorstellungen ungefragt anderen Ländern und Kulturen aufzudrängen scheint - nötigenfalls auch mit militärischen Mitteln bis hin zu "vorbeugenden Kriegen" - werden begierig aufgegriffen. Der Amerikakenner Claus Kleber, Moderator und Chef des ZDF- "Heute Journal", konfrontiert diese wohlfeilen Anklagen gegen "Bushs Amerika" in seinem Buch "Amerikas Kreuzzüge - Was die Weltmacht treibt" mit einem differenzierten, kritischen Bild der USA.

 

Sie kennen und lieben sich seit ihrer Kindheit - Philip und Susan. Doch nun trennen sich ihre Wege; während Philip einen konventionellen Weg einschlagen will, eine Ausbildung und spätere Karriere in der Werbebranche plant, will Susan richtig leben und vor allem helfen.  Sie geht mit dem Peace Corps nach Honduras, um den Menschen dort zu helfen, die schweren Schäden, die ein Hurrikan verursacht hat, zu mildern. Zwei Jahre hat sie sich verpflichtet dort zu bleiben; eine Zeit, in der sie sich schreiben, versuchen, sich trotzdem nahe zu bleiben. Mit der Zeit begreift er, dass sie trotz aller Liebe zu ihm wohl nie an seiner Seite leben wird - und entscheidet sich für ein Leben mit Mary. Eines Tages steht ein Auto vor der Tür, und ein kleines Mädchen wird bei ihnen abgegeben. Susans Tochter. Sie ist tot, bei einem der Wirbelstürme ums Leben gekommen, und vertraut ihm nun ihre Tochter an.

Das Buch "Unterwegs zur Mitte - Olav Hanssen - Bausteine einer Biographie" enthält Briefe, Artikel und Berichte von Olav Hanssen und seinen Weggefährten. Sie zeugen von einem fast 90-jährigen Leben im 20. Jahrhundert. Der Bogen spannt sich vom Kessel in Stalingrad bis zum Gethsemanekloster in Riechenberg.

Von Argon bis Kohlenstoff: In dem Buch "Das periodische System" erzählt Primo Levi in einundzwanzig mit den Namen chemischer Elemente bezeichneten Kapiteln von seinen Vorfahren sowie eigenen Erlebnissen in der Jugend, während des Zweiten Weltkriegs und in seinem Beruf als Chemiker. Es ist keine Autobiografie; es ist eine Mikrogeschichte von einem Beruf und seinen Misserfolgen, seinen Siegen und seiner Not, eine Geschichte, die jeder erzählen möchte, wenn er fühlt, dass seine Laufbahn sich dem Ende zuneigt.

Was wollen die Globalisierungskritiker?  «Globalisierung von unten - entwaffnet die Finanzmärkte!» Unter diesem Leitspruch hat sich eine Bewegung formiert, die weltweit gegen die Auswüchse der Globalisierung und für eine gerechtere Verteilung des Wohlstands kämpft. Attac hat Antworten auf die Frage, wie dem Neoliberalismus begegnet werden muss.

In der Spionage-Geschichte "Hoffmanns Hunger" von Leon de Winter werden die Schicksale dreier Männer miteinander verwoben: Felix Hoffman, niederländischer Botschafter in Prag, der seinen leiblichen und metaphysischen Hunger mit Essen und Spinoza stillt, Freddy Mancini, Zeuge einer Entführung in Prag, John Marks, amerikanischer Ostblockspezialist. Zugleich ist es die Geschichte von Europa 1989, das sich eint und berauscht im Konsum. Ein Rausch, der nur in einem Kater enden kann...

Jahrtausendelang war der Atlantik für die Menschen an seinen Ufern das Ende der Welt. Ein mythischer Ort, bevölkert von Ungeheuern und Göttern, schien er den Menschen für alle Zeit versperrt. Aber seit dem Zeitalter der Entdeckungen wurde der Atlantik zu einer Bühne, auf der Weltgeschichte spielt. Holger Afflerbach schildert in dem eindrucksvollen Buch "Das entfesselte Meer" die atemberaubenden Entdeckungsfahrten, erzählt von Abenteurern und Piraten, von Seekriegen und Schatzsuchen, von Auswanderern und Ozeanriesen. Und er macht deutlich, wie der Atlantik sich von einer Grenze zum Transitmeer entwickelt, durch das die Welt zusammenwächst. Weil er die Geschichte des Atlantiks von See her erzählt, ergeben sich völlig neue Perspektiven. Unterstützt von zahlreichen eindrucksvollen historischen Bildern und Landkarten, beschreibt der Autor den Atlantischen Ozean als eine "Brücke aus Wasser". Holger Afflerbach zeigt, dass mit dieser Entwicklung ein neues Zeitalter begann, das noch lange nicht beendet ist.

Susan Sloan hat sich ein schwieriges Thema für ihren Krimi "Mein Wille geschehe" ausgesucht. In der amerikanischen Stadt Seattle wird ein Familienberatungszentrum in die Luft gejagt und der Schuldige soll ein Marineoffizier sein, dessen Frau ohne sein Wissen abgetrieben hat. In den USA gehen AbtreibungsgegnerInnen auf die Straße, versuchen Abtreibungskliniken zu belagern, Ärzte anzugreifen. Noch immer ist diese Diskussion dort sehr hitzig und deswegen der Roman aktuell. Die Autorin erzählt einen intelligenten Thriller, in dem nichts so ist wie man meint. Das Ende hat mich überrascht.

Grosse Philosophen helfen den Menschen, sich in der Welt zu orientieren und Antworten auf die entscheidenden Fragen zu finden. Karl Jaspers hat philosophisches Denken für viele verständlich gemacht. In dem Buch "Die massgebenden Menschen" wird die bleibende Bedeutung des Sokrates, die Erzählung des Lebens und der Wirkungsgeschichte des Buddhas, die Persönlichkeit des Konfuzius sowie die Wirkung Jesu beschrieben. Der Rang dieser vier Persönlichkeiten in der Menschheitsgeschichte ist für Jaspers einzigartig.

Hans-Jürgen Massaquoi, 1926 in Hamburg geboren, wächst dort als Sohn einer weißen Mutter und eines schwarzen Vaters, dem Sohn des liberianischen Generalkonsuls, auf. Sein Leben als Kind und Jugendlicher mit schwarzer Hautfarbe in Nazi-Deutschland schildert er in seinem bewegenden autobiografischen Buch "Neger, Neger, Schornsteinfeger!". 1943 muss er miterleben, wie sein Zuhause im Hamburger Stadtteil Barmbek in Schutt und Asche fällt. Sein beklemmender Bericht über seine Erlebnisse im Bunker ist diesem Buch entnommen:

"Für mich und meine Mutter begann die Hölle am 29. Juli 1943, einem drückend heißen Donnerstag, etwa um neun Uhr abends, als die Sirenen Voralarm gaben. Wieder einmal hatten feindliche Bomber den Ärmelkanal überquert und waren im Anflug auf Hamburg. Wie schon Hunderte Male zuvor schnappten meine Mutter und ich je zwei Koffer mit unseren wichtigsten Habseligkeiten und eilten zum öffentlichen Luftschutzbunker auf unserer Straße. Für uns wie für die übrige Bevölkerung der Stadt war es Routine geworden, abends und nachts die Luftschutzräume aufzusuchen. Doch an diesem Abend war es anders. Da in den vorangegangenen zwei Nächten bereits riesige Teile der Stadt dem Erdboden gleichgemacht worden und Tausende von Menschen im Bombenhagel umgekommen waren, hatte das Heulen der Sirenen einen neuen, unheilvolleren Klang angenommen. (...)

Bomben auf Hamburg im Sommer 1943. Plötzlich, es war inzwischen kurz nach Mitternacht, brach die Hölle los. Es dröhnte wie von Tausenden schwerer Bomber, und unablässig hörten wir das schrille Crescendo von heulenden Bomben in der Luft, bevor sie mit urgewaltiger Wucht in den Boden einschlugen. Bei jeder Explosion zitterte der ganze Bunker wie bei einem Erdbeben, und die Leute - überwiegend Frauen, Kinder und ältere Männer - schrieen in Panik. Als Minuten nach dem ersten Angriff das Licht ausging und der Drahtfunk ausfiel, wurden die Schreie noch lauter. Nach jeder Detonation folgte draußen ein Augenblick der Stille, doch nach und nach wurden die ruhigen Intervalle immer kürzer, bis es schließlich ohne Unterlass krachte.

Etwa eine Stunde nach Beginn des Angriffs stieg die Temperatur in unserem Bunker rapide an. Wir vermuteten, dass die Fabrik über uns von Brandbomben getroffen worden war und in Flammen stand. Unser Verdacht bestätigte sich, als wenige Minuten später dichter Rauch durch Risse in der Decke quoll. Plötzlich machte der Luftschutzwart, ein Schneider aus unserer Nachbarschaft, auf sich aufmerksam, indem er sich mit einer Taschenlampe ins Gesicht leuchtete. Bislang hatten sich viele häufig hinter seinem Rücken über ihn lustig gemacht wegen seines übertrieben diensteifrigen, pseudomilitärischen Gebarens. Doch jetzt spöttelte niemand, während er uns unsere bedrohliche Lage erläuterte. Nachdem er mehrere batteriegespeiste Notlampen aufgestellt hatte, wies er alle kräftigen Männer an, die handbetriebenen Luftpumpen zu betätigen. Jack und ich fingen an zu pumpen, doch schon bald stellte sich heraus, dass alle unsere Mühe das Gegenteil bewirkte. Statt frischer Luft beförderten die Pumpen dichten, beißenden Rauch in den Bunker. Jack sagte, es sei ja schon schlimm, mit Frostbeulen an den Händen gegen den Iwan kämpfen zu müssen, aber noch schlimmer sei es, hilflos in "so einem gottverdammten Loch in der Erde" zu hocken und darauf zu warten, entweder bei lebendigem Leibe geröstet zu werden oder zu ersticken.

Eine Brandbombe setzt das Haus in Brand. Endlich hörten die Detonationen auf. Wir vernahmen nur noch ein lautes Zischen von draußen, das wir für das Geräusch von Wasser speienden Feuerwehrschläuchen hielten. Wie wir später erfuhren, wurde das Geräusch jedoch von dem Feuersturm verursacht, den die Brandbomben ausgelöst hatten und der die Straßen über uns in ein Inferno mit bis zu 800 Grad Hitze verwandelte. Langsam, aber sicher füllte sich der Bunker immer stärker mit Rauch, und die Leute fingen an zu husten und zu keuchen. Bei der dämmrigen Notbeleuchtung, die immer schwächer wurde, da die Batterien kaum noch Saft hatten, sahen wir, dass der Qualm immer dichter wurde. Uns standen jetzt zwei Alternativen offen: Entweder wir blieben im Bunker und erstickten, oder wir gingen nach draußen und verbrannten bei lebendigem Leibe. Doch als plötzlich die Außenwände der Fabrik mit ungeheurem Getöse einstürzten und die Ausgänge blockierten, war uns jede Wahlmöglichkeit genommen. Dann fasste jemand die Decke an und stellte fest, dass sie glühend heiß war, so dass wir damit rechnen mussten, dass sie jeden Augenblick einsackte. Die Folge war, dass sich eine Welle von Resignation im Bunker breit machte; die Menschen, die sich an ihre Angehörigen klammerten, schienen die Hoffnung aufgegeben zu haben, dieser Hölle jemals lebend zu entrinnen. Bis auf das ununterbrochene trockene Husten wegen des Rauches war es im Bunker mucksmauschenstill geworden. Sogar die Kinder hatten aufgehört zu weinen. (...) Blendendes Tageslicht fiel durch den Eingang des Bunkers, und als ich wie geheißen die Gasmaske abnahm, strömte frische Luft in meine nach Sauerstoff lechzenden Lungen. Auch meine Mutter hatte ihre Gasmaske abgenommen und erwachte augenblicklich wieder zum Leben. Auf meiner Uhr war es neun Uhr morgens. Unser Martyrium hatte genau zwölf Stunden gedauert.

Verbrannte Leiche in Hamburg nach dem Luftangriff im Juli 1943. Langsam, als erwachten wir aus einem Alptraum, stiegen wir aus dem Keller - eine lange Reihe von Menschen, denen das Leben noch einmal geschenkt worden war. Oben erwarteten uns die Leute vom Luftschutz, die uns befreit hatten. Auf ihre Anweisung hin legten wir uns Decken oder Handtücher über den Kopf, zum Schutz vor dem Funkenflug, der die Luft erfüllte. Die Rettungshelfer beschworen uns, ruhig zu bleiben, egal, was wir sehen würden, und das war gut so, denn uns erwartete einer der entsetzlichsten und traurigsten Anblicke unseres Lebens. Die Stückenstraße - nein, ganz Barmbek - unser geliebtes Viertel - war praktisch dem Erdboden gleichgemacht. So weit das Auge reichte, nichts als totale Zerstörung. Im Gegensatz zu dem ohrenbetäubenden Krach der letzten Nacht lag nun gedämpfte Stille über der schaurigen Szenerie. Hier und da waren mumienartige, verkohlte Leichen zu sehen. Offenbar hatten diese Menschen sich zu spät entschlossen, ihre Wohnungen zu verlassen, um noch einen Schutzraum zu erreichen. Die meisten Häuser waren bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Andere standen noch in Flammen, und wieder andere waren nur noch ausgebrannte Ruinen. Einer dieser noch rauchenden Trümmerhaufen war von Kindheit an mein Zuhause gewesen. Als wir mit den vier Koffern, in denen sich nun unsere ganze Habe befand, daran vorbeigingen, beobachtete ich meine Mutter aus den Augenwinkeln, um zu sehen, wie sie damit fertig wurde, all das verloren zu haben, für das sie jahrelang so hart gearbeitet hatte. Zu meiner Überraschung blieb sie ruhig und gefasst. "Wichtig ist nur, dass wir leben und unverletzt sind", versicherte sie mir und sich selbst, 'alles andere können wir irgendwann ersetzen'. (...)

Junge isst Suppe im zerstörten Hamburg 1943. Während wir mit anderen Flüchtlingen zwischen unseren wenigen Habseligkeiten auf der Ladefläche kauerten, alle ungewaschen, ungekämmt, verschwitzt und erschöpft, dachte ich darüber nach, dass eine einzige große Katastrophe uns alle gleich gemacht hatte - gleich arm, gleich schmutzig und gleich elend. Mein "Anderssein", das stets und überall die Blicke auf sich gezogen hatte, interessierte plötzlich niemanden mehr. Die Menschen waren viel zu sehr damit beschäftigt, sich an ihren letzten dürftigen Rest Zivilisation zu klammern, um sich noch über die Haare oder Hautfarbe eines anderen Gedanken zu machen. Eine junge Frau, die auf ihrem ramponierten Koffer neben meiner Mutter saß, bot uns an, ihre letzten drei Zigaretten mit uns zu teilen, und während wir dankend ablehnten, wurde mir klar, dass Katastrophen das Beste im Menschen hervorbringen können. Überall sah ich Menschen, die einander halfen und versuchten, die Drangsal ihrer Mitbürger zu lindern. Leider verschwand diese selbstlose Fürsorglichkeit, die unmittelbar nach dem Desaster so allgegenwärtig schien, mit der Rückkehr einer gewissen Normalität wieder."


© 
Christoph Gäbler 21.07.2010