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Lesen 2005-2

Wibke Bruhns: Meines Vaters Land

Von Claudine Borries

Das ist eines der spannendsten Bücher über die Zeit vor und nach dem Beginn des Nationalsozialismus und den zweiten Weltkrieg, das ich bisher gelesen habe.

Wibke Bruns bekommt zu einem bestimmten Zeitpunkt ihres Lebens den Anstoß, den Vorfahren ihres Vaters und ihrer Familiengeschichte nachzuspüren. Erfahren will sie aber vor allem , wer und wie ihr Vater war, was er mit den Nazis zu schaffen hatte, und warum er nach dem Attentat auf Hitler im Juli 1944 verurteilt und hingerichtet wurde. Sie war bei Kriegsende als jüngste von fünf Geschwistern noch ein kleines Kind, das versorgt wurde und die tiefen Spuren der Verwüstung und der menschlichen Dramen, die sich damals abgespielt haben , nicht bewusst erinnern konnte.

Nicht zu Unrecht wird die Familiengeschichte der Klamroths mit der Familiengeschichte der Buddenbrooks verglichen.

Mit ihrer Familiengeschichte, beginnend mit der Firmengründung um 1790, erfahren wir viel über die Entwicklung und das Leben einer Großbürgerfamilie in Halberstadt zu Zeiten der Gründerjahren und zur Zeit Kaiser Wilhelms. Fein dargestellt werden die guten Tage, der Reichtum, die Verbindungen, die man pflegte, der gesellschaftliche Umgang und die Eheschließungen; man erfährt über den Familienzusammenhalt und die Gebräuche im Verhältnis der Geschlechter und Generationen untereinander.

Wahrlich immer spannender wird die Geschichte mit dem Ende des ersten Weltkriegs, Übergang zum Beginn der Naziherrschaft, später der zunehmenden Repression auf die Bürger, der politischen Verfolgung anders Denkender und schlussendlich der Judenverfolgung- und Vernichtung und dem Vernichtungskrieg im Osten. Parallel dazu verläuft der wirtschaftliche und familiäre Niedergang der Firma . Die Mutter meistert diesen Niedergang und die Kriegs- und Nachkriegszeit derart, wie viele sich aus eigenem Erleben an diese Zeiten erinnern werden. Intensiv beschäftigt sich W. Bruns mit ihrem Vater als Kind, Heranwachsendem und Mann. Sie ist schonungslos offen in ihren Beobachtungen, die den Vater nicht immer im besten Licht erscheinen lassen. Sie bleibt distanziert, wo es erforderlich ist, um seinen Charakter zu beschreiben. Dass sie die Mutter erst spät mit neutralerem und klaren Blicken sieht, ist eines der Merkmale, dass das Buch so sympathisch macht: W.B. ist sehr aufrichtig. Niemand wird verherrlicht oder nur runtergemacht; es geht alleine um die Suche nach Wahrheit!

Wibke Bruns ist neben dieser persönlichen Wahrheitssuche ein hervorragendes Dokument der Zeitgeschichte gelungen. Imponiert hat mir, mit welcher Akribie sie ihre Familie und ihre Eltern beobachtet hat, recherchiert aus Briefen und Dokumenten, Tagebuchaufzeichnungen und Berichten. Sie bleibt objektiv, distanziert, als spräche sie über beliebige Personen, um dann doch wieder mit töchterlichen Einwürfen des Erstaunens oder der Entrüstung ihre Beziehung zu den Eltern herzustellen. Im Prolog und Epilog stellt sie ihre persönlichen Bindungen an die handelnden Personen dar. Ergreifend ist am Ende die Versöhnlichkeit, mit der sie bei aller kritischen Beobachtung ihre Eltern als ihre Eltern annimmt.

Ernest H. Sanders (olim Helmut Salonion):
Heil und Unheil

Von Elisabeth von Thadden

Eine Hamburger Familie 1904-1941; Edition Andreae, Berlin 2005; 103 S., 16,80 €

Die ersten 23 Jahre im Leben eines Hamburger Jungen, Kind einer wohlhabenden Unternehmersfamilie (»aufrechte deutsche Bürger mit einer politischen Orientierung rechts von der Mitte«), Schüler am angesehenen Johanneum, protestantisch getauft, sicherheitshalber: Denn die Familie ist zwar ganz assimiliert, nicht religiös, jetzt aber jüdisch. Dieses unprätentiöse Selbstzeugnis des Erwachsenen berichtet, wie ein Kind im Nationalsozialismus von seiner Schulklasse wie selbstverständlich geschützt wurde, bis zum Abitur des jungen Salomon, das der Klassensprecher stellvertretend bei der Schulleitung erwirkt hat. Wie bemerkenswert. Dieses schmale Buch hält fest, was auch möglich war.

Ulla Hahns Roman «Unscharfe Bilder»

Hans Musbach, wohnhaft in einer piekfeinen Seniorenresidenz an der Hamburger Alster, versucht cool zu bleiben. Dem pensionierten Oberstudienrat fehlt der Umgang mit den jungen Leuten, den er im Schuldienst gewohnt war, und so muss er noch immer lernen, mit diesem Verlust gelassen umzugehen. Allenfalls die Gespräche mit dem Dienstpersonal bieten eine willkommene Abwechslung, aber sie bleiben flüchtig und gehen über den Austausch von ein paar Höflichkeiten selten hinaus. Umso mehr freut sich Musbach, wenn ihn seine Tochter Katja, ebenfalls Lehrerin, in seinem wertvoll möblierten Appartement besucht und er mit ihr eine Unterhaltung führen kann, die seinem Bildungshorizont entspricht. Man weiß zunächst nicht, was Ulla Hahn mit diesem Musbach vorhat, und das ist gut so. Spätestens seit ihrem autobiografischen Opus magnum «Das verborgene Wort» gilt sie als eine Autorin, die die Nuancen liebt und ihren Leser trotz aller Detailverliebtheit nicht langweilt. Auch hier kann man das gemächliche Tempo, mit dem sie in das gepflegt hanseatische Ambiente führt, durchaus geniessen; ganz besonders dann, wenn die feine Ironie, mit der sie sich der Gewohnheiten ihrer Senioren annimmt, an Bernhard Sinkels unvergesslichen Film «Lina Braake» erinnert. Doch dann merkt man ziemlich bald, dass das Altendomizil nur als Staffage dienen soll und es ernste Didaktik sein wird, die diesen Roman steuert. Nachdem Katja die Wehrmachtsausstellung «Verbrechen im Osten» besucht hat, legt sie ihrem Vater mit stummem Vorwurf den Katalog zu der umstrittenen Ausstellung vor. Musbach, der sich gerade mit dem römischen Diktator Sulla beschäftigt, ignoriert die Wehrmachtsausstellung und schaut sich in der Hamburger Kunsthalle lieber die weltabgewandten Bilder des dänischen Malers Vilhelm Hammershoi an. Doch umso mehr wird er von seiner Tochter ins Gebet genommen, die wissen möchte, ob er von den Verbrechen der deutschen Wehrmacht im Osten gewusst hat oder gar an ihnen beteiligt war. Zunächst widerwillig, dann zunehmend von seinen Erinnerungen mitgerissen, beginnt Musbach vom Russland-Feldzug, an dem er als einfacher Infanterist teilnahm, zu erzählen. Er ruft nun seine Bilder vom Krieg in seinem Gedächtnis auf, Bilder, die nicht die Deportationen von Juden und Massenvernichtungen belegen, sondern das erlittene Grauen an der Front zeigen: Bilder von den unsäglichen Strapazen, von Kälte, Elend und Hungersnot und vor allem von den Kameraden, die – irre geworden an den Kriegsgräueln – ohne Deckung in den feindlichen Kugelhagel liefen. Katja bleibt zwar von den emotional aufgeladenen Schilderungen des Vaters nicht unbeeindruckt, beharrt aber doch auf ihrer Frage nach seiner Schuld. Zugleich merkt sie, dass angesichts der Gegenüberstellung beider Wahrheiten ihr Bild vom Krieg unscharf zu werden beginnt und die erhoffte Klarheit nie mehr herstellbar wird. «Doch ist das Unscharfe nicht gerade das, was wir brauchen?», fragt Ulla Hahn mit einem vorangestellten Zitat von Ludwig Wittgenstein. Auch in die Erinnerungen des Vaters mischen sich nach und nach Zweifel an der Richtigkeit der eigenen Kolportage. Ihm wird bewusst, dass er die Nazizeit bisher als eine Abfolge von Bildern betrachtet hat, auf denen er nicht vorkommt. Hat er sein Wissen über die Verbrechen der Wehrmacht verdrängt, war er nicht doch ein Mitläufer, der – wie die Tochter mutmaßt – «immer dagegen und immer dabei» war? Ulla Hahns Roman, der am Ende eine überraschende Wende nimmt, ist in erster Linie ein löblich ambitioniertes Buch, auch wenn es allzu offensichtlich den derzeit virulenten Trend bedient, in der Nation der Täter ein Volk von Kriegsopfern zu sehen. Ulla Hahn macht sich die Mühe, zwei höchst komplizierten Bewusstwerdungsprozessen gerecht zu werden, die zunächst parallel zueinander verlaufen und sich erst zögernd einander annähern. Anerkennenswert auch, dass sie beiden Positionen Verständnis entgegenbringt, ohne den spät ausgetragenen Generationenkonflikt dadurch zu verwässern. Und schließlich gelingt es ihr, vermeintlich Vielgehörtes und Vielgelesenes über die Grausamkeit des Russland-Feldzugs so aufzurauen, dass seine Details authentisch und erschütternd wirken. Doch warum überhaupt diese Mischung aus erzählerischem Rahmen und verarbeiteter Authentizität, wenn es letztlich doch das Dokument ist, das zählt? Als Romanautorin hat sich Ulla Hahn mit diesem Buch unter-, als Wahrheitssucherin überfordert. Die Lehrbuchhaftigkeit, mit der sie ihre Lektion durchpaukt, erfordert beim Leser viel Geduld, die narrativen Passagen, die sie als Entschädigung für moralische Fingerzeige und gedankliches Argumentieren anbietet, halten sich in Grenzen. Es überwiegen die guten Absichten, die bekanntlich noch keine guten Bücher machen.

Aus: Neue Zürcher Zeitung

Todesursache: Allgemeine Körperschwäche

Aus dem Vorwort: "Tu deinen Mund auf für die Stummen und die Sache aller, die verlassen sind" (Sprüche 31, 8). Dieser Vers aus dem Buch der Sprüche der Bibel ist auf der Schwelle zur Kapelle eingraviert. Er kann verstanden werden als Anrufung Gottes, sich derer zu erbarmen, die ohne Schutz niederträchtiger Gewalt ausgesetzt sind. Dieser Vers ist gleichzeitig die Aufforderung an uns alle, sich an die Seite derer zu stellen, die Gewalt leiden, und insbesondere ist er eine Aufforderung an uns alle, dafür zu sorgen, dass das, was damals den Rotarmisten angetan wurde, nie wieder geschehen möge. Wir danken Helmut Junk für seine Erinnerungsarbeit und hoffen, dass dieses Buch vielen Gästen von Haus Meedland zum Anlass wird, sich an die schreckliche und schändliche Vergangenheit, die an Haus Meedland für immer haften wird, zu erinnern und damit Schritte zu tun hin auf den uns gebotenen Weg der Versöhnung.

Margaret Atwood: Oryx and Crake 

Von Evelyn Finger

Die unvorstellbare Katastrophe, wie sie jetzt in New Orleans beklagt wird, war keineswegs unvorstellbar. Was Entstaatlichung und Segregation in Kombination mit Naturkatastrophen bewirken, hat Margaret Atwood in ihrem bisher besten Roman ja bereits imaginiert. In Oryx und Crake erzählt sie den Weltuntergang aus der Perspektive des einzigen Überlebenden, der sich an jene Zeit erinnert, die der Apokalypse vorausging. Es ist die Epoche der globalen Selbstermächtigung der Industrie, der befestigten Konzernstädte. Dort leben jene Privilegierten, die den technischen Fortschritt, obwohl er sich längst in sein Gegenteil verkehrt hat, vorantreiben. Sie erfinden Unsterblichkeitselixiere und die dazu passenden Werbesprüche - während der unnütze Rest der Menschheit durchs Niemandsland marodiert. Atwood schildert Endzeit, indem sie die Gegenwart nur ein kleines Stück weiterdenkt.

 

© 
Christoph Gäbler 21.07.2010