Gaebler  Info und Genealogie

 

1997
2000
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2006-1
2006-2
2007-1

Lesen 2005-1

Im Juni 2005 gelesen.

Das Geschichtenbuch Mein Jahrhundert von Günter Grass hat mich begeistert; es eignet sich besonders gut zum Vorlesen. Ich fühle mich an meine Jugendzeit 1950 in Hermannsburg erinnert, als der Imker Rabe aus der Bibel vorlas.

Am 22. Mai 2005 gelesen.

Die Klavierspielerin von Elfriede Jelinek hat mich erschüttert. Der Klavierlehrerin Erika Kohut, von ihrer Mutter zur Pianistin gedrillt, ist es nicht möglich, aus ihrer Isolation heraus eine sexuelle Identität zu finden. Unfähig, sich auf das Leben einzulassen, wird sie zu Voyeurin. Als einer ihrer Schüler mit ihr ein Liebesverhältnis anstrebt, erfährt sie, dass sie nur noch im Leiden und in der Bestrafung Lust empfindet.

Am 20. Mai 2005 gelesen.

Der Bildnis des Dorian Gray von Oscar Wilde habe ich gerne gelesen. Seinen ironischen Humor behielt er bis zu seinem Tode bei, seine letzten Worte lauteten: Ich sterbe so, wie ich gelebt habe, über meine Verhältnisse.

Am 23. Mai 2005 gelesen.

Leseprobe aus Das Treibhaus von Wolfgang Koeppen:

"...Korodin verließ am Bahnhof die Straßenbahn. Ein Schutzmann spielte Schutzmann in Berlin am Potsdamer Platz. Er gab die Bonner Straße frei. Es wimmelte, es schwirrte, quietschte, klingelte. Automobile, Radfahrer, Fußgänger, asthmagequälte Trams strebten aus engen Gassen auf den Bahnhofsplatz. Hier waren Equipagen gerollt, Viergespanne, von königlichen Kutschern gelenkt, Prinz Wilhelm war zur Universität und so ein paar Meter näher zum holländischen Asyl gefahren, er trug einen Cutaway, das Corpsband der Saxoborussen und ihren weißen Stürmer. Der Verkehr verknäuelte sich, von Bauzäunen, Kabelgräben, Kanalrohren, Betonmischern, Teerkochern bedrängt und behindert. Das Knäuel, das Labyrinth, der Knoten, das Verschlungene, das Geflecht, Sinnbilder des Verirrens, des Irrens überhaupt, der Verknotung, des Unlösbaren, des Verflochtenen, schon die Alten hatten den Fluch gespürt, die Tücke erkannt, die List gemerkt, waren in Fallen gefallen, hatten's erfahren, bedacht und geschildert. Die nächste Generation sollte klüger sein, sie sollte es besser haben. Seit fünftausend Jahren! Nicht jedem war ein Schwert gegeben. Und ein Schwert, was nützt es? Man kann mit ihm fuchteln, man kann mit ihm töten, und man kann durch das Schwert umkommen. Aber was ist gewonnen? Nichts. Man muß zur rechten Zeit in Gordi-um erscheinen. Die Gelegenheit macht den Helden. Als Alexander aus Mazedonien kam, war der Knoten seines Trotzes müde. Überdies war das Ereignis belanglos. Indien wurde sowieso nicht erobert; nur die Randgebiete waren ein paar Jahre besetzt, und zwischen der Besatzung und der Bevölkerung entwickelten sich Tauschgeschäfte.

Was ist am wirklichen Potsdamer Platz? Ein Drahtverhau, eine neue und recht kräftige Grenze, ein Weltende, der Eiserne Vorhang; Gott hatte ihn fallen lassen, Gott allein wußte, wozu. Korodin eilte zur Haltestelle des Oberleitungsbusses, des hauptstädtisch stolzen, des modernen Vehikels, das zwischen den weit voneinander entfernt liegenden Regierungsvierteln Massen transportieren konnte. Korodin hätte es nicht nötig gehabt, sich an der Haltestelle in die Schlange der Wartenden zu reihen. Er hatte zwei Automobile in der Garage seines Hauses. Es war ein Akt der Bescheidenheit und der Kasteiung, dass Korodin in öffentlichen Verkehrsmitteln zur Politik fuhr, während der Chauffeur, bequem und morgenmunter, Korodins Kinder im Wagen zur Schule brachte. Korodin wurde gegrüßt. Er dankte. Er war ein Volksmann. Aber der Gruß der Unbekannten machte ihn nicht nur dankbar; er machte ihn auch verlegen..."

Am 10. Mai 2005 gelesen.

Leseprobe aus Hannah von Armin Mueller-Stahl:

"Draußen regnete es, und ein langer Trauerzug marschierte an uns vorüber.

Schade. Ich hätte gerne im Regen getanzt, lachte Hannah, aber dieser Trauerzug versaut mir die Freude. Und nun die Trauerglocken! Wer mag gestorben sein? War sicher ein General.

Nun setzte auch noch die Militärkapelle ein.

Und die Bläser! Mein Gott, die Bläser sind so verkehrt, weiß Gott, nach Brahms' Vierter nun diese Kapelle, die von sauberen Tönen nichts hält! Wie ist das, Bärchen, grinste Hannah, wenn man tot ist und solche Musik hört? Als Dichter muß man doch schon mal tot gewesen sein, in seiner Vorstellung wenigstens. Will man da nicht den Sarg öffnen und rausbrüllen: Macht gefälligst anständige Musik! Ich bin doch nicht gestorben, mir dieses Katzengejammer anzuhören! Überhaupt - was meinst du, wer mag im Sarg liegen? Frau oder Mann? Edelfrau oder Edelmann? Klug oder dumm? Ein Genie?

Hoffentlich taub! antwortete ich, und Hannah lachte.

Wir standen im Portal des Konzerthauses mit anderen Konzertbesuchern, und warteten, dass der Regen aufhörte. Aber der dachte nicht daran.

Wir wären gerne im Regen durch die Straßen gegangen, aber ich hatte einen schwarzen Anzug an, den ich nicht verderben wollte. Hannah dagegen wollte los.

Gib mir dein Jackett! Ich schiebe es mir unter die Bluse, und deine Hose bügele ich. Laß uns durch den herrlichen Regen gehen, ein Geschenk des Himmels. Er wird uns abkühlen.

Kannst du denn bügeln? fragte ich.

Natürlich!

Ich habe dich noch nie bügeln gesehen.

Ach, Bärchen, du hast noch vieles nicht gesehen.

Hannah schob ihren Arm unter meinen, dann kam sie näher an mich heran und sagte, so leise, wie es bei der lärmenden Kapelle ging: Ich kann deine Gedanken hören, Bärchen ... "

Am 17. mai 2004 gelesen.

Leseprobe aus Die schöne Frau Seidenmann von Anrzej Szczypiorski:

"...Der Schneider Apolinary Kujawski lebte in einer Fünf-Zimmer-Wohnung, zweiter Stock, Vorderseite, mit Balkon, auf der Marszalkowska-Straße. In den Zimmern standen hohe Kachelöfen, einer davon im Salon, von besonderer Schönheit, verziert mit Rosetten und Gußeisentürchen in Form eines Palasttores. Im Parterre desselben Hauses hatte Kujawski sein etwas dunkles, aber geräumiges >Atelier<, das aus drei Zimmern bestand. Im ersten empfing er seine Kunden und nahm Maß, während die Kunden sich im Spiegel betrachteten. Tiefer im >Atelier< arbeiteten seine Gesellen, surrten die Singer-Nähmaschinen von morgens bis abends. Dampf stieg auf in dichten Wolken, wenn die schweren, heißen Bügeleisen das feuchte Leinen auf die Kleidungsstücke preßten.

Der Schneider Kujawski war ein redlicher Mann von geringer Körpergröße, etwas kahlköpfig, kurzsichtig, begabt mit einer Seele nicht ohne romantische Höhenflüge, einem schlichten Geist und kleinen, wohlgeformten Füßen. Er besaß eine Neigung zu erlesener Eleganz, wie ein Mensch sie pflegt, der vor dem Großen Krieg in einem Städtchen des ehemaligen Gouvernements Plock inmitten einer Mehrheit von Alttestamentarischen erzogen worden ist. Er trug dunkle Anzüge und steife Kragen, gemusterte Krawatten und gams-lederne Schuhe von gelblicher Farbe, außerdem bunte Westen, grüne oder kirschrote, der Stimmung entsprechend, die in seinem Herzen herrschte. Am Ringfinger der rechten Hand trug er einen Siegelring mit Stein, am kleinen Finger der linken einen Rubinring.

Kujawski war nämlich ein sehr wohlhabender Mann und erfreute sich unter den Offizieren der Wehrmacht, zum Teil auch der deutschen Sicherheitskräfte des Ruhms, der beste Hosenschneider Warschaus zu sein. Sogar aus Lemberg kamen Offiziere zu ihm, um Reit- oder Ausgehhosen zu bestellen.

Kujawski war kein Mann von großem persönlichen Mut, deshalb bemühte er sich nicht, seine Bekanntheit unter dieser einflußreichen Kundschaft zugunsten der nationalen polnischen Interessen zu verwenden. Weil er dennoch Patriot war, sparte er nicht an heimlicher Unterstützung der Widerstandsbewegung. Er unterstützte auch Künstler. Er spendete erhebliche Summen für den Ankauf literarischer Manuskripte, die nach dem Kriege veröffentlicht werden sollten. Er kaufte Ölgemälde von Malern und sammelte sie in seiner geräumigen Wohnung, fest entschlossen, diese Sammlung im freien Polen einem Museum zu übergeben, selbstverständlich mit dem Namen des Spenders auf entsprechenden Schildern oder gar an der Frontseite des Gebäudes..."

Am 16. Mai 2005 gelesen.

Leseprobe aus Der Mann, der den Zügen nachsah von Georges Simenon:

"... Kees Popinga gründet seinen fliegenden Haushalt und hält es für seine Pflicht, der französischen Polizei bei ihrer Untersuchung heimlich etwas nachzuhelfen.

Wie oft leitet man aus irgendeiner winzigen Begebenheit große Gesetzmäßigkeiten ab. Als Popinga an jenem Morgen in den Spiegel sah - das war etwas, was er schon immer voller Ernst getan hatte -, bemerkte er, dass er sich seit seiner Abreise aus Holland nicht mehr rasiert hatte, und obwohl sein Bart weder besonders lang noch besonders dicht war, verlieh ihm das nicht gerade ein gewinnendes Aussehen.

Er wandte sich zu dem Bett um, wo eine ihm unbekannte Frau auf der Kante saß und ihre Strümpfe anzog.

"Wenn du fertig bist, kauf mir doch bitte ein Rasiermesser, Rasierseife, einen Pinsel und eine Zahnbürste ..."

Da er sie im voraus bezahlt hatte, hätte sie nicht zurückzukommen brauchen, aber sie war anständig und rechnete bei ihrer Rückkehr bis auf den Centime genau mit ihm ab. Da sie nicht wußte, ob sie nun gehen oder noch bleiben sollte, setzte sie sich wieder auf die Bettkante und sah Popinga beim Rasieren zu.

Sie befanden sich in einer Nebenstraße des Faubourg Montmartre und das Hotel war um einiges heruntergekommener als jenes in der Rue Victor-Masse. Auch die Frau war drei oder vier Klassen billiger als Jeanne Rozier.

Zum Ausgleich versuchte diese Frau, deren Namen Kees nicht kannte, ihm wirklich gefällig zu sein und sich seiner Stimmung anzupassen, was sie schon dadurch bewies, dass sie aufseufzend sagte:

"Du bist bestimmt traurig, wie? Hast wohl Liebeskummer ..."

Sie sagte dies überzeugt und doch zögernd wie eine Kartenlegerin.

"Wie kommst du darauf?", fragte er, während er eine Wange einseifte.

"Ich kenne mich langsam aus bei den Männern ... Was glaubst du, wie alt ich bin? ... Sage und schreibe achtunddreißig Jahre, mein Lieber! Ich weiß, dass man mir die nicht ansieht. Aber du darfst mir glauben, dass ich schon so manchen wie dich erlebt habe, Männer, die dich mitnehmen, dich dann aber nicht anrühren. Die meisten fangen irgendwann zu reden an, sie reden und reden und erzählen dir ihre ganzen Geschichten ... Dafür sind wir sehr praktisch! ... Wir hören uns alles an, und es bleibt ohne Folgen ..."

Am 14. Mai 2005 gelesen.

Leseprobe aus Unterm Rad von Hermann Hesse:

"...Wie ein Hamster mit aufgespeicherten Vorräten, so erhielt sich Hans mit seiner früher erworbenen Gelehrsamkeit noch einige Frist am Leben. Dann begann ein peinliches Darben, durch kurze und kraftlose neue Anläufe unterbrochen, deren Hoffnungslosigkeit ihn schier selber lächerte. Er unterließ es nun, sich nutzlos zu plagen, warf den Homer dem Pentateuch und die Algebra dem Xenophon nach und sah ohne Aufregung zu, wie bei den Lehrern sein guter Ruf stufenweise herabsank, von gut auf ziemlich, von ziemlich auf mittelmäßig und endlich auf Null. Wenn er nicht Kopfweh hatte, was jetzt wieder die Regel war, so dachte er an Hermann Heilner, träumte seine leichten, großäugigen Träume und dämmerte stundenlang in Halbgedanken hin. Auf die sich mehrenden Vorwürfe aller Lehrer antwortete er neuerdings durch ein gutmütiges, demütiges Lächeln. Repetent Wiedrich, ein freundlicher junger Lehrer, war der einzige, dem dies hilflose Lächeln weh tat und der den aus der Bahn gekommenen Knaben mit einer mitleidigen Schonung behandelte. Die übrigen Lehrer waren über ihn entrüstet, straften ihn durch verächtliches Sitzen lassen oder versuchten gelegentlich seinen eingeschlafenen Ehrgeiz durch ironisches Kitzeln aufzuwecken.

"Falls Sie gerade nicht schlafen sollten, darf ich Sie vielleicht ersuchen, diesen Satz zu lesen?"

Vornehm indigniert war der Ephorus. Der eitle Mann bildete sich viel auf die Macht seines Blickes ein und war außer sich, wenn Giebenrath seinem majestätisch drohenden Augenrollen immer wieder sein demütig ergebenes Lächeln entgegenhielt, das ihn allmählich nervös machte.

"Lächeln Sie nicht so bodenlos stupid, Sie hätten eher Grund zu heulen."

Mehr Eindruck machte ein väterlicher Brief, der ihn voll Entsetzen beschwor, sich zu bessern. Der Ephorus hatte an Vater Giebenrath geschrieben, und dieser war heillos erschrocken. Sein Brief an Hans war eine Sammlung aller aufmunternden und sittlich entrüsteten Redensarten, über die der wackere Mann verfügte, und ließ doch, ohne es zu wollen, eine weinerliche Kläglichkeit durchscheinen, welche dem Sohn wehe tat.

Alle diese ihrer Pflicht beflissenen Lehrer der Jugend, vom Ephorus bis auf den Papa Giebenrath, Professoren und Repetenten, sahen in Hans ein Hindernis ihrer Wünsche, etwas Verstocktes und Träges, das man zwingen und mit Gewalt auf gute Wege zurückbringen müsse. Keiner, außer vielleicht jenem mitleidigen Repetenten, sah hinter dem hilflosen Lächeln des schmalen Knabengesichts eine untergehende Seele leiden und im Ertrinken angstvoll und verzweifelnd um sich blicken. Und keiner dachte etwa daran, dass die Schule und der barbarische Ehrgeiz eines Vaters und einiger Lehrer dieses gebrechliche Wesen soweit gebracht hatten. Warum hatte er in den empfindlichsten und gefährlichsten Knabenjahren täglich bis in die Nacht hinein arbeiten müssen? Warum hatte man ihm seine Kaninchen weggenommen, ihn den Kameraden in der Lateinschule mit Absicht entfremdet, ihm Angeln und Bummeln verboten und ihm das hohle, gemeine Ideal eines schäbigen, aufreibenden Ehrgeizes eingeimpft? Warum hatte man ihm selbst nach dem Examen die wohlverdienten Ferien nicht gegönnt? Nun lag das überhetzte Rößlein am Weg und war nicht mehr zu brauchen..."

Am 13. Mai 2005 gelesen.

Klappentext zu Das Alter von Hannelore Schlaffer:

"Was ist Alter? Wann beginnt es? Wann ist man alt? "Eigentlich gibt es kein Alter", schreibt Hannelore Schlaffer, "denn wer alt und glücklich ist, kann sich für jung halten." Ist man also tatsächlich so alt, wie man sich fühlt? Von der Antike, die ein Lob des Alters sang, bis zum Heute der "Selpies" (second life people), der "Uhus" (der Unterhundertjährigen) und der "Mumienpässe" (der Rentnerausweise) sucht die Autorin alle möglichen Figuren und Orte des Alterns auf und entdeckt dabei eine ganze Kultur, die mit der Abwehr von Krankheit und Tod beschäftigt ist. Ernährungswissenschaft, Medizin und Fitnessbewegung gelingt es, Todesangst in Lebenshunger zu verwandeln, und es entstehen neue gesellschaftliche Leitbilder und Statussymbole. Nur eines hat sich wahrscheinlich seit der Antike nicht geändert: "Auch im Alter gibt es zwei Kulturen. Die Art, wie Männer sich das Alter ausmalten und wie Frauen es erlebten und erleben, hat wenig miteinander zu tun." Die Kapitel dieses Buches sind Stationen einer Reise durch das Alter: Krankheit und Schönheit; Todesangst und Lebenshunger; Charaktere (Der Senator, Der Großvater, Der große Alte, Der Lebensmüde, Senioren und Seniorinnen); Der alte Mann und das Mädchen; Die unwürdige Greisin."

Am 11. und 12. Mai 2005 gelesen.

Leseprobe aus Der Magier von William Somerset Maugham:

"...Margaret verbrachte eine unruhige Nacht, und am Tag darauf war sie unfähig, mit der gewohnten Gelassenheit an ihre Arbeit zu gehen. Sie versuchte, sich für die Ereignisse, die sich zugetragen hatten, eine natürliche Erklärung zurechtzulegen. Das Telegramm, das Susie bekommen hatte, deutete auf einen festen Plan von Seiten Haddos und ließ vermuten, dass seine plötzliche Übelkeit nur ein Trick gewesen war, um in das Atelier zu kommen. Dort hineingelangt, hatte ihm ihr selbstverständliches Mitleid als Mittel gedient, seine hypnotische Kraft auszuüben, und alles, was sie gesehen hatte, war nur aus seiner lüsternen Phantasie geboren. Doch obwohl sie sich einzureden versuchte, dass er ihr einen gemeinen Streich gespielt und ihr Mitleid auf schändliche Weise ausgenützt habe, konnte sie ihm nicht zürnen. In ihre Verachtung für ihn, in ihren tiefsten Abscheu mischte sich ein Gefühl, das Grauen und Furcht in ihr auslöste. Sie wurde den Gedanken an diesen Mann nicht los. Alles, was er gesagt, alles, was sie gesehen hatte, schien sie auf unerklärliche Weise auszufüllen, als habe es die Fähigkeit zu materiellem Wachstum. Es war, als sei ein zähes Unkraut in ihr Herz gepflanzt und schiebe lange, giftige Ranken in jede Ader, so dass alle Teile ihres Körpers in Mitleidenschaft gezogen waren. Arbeit konnte sie nicht ablenken, Unterhaltung, Bewegung, Kunst ließen sie gleichgültig; zwischen ihr und allen Betätigungen stand die beleibte, massige Gestalt Oliver Haddos. Sie fürchtete ihn jetzt wie nie zuvor, empfand aber merkwürdigerweise nicht mehr den physischen Widerwillen, der bisher alle anderen Gefühle beherrscht hatte. Obwohl Margaret sich immer wieder vorhielt, dass sie ihn niemals wiedersehen wollte, konnte sie dem übermächtigen Verlangen, ihn aufzusuchen, kaum widerstehen. Ihr Wille war ihr geraubt, sie war zu einem Automaten geworden. Sie kämpfte, wie ein Vogel im Netz des Fängers, mit sinnlosem Flügelschlagen; im Grunde ihres Herzens aber war sie sich dunkel bewusst, dass sie gar nicht den Wunsch hatte, zu widerstehen. Wenn er ihr jene Adresse gegeben hatte, dann nur, weil er wusste, sie würde von ihr Gebrauch machen. Warum sie zu ihm gehen wollte, wusste sie nicht; sie hatte ihm nichts zu sagen; sie wußte nur, dass es notwendig war zu gehen. Sie hatte wenige Tage vorher 'Phedre' von Racine gesehen und empfand nun plötzlich alle Qualen, die der unglücklichen Königin das Herz zerrissen; auch sie kämpfte planlos, um sich von dem Gift zu befreien, das die unsterblichen Götter ihr in die Adern gegossen hatten. Sie fragte sich wie besessen, ob ein Zauber über sie verhängt worden war, denn sie war jetzt bereit zu glauben, dass Haddos Macht keine Grenzen hatte. Margaret wusste, wenn sie der schrecklichen Versuchung nachgäbe, könnte nichts sie vor der Vernichtung retten. Sie wollte Arthur oder Susie um Hilfe anflehen, aber irgend etwas, was es war, wusste sie nicht, hinderte sie daran. Schließlich meinte sie, fast bis zur Raserei getrieben, dass Dr. Porhoet etwas für sie tun könne. Er wenigstens würde für ihre Not Verständnis haben. Ihr war, als dürfe sie keine Minute mehr verlieren, und hetzte zu ihm. Dort erklärte man ihr, er sei ausgegangen. Aller Mut verließ sie, denn es schien, als sei ihre letzte Hoffnung dahin. Sie war wie eine Ertrinkende, die sich an einen Felsen klammert; die Wellen stürzen auf sie ein und peitschen ihre blutenden Hände mit schon menschlicher Bosheit, als wollten sie sie von ihrem letzten Halt wegreißen..."

Am 6. Mai 2005 gelesen.

Leseprobe aus Die Gotteskrieger und die falsche Toleranz herausgegeben von Alice Schwarzer, hier: "Der Fall Ludin" von Alice Schwarzer - 1999

"...Fereshta Ludin ist 1972 in Afghanistan geboren und hat die deutsche Staatsangehörigkeit, weil sie mit einem Deutschen verheiratet ist. Ihr Vater war bei ihrer Geburt Innenminister in Kabul und dann Botschafter in Bonn. Ihre Mutter war Lehrerin und trägt bis heute kein Kopftuch. Fereshta kam als kleines Mädchen nach Bonn und hat in Schwäbisch Gmünd Abitur gemacht.

Als der Vater nach der sowjetischen Besetzung Afghanistans seine Stelle als Diplomat verlor, zog Fereshta als junges Mädchen mit ihrer Familie für einige Jahre nach Saudi-Arabien (in das Land, das als Haupt-Financier des weltweiten islamistischen Terrors gilt). Dort begann sie plötzlich, den Schleier zu tragen, "weil es mir gefallen hat". Ab 13 hat sie das Kopftuch nicht mehr abgelegt.

Mit 18 heiratete Fereshta Ludin in Schwäbisch Gmünd den fünf Jahre älteren Raimund Proschaska, einen Vollbart tragenden, zum Islam konvertierten, arbeitslosen deutschen Lehrer. Dem TV-Magazin "Mona Lisa" erklärte das Ehepaar, dass sie fünf Mal am Tag beten, zum ersten Mal morgens um fünf. Raimund Proschaska verabschiedet sich auch von seinen Eltern nur noch mit "Salemaleikum". Hinter der Hand wird in der schwäbischen Kleinstadt geflüstert: "In Schwäbisch Gmünd ischt die Milli Görüs sehr stark." Die Milli Görüs ist nach Erkenntnis des Verfassungsschutzes eine als "verfassungsfeindlich" eingestufte Gruppe.

Ab dem Wintersemester 1993 studierte Fereshta Ludin an der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd, wo Studienrat Erich Pommerenke die Ex-Studentin als "sehr emanzipiert und sehr selbstbewusst" in Erinnerung hat. Er fand es besonders sympathisch, dass "Frau Ludin etwas tut gegen den Werteverfall der Sitten in Deutschland". Pommerenke war es auch, der es durchsetzte, dass die Studentin Ludin im Rahmen ihres Studiums drei "Fortbildungsveranstaltungen" für Lehrerinnen machen konnte.

Eine von Pommerenkes Kolleginnen - die ihren Namen nicht nennen will, wie die meisten, wenn es um die Kritik am Kopftuch geht - erinnert sich gut: "Ich habe da völlig unvoreingenommen teilgenommen. Aber was die Frau Ludin da erzählt hat, das hat mir die Sprache verschlagen. Sie hat unter anderem gesagt, deutsche Frauen seien unrein, und nur muslimische Frauen seien rein. Muslimische Frauen hätten auch mehr Rechte als deutsche und stünden höher als die Männer. Also, da hat mich etwas angeweht, was mir regelrecht Angst gemacht hat ... Ich hatte den Eindruck, da wird unterwandert. Es waren auch deutsche Musliminnen aus Freiburg da, die Ludin unterstützt haben. Ich war so empört, dass ich mitten in der Veranstaltung raus gegangen bin."

Irgendwann beginnt die Studentin Ludin sich zu weigern, Männern die Hand zu geben. Das ist um 1995..."

Am 9. Mai 2005 gelesaen.

Leseprobe aus Der Liebhaber von Marguerite Duras:

"... Die Kleine mit dem Filzhut steht im schlammigen Licht des Flusses, allein auf dem Deck der Fähre, auf die Reling gestützt. Der Männerhut taucht die ganze Szenerie in Rosa. Es ist die einzige Farbe. Im dunstigen Licht des Flusses, im Licht der Hitze haben sich die Ufer aufgelöst, der Fluss scheint in den Horizont überzugehen. Der Fluss strömt lautlos, ohne Geräusch, wie das Blut im Körper. Kein Wind über dem Wasser. Der Motor der Fähre, das einzige Geräusch der Szene, das Geräusch eines alten klapprigen Motors mit ausgedienten Kurbelstangen. Von Zeit zu Zeit, bei leichten Böen, Geräusche von Stimmen. Und dann Hundegebell, es kommt von überall hinter dem Dunst hervor, aus allen Dörfern. Die Kleine kennt den Fährmann seit ihrer Kindheit. Der Fährmann lächelt ihr zu und erkundigt sich nach dem Befinden der Frau Direktorin. Er sagt, er sehe sie häufig nachts hinüberfahren, unterwegs zu ihrem Land in Kambodscha. Der Mutter geht es gut, sagt die Kleine. Um die Fähre herum der Fluss, er ist randvoll, seine Fluten durchströmen die stehenden Wasser der Reisfelder, sie vermischen sich nicht. Der Fluss hat alles zusammengerafft, was ihm seit dem Tonlésap, dem kambodschanischen Urwald, begegnet ist. Er nimmt mit, was kommt, Strohhütten, Wälder, Reste von Feuersbrünsten, tote Vögel, tote Hunde, ertrunkene Tiger und Büffel, ertrunkene Menschen, Fischköder, Inseln aus zusammengewachsenen Wasserhyazinthen, alles treibt auf den Pazifik zu, nichts hat Zeit dahinzufliessen, alles wird erfasst von dem tiefen und reißenden Sturm der inneren Strömung, alles bleibt in der Schwebe auf der Oberfläche des machtvollen Stroms..."

Im Mai 2005 gelesen.

Leseprobe aus Der Richter und sein Henker von Friedrich Dürrenmatt:

"... Lutz hatte gerade noch Zeit, die Liste des Nationalrats durchzusehen und sie, stöhnend über die Berühmtheit der Namen, sinken zu lassen - in was für eine unselige Angelegenheit bin ich da verwickelt, dachte er -, als Bärlach eintrat, natürlich ohne anzuklopfen. Der Alte hatte vor, die rechtlichen Mittel zu verlangen, bei Gastmann in Lamboing vorzusprechen, doch Lutz verwies ihn auf den Nachmittag. Jetzt sei es Zeit, zur Beerdigung zu gehen, sagte er und stand auf.

Bärlach widersprach nicht und verließ das Zimmer mit Lutz, dem das Versprechen, Gastmann in Ruhe zu lassen, immer unvorsichtiger vorkam und der Bärlachs schärfsten Widerstand befürchtete. Sie standen auf der Straße, ohne zu reden, beide in schwarzen Mänteln, die sie hochschlugen. Es regnete, doch spannten sie die Schirme für die wenigen Schritte zum Wagen nicht auf. Blatter führte sie. Der Regen kam nun in wahren Kaskaden, prallte schief gegen die Fenster. Jeder saß unbeweglich in seiner Ecke. Nun muss ich es ihm sagen, dachte Lutz und schaute nach dem ruhigen Profil Bärlachs, der wie so oft die Hand auf den Magen legte.

"Haben Sie Schmerzen?" fragte Lutz.

"Immer", antwortete Bärlach.

Dann schwiegen sie wieder, und Lutz dachte: Ich sage es ihm nachmittags. Blatter fuhr langsam. Alles versank hinter einer weißen Wand, so regnete es. Trams, Automobile schwammen irgendwo in diesen ungeheuren, fallenden Meeren herum, Lutz wusste nicht, wo sie waren, die triefenden Scheiben ließen keinen Durchblick mehr zu. Es wurde immer finsterer im Wagen. Lutz steckte eine Zigarette in Brand, blies den Rauch von sich, dachte, dass er sich im Fall Gastmann mit dem Alten in keine Diskussion einlassen werde, und sagte:

"Die Zeitungen werden die Ermordung bringen, sie ließ sich nicht mehr verheimlichen. ..."

Am 8. Mai 2005 gelesen.

Leseprobe aus Wellen von Eduard von Keyserling:

"... Als Doralice erwachte, hörte sie, dass im Nebenzimmer gesprochen wurde. Hans musste von seiner Nachtfahrt zurück sein und Agnes erzählte ihm etwas flüsternd, so dass es wie ein fortgesetztes Zischen klang. Nur selten warf Hansens tiefe Stimme Worte mit hinein. Das dauerte ziemlich lange, plötzlich brach das Gespräch ab, eine Tür ging und es wurde ganz still. Draußen war es sonnig und ein Wind schien zu gehen, denn die Netze, welche vor Doralices Fenster zum Trocknen aufgehängt waren, wiegten sich hin und her. Auf dem Zaun saßen zwei Kinder, trommelten mit den nackten Füßchen an die Bretter und sangen mit den schrillen Stimmen in den Wind hinein: "Henne, henne, helle, helle, ho, ho!" Doralice drückte sich fest in ihre Kissen. In ihren Gedanken begann die peinvolle Arbeit, den vergangenen Tag an den beginnenden zu knüpfen. Die Ereignisse der Nacht kamen, sie meldeten sich wie Gläubiger, die ihre Rechnung präsentieren. Vor allem aber meldete sich jene unheimliche, gespenstische Doralice, von der die Leute wie von einem reißenden Tiere sprachen, die davon lebte, sich entführen zu lassen, und die junge Mädchen in den Tod trieb. Zum ersten Male in ihrem Leben empfand Doralice sich selbst als eine Qual.

Agnes kam herein und brachte den Tee, Doralice sollte ihn heute im Bett trinken. Agnes stand dabei und berichtete, Hans war zurück, sie hatten viele Fische gefangen. Vom Bullenkruge war zum Strandwächter geschickt worden nach den Pferden, sie sollten das Gepäck zur Bahn bringen. Ja, und dann war der junge Herr vom Bullenkruge dagewesen, er wollte die Gnädige sprechen: "Was soll ich ihm sagen, wenn er wiederkommt?" schloss Agnes ihren Bericht und in den trüben Augen der alten Frau entzündeten sich grünliche Funken wie in den Augen böser Hunde. Doralice errötete unter diesem Blicke und es klang gequält und zornig, als sie hervorstieß: "Ich will ihn nicht sehen. Sag ihm, er soll abreisen. Ich will ihn nicht sehen, nie."

"Werd' es ausrichten", brummte Agnes und ging. ..."

Am 6. und 7. Mai 2005 gelesen.

Leseprobe aus Hänsel und Gretel, Aschenpuutel, Der Wolf und die sieben Geißlein - Grimms Märchen tiefenpsychologisch gedeutet von Eugen Drewermann:

"Die "Schätze" der Kindheit oder: Was das Märchen noch erzählen müsste

Diesen positiven mütterlichen Hintergrund im Erleben eines "Hänsel-und-Gretel"-Kindes hervorzuheben ist überaus wichtig, um se ne Entwicklungsmöglichkeiten nicht auf die Stelle zu beschränke! an welcher das GRiMMSche Märchen seine Erzählung beendet. Nach den Eintellungen der Literaturwissenschaft ist die Geschichte voll "Hänsel und Gretel" kein "Zaubermärchen", sondern ein "Kindermärchen"", will sagen: Es schildert nicht die Suchwanderungen verwunschener Liebender, sondern es begnügt sich damit, den Weg zu beschreiben, den — unter bestimmten Voraussetzungen - Kinder gehen müssen, um erwachsen zu werden. Doch bedeutet das schon, es könnte auch im wirklichen Leben die Entwicklung eines Mensehen genauso gut eben dort aufhören, wo die Geschichte der GRIMMschen Märchens ihren Abschluß findet? Ist es denn überhaupt vorstellbar, dass ein Mensch je "erwachsen" wird, ohne die Liebe eines anderen Menschen kennengelernt zu haben? Offenbar dürfen wir das Finale des Märchens von "Hänsel und Gretel" nicht als Ankunft zu einem gegebenen Ziel (miss)verstehen, wir sollten es vielmehr lesen, wie wenn im vergangenen Jahrhundert ein Stakenboot mühsam von einem Seitenarm der Elbe aus den Hamburger Hafen erreichte und seine Fracht von einem der ankernden Schoner übernommen wurde — erst jetzt ging es wirklich auf "Große Fahrt"! Alles in gewissem Sinne beginnt gerade dort, wo die BRÜDER GRIMM ihre Erzählung enden, und ihr "Scherz" von der Pelzkappe, die jeder sich aus der Maus machen könne, die da eben vorüberlaufe, zeigt nur, dass sie sehr wohl um das Willkürliche ihres Abschlusses wussten. Wir werden insofern gewiss nie mehr erfahren, wie es mit "Hänsel" und "Gretel" nun weiterging - was aus ihnen geworden ist; doch steht es uns frei zu prüfen, mit welcher "Fracht" sie den "Hafen" ihres "Vaterhauses" erreichen, und uns aus dem "Beutestück" unserer Überlegungen einen "Hut" nach der eigenen Kopfform zu schneidern.

Als "Hänsel" und "Gretel", gemeinsam (!), nach Hause "zurückkehren", finden sie dort nur ihren Vater noch vor; die Mutter, erzählt die Geschichte, ist inzwischen verstorben. Doch ist darum keine Trauer; diese Frau starb, so wissen wir, in dem Moment, da das "Gretel" die "Hexe" endgültig in den "Ofen" stieß. Es geht jetzt, mit einem Wort, überhaupt nicht um die Frage, wie ein Junge nach "Hänsel-und-Gretel"-Art, über das ASSAFsche Sehnsuchtslied hinaus, in der Realität zu einer Frau findet, die all seine Gefühle gegenüber der Mutter aufnimmt und übernimmt; es geht einzig darum, den Vater im Hause, das heißt, die eigene Rolle als Mann zu entdecken. Mit der "Heimkehr" ins "Vaterhaus" endet die Kreiswanderung" eines "Hänsel", der Entwicklungszyklus, der es vom Einfluß seiner Mutter gelöst hat und es nun als männliche Person nach dem Vorbild des Vaters bei sich selber ankommen lässt. Wer ist ein solcher "Hänsel-und-Gretel"-Junge jetzt als "Mann", und welche Aufgaben hält seine weitere Entwicklung noch für ihn bereit? So müssen wir fragen..."

Am 4. Mai 2005 gelesen.

Leseprobe aus Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge von Rainer Maria Rilke:

"... Noch vor meines Vaters Tod war alles anders geworden. Ulsgaard war nicht mehr in unserm Besitz. Mein Vater starb in der Stadt, in einer Etagenwohnung, die mir feindselig und befremdlich schien. Ich war damals schon im Ausland und kam zu spät.

Er war aufgebahrt in einem Hofzimmer zwischen zwei Reihen hoher Kerzen. Der Geruch der Blumen war unverständlich wie viele gleichzeitige Stimmen. Sein schönes Gesicht, darin die Augen geschlossen worden waren, hatte einen Ausdruck höflichen Erinnerns. Er war eingekleidet in die Jägermeisters-Uniform, aber aus irgendeinem Grunde hatte man das weiße Band aufgelegt, statt des blauen. Die Hände waren nicht gefaltet, sie lagen schräg übereinander und sahen nachgemacht und sinnlos aus. Man hatte mir rasch erzählt, dass er viel gelitten habe: es war nichts davon zu sehen. Seine Züge waren aufgeräumt wie die Möbel in einem Fremdenzimmer, aus dem jemand abgereist war. Mir war zumute, als hätte ich ihn schon öfter tot gesehen: so gut kannte ich das alles.

Neu war nur die Umgebung, auf eine unangenehme Art. Neu war dieses bedrückende Zimmer, das Fenster gegenüber hatte, wahrscheinlich die Fenster anderer Leute. Neu war es, dass Sieversen von Zeit zu Zeit hereinkam und nichts tat. Sieversen war alt geworden. Dann sollte ich frühstücken. Mehrmals wurde mir das Frühstück gemeldet. Mir lag durchaus nichts daran, zu frühstücken an diesem Tage. Ich merkte nicht, dass man mich forthaben wollte; schließlich, da ich nicht ging, brachte Sieversen es irgendwie heraus, dass die Ärzte da wären. Ich begriff nicht, wozu. Es wäre da noch etwas zu tun, sagte Sieversen und sah mich mit ihren roten Augen angestrengt an. Dann traten,

etwas überstürzt, zwei Herren herein: das waren die Ärzte. Der vordere senkte seinen Kopf mit einem Ruck, als hätte er Hörner und wollte stoßen, um uns über seine Gläser fort anzusehen: erst Sieversen, dann mich..."

Am 30. April und am 1. Mai 2005 gelesen.

Leseprobe aus Ehen in Philippsburg von Martin Walser:

"... Als die Hitze auch noch das letzte Blau des Himmels mit ihrem fahlen Weiß befallen und zersetzt hatte, als sie die letzten Wolkenschleier zerrissen und aufgezehrt hatte und sich gerade anschickte, ihren bösen Baldachin für alle Zeit über Philippsburg aufzuschlagen, da schob sich von Westen gelb-graues Gewölk herauf; es war, als nahte sich ein ungeheurer Widder, von dem man bis jetzt nur die Kopfwolle sah, die höher und höher aufwuchs, der Kopf selbst blieb unsichtbar, aber die Wolle löste sich, flog hoch und stampfte in riesigen Knäueln über Philippsburg hin, ganze Knäuelgeschwader waren es, die jetzt mit Blitz und Donner über der zusammengeduckten Stadt explodierten und mit Hagel erst und dann mit Regen auf die ausgeglühte Steinwüste hinabschlugen; allzu schwer beladenen Schiffen gleich, waren die Formationen angekommen, jetzt aber, nachdem sie ihre Lasten herabgeschleudert hatten, wurden sie leicht, lösten sich auf in tintige Schleier, stürmten hoch und eilten, den Versehrten Himmel mit ihren tiefen Farben zu tränken: und von ihrem Überfluss regneten sie tagelang auf die Stadt hinab.

Hans saß an seinem Schreibtisch. Ihm gegenüber Anne. Schreibmaschinengestotter aus dem Vorzimmer. Und von draußen die Zimbelmusik des Regens, der jetzt ohne Gewalt niederging. Hans tat, als baue er aus seinen Notizen eine Reportage. Am Vormittag hatten silbrige Herren in dunklen Anzügen an einem Rednerpult, aus dem die Mikrophone wie eine Saat bleigrauer Tulpen ragten, die "Große Landesausstellung der Rundfunk- und Fernsehgeräteindustrie" eröffnet. Aber Hans kritzelte nur Worte aufs Papier. Sinnlose Einzelworte. Er spürte, dass Anne ihn ansah, dass sie herüberlächelte über die zwei Schreibtische und wartete, bis auch er sie ansehen würde, hinüberlächeln würde zu ihr. Cecile, dachte er, Marga ... Anne war so vergnügt heute. Bei jedem zweiten Satz quiekste sie, kniff ihre Augen zusammen, war mindestens schon fünfmal um beide Schreibtische herumgerannt, um ihm mit Mund und Zunge im Gesicht herumzuradieren.

"Was tun wir heute Abend?" hatte sie gefragt..."

Am 29. April 2005 gelesen.

Leseprobe aus Die Angst des Tormanns beim Elfmeter von Peter Handke:

"... Er brauchte nicht lange, um wach zu werden; schon mit dem ersten Augenblick des Aufwachens kam er sich an allen Stellen offen vor; wie wenn in dem Zimmer Luftzug wäre, dachte er. Dabei hatte er sich nicht einmal die Haut abgeschürft. Trotzdem bildete er sich ein, aus seinem ganzen Körper dringe eine Lymphflüssigkeit hervor. Er war aufgestanden und hatte alle Gegenstände im Raum mit einem Geschirrtuch abgewischt.

Er schaute aus dem Fenster: unten lief jemand mit einem Arm voll Anzügen, die auf Kleiderbügeln hingen, über den Rasen zu einem Lieferwagen.

Er verließ das Haus mit dem Aufzug und ging einige Zeit, ohne die Richtung zu ändern. Später fuhr er mit einem Vorortbus bis zur Straßenbahnendstation; von dort fuhr er in die Innenstadt.

Als er ins Hotel kam, erwies sich, dass man, in der Meinung, er komme nicht zurück, seine Aktentasche schon sichergestellt hatte. Während er bezahlte, holte der Hausbursche die Tasche aus der Abstellkammer. An einem hellen Ring erkannte Bloch, dass eine Milchflasche mit nassem Boden draufgestanden haben musste; er machte die Tasche auf, während der Portier das Wechselgeld zusammensuchte, und bemerkte, dass man auch den Inhalt der Tasche schon geprüft hatte; der Stiel der Zahnbürste schaute aus dem Lederetui; das Taschenradio lag obenauf. Bloch drehte sich nach dem Hausburschen um, aber dieser war in der Abstellkammer verschwunden. Da der Raum hinter dem Portiertisch ziemlich klein war, konnte Bloch den Portier mit der einen Hand heranziehen und dann, nach einem Atemholen, mit der andern Hand eine Finte gegen das Gesicht des Portiers schlagen. Dieser zuckte zurück, obwohl Bloch ihn gar nicht getroffen hatte. Der Hausbursche in der Abstellkammer verhielt sich still. Bloch war schon mit der Tasche hinausgegangen..."

Am 28. April 2005 gelesen.

Leseprobe aus Stadt aus Glas von Paul Auster:

"... Die erste Begegnung mit Stillman fand im Riverside Park statt. Es war mitten am Nachmittag, an einem Samstag voller Fahrräder, Menschen, die ihre Hunde spazieren führten, und Kinder. Stillman saß allein auf einer Bank, starrte auf nichts im besonderen und hatte das kleine rote Notizbuch auf dem Schoß liegen. Überall war Licht, ein ungeheures Licht, das von allem auszustrahlen schien, was das Auge erblickte, und oben in den Zweigen der Bäume wehte eine Brise und schüttelte die Blätter mit einem heftigen Rauschen, einem Steigen und Fallen, das stetig wie eine Brandung atmete.

Quinn hatte seine Schritte sorgfältig geplant. Er tat, als bemerkte er Stillman nicht, setzte sich neben ihn auf die Bank, verschränkte die Arme vor der Brust und starrte in dieselbe Richtung wie der alte Mann. Keiner von beiden sprach. Nach seinen späteren Berechnungen schätzte Quinn, dass das etwa fünfzehn oder zwanzig Minuten dauerte. Dann wandte er unversehens den Kopf dem alten Mann zu und sah ihn offen an, heftete seine Augen hartnäckig auf das runzelige Profil. Quinn konzentrierte seine ganze Kraft in seinen Augen, so als könnten sie ein Loch in Stillmans Schädel brennen. Dieses Starren dauerte fünf Minuten.

Endlich wandte sich Stillman ihm zu. Mit einer überraschend sanften Tenorstimme sagte er: "Es tut mir leid, aber es wird mir nicht möglich sein, mit Ihnen zu sprechen."

"Ich habe nichts gesagt", antwortete Quinn..."

 

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Christoph Gäbler 21.07.2010