Gaebler  Info und Genealogie

 

1997
2000
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2006-1
2006-2
2007-1

Lesen 2003-1

Im Juni 2003 gelesen.

Wie erklären wir, dass wir immer von Anderen beeinflusst werden, die wir nicht kennen? Judith Butler, wirkmächtiger Theoriestar der Genderpolitik, stellt im Rahmen der Frankfurter Adorno-Vorlesungen ihre "Kritik der ethischen Gewalt" vor.

zu Pfingsten 2003 gehört.

Die beiden Cds Verwunschene Fenster Stories 1938 - 1949 Volume 2 von Patricia Highsmith gelesen von Gerd Wameling und Eva Mattes enthalten  vier psychologische Erzählungen über moderne Großstadtmenschen, die ich gerne gehört habe aber auch wieder schnell vergessen werde.

Am 26. und 27. Mai 2003 gehört.

Der Amokläufer von Stefan Zweig in der Hörfassung hat mich gefesselt und beeindruckt. Auf einer Schiffsreise von Kalkutta nach Neapel lernt ein Passagier auf dem Schiff einen Arzt kennen, der in einer holländischen Kolonie in Indien seinen Dienst verrichtete und offensichtlicht verzweifelt war. In einem langen Gespräch vertraute sich der Arzt diesem Fremden an und erzählte ihm von dem Tag, als eine Frau seine Hilfe brauchte; der Tag, der Auslöser war für das später nachfolgende tragische Ereignis...

Im Mai 2003 gehört.

Die Schachnovelle von Stefan Zweig  erschien 1941 noch vor seinem Selbstmord im Exil. Der Ich-Erzähler kann nicht besonders gut Schachspielen. An Bord eines Passagierdampfers begegnet er dem Schachweltmeister Mirko Czentovic. Dieser wird von einem Millionär gegen Honorar zu einer Partie herausgefordert. Die erste Partie gegen den Schachweltmeister geht verloren. Bei der zweiten Partie greift ein fremder Herr, der österreichische Emigrant Dr. B., beratend in die schon fast verlorene Partie ein. Er rettet gegen den Schachweltmeister ein Remis. Dr. B. wurde in der Nazizeit  von der Gestapo verhaftet. und während seiner Haft in einem Hotelzimmer festgehalten. Er konnte sich nur vor der endgültigen nervlicher Zermürbung und Monotonie bewahren, indem 150 Meisterpartien auswendig lernte. Zum ersten Mal seit seiner Haft spielt Dr. B. nun Schach auf einem richtigen Schachbrett und gegen einen menschlichen Gegner. Nachdem er gegen den Schachweltmeister ein Remis geschafft hat, ließ er sich zu weiteren Partien überreden. In der ersten Partie schlägt er Czentovic,. während der zweiten Partie droht er wieder wie in der Haft durchzudrehen und muss von dem Schachbrett weggebracht werden. 

Am 6. Mai 2003 auf der Fahrt nach Hermannsburg gehört.

Ich lese gerne Connie Palmen, diesmal als Hörbuch das  Buch  Die Erbschaft. Die Kritik geht hart mit dem Buch um. Mich hat beim Autofahren die Geschichte der unheilbaren Krankheit der Schriftstellerin Lotte Inden fasziniert. Lottes Reflexionen u.a. über Literatur muss ich mir noch einmal zu Gemüte führen.

Wenn man die Zeit am Mittelmeer verbringt, dann ist man gespannt, was der  Reiseschriftsteller Paul Theroux in seinem Buch "An den Gestaden des Mittelmeers" von Nizza bis Menton berichtet. Hier ein Zitat.  "Am Tag nach dem Umzug tippelte ich auf Zehenspitzen zum Bahnhof. In Nizza, der Stadt der Hundehaufen, kann man nicht einfach so losmarschieren. Angesichts eines Hundehaufens auf dem Bürgersteig kam dem englischen Maler Francis Bacon, damals siebenzehn Jahre alt, eine Erleuchtung: ‚Da haben wir es: genau so ist das Leben.' Welches entrückte Gefühl hätte er erst in Nizza gehabt, wo die Bürgersteige so vollgemachte sind, dass ein spezielles, einsitziges Haufenmobil herumfahren und die Hinterlassenschaften mit seinem langen Rüssel aufsaugen muss. Selbst dessen unablässiger Einsatz ist nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Sieger über das Haufenmobil bleibt ein Gegner, bei dem man sich das kaum vorstellen kann: eine ältere, übermäßig herausgeputzte Französin, eine Witwe vielleicht, eine Pensionärin, eine begüterte Vermieterin - jemand wie Madame Godefroy. Ein Menschentypus, den man am allerwenigsten mit Hundescheiße assoziieren würde, und doch verbringt diese zarte, würdige Dame einen Großteil ihres Tages mit Berechnungen der dringenden Vorgänge im Gedärm ihres Schützlings. An der gesamten Riviera gibt es tausende dieser Frauen und ihre Hunde. Ununterbrochen hasten sie mit ihren winzigen Vierbeinern auf den Gehwegen auf und ab und sehen schnell in die andere Richtung, wenn die Biester anhalten, um ein steifes Würstchen auf eben den Fleck zu platzieren, auf den man gerade seinen Fuß setzen wollte." Der Reisebericht hinterlässt bei mir den Eindruck, dass Theroux nichts am Mittelmeer sucht und daher selten was findet.

Vom 13. bis 15. April 2003 gelesen.

Der Campus von Dietrich Schwanitz ist spannend, beschreibt er doch die Hamburger Uni-Atmosphäre, die mir auch noch nach 40 Jahren sehr bekannt vorkommt. Als Insider bestens informiert, schildert der Schriftsteller den Hochschulalltag als schillernde Akademiker-Farce. Da kämpft die Frauenbeauftragte an der Seite eines scheinheiligen Alt-68ers für die Rechte der Frau. Politiker kämpfen unter dem Vorwand der Moral um die Macht und die Presse um ihre Auflage. Ein Professor findet den Mut zur Wahrheit über eine Affare mit einer Studentin...

Vom 9, bis 12. April 2003 gelesen.

Eugen Drewermanns Buch Worum es eigentlich geht ist beeindruckend. Es ist nicht zu fassen, wie lange es noch dauern soll, bis die Aufklärung bei den Katholiken zum Durchbruch kommt. Welcher Papst wird da eines Tages kommen müssen. "...Noch in den Schmalkaldischen Artikeln, dem letzten reformatorischen Versuch, durch ein gemeinsames Konzil die endgültige Spaltung der Kirche zu verhindern, hatte M. Luther auf Drängen Melanchtthons sich bereit gefunden, selbst den römischen Papst als gemeinsames Oberhaupt aller Christen anzuerkennen, wofern man nur sagen wollte, die Institution des Papsttums sei von Menschen geschaffen, nicht von Gott...", welches Ärgernis löst noch heute der Satz "Historisch gesehen, hat Jesus nicht ein einziges Sakrament der Kirche eingesetzt" aus (S. 60/1).

Die Dokumentation zum Rauswurf aus dem Lehr- und Priesteramt ist spannend zu verfolgen. Zwei Stellen waren für mich wichtig: "Wo auch nur zwei Menschen innig einander zugetan sind, da ist ‚Kirche'; denn Gott wohnt im Herzen des Menschen, und seine Sprache ist eine Liebe, die Menschen in aller Leidenschaft miteinander verbindet... Es gibt, parallel zur Öffnung der beamteten Kirche nach innen in Richtung ihrer eigenen Gläubigen, eine psychische Veränderung, die ich dringend will und die mir unausweichlich scheint: Sie besteht darin, die verinnerlichte Kirchenzensur im Überich abzubauen und Religiosität nicht länger als Funktion aus Tradition und Fremdbestimmung zu betrachten, sondern in ihr wesentlich eine Funktion des Ichs zu sehen. Ein Mensch ist so viel Person, wie die Person wert ist, zu der er sich wesentlich verhält; ja, es scheint, dass der Aufstieg des Monotheismus kulturgeschichtlich identisch war mit der Entwicklung des Ichbewusstseins. Die Religion der Zukunft wird prophetisch, individuell und personal sein, oder sie wird gar nicht sein (S. 67 - 69)."

Am 7. und 8. April 2003 in Menton gelesen.

Mit viel Anteilnahme habe ich das Buch Eisige Zeiten von Friedrich Schorlemmer gelesen. Er beschreibt eindrücklich die zunehmende soziale Kälte in Deutschland. Ich kann ihm nur zustimmen, wenn er schreibt:: "Wo soviel über notwendiges Sparen gesprochen wird, das am ehesten und am deutlichsten die Armen und Ärmsten betrifft, muss auch endlich über den Reichtum und darüber gesprochen werden, wieweit die Allgemeinheit ein Anrecht auf diesen Reichtum hat... Capital 4/96 schreibt: 'Trotz der hohen Steuersätze in Deutschland in den letzten 15 Jahren hat die tatsächliche Belastung der Gewinne und Vermögen mit Steuern markant abgenommen.1980 konfizierte der Staat noch 36%, 1995 nur 18 Prozent.'"

Vom 3. bis 6. April 2003 in Menton gelesen.

Paradies ist ein Roman der Literaturnobelpreisträgerin von 1993, Toni Morrison: Die Geschichte einer von Rassismus und Intoleranz bedrohten Gruppe von schwarzen und weißen Frauen. Ort des Geschehens ist Ruby in Oklahoma, eine schwarze Enklave. Isolation bedeutet Sicherheit, die enge Verbundenheit der Bewohner schafft Vertrautheit. Doch seltsame Begebenheiten bringen Unruhe,  es scheint als habe die streng christliche Gemeinde Gottes Segen verwirkt. Argwöhnisch wird nach Ursachen geforscht. Verdächtigt werden vor allem fünf Frauen, deren unkonventioneller Lebensstil vielen schon lange ein Dorn im Auge ist. Sie leben in einer Art Wohngemeinschaft in einem alten Kloster außerhalb der Ortschaft, nach Ansicht der Bewohner Rubys ohne Moral und Gesetz. Doch der Unfrieden im Dorf wächst, bis sich eines Morgens ein bewaffneter Trupp Männer zum Kloster aufmacht. 

Die Frauen vom "Paradies" können von den Männern nicht ertragen werden, die Wunden der Sklaverei sind nicht vernarbt. Die verschworne Gemeinschaft zerbricht. "‚Oder geht's Ihnen einfach darum eine Vergangenheit zu finden, in der keine Sklaverei vorkommt?' ‚Warum nicht? Es gab ein Leben vor der Sklaverei, eine Menge Leben. Und wir sollten wissen, was das für ein Leben war. Wenn wir uns nämlich von der Sklavenmentalität befreien wollen.' ‚Irrtum, Reverend, der Weg, den sie da gehen, ist ein Holzweg. Die Sklaverei ist unsere Vergangenheit. Nichts und niemand kann das ändern, am wenigsten Afrika.' ‚'Wir leben auf dieser Erde, Pat. Auf der ganzen Erde. Keile zwischen uns zu treiben, uns zu isolieren, das war immer ihre Taktik. Vereinzelung tötet ganze Generationen. Sie hat keine Zukunft.' ‚Glauben Sie denn, dass die Alten hier ihre Kinder nicht lieben?' Misner strich sich über die Oberlippe und seufzte: ‚Ich glaube, sie lieben sie zu Tode '"

Am 27.03.03 gelesen.

Kurz und lapidar wird in Adressat unbekannt das Ende einer Freundschaft zwischen einem Deutschen und Juden vor über 65 Jahren dargestellt. Beeindruckender als Rich Cohen wird in diesem literarischen Meisterwerk von Kressmann Taylor gezeigt, wie der Jude Max zurückschlägt.

Am 24.03.03 das Hörbuch (140 min) gehört.

Ich habe die Audiobook-Fassung von Das verborgene Wort der Rheinländerin Ulla Hahn gehört. Das Arbeiterkind Hildegard Palm wächst in der Enge einer katholischen Dorfwelt der fünfziger und sechziger Jahre auf. Die starren Regeln, die außerordentlich strengen Erziehung lassen die Kleine fast zerbrechen. Ihre Fantasie, ihr Entdeckergeist und ihr unverwüstlicher Lebenswille stoßen bei ihren Eltern auf absolutes Unverständnis...

Am 21.03.03 auf der Fahrt in den Thüringer Wald gehört.

Das Hörbuch Muschelessen von Birgit Vanderbeke hat mich auf einer Autofahrt von Bremen in den Thüringer Wald begleitet. Die zwanzigjährige  Befreiung von dem Familienpatriarchen im Originalton der Autorin in nur drei Stunden ist für mich sprachlich beeindruckend gewesen. Am Ziel in der Frühlingsluft konnte ich richtig durchatmen.

Im März 2003 gelesen.

Brecht in Augsburg in Erinnerungen, Dokumenten und Fotos von Werner Frisch und K.W. Obermeier geben Einblick in Bertolt Brechts bisher wenig bekannte Kindheit und Jugend in Augsburg, bevor er 1924 nach Berlin aufbrach.

Im Februar 2003 gelesen.

In dem Buch Das entschwundene Land  erzählt Astrid Lindgren von ihrer glücklichen Kindheit, von dem Hof wo sie geboren wurde, von der Liebesgeschichte ihrer Eltern, von dem Leseabenteuer, das für sie eines Tages in einer armseligen kleinen Häuslerküche anfing, kurz ein Stück Autobiographie und nicht zu vergessen Ratschläge für Kinderbuchautoren... 

In den ersten Februartagen 2003 gelesen, danke Ulla!

Zu Weihnachten habe ich den Roman Dieses Licht! geschenkt bekommen. Die Geschichte von Carlos Saura, die zu Beginn des spanischen Bürgerkrieges spielt, ist dokumentarisch, oft durch Rückblenden und Erinnerungen unterbrochen, sie ging mir ans Herz und wird mich noch in Zukunft beschäftigen. Von einen auf den anderen Tag hat sich alles verändert; wer gestern ein Freund war, konnte über Nacht zum tödlichen Gegner werden. Die Liebesgeschichte zwischen Diego und Teresa zeigt, was Liebe auch in Zeiten des Krieges bedeutet. Welches Leid wird der Irak-Krieg für viele Menschen bringen...

Im Januar 2003 gelesen

Das Buch Nachtmarsch von Rich Cohen, dass mir Gäbler zu Weihnachten geschenkt hat, ist bei der Kritik nicht auf ungeteilte Zustimmung gestoßen. Der Autor beschreibt die Geschichte des jüdischen Widerstandes von drei polnischen Juden, die versuchten, den Kampf im Untergrund gegen die Deutschen in Wilna zu organisieren, er beleuchtet in sachlicher Sprache die Reaktion auf den deutschen Terror, die das Bild von den alles erduldenden Juden korrigiert. Dies Buch ist für mich eine wichtige Ergänzung zu dem Buch von Imre Kertesz.

 

© 
Christoph Gäbler 21.07.2010