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Herz der Finsternis

Von Joseph Conrad

Inhalt

Zentralafrika gegen Ende des 19. Jahrhunderts: Leise und unaufhaltsam bahnt sich ein schmales Boot den Weg durch den dunklen Urwald. Immer weiter stößt es vor auf dem Flusslauf des Kongo, immer tiefer dringt es ein in den unheimlichen Dschungel. Auf dem Boot sieht der junge Kapitän Marlow mit Ungeduld dem Ziel seiner Mission entgegen: der Begegnung mit dem mysteriösen Elfenbeinhändler Kurtz. Dieser hat sich ganz der Kontrolle der Handelsgesellschaften entzogen und inmitten der Wildnis sein eigenes Schreckensreich errichtet. Marlow soll ihn zurückholen. Doch schon bald stellt sich die Frage: Wird er selbst überhaupt zurückkehren?

Conrads suggestive Novelle erzählt von einer Expedition, die weiter führt als nur in das Zentrum des afrikanischen Kontinents. Sie führt ins Herz des britischen Kolonialreichs, das sich die Welt mit kalter Effizienz untertan machen will, dabei jedoch immer wieder irrationale Brutalität gebiert. Zugleich ist Marlows Reise auch eine ins Verdrängte, Halbbewusste. Undurchdringlich ist nicht nur der Urwald, der sich wie eine schwarze Wand zu beiden Seiten des Flusses auftürmt, sondern auch der Dschungel der Gefühle und Ängste, der sich vor dem jungen Kapitän auftut. Er ist auf einer Reise, nach der er nicht mehr derselbe sein wird.

Rezension aus der Süddeutschen Zeitung

Weißer Fleck, schwarze Seele

Von Ralf Hertel

Die Reise beginnt mit einem weißen Fleck auf der Landkarte. Neun Jahre alt ist der kleine Jozéf, als er sich mit Hilfe von Atlanten aus dem russischen Exil fortträumt, in das es die Familie Korzeniowski 1862 nach ihrer importunen Unterstützung für die polnischen Unabhängigkeitsbestrebungen verschlagen hat. Mit dem Finger zeigt er auf die noch nicht vermessene Leere im Herzen Afrikas: "Da will ich hin!"

Jahre später ist er tatsächlich dort. Von Wologda in Nordrussland zum oberen Flusslauf des Kongos: Es ist eine Reise mit vielen Umwegen. Zunächst wird Jozéf Korzeniowski nach dem frühen Tod der Eltern zum Onkel in der Schweiz geschickt, dann heuert er auf französischen Schiffen an, schmuggelt Waffen für den Karlistenaufstand in Spanien, lernt als 21-Jähriger Englisch, dient sich hoch, bis er 1890 das Kommando für eine Kongofahrt erhält. Es wird zum Himmelfahrtskommando, auf dem er dem Tod ins Angesicht blickt.

Und dennoch kehrt er zu den überwucherten Wasserarmen zurück und reist ein zweites Mal den Fluss hinauf - diesmal, neun Jahre später, in Gedanken. In kühler, subtil symbolhafter Prosa lässt Jospeh Conrad, wie sich Korzeniowski nach seiner Einbürgerung in Großbritannien nennt, den Seefahrer Marlow von seiner Expedition ins Reich der Finsternis erzählen. Während die Matrosen bei London vor Anker liegen, folgen sie dem Erzählstrom Marlows die Themse hinunter, hinaus aufs Meer, hinein in den Urwald, vom Kopf zum dunkel pulsierenden Herzen des Kolonialismus, das das weiße Gold Elfenbein in die Wasserwege der Seefahrermacht wie in deren imaginäre Arterien pumpt. Am Ende wartet der mysteriöse, sich ganz der Kontrolle der Handelsgesellschaft entziehende Elfenbeinhändler Kurtz schon auf Marlow, der ihn zurück in die zivilisierte Welt holen soll.

Marlows Reise ist tatsächlich eine hinaus aus der Zivilisation. Sie führt ihn weiter als ins düstere Zentrum der Kolonialherrschaft, sie führt ihn, den zivilisierten Menschen, in die barbarische Mitte seiner selbst. Der Urwald wird hier zur Seelenlandschaft, zum undurchdringlichen Dickicht archaischer Begierden. "Herz der Finsternis", ein Jahr vor Freuds "Traumdeutung" von 1900 erschienen, wirkt wie das literarische Erwachen des Unbewussten. Es ist ein grauenvolles Buch im Wortsinn: Das Grauen fällt den Leser an wie ein Raubtier aus dem Unterholz. Und das Schlimmste ist: Jeder trägt diesen Urwald in sich. Kurtz, dieser Wahnsinnige, der mitten im Dschungel eine Schreckensherrschaft errichtet hat, der sich vergöttern lässt und Menschenopfer verlangt, wirkt nicht nur auf Marlow unwiderstehlich faszinierend, weil er die dunklen, tabuisierten Triebe auslebt, die zum Menschen gehören wie ein Schatten, weil er hurt, weil er foltert, weil er tötet, weil er sich anbeten lässt, wie wir es alle gerne täten. Für Chinua Achebe war Conrad "a bloody racist". Schlimmer kann man ihn nicht missverstehen. Seine Novelle zeigt, dass das Wilde in uns allen wohnt, unabhängig von unserer Herkunft, dass unter dem lichten Kleid der Zivilisation allenthalben das schwarze Herz der Barbarei schlägt.

Am Ende bringen sie Kurtz auf das Schiff, um ihn aus seinem Größenwahn zu reißen - ein Versuch, der scheitern muss. Doch die Reise ist damit noch nicht zu Ende. Die des Lesers beginnt erst: die Reise in eine unruhige Nacht mit dunklen Träumen, die Reise ins Herz der eigenen Finsternis.

Biographie des Autors

Joseph ConradJoseph Conrad (1857-1924) verarbeitet in "Herz der Finsternis" die persönliche Erfahrung einer verhängnisvollen Kongofahrt, auf der er selbst dem Tod sehr nahe kam. Schon früh suchte der als Josef Teodor Konrad Nalecz Korzeniowski im ukrainischen Berditschew geborene Conrad als Seemann sein Glück. Mit kaum achtzehn Jahren verdingte er sich als Lehrling bei der französischen Handelsmarine und reiste zwischen 1875 und 1878 dreimal in die Karibik. Weitere sechzehn Jahre fuhr er für die britische Handelsmarine zur See. Seine unzähligen Reisen führten ihn nach Borneo, Malaysia, Südamerika und zu verschiedenen südpazifischen Inseln. Auf den langen Expeditionen begann er zu schreiben, und im Alter von 36 Jahren beschloss er, sich ganz der Literatur zu widmen. Sein Durchbruch gelang ihm mit den Seefahrerromanen "Der Nigger von der Narzissus" (1897) und "Lord Jim" (1899). Darauf folgte die Novelle "Das Herz der Finsternis", die neben "Lord Jim" als sein bekanntestes Werk gilt. Conrad starb 1924 an einem Herzinfarkt.


© 
Christoph Gäbler 21.07.2010