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Die Angst des Tormanns beim Elfmeter

Von Peter Handke

Inhalt

Von einem Tag auf den nächsten ist nichts mehr so, wie es war. Der Monteur Josef Bloch, früher einmal ein bekannter Torwart, wird wortlos entlassen - jedenfalls ist er eines Morgens fest davon überzeugt. Er verlässt seine Arbeitsstelle und spaziert ziellos durch Wien. Alles stört ihn: Die Geräusche der Stadt sind zu laut, deren Grellheit irritiert ihn. Er flüchtet sich in ein dunkles Kino. Mitten im Film hört er eine Glocke läuten, doch er weiß nicht mehr, ob das Geräusch zum Film gehört oder ob es vom nahegelegenen Naschmarkt ins Kino hereindringt. Es ist, als sei die Welt mit einem Mal aus den Fugen geraten. Doch das ist noch nicht alles: Schon bald geschieht ein Mord...

Peter Handke erzählt in "Die Angst des Tormanns beim Elfmeter" (1970) die bedrückende Geschichte eines Menschen, der sich mit einem Mal nicht mehr zurechtfindet in der Welt. Er entwickelt eine Kriminalgeschichte, in der sich der Täter selbst auf die Schliche kommen will.

Rezension aus der Süddeutschen Zeitung

Der Tag, an dem ihm die Welt verloren ging

Von Michael Krüger

Es ist noch nicht allzu lange her, dass die Sprache – und damit das Schreiben und Beschreiben – für die ernsthaften Schriftsteller zum Problem wurde. Ludwig Wittgensteins logische Untersuchungen zur Alltagssprache und die psychoanalytische Theorie auf der einen Seite, die Skepsis gegenüber der politischen Sprache auf der anderen führten zu einem so prinzipiellen Verdacht gegenüber der „Wahrheit“ literarischer Kunstwerke, dass besonders vorschnelle Ideologen bereits das Ende des Romans feststellten. Vor diesem Hintergrund entstanden vor dreißig Jahren einige der besten Prosabücher der deutschen Literatur, von Thomas Bernhards „Kalkwerk“, Peter Handkes „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“ bis zu „Marlenes Schwester“ von Botho Strauß, und sie sind deshalb so vorbildlich geblieben, weil sie das Problematische unseres Umgangs mit der Sprache nicht ausgeblendet haben.

Peter Handkes Erzählung vom armen Monteur Josef Bloch, der früher ein bekannter Tormann gewesen war und am Beginn der Geschichte von seiner Firma entlassen wird (oder annimmt, entlassen worden zu sein), gehört bis heute zu den klügsten, spannendsten und verstörendsten Werken der deutschen Nachkriegsliteratur. Es ist eine Krankengeschichte: Bloch zeigt Symptome einer manifesten Schizophrenie. Innenwelt und Außenwelt, normalerweise durch eine verständliche Sprache vermittelt, klaffen auseinander. Je länger er auf seinen ziellosen Wanderungen durch Wien unterwegs ist, desto mehr kommt ihm die Welt abhanden. Die Dinge entziehen sich seinen Worten, sie führen ein Eigenleben. Blochs übersteigerte Wahrnehmungsintensität findet keinen Ausdruck mehr: „Einerseits diese Aufdringlichkeit der Umgebung, wenn er die Augen offen hatte, andererseits diese noch schlimmere Aufdringlichkeit der Wörter für die Sachen in der Umgebung, wenn er die Augen geschlossen hatte.“ In dieser heillosen Situation lernt er die Kassiererin eines Kinos kennen, die sich umstandslos mit ihm einlässt. Sie verbringen eine Nacht miteinander. „,Ich heiße Gerda!‘ sagte sie. Bloch hatte es gar nicht wissen wollen ... Ob er heute zur Arbeit gehe? fragte sie. Plötzlich würgte er sie. Er hatte gleich so fest zugedrückt, dass sie gar nicht dazugekommen war, es noch als Spaß aufzufassen.“

Bloch, der Mörder, fährt zu einer Freundin, die in einem südlichen Grenzort eine Gastwirtschaft führt – aus der Krankengeschichte wird ein ungewöhnlicher Kriminalroman, in dem die Rollen von Täter und Opfer verschwimmen. Am Ende finden wir Bloch als Zuschauer bei einem Fußballspiel. Es wird ein Elfmeter gegeben. Bloch erklärt sehr genau und rational die verschiedenen Möglichkeiten des Torschützen und des Torhüters, sich gegenseitig zu täuschen und zu überlisten. „Der Schütze lief plötzlich an. Der Tormann, der einen grellgelben Pullover anhatte, blieb völlig unbeweglich stehen, und der Elfmeterschütze schoss ihm den Ball in die Hände.“

Peter Handkes Ursachenforschung eines sich selbst fremd werdenden Menschen bedient sich nicht, wie etwa Sartres „Ekel“, eines existentialistischen Musters, sondern gewinnt seine Spannung ganz aus der Perspektive des distanziert mitgehenden Zuschauers, der Bloch auf seiner Odyssee begleitet. So liest sich die Geschichte des extrem geräuschempfindlichen, mit peinigender Sensibilität geplagten Menschen, der zum Mörder wird, wie ein Fall. Ein „Fall“ allerdings, der lange nachhallt, bis heute.

Biographie des Autors

Peter Handke wurde 1942 in Kärnten geboren. Er studierte Rechtswissenschaften an der Universität Graz und schloss sich dem Literatenkreis "Grazer Gruppe" an. 1965 nahm der Suhrkamp-Verlag sein Romanmanuskript "Die Hornissen" an, woraufhin Handke sein Studium abbrach, um sich ganz dem Schreiben widmen zu können. Bekannt wurde er ein Jahr später, als er bei einem Treffen der "Gruppe 47" sein provokantes Stück "Publikumsbeschimpfungen" vorstellte. In den Achtzigerjahren bereiste Handke unter anderem Alaska, Japan und Jugoslawien. 1991 ließ er sich bei Paris nieder. In den folgenden Jahren veröffentlichte er eine Reihe von Prosatexten, darunter die Romane "Die Wiederholung" (1986) und "Mein Jahr in der Niemandsbucht" (1994). 1996 sorgte er mit seinem Reisebericht "Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drine oder Gerechtigkeit für Serbien", in dem er die Serben als die eigentlichen Opfer des Bürgerkriegs bezeichnet, für einen Skandal.

Peter Handke ist einer der bekanntesten deutschsprachigen Autoren der Gegenwart und wurde mit einer Vielzahl renommierter Ehrungen wie etwa dem Büchner-Preis ausgezeichnet.


© 
Christoph Gäbler 21.07.2010