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Die Stimmen von Marrakesch

Von Elias Canetti

Inhalt

Marrakesch - eine Stadt mit einem Namen wie eine Verheißung. Das singende Stimmengewirr der farbenprächtigen Märkte, orientalische Gerüche, Kameltreiber, Straßenverkäufer, aber auch Bettler und Blinde - all das findet Elias Canetti auf seiner Reise in die fremdartige, faszinierende Stadt. Dabei begleitet er in den Fünfzigerjahren eher aus Zufall ein Filmteam in diese Welt, die märchenhaft und rätselhaft zugleich wirkt. Er kehrt zurück nach London, doch die Erinnerung lässt ihn nicht mehr los. Schließlich beginnt er, in kurzen literarischen Skizzen die rätselhafte Stadt in ihrer ganzen Sinnlichkeit und Lebendigkeit zu beschwören. So erwachen vor dem Auge des Lesers die arabischen und jüdischen Viertel, die Kamelmärkte, die feilschenden Händler und die Prostituierten gleichsam zu neuem Leben.

Canettis Aufzeichnungen "Die Stimmen von Marrakesch" (1968) sind kein Reisebericht im traditionellen Sinn. Vielmehr sind sie literarische Momentaufnahmen, die in immer neuen Versuchen den flüchtigen Charme Marrakeschs einfangen und am Ende ebenso viel über den bezauberten Schriftsteller verraten wie über die Stadt, die ihn in ihren Bann gezogen hat.

Rezension aus der Süddeutschen Zeitung

Geschichten vom träumenden Exoten

Von Willi Winkler

Vielleicht war er gar nicht dort, und der Reisebericht ist doch ein Roman. Ein Roman aus tausendundeiner Nacht, denn er handelt vom Basar, von Bettlern und Kamelen, von den Reichtümern des Orients und vom Geschichtenerzählen.

"Die Stimmen von Marrakesch" sind Aufzeichnungen einer Reise, die Elias Canetti 1954 von London aus nach Marokko unternahm. Seine einzige Veröffentlichung, der Roman "Die Blendung", liegt fast zwanzig Jahre zurück, und es werden weitere fünf Jahre vergehen, ehe sein zweites Hauptwerk erscheint, die sozio-ethnologische Studie "Masse und Macht". Canetti versagt sich in diesen Jahren das Schreiben, er sammelt nur, trägt die Mythen der Völker in Büchern zusammen und versucht, hinter den Massenwahn zu kommen, der Hitler an die Macht brachte und Juden wie Canetti ein weiteres Mal ins Exil trieb. Spanischer Herkunft ist seine Familie, sie wurde 1492 verjagt und fand Schutz im Osmanischen Reich. So kam Canetti 1905 in Rustschuk, im heutigen Bulgarien zur Welt.

Im Judenviertel von Marrakesch findet er die Geschichte seines Volkes und die Geschichte der Welt: "Es gab leuchtende alte Juden von Rembrandt. Es gab katholische Priester von listiger Stille und Demut. Es gab Ewige Juden, denen die Unruhe über die ganze Gestalt geschrieben war. Einen hätte man als den Patriarchen Abraham begrüßen mögen, er sprach herablassend zu Napoleon, und ein hitziger Besserwisser, der wie Goebbels aussah, mischte sich ein."

Auf einer Ansichtskarte aus Marrakesch äußert sich Canetti nicht anders als jeder andere Tourist. "Herrlich" sei es und auch etwas "verwirrend". Erst zu Hause, fern von den Lockungen der Souks, kann er seiner Verwirrung Herr werden und formulieren, was er erlebt hat. "Die Stimmen von Marrakesch" sind vierzehn Jahre nach der Reise erschienen und machten Canetti erst bekannt. Vielleicht auch nur, weil man ihn als Orientalen las, als Geschichtenerzähler, als buntscheckigen Exoten. Und vielleicht ist es ja ein Roman, oder doch ein Traum. Die nach Marrakesch war eine der Reisen, bei denen der Mythoman Canetti sich selber "am natürlichsten und vollkommensten verlassen" hat. Am Abend geht er auf die Djema el Fna, wo ein wimmerndes Bündel liegt, ein brauner Kleidersack, unfähig selbst, den Namen Allahs anzurufen, der die Almosen der Vorübergehenden zu ihm lenkte. Das Bündel kann nur einen Urlaut ausstoßen, "ä-ä-ä-ä-ä-". Immer wieder sucht der Reisende dieses Bündel auf und kann sich nicht satt hören an diesem einförmigen Laut. "Aber es lebte, und mit einem Fleiß und einer Beharrlichkeit ohnegleichen sagte es seinen einzigen Laut, sagte ihn Stunden und Stunden, bis es auf dem ganzen weiten Platz der einzige Laut geworden war, der Laut, der alle anderen Laute überlebte."

"Gute Reisende", schreibt Canetti beiläufig, "gute Reisende sind herzlos." Die besten bringen solche Bücher mit.

Biographie des Autors

Elias CanettiElias Canetti (1904-1994) wurde im bulgarischen Rustschuk als Sohn sephardischer Eltern geboren. Seine Muttersprache war Ladino, ein archaischer spanischer Dialekt. In jungen Jahren lebte er in Manchester, Wien und Zürich, bevor er 1921 allein nach Frankfurt am Main zog, wo er 1924 das Abitur ablegte. Anschließend nahm er in Wien das Studium der Chemie auf, das er 1929 mit einer Promotion abschloss. In dieser Zeit machte er die Bekanntschaft der Schriftsteller Karl Krauss und Bertolt Brecht sowie des Künstlers Georg Grosz. Nach dem Studium arbeitete Canetti als Übersetzer. Sein erster Roman, "Die Blendung", erschien 1935. In den Wiener Jahren vor seiner Emigration verkehrte er unter anderem in den Kreisen von Robert Musil, Hermann Broch, Alban Berg und Alma Mahler. 1938 verließ Canetti mit seiner Frau Wien, um sich nach einem Zwischenaufenthalt in Paris in London niederzulassen. Hier beschäftigte er sich vor allem mit seiner anthropologischen Studie "Masse und Macht", welche 1960 veröffentlicht wurde. Erst jetzt allmählich wurde Canetti als Schriftsteller bekannt. Die in den nächsten Jahren folgenden Aufzeichnungen, zu denen auch "Die Stimmen von Marrakesch" gehören, festigten seinen Ruf. 1972 erhielt er den Georg-Büchner-Preis, doch galt er noch bis zu seiner Auszeichnung mit dem Nobelpreis 1981 als Geheimtipp innerhalb der deutschen Literatur.


© 
Christoph Gäbler 21.07.2010