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Die Stimmen von MarrakeschVon Elias CanettiInhalt
Canettis Aufzeichnungen "Die Stimmen von Marrakesch" (1968) sind kein Reisebericht im traditionellen Sinn. Vielmehr sind sie literarische Momentaufnahmen, die in immer neuen Versuchen den flüchtigen Charme Marrakeschs einfangen und am Ende ebenso viel über den bezauberten Schriftsteller verraten wie über die Stadt, die ihn in ihren Bann gezogen hat. Rezension aus der Süddeutschen ZeitungGeschichten vom träumenden ExotenVon Willi WinklerVielleicht war er gar nicht dort, und der Reisebericht ist doch ein Roman. Ein Roman aus tausendundeiner Nacht, denn er handelt vom Basar, von Bettlern und Kamelen, von den Reichtümern des Orients und vom Geschichtenerzählen. "Die Stimmen von Marrakesch" sind Aufzeichnungen einer Reise, die Elias Canetti 1954 von London aus nach Marokko unternahm. Seine einzige Veröffentlichung, der Roman "Die Blendung", liegt fast zwanzig Jahre zurück, und es werden weitere fünf Jahre vergehen, ehe sein zweites Hauptwerk erscheint, die sozio-ethnologische Studie "Masse und Macht". Canetti versagt sich in diesen Jahren das Schreiben, er sammelt nur, trägt die Mythen der Völker in Büchern zusammen und versucht, hinter den Massenwahn zu kommen, der Hitler an die Macht brachte und Juden wie Canetti ein weiteres Mal ins Exil trieb. Spanischer Herkunft ist seine Familie, sie wurde 1492 verjagt und fand Schutz im Osmanischen Reich. So kam Canetti 1905 in Rustschuk, im heutigen Bulgarien zur Welt. Im Judenviertel von Marrakesch findet er die Geschichte seines Volkes und die Geschichte der Welt: "Es gab leuchtende alte Juden von Rembrandt. Es gab katholische Priester von listiger Stille und Demut. Es gab Ewige Juden, denen die Unruhe über die ganze Gestalt geschrieben war. Einen hätte man als den Patriarchen Abraham begrüßen mögen, er sprach herablassend zu Napoleon, und ein hitziger Besserwisser, der wie Goebbels aussah, mischte sich ein." Auf einer Ansichtskarte aus Marrakesch äußert sich Canetti nicht anders als jeder andere Tourist. "Herrlich" sei es und auch etwas "verwirrend". Erst zu Hause, fern von den Lockungen der Souks, kann er seiner Verwirrung Herr werden und formulieren, was er erlebt hat. "Die Stimmen von Marrakesch" sind vierzehn Jahre nach der Reise erschienen und machten Canetti erst bekannt. Vielleicht auch nur, weil man ihn als Orientalen las, als Geschichtenerzähler, als buntscheckigen Exoten. Und vielleicht ist es ja ein Roman, oder doch ein Traum. Die nach Marrakesch war eine der Reisen, bei denen der Mythoman Canetti sich selber "am natürlichsten und vollkommensten verlassen" hat. Am Abend geht er auf die Djema el Fna, wo ein wimmerndes Bündel liegt, ein brauner Kleidersack, unfähig selbst, den Namen Allahs anzurufen, der die Almosen der Vorübergehenden zu ihm lenkte. Das Bündel kann nur einen Urlaut ausstoßen, "ä-ä-ä-ä-ä-". Immer wieder sucht der Reisende dieses Bündel auf und kann sich nicht satt hören an diesem einförmigen Laut. "Aber es lebte, und mit einem Fleiß und einer Beharrlichkeit ohnegleichen sagte es seinen einzigen Laut, sagte ihn Stunden und Stunden, bis es auf dem ganzen weiten Platz der einzige Laut geworden war, der Laut, der alle anderen Laute überlebte." "Gute Reisende", schreibt Canetti beiläufig, "gute Reisende sind herzlos." Die besten bringen solche Bücher mit. Biographie des Autors
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