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Der große Gatsby

Von Francis Scott Fitzgerald

Inhalt

"Der große Gatsby" (1925) führt den Leser direkt ins New York der Goldenen Zwanziger. Jazzmusik, Wolkenkratzer, unerhörter Reichtum, finanzielle Leichtfertigkeit, Intrigen und grenzenlose Liebe - nichts fehlt in diesem meisterhaften Gesellschaftsportrait. Vor dem Hintergrund der lauten, wilden amerikanischen Moderne entfaltet der Roman die berührende Geschichte eines unheilbaren Romantikers. Früh schon erkennt der mittellose James Gatz, dass Erfolg eine Frage der Selbstdarstellung ist. Er beschließt, dass aus dem "armen Gatz" der strahlende Jay Gatsby werden soll und spielt den Erfolgreichen, noch bevor er tatsächlich zu Reichtum kommt. Doch nicht alles läuft nach Plan. Während er als Offizier im Ersten Weltkrieg dient, verliert er Daisy Fay, eine Tochter aus reichem Haus, an einen Nebenbuhler. Aber so leicht gibt er nicht auf. Unweit ihres Hauses auf Long Island errichtet er eine traumhafte Villa, in der er rauschende Partys feiert in der Hoffnung, Daisy doch noch zurückzugewinnen. Eine Geschichte voller Intrigen, Betrügereien und Eifersucht beginnt.

Subtil und symbolhaft erzählt Fitzgerald hier vom großen amerikanischen Traum - und von dessen Scheitern. Für seinen Roman erntete er höchstes Lob von Autoren wie T. S. Eliot, Gertrude Stein und Ernest Hemingway. "Der große Gatsby" wurde mehrfach verfilmt, unter anderem 1973 mit Robert Redford und Mia Farrow in den Hauptrollen.

Rezension aus der Süddeutschen Zeitung

Wenn der Leser ins Schwitzen kommt

Von Sibylle Lewitscharoff

Jay Gatsby gehört zu den Figuren, die größer sind als die Romane, denen sie entspringen. Längst lebt er auf eigene Rechnung und hat seinen Schöpfer hinter sich gelassen. Francis Scott Fitzgerald, jung berühmt und ein berüchtigter Trinker, wurde nur 44 Jahre alt. Der Star der Literaturszene der Zwanzigerjahre endete verschuldet und verbittert in Los Angeles. 1940 lag ein abgezehrter Leichnam mit faltigen Händen im Sarg.

"Der große Gatsby" erschien 1925, als die USA noch im wirtschaftlichen Boom steckte, mitten im Jazz. Es ist die Geschichte einer fatalen Wiederbegegnung. Ein armer Kerl, der sein Mädchen an einen reichen Mann verloren hat, arbeitet sich empor und kommt mit Hilfe dunkler Geschäfte an ein Vermögen. Sein Anwesen auf Long Island, das viele Geld, die rauschenden Partys, die Gatsby gibt, dienen nur dazu, die verlorene Geliebte anzulocken. Wie viele große Romanfiguren ist Gatsby ein reichlich unwahrscheinlicher Charakter. Welcher Mann von solch blendendem Äußeren und mit solchem Talent zum Geldverdienen träumt Nacht für Nacht den Traum von der Rückgewinnung einer entschwundenen Liebe? Doch der Roman spielt virtuos auf der Klaviatur arm/reich, treu/untreu, und der flüssige, elegante Stil, in dem das vorgetragen wird, erlaubt, dass man Gatsbys melancholische Obsession dennoch für bare Münze nimmt.

Zwei Beispiele für den literarischen Rang des Romans: Am entscheidenden Tag, dem Tag des Verhängnisses, ist es derart heiß, dass der Leser in Verfolgung des Geschehens selbst ins Schwitzen kommt. Ein Glutschwall nach dem andern dringt durch die Fenster, lastet auf den Figuren und lockert das Korsett der Sitten. Scott Fitzgerald wird hier zum Meister eines brütenden Himmels, aufgeweichter Asphaltstraßen und dampfender, alkoholisierter Körper. Zur Katastrophe kommt es unter den Riesenaugen des Doktor T. J. Eckleburg, dem Plakat eines Augenarztes in einem verwahrlosten, aschfarbenen Gelände zwischen New York und Long Island. Die metergroßen Augen wachen gottgleich über einer Schutthalde. Ihnen entgeht nichts. Der Himmel über dem Roman ist leer, kein Gott straft die reichen Schufte, ihr Gewissen peinigt sie nicht. Aber die bebrillten Riesenaugen von T. J. Eckleburg haben alles gesehen.

"Gatsby" wurde dreimal verfilmt, die Fassung von 1975 mit Robert Redford ist noch im Gedächtnis. Der ist zwar nicht die ideale Verkörperung des Jay Gatsby - ihm fehlt die abgründige Seite. Aber das Drehbuch ist erstklassig; die übrigen Figuren sind gut besetzt. Und Eckleburg bohrt einem den Blick noch in den Rücken, nachdem man das Kino verlassen hat. Wer aber Fitzgeralds Gatsby mit seiner romantischen Liebe hinter sich lassen möchte, wer sich für den Leichnam mit den faltigen Händen interessiert, der sollte einfach weiterlesen: seinen "Knacks" und vor allem die Briefe, die er mit seiner Frau Zelda gewechselt hat.

Biographie des Autors

F. Scott FitzgeraldFrancis Scott Fitzgerald (1896-1940) kannte die in seinem Roman "Der große Gatsby" dargestellte Glitzer-Welt New Yorks aus eigener Anschauung. Nach einem Studium in New York und einem ereignislosen Militärdienst arbeitete er dort als Reporter. Sein Roman "Diesseits des Paradieses" (1920) verhalf ihm zu einem frühen Erfolg, nach dem er ein glamouröses Leben führte und zum Idol der Jazz-Generation der "Roaring Twenties" wurde. Mitte der Zwanzigerjahre freundete er sich mit dem Schriftsteller Ernest Hemingway an, 1925 veröffentlichte er "Der große Gatsby". Doch bald begann Fitzgerald an seinem Ruhm zu zerbrechen. Seine Trunksucht verschlimmerte sich, und sein Vermögen schrumpfte unaufhörlich. Schließlich führte er ein selbstanklagendes Leben als Magazinschreiber und Drehbuchautor in Hollywood, wo er im Alter von 44 Jahren an einem Herzinfarkt starb.


© 
Christoph Gäbler 21.07.2010