Gaebler  Info und Genealogie

 

Gertrud Bäumer
Frithjof Bergmann 1
Frithjof Bergmann 2
Laura Bohannan
Madeleine Bourdouxhe
Wibke Bruhns
Marguerite Duras
Jessica Durlacher 1
Jessica Durlacher 2
Péter Esterházy
Carl Friedmann
Jose Ortega y Gasset
Gerd Gigerenzer
Günter Grass
Batya Gur
David Guterson
Noreena Hertz
Vicente Blasco Ibáñez
Erich Kästner
Alison Louise Kennedy
Claus Kleber
Else Lasker Schüler
Doris Lessing
Sándor Márai
Javier Marias
Herta Müller
Susan Nathan
Terttu Pihlajamaa
Arundhati Roy
Henning Scherf
Ute Scheub 1
Ute Scheub 2
Ragnhild Schnellbach
Frd. Schorlemmer
Rachel Seiffert
Annette Simon 1
Annette Simon 2
Susan Sontag
Robert Spaemann
Uwe Timm
Patricia Volk
Oscar Wilde
Roger Willemsen
1  Milan Kundera
2  Umberto Eco
3  Günter Grass
4  F. Scott Fitzgerald
5  Thomas Bernhard
6  Paul Auster
7  Elias Canetti
9  Martin Walser
12  Arthur Schnitzler
13  Peter Handke
16  Patricia Highsmith
19  Harry Mulisch
20  Joseph Conrad
21  Julio Cortázar
24  Georges Simenon
26  Rainer Maria Rilke
27  Wolfgang Koeppen
Gelesene Bücher
29  Graham Greene
30 Eduard v Keyserling
34  W. S. Maugham
41  A. Szczypiorski
42 Frd. Dürrenmatt
44 Oscar Wilde
46  Hermann Hesse
48  Primo Levi
49  Marguerite Duras
Lesen 2007-1
Lesen 2006-2
Lesen 2006-1
Lesen 2005-2
Lesen 2005-1
Lesen 2004-2
Lesen 2004-1
Lesen 2003-2
Lesen 2003-1
Lesen 2002-2
Lesen 2002-1
Lesen 2001-2
Lesen 2001-1
Lesen 2000
Lesen 1997

Katz und Maus

Von Günter Grass

Inhalt

Danzig im Zweiten Weltkrieg. Pilenz plagen Gewissensbisse. Es war nicht richtig, was er mit seinem Schulkameraden Joachim Mahlke gemacht hat. Dem wuchs in der Pubertät ein riesiger Adamsapfel, ein wie eine Maus zuckender Knorpel. Einer plötzlichen Eingebung folgend, setzte Pilenz eine umherstreifende Katze auf diese "Maus" und gab Mahlke damit der Lächerlichkeit preis. Pilenz fühlt sich schuldig und beginnt, quasi als Geste der Widergutmachung, die Lebensgeschichte des Außenseiters nachzuerzählen. Dabei berichtet er von Mahlkes geradezu grotesken Versuchen, seinen Makel zu verbergen. In seiner Verzweiflung behängt dieser den Adamsapfel mit einem Schraubenzieher, mit einem Orden und anderen Dingen. Auf seiner Suche nach Anerkennung vollführt er die schwierigsten Turnübungen und bricht Tauchrekorde. Trotz allen Beifalls: Er bleibt ein Einsamer. Doch dann findet er in einem gestrandeten Minensuchboot ein persönliches Refugium, einen intimen Ort des Rückzugs.

"Katz und Maus" ist der zweite Teil von Günter Grass’ Danziger Trilogie, zu der die beiden Romane "Die Blechtrommel" und "Hundejahre" gehören. In ihr setzt sich Grass mit dem Zweiten Weltkrieg und seiner Heimatstadt Danzig auf literarisch anspruchsvolle, aber auch überaus unterhaltsame Art auseinander.

Rezension aus der Süddeutschen Zeitung

Die Unverschämtheit im Adenauer Staat

Von Christoph Bartmann

"Die Novelle ‘Katz und Maus’ enthält (...) mehrere kurze Schilderungen sexualbezogener Vorgänge, die für sich allein betrachtet nicht nur als offensichtlich schwer jugendgefährdend, sondern auch als geeignet angesehen werden können, das Scham- und Sittlichkeitsgefühl normal empfindender Menschen in geschlechtlicher Hinsicht zu verletzen." So befand 1962 die Staatsanwaltschaft Koblenz, um sodann in einer kühnen Volte Grass vom Vorwurf der Verbreitung unzüchtiger Schriften freizusprechen: Weil die moderne Literatur sich ohnehin nicht mehr an den "Normalmenschen" richte, könne dessen sittliches Empfinden auch nicht länger als Richtschnur ihrer Be- oder Verurteilung dienen.

Das Verfahren wurde eingestellt, aber "Katz und Maus", erschienen 1961, blieb im Adenauerstaat eine geschlechtliche, religiöse und politische Unverschämtheit. Das änderte sich auch unter Kanzler Erhard nicht, der Grass und seinesgleichen bekanntlich "Pinscher" nannte. Als dann 1966 die Verfilmung herauskam (mit den Brandt-Söhnen Lars und Peter in den Hauptrollen), da hatte Grass schon einen Wahlkampf lang für die "EsPeDe" und Willy Brandt getrommelt. Mit dem Eintritt Brandts in die Regierung war der freche Kläffer Grass zum Favoriten der Funktionäre avanciert. Warum das so war und sein musste, versuchte er in den folgenden Büchern einer ungestümen Jugend zu erklären, die aber nicht hören wollte, zumindest nicht auf Grass. Es dauerte lange, bis sich der Schriftsteller Grass von seiner Liaison mit der Sozialdemokratie erholte. So gut wie in seinem sozusagen "außerparlamentarischen" Früh- und Hauptwerk, der "Danziger Trilogie", worin "Katz und Maus" das schmale, aber konzentrierte Mittelstück darstellt, ist er vielleicht nie wieder gewesen.

Worum geht es in der Novelle? Um "Erdbeeren, Sondermeldungen und Badewetter" im Danziger Vorkriegssommer 1939. Oder um Jungfrau, Maus und Gymnasium, wie der Novellen-Erzähler Pilenz die Hauptantriebe im mutmaßlich kurzen Leben seines Helden Mahlke resümiert. "Die katholische Jungfrau Maria" ist Gegenstand einer ans Lästerliche grenzenden, erotisch gefärbten Verehrung. Die Maus an seinem Hals, der übergroße Adamsapfel, der unübersehbare "Knorpel" zwingt Mahlke zu vielerlei kompensatorischen Mutproben, zu Tauchkunststücken in einem Schiffswrack, zum Diebstahl eines Ritterkreuzes, das seine Schmach verdecken soll und schließlich zu militärischen Heldentaten. Und das Gymnasium, "dieser muffige, nicht zu lüftende Kasten", sollte der Ort sein, an dem Mahlke den Lohn für seinen Kampf um männliche Anerkennung empfängt. Aber er empfängt ihn nicht: Erst wird er wegen des Ritterkreuzdiebstahls relegiert, später wird ihm die Möglichkeit verwehrt, als Träger eines redlich erkämpften Abzeichens im Gymnasium aufzutreten. Mahlke taucht ab und wird nicht mehr gesehen, obschon Pilenz noch Jahre später nach ihm sucht: "Aber Du wolltest nicht auftauchen."

So endet die Novelle. Mit drei Pünktchen hat sie angefangen: "...und einmal, als Mahlke schon schwimmen konnte, lagen wir neben dem Schlagballfeld im Gras." Das ist ein Erzähl-Einstieg ganz im Geist jener Zeit, "experimentell" und "artistisch", ein "Konventionsbruch". Aber die Pünktchen geben auch einen Hinweis darauf, dass "Katz und Maus" aus der "Blechtrommel" herausgewachsen ist. Und sie verraten etwas von dem unendlichen Erzählpensum und der unbändigen Munterkeit dieses Schriftstellers. Von "munter schwarzen Fabeln" sprach die Nobelpreisbegründung für Grass. Das passt nicht schlecht auf "Katz und Maus.

Biographie des Autors

Günter GrassGünter Grass ist die prägende Figur in der deutschen Nachkriegsliteratur. Der Erzähler, Lyriker und Dramatiker wurde 1927 in Danzig geboren. 1945 wurde er an der Ostfront verwundet, später kam er in amerikanische Gefangenschaft, aus der er im folgenden Jahr entlassen wurde. Danach arbeitete er als Landarbeiter, in einem Kalibergwerk und als Jazzmusiker, bevor er 1947 in Düsseldorf eine Steinmetzlehre begann. Anschließend nahm er dort ein Bildhauerstudium auf. Er wurde Mitglied des Autorenkreises "Gruppe 47" und der Akademie der Künste. Von 1983 bis 1986 war er deren Präsident. Sein literarischer Durchbruch gelang ihm 1959 mit dem Roman "Die Blechtrommel", der ihn über Nacht weltberühmt machte. Zusammen mit der Novelle "Katz und Maus" (1961) und dem Roman "Hundejahre" (1963) bildet die "Blechtrommel" die "Danziger Trilogie". Es folgten Romane wie "Örtlich betäubt" (1968), "Der Butt" (1977) und die Fontane-Geschichte "Ein weites Feld" (1995).

Grass wurde auch für seine starke Anteilnahme am politischen Leben der Bundesrepublik bekannt. In den Wahlkämpfen von 1965, 1969 und 1972 engagierte er sich für die SPD und Willy Brandt. Auch zum Prozess der Wiedervereinigung meldete er sich immer wieder zu Wort, unter anderem in einem Streitgespräch mit Martin Walser. 1999 wurde er mit dem Nobelpreis für sein Lebenswerk geehrt.


© 
Christoph Gäbler 21.07.2010