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Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins

Von Milan Kundera

Inhalt

Prag zur Zeit des Kalten Kriegs. In einem Restaurant begegnen sich der erfolgreiche Chirurg Tomas und die Serviererin Teresa. Zwischen den beiden entwickelt sich eine innige, wilde Liebe, die aber immer wieder unter Tomas' unzähligen Affären mit anderen Frauen leidet. Teresa, der eine Unterscheidung von Sexualität und Liebe fremd ist, trifft seine Untreue tief ins Herz. Dennoch heiraten sie und ziehen nach der gewaltsamen Niederschlagung des Prager Frühlings in die Schweiz. Doch dort lebt bereits die Malerin Sabrina, ebenfalls eine tschechische Emigrantin und eine der Geliebten von Tomas. Schließlich hält es Teresa nicht mehr aus: Sie will zurück in die Tschechoslowakei. Tomas sieht sich vor die Wahl gestellt, entweder die politische Freiheit in der Schweiz zu genießen und dort seine Karriere als Arzt voranzutreiben oder Teresa und damit seiner Liebe zu folgen...

Dieser Roman ist, vielleicht mehr noch als seine anderen, Kunderas Roman von der Liebe: "... die Traurigkeit eines einzigen Traumes von Teresa, die konnte er nicht ertragen. Er stellte sich ihren Tod vor. Sie war tot und hatte Alpträume; da sie aber tot war, konnte er sie nicht wecken. Ja, das ist Tannertder Tod: Teresa schläft, hat Alpträume, und er kann sie nicht erwecken."

Rezension aus der Süddeutschen Zeitung

Das Glück der Unzuverlässigen

Von Thomas Steinfeld

Wann je ist so viel Leichtigkeit auf so viel Schwierigkeit gestoßen? Milan Kundera erzählt in diesem Roman eine der bittersten Geschichten des zwanzigsten Jahrhunderts, er berichtet vom Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts in die Tschechoslowakei, vom Ende des Prager Frühlings und von der Wiederkehr eines stalinistischen Regimes. Aber er tut es mit einer solchen Eleganz und Finesse, dass der Leser nie genau weiß, woran er in diesem Buch ist: Dies ist keine Klage über das brutale Ende einer schönen Hoffnung, aber ist es eine Huldigung an das Leben im Privaten? Dieser Roman handelt von der Liebe, aber wird hier einer glücklich? In diesem Buch geht es um den Enthusiasmus als Quelle allen politischen Elends, aber ist hier einer, der nicht enthusiastisch wäre, und sei es, weil er liebt?

Dieses Buch, auf Deutsch zuerst im Jahr 1984 erschienen, ist eines der großen Monumente einer erst vor kurzem vergangenen Zeit. Unsere Erinnerungen an den Prager Frühling und seine schlimme Geschichte sind eng mit diesem Roman verbunden. Der Erfolg, den es unmittelbar nach seiner Veröffentlichung hatte, ist an den Schrecken und an den Schmerz geknüpft, den die Niederschlagung eines Kommunismus mit menschlichem Gesicht auslösten, nicht nur im westlichen Ausland - und an das wehmütige Erstaunen, dass es zwanzig Jahre zuvor in Prag Menschen wie Tomas, Teresa und Sabrina gegeben haben muss, und Lebensverhältnisse, wie sie französischer Regisseur, einer wie François Truffaut oder Louis Malle hätten schildern können. Irgendwie hätte man diesem Land im Osten ganze Schwärme solcher Figuren, solcher Gestalten, solcher charmanten Episoden gewünscht, und es war eine sonderbar melancholische Erfahrung, als sie einem dann in der Literatur entgegentraten.

Tomas, der Chirurg, schläft mit allen Frauen. Teresa, die Kellnerin, liebt nur ihn. Sabina hat ein Verhältnis mit Tomas und wird beinahe Teresas Geliebte. Franz ist Sabinas Geliebter. Seine Frau liebt aber nur ihn. Ist das eine Geschichte? Tomas und Teresa, die Fotografin, müssen erleben, wie sowjetische Panzer in Prag einrollen. Sie gehen ins Exil, in die Schweiz, doch die Heimat liegt woanders. Zurückgekehrt, darf Tomas bald kein Arzt mehr sein, und Teresa arbeitet wieder als Kellnerin. Am Ende sind sie Bauern, und auf dem Land finden sie einen ländlich tragischen Tod. Ist das eine Geschichte? Tomas, der Chirurg, ist ein Meister der freundlichen Distanz. Teresa, die Frau, hätte vielleicht gern eine Familie. Eine gewalttätige Politik zerschlägt ein jedes dieser Leben. Ist das eine Geschichte? "Ja, erst das Begräbnis des Gatten ist für die Gattin die Ware Hochzeit", heißt es spät, über den dann gestorbenen Franz und dessen Frau, "die Krönung ihres Lebens, der Lohn für all ihr Leiden!" Offenheit ist das Ideal dieses Romans, wenn es denn eines gibt, und die große Kunst von Milan Kundera besteht darin, in dieser Offenheit eine milde, ja menschenfreundliche Spannung zu bewahren.

Seit dem ersten Erfolg dieses Buches ist Europa groß geworden, und Tschechien gehört dazu. Die Literatur und in ihrem Gefolge die anderen Künste sind, wie man heute weiß, dieser Einigung vorausgegangen. Jetzt ist die Zeit um zurückzuschauen auf die Bestände, sich daran zu erinnern, wie es war, als es zwar eine kulturelle Vergangenheit Europas gab, aber kaum eine Zukunft. Milan Kunderas "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins" ist ein solchermaßen europäisches Werk - auch, weil es ein Roman über Grenzgänger ist, in der Politik wie in der Liebe.

Biographie des Autors

Milan KunderaMilan Kundera wurde 1929 im tschechischen Brünn geboren. Er studierte an der Prager Filmakademie und begann seine künstlerische Karriere als Musiker, doch bereits mit dreißig Jahren sah er sich als "Romancier und nichts als Romancier". 1967 veröffentlichte er mit "Der Scherz" seinen ersten Roman, der zugleich seinen internationalen Durchbruch markierte. Die folgenden Romane "Das Leben ist anderswo" und "Abschiedswalzer" durften in der Tschechoslowakei nicht mehr erscheinen und wurden erst 1973 in Frankreich veröffentlicht. 1975 emigrierte Kundera aus seinem von der russischen Armee besetzten Heimatland. Daraufhin wurde ihm die tschechische Staatsbürgerschaft aberkannt, und er ließ sich in Frankreich nieder, wo er noch heute lebt. Dort schrieb er drei weitere Romane auf Tschechisch, darunter auch "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins" (1984). Seine zwei Essaybände, die sich der Ästhetik und Kunst des Romans widmen, verfasste er bereits auf Französisch, wie auch die drei folgenden Romane "Die Langsamkeit" (1995), "Die Identität" (1998) und "Die Unwissenheit".(2001) Alle Seine Werke werden in der ganzen Welt übersetzt und immer wieder aufgelegt.


© 
Christoph Gäbler 21.07.2010