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Internierung während des Zweiten Weltkrieges in Indien

Von Helmuth Borutta (1910 - 1998)

Inhalt


Transport nach Shillong

Eines Tages kamen schon in der Früh Soldaten. Sie umstellten das Bungalow. Ein Offizier trat in unser Haus und sagte: "Sie sind verhaftet. Es ist Krieg."

Missionar Radsick und ich mussten unsere Sachen packen und auf den Abtransport warten. Meine Frau wurde nicht verhaftet. Doch was sollte sie allein auf der einsamen Missionsstation? Sie bat um Erlaubnis, zu den Nonnen nach Tezpur zu ziehen. Dort wollte sie abwarten, wie sich alles weitere entwickeln würde. Wir hatten einen ganzen Tag Zeit und konnten so alles für meine Frau regeln. Die Nonnen waren sehr freundlich und nahmen meine Frau auf.

Am nächsten Tag wurden wir Männer mit einer Eskorte von Polizisten zur Anlegestelle des Dampfers nach Tezpur abgeführt. Hier empfingen uns einige katholische Missionare, die auch verhaftet waren. Ein großer Raddampfer, der auf dem Brahmaputra den Fracht- und Passagiertransport zwischen Jorhat und Gauhati betrieb, nahm uns auf. Wir wurden in Kabinen untergebracht und während der Fahrt, die bis zum nächsten Morgen dauerte sehr gut versorgt. Als wir in Gauhati ankamen, war schon das Postauto am Kai. Eine große Menschenmenge hatte sich eingefunden, um das "Schauspiel" der deutschen Internierten mitzuerleben.

Die Autofahrt aus dem Brahmaputra Tal in das Gebirge war angenehm. Je höher wir kamen, umso angenehmer wurde das Klima. Unser Ziel war die damalige Hauptstadt von Assam, die Stadt Shillong. Eine wundervolle Bergstadt. 1.500 Meter über dem Meeresspiegel bedeutet in Indien sehr viel.

Der Weg nach Shillong war schwierig. Es war nur eine Fahrbahn. Es gab feste Haltestellen, die den Verkehr nach Vorschrift regelte. Das brachte mit sich, dass der Gegenverkehr erst einen Halt abwarten musste um den entgegenkommenden Verkehr durch zu lassen bevor er die Fahrt fortsetzen konnte. Das klappte gut.

Während der Fahrt kreuzte eine große Brillenschlange unsere Fahrbahn. Der Fahrer konnte den Bus nicht halte und so geschah es, dass er die Schlange überfuhr und schwer verletzte. Erhielt den Bus an. Alle Mitfahrer stiegen aus um das verletzte Tier zu sehen. Keiner der neugierigen Fahrgäste durfte in die Nähe der Schlange gehen. In ihrem Schmerz war sie noch angriffsfähig. Der Abstand wurde beachtet. Wir sahen wie sie sich krümmte um einen der Zuschauer zu beißen, was für den Betroffenen den sicheren Tod bedeutet hätte. Wir mussten weiter. Noch waren wir nicht am Ziel. Was aus der Kobra wurde erfuhren wir nicht. Aber das Erlebnis auf dieser Bergstraße ist haften geblieben.

Wir konnten unsere Fahrt fortsetzen. Das Ziel war erreicht. Unser Internierungslager war ein großes Bungalow, mit allem Komfort versehen. Die Unterbringung glich durchaus einem Erholungsheim. Wir fühlten uns sehr wohl. Nur der Stacheldraht um unser Haus herum, erinnerte uns daran, dass wir keine freien Männer sind. Wir waren eine gemischte Gesellschaft, ein Arzt, ein Ingenieur und zehn Theologen. Gemäß dem Offiziersstatus wurden wir verpflegt, betreut und behandelt. Wir hatten sogar drei Diener im Lager. So konnte es ja nicht bleiben. Als wir vier Wochen in dem Erholungsbietenden Shillong verbracht hatte, hieß es: "Sie werden nach Kalkutta verlegt."

Vor der Übersiedlung stellte ich noch bei der Regierung einen Antrag, meine Frau von Tezpur nach Ranchi zu den anderen deutschen Missionarsfrauen zu verlegen. Die Regierung erfüllte meine Bitte. Meine Frau lebte dort mit Frau Hanna Wolff zusammen.


Von Shillong über Ranchi nach Calcutta

Eines Tages kam eine neue Nachricht in das Lager. Wir würden wohl nach Calcutta in das Fort William verlegt, doch nur für wenige Tage. Das eigentliche Lager in dem wir untergebracht werden sollten, war Ahmednagar auf der Westseite Indiens. Eine lange Reise stand vor uns, vom äußersten Osten bis zum Westen. Ich sah in dem Aufenthalt in Calcutta die Möglichkeit, mich mit Leni zu treffen. Mein Anliegen brachte ich vor den Lagerkommandanten. Er ging auf meinen Wunsch ein und sagte: "Ich werden dafür sorgen, dass Sie Ihre Frau in Fort William sehen."

Der Kommandant sandte nach Ranchi ein Telegramm, das für ein Treffen von uns, alle Türen öffnete. Die Behörde in Ranchi gab ihre Zustimmung. Allerdings sagte der Polizeipräsident in Ranchi: "Was wollen Sie Ihren Mann jetzt noch besuchen? Die Deutschen sind für kurze Zeit alle zusammengekommen, um sich gegenseitig kennen zu lernen. Ihr Mann kommt bald nach Hause. Da Sie den Wunsch haben, Ihren Mann zu treffen, reisen Sie. Sie bekommen sogar eine Begleitung mit."

Leni stimmte der Begleitung zu. Am Abend ging sie zum Bahnhof. Die Begleitung war auch da. Es war ein Polizist. Er hatte einen roten Turban auf und in der Hand, als Zeichen seines Amtes einen langen Stab, mit dem die Polizisten in Indien ausgerüstet sind, um für Ordnung auf den Straßen zu sorgen. Ein schöner Begleiter! Leni fuhr, so wie es sich für eine Europäerin gehört zweiter Klasse. Der Polizist fuhr seinen Stand gemäß dritter Klasse. Überall, wo der Zug hielt, eilte der Vertreter der hohen Staatsgewalt aus seinem Abteil, stellte sich vor das Abteil der Leni mit seinem Stab, um nicht zu sagen mit dem Knüppel und passte auf, damit die ihm anvertraute weiße Frau nicht davon lief. Das geschah auch des Nachts an jeder Haltestelle des Zuges. So ging die Fahrt nach Calcutta, vom Bahnhof zur Polizei. Da es sich um eine Europäerin handelte, musste der höchste Beamte auf der Polizeistation eingeschaltet werden. Leni immer voran, der Polizist hinterher. Er kam sich höchst wichtig vor, denn das war doch eine einmalige Angelegenheit, ein kleiner Staatsdiener hatte Gewalt über eine deutsche Frau. Das war wirklich etwas Einmaliges in aller Öffentlichkeit in Kalkuttas Straßen.

So kamen beide bei dem Superintendenten der Polizei in Calcutta an. Als sie vor dem hohen Herren erschienen fragte er den Inder: "Was bedeutet denn dieses, wer hat Dich mit der deutschen Frau geschickt. Was machst du hier?" Der Polizist gab seinen Bericht um seine Anwesenheit zu erklären. Darauf sprach der Offizier "Sofort zurück nach Ranchi."

Am nächsten Tag kam Leni zu der Torwache des Forts. Der Diensthabende Offizier war sehr freundlich aber auch sehr bestimmt. "In einer Stunde können Sie Ihren Mann besuche. Sie dürfen sich nicht berühren. Einen Kuss oder die Hand geben sind verboten." Bald darauf wurde ich von dem Besuch meiner Frau informiert und erhielt die gleichen Anordnungen. Ich wurde angewiesen auf einer Bank an einem Ende Platz zu nehmen: Leni kam in das Besucher Zelt. Auch sie wurde angewiesen auf der gleichen Bank sich an das andere Ende zu setzen. So saßen wir da. Jeder an einem Ende.

Aus ganz Indien waren wir 40 Missionare in einer großen Baracke. In dieser Baracke war alles vorbildlich geregelt. Fast jeder hatte im Lager einen "Job”, der freiwillig zum Wohle aller getan wurde. Wir hatten Zeit zum Studieren, zum Lesen und zum gedanklichen Austausch. Doch so richtig zur Ruhe kamen wir nicht. Dafür sorgten die Engländer. Die ungefähr 500 Mann im Lager mussten in Bewegung gehalten werden. Das geschah dadurch, dass "Latrinenparolen" entstanden. Die wurden nach allen Seiten diskutiert. Aber es gab auch andere Gerüchte. So hieß es eines Tages: "Es wird eine Kommission kommen, die über die Entlassung bestimmter Internierter entschieden wird.” Die Frage stand vor vielen: Wer kommt in Betracht? Werde ich oder wirst Du dabei sein? Es ging hin und her. Um entlassen zu werden, mussten bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein. Stimmen mussten: Das Alter, der Beruf und die politische Einstellung, schon von vor Jahren und jetzt.


Baracke der Missionare in Ranchi

Ich gehörte zu den Glücklichen. Seit 1933 gehörte ich zu der Bekennenden Kirche, die als antinationalsozialistisch bekannt war. Die Freude war groß als der Vorsitzende der Kommission, Sir Darling, zu mir sagte: "Sie werden entlassen! Sie können zu Ihrer Frau nach Ranchi." Das war im Januar 1940. Mit diesem Wiedersehen hatten weder Leni noch ich gerechnet. Es war eine Freude zu Lenis Entbindung, bei ihr sein zu können. Ich musste, da ich in Assam ja verhaftet wurde erst nach Assam und von dort konnte ich nach Ranchi reisen.

An öffentliche Arbeit war in Ranchi nicht zu denken. Unsere Freiheit war eingeschränkt. Aber was machte das aus. Wir waren nicht mehr getrennt und darum konnten wir vieles was so der Krieg mit sich brachte gut gemeinsam ertragen.

Das Zusammenleben der jungen glücklichen Familie war nicht von langer Dauer. Der Krieg nahm an Intensität zu. Die Italiener hatten den Krieg erklärt. Die Gefahr der "Fünften Kolonne" wurde auch in Indien akut. Um Schwierigkeiten zeitig abzuwenden, Gefahren nicht aufkommen zu lassen, wurde der Urlaub auf "Ehrenwort" beendet und wir mussten zurück ins Lager.


Das Lagerleben in Ahmednagar

Lange Weile gab es im Lager nicht. Jeder hatte seine Beschäftigung, die ihm zugeteilt wurde oder die er sich selbst suchte. Zu der Arbeit kam noch der Sport, der sehr viel Stoff für lange Diskussionen bot. Dazu kamen die Probleme die wir hatten. Wird das Familienlager einmal Wirklichkeit oder nicht? In Premnagar hatten wir ein Lager für Antinazis. Da hieß es, es wären schon einige Männer nach Purandhar zu ihren Frauen gekommen. Und wir? Unsere Frauen waren bereits von Hazaribagh nach Purandhar verlegt worden. Sie warteten auf uns. Wir mussten uns in Geduld fassen und jeder seine ihm anvertraute Arbeit leisten.

Meine Arbeit im Lager für die Allgemeinheit war, auf Grund meiner Hindi Sprachkenntnisse, für die sanitären Anlagen zu sorgen. Für diese Arbeit hatte ich eine Gruppe von "Sweeper". Die Kameraden hatten für diese Stellung eine Amtsbezeichnung, die aus dem Militärbereich kam: "Commander in Chief of the sweeping forces." Diese Bezeichnung war zurückzuführen auf Generalfeldmarschall Rommel, der mit seinen Truppen große Erfolge zu verbuchen hatte. Die Engländer nannten seine Soldaten "sweeping forces."


Weihnachten 1939 in Ahmednagar
Weitere Bilder

Eines Tages dachte ich: Jetzt hast Du diese Arbeit lange genug getan, lern im Lager noch etwas für Deinen Missionarsberuf dazu. Da ich ja in Berlin in Der Zahnklinik einige Erfahrungen auf diesem Gebiet hatte sammeln können, meldete ich mich in der Zahnklinik an. Ich hatte Glück, angestellt zu werden. Als die Kameraden das erfuhren fanden sie das sehr gut und sagten: "Borutta ist befördert worden, von der Lokusbürste zur Zahnbürste.” Das waren ja damals so die Titel verschiedener Bücher. Ich erinnere an "Vom U-Boot zur Kanzel", oder: "Vom Kaiserhof zur Reichskanzlei." Nun diese Mal war es "von der Lokusbürtse zur Zahnbürste". Vielleicht war es nicht sehr attraktiv, aber es zeigt, die Kameraden hatten Einfälle und Sinn für Humor.

Der Lagerkoller konnte vermieden werden dank sinnvoller Beschäftigung jeder Art. Es gab viele Möglichkeiten den Lagerkoller zu vermeiden, Bücher lesen, Bücher schreiben. Viele malten und zeichneten. Es wurde bewundernswertes geleistet. Es gab auch andere Möglichkeiten. Mir war das Sitzen auf dem Bett lästig. So baute ich aus Brettern schwäbische Stühle.

Mich interessierte gleich zu Beginn des Krieges der Verlauf der Frontgrenzen. Ich legte dafür eine Landkarte an, auf der der Verlauf der Kampflinien .verschieden eingezeichnet wurden. Anhand der Karte entwickelten sich große Diskussionen. Man konnte ablesen wie die Truppen vor- oder sich zurückzogen. Dementsprechend war die Stimmung im Lager.


Amednagar 1941
FIRE: Gerhard Buelle

Die vielen Abende, die wir hatten, wurden sehr verschieden gestaltet. Es gab sehr interessante Vorträge, Musikabende und Stunden, in denen die verschiedensten Spiele zur Unterhaltung dienten. Ich lernte unter anderem das Skatspiel.

Hier hatte ich einen fabelhaften Lehrmeister. Für Geld wurde grundsätzlich nicht gespielt. Es wurde alles aufgeschrieben und wer die höchste Zahl hatte, war der Gewinner. Mein Lehrmeister hatte nur eine Schwäche. Er gebrauchte mit Vorliebe viele Fremdwörter. So sagte er eines Tages zu mir: "Skat werden Sie nie auslernen; denn es hat viele "Farzionen". Er meinte damit Variationen. Ein anderes Mal erzählte er von seinem Besuch in Rom, den er mit seiner Frau gemacht hatte. "Da war ich mit meiner Frau plötzlich von einer großen Menge Menschen eingekeilt, als ein hoher Würdenträger der Kirche vorbei kam. Wir standen in der Nähe eines Denkmals. Da meine Frau klein war und nicht über die Köpfe hinwegschauen konnte, sagte ich zu ihr: "Gretchen, stell dich doch auf den "Protest des Denkmals; dann kannst Du besser sehen:" Verbessert haben wir den Kameraden nie, denn er war sehr empfindlich. Wir schmunzelten in uns hinein und hatten an diesen Köstlichkeiten unseren Spaß.


Missionare 1940 in Ahmednagar
stehend von links: 2. Theodor Lorch und 5. Johannes Klimkeit
sitzend 1. von links: Helmuth Borutta, ganz rechts: Otto Wolff

Es gab im Lager allerlei, worüber wir schmunzeln konnten. Jedes Jahr gab es die verschiedenen Impfungen. Da mussten alle antreten, die Jacke ausziehen, oder den Hemdsärmel hochkrempeln. Eines Tages standen wir mal wieder in einer langen Reihe vor dem Arzt, um die Spritze zu bekommen. Alle hatten sich schon dafür vorbereitet. Nur einer nicht. Das war der Freimissionar, ein früherer Seemann. Er muss einmal ein richtiger Haudegen gewesen sein. Einen Gang hatte er noch nach vielen Jahren seiner Seefahrt als ob er immer zu der Schiffsbewegung gegensteuerte. Seine Handrücken waren tätowiert. Er muss aber noch mehr Tätowierungen gehabt haben, die für ihn peinlich waren, die er der Öffentlichkeit nicht preisgeben wollte. So kam er vor den Arzt. Der wie darauf hin, die Jacke auszuziehen. Dworzshak, so war sein Name, schüttelte den Kopf. Mit den Finger zeigte er auf die Stelle, in die der Arzt die Nadel ansetzen und durchstechen sollte. Da schüttelte der Arzt den Kopf und sagte: "so geht es nicht". Er forderte energisch auf die Jacke auszuziehen. Unter Geschimpfe und Gebrumme streckte der Freimissionar seinen nackten Arm hin, der wie ein Bilderbuch aussah. Wir alle, die wir das erlebte, waren still, und ließen eine Schmährede über uns ergehen, wie schlecht wir wären. Wir sagten kein Wort. Uns war dieser Mann als Sonderling bekannt, der sich irgendwo einmal "bekehrt" hatte und dann ein Freimissionar mit einem Zelotengeist wurde. Er sonderte sich von Anfang an von uns ab. Wir waren für ihn, da er sich viel in der englischen Sprache ausdrückte "advocates of the devil".


Das Familienlager in Purandhar

In Ahmednagar und in Hazaribagh tauchte die Nachricht auf, dass die Engländer den Plan hätten ein Familienlager in Purandhar einzurichten. Zuerst hielten wir diese Information für ein Gerücht. Dem war aber nicht so. Zu dem Namen des Lagers kamen weitere Einzelheiten des Ortes, des Klimas und der Beschaffenheit der gesamten Anlage dazu. Purandhar lag auf einem Bergrücken von dem aus man einen weiten Blick in das Land hatte. Auf dem Berg waren Ruinen von Festungen, die der berühmte Maharatta König Schivaji im 17. Jahrhundert im Kampf gegen die Mohammedaner gebaut hatte. Auf diesen Berg bauten die Engländer später ein Erholungslager für ihre europäischen Soldaten. Das Lager lag ungefähr 1.200 m über dem Meeresspiegel und war somit auch für ein Familienlager ein günstiger Platz. Es sollte noch viel Wasser die Ganges herunterfliessen.

Es waren zwei Familienlager eingerichtet worden. Das erst war in Satara. Das war zwar international belegt, hatte aber den Ruf ein deutsches Lager zu sein. Das zweite Lager war in Purandhar. Die Majorität der Insassen waren Juden und Deutsche, die sich bewusst als Antinazi bekannten. Sie brauchten es aber nicht zu sein. Es wurde ihnen aber unterstellt, sie wären antideutsch und man sprach von ihnen als Vaterlandsverrätern. In diesem Lager war meine Frau mit Tochter bereits eingetroffen.

Es wurden gewisse politische Vorbedingungen gestellt bevor es zu einer Verlegung in das endlich gegründete Familienlager kam. Das belastete mein Gewissen. Antinazi ja, das war ich bereits seit 1933 durch meine Zugehörigkeit zu der Bekennenden Kirche, aber antideutsch, das kam für mich nicht in Frage. So schwer es mir fiel, ich lehnte die Verlegung unter solchen Umständen ab.

In mehreren Verhandlungen wurden die Auffassungen Antinazi und antideutsch geklärt. Erst als es ganz klar war, dass ein Antinazi nicht ein Antideutscher war, der es sich wünschte, dass unser Vaterland den Krieg verlieren sollte, erklärte ich mich bereit nach Purandhar zu gehen. meine klare Haltung hat mir nichts geschadet. Das Gegenteil war der Fall, die Engländer schätzten die aufrichtige Haltung hoch ein.

Im Dezember 1942, nach einer Trennung von 2½ Jahren gab es das fröhliche Wiedersehen mit meiner Frau und der Annedore. Als ich am Fuß des Berges aus dem Omnibus stieg und meine Frau begrüßte. Für Annedore war ich ein fremder Mann. Es war eine längere Zeit erforderlich, die Liebe und das Zutrauen des Kindes zu gewinnen. Ich hatte die Absicht Annedore auf die Schultern zu nehmen, um sie den Berg hinaufzutragen. Sie lehnte ab, sie zog es vor, sich von dem indischen Diener tragen zu lassen.

Als Säugling und Kleinkind kränkelte Annedore sehr viel. Im Frauenlager von Hazaribagh waren zwei Ärztinnen, eine indische und eine englische. Beide versuchten ihre Kunst. Die Engländerin, Dr. Christi versuchte zuerst. Nach einiger Zeit gab sie es auf, Annedore zu behandeln. Ihr Ausspruch war: "I give up." Die Inderin setzte die Behandlung fort. Ihre Behandlung wurde durch die Verlegung des Lagers abgebrochen, schien aber erfolgreich zu werden. Die volle Heilung trat aber erst in dem zweite Lager durch die Behandlung eines jüdischen Arztes ein.

Im Familienlager gab es nun ein ganz anders Leben als im Männerlager. Die Tätigkeiten waren ganz anderer Art. Für die Familie legte ich einen kleinen Garten an, in dem wir Gemüse anbauen konnten. Um das Wachstum und die Erträge zu fördern, musste der Boden gedüngt werden. Was ich nie getan hatte, das tat ich nun in Purandhar. Ich sammelte Kuhmist. Ich hatte bei unseren Spaziergängen eine alte Aktentasche dabei, in die steckte ich die getrockneten Kuhfladen, weichte sie zu Hause auf und hatte so das beste Düngemittel. Der Erfolg zeigte sich im Ernteertrag.

Unsere Baracke hatte nur ein Asbestdach. Im Sommer war es sehr heiß und dafür im Winter wiederum kühl. Um diese Not zu beseitigen, zog ich eine Sacktuchdecke ein, die getüncht wurde. Durch diese Verbesserung hatten wir eine "cosy” Wohnung, wie die Frau des Lagerkommandanten sagte. Einige Einwohner sagten: "Was macht Borutta, wie lange will er hier wohnen? Da sich aber unser Aufenthalt in die Länge zog, folgten die meisten unserem Beispiel.

Für die Allgemeinheit setzte ich mich auch ein. Mit den vorhandenen Büchern, die wir vom CVJM erhielten, richtete ich eine Bibliothek ein. Durch neue Bücher, die wir durch das Rote Kreuz erhielten, wurde die Bibliothek erweitert. Wir Missionare hielten abwechselnd die Sonntagsgottesdienste. Durch diese verschiedenen Tätigkeiten war die Zeit ausgefüllt. Auch das Familienleben brachte eine reiche Erfüllung und gab dem Lagerleben mehr Inhalt. Doch es musste noch etwas dazu kommen, um den Mann herauszufordern und ihn zu einem Ziel zu führen.


Das zweite theologische Examen

Von uns Missionaren wusste keiner, ob er noch einmal in die Missionsarbeit in Indien hinein kommen würde. Wir stellten uns darauf ein, in der Heimat von einer Landeskirche in den Dienst übernommen zu werden. Uns stand grundsätzlich offen, durch ein Kolloquium in das Kirchenamt aufgenommen zu werden. Wir strebten aber das zweite akademische theologische Examen an, um als Volltheologen in den kirchlichen Dienst aufgenommen zu werden. Von der Altpreußischen Union aus Berlin wurden uns die Richtlinien mitgeteilt und die Anerkennung des Examens zugesagt. Wir hatten sechs Dozenten. Das Präsidium des Prüfungsausschuss hatte der schwedische Bischof Dr. Sandegreen. Nach einer Studienzeit von 2½ Jahren wurde die Prüfung am 06.04.1945 abgelegt und von allen vier Missionaren bestanden. Der Abschluss des Studiums bedeutete nicht das Ende weiterer theologischer Arbeit. Wir hatten ein Ziel erreicht, das uns eine gewisse Sicherheit für die Zukunft gab.


Eine neue Aufgabe im Lager

Der Lagerkommandant R. Holland, "Deputy Inspector of Police, Bombay Province" fragte mich eines Tages, ob ich bereit wäre als ein "semi official officer" in seiner Kommandantur zu arbeiten. Ich nahm den Posten an. Mein Dienst war am Vor- und Nachmittag. Es gab auch allerlei Überstunden. Meine Arbeit bestand darin, das Magazin zu verwalten, den Appell täglich abzuhalten, es kam die Verteilung der Post dazu und zum Schluss bei der Auflösung des Lagers mitzuwirken. Eine Aufgabe war besonders ehrenvoll, die viel Diplomatie und Takt erforderte.

Purandhar war der geeignete Ort für eine Radarstation. Der verantwortliche Offizier der Royal Air Force (RAF) konnte als Militärmann nicht so recht mit dem Vertreter Der Polizei, der ja Mr. Holland war, umgehen. Mir als Deutschem wurde die Aufgabe zuteil, die Übergabe des Magazinbestands an die RAF durchzuführen.


Familienlager Satara

Schließlich war das Lager aufgelöst und auch wir wurden nach Satara verlegt. Wir hatten dort bessere Häuser. Das Leben in Satara war vielfältiger. Es gab mehr Veranstaltungen. Eine Schule mit mehreren Klassen war auch vorhanden. Annedore besuchte dort die unterste Klasse. Für Diskussionen sorgte die Weltlage. Es sah für uns schlecht aus. Wir hatten den Krieg verloren und schienen fast rechtlos zu sein. Dann kam das Gerücht auf die Repatriierung würde bald stattfinden. Für uns Missionare hing vieles davon ab, ob die indischen Kirchen, in deren Dienst wir ja waren, uns wieder rufen würden. Leider war es so, dass der größte Teil der Missionare von den indischen Kirchen abgelehnt wurden. Für solche Missionare war die Repatriierung so gut wie sicher. Das war hart. Ich hatte das Glück von der Gossnerkirche angefordert zu werden. Jetzt lag alles bei der Regierung von Neu Delhi. Eines Tages rief mich der Kommandant von Satara, zu ihm in sein Büro zu kommen. Er fragte mich ohne große Umschweife, ob ich in Indien bleiben würde, oder ob ich die Repatriierung vorzöge. Seine Antwort war kurz und klar. "Rüsten Sie sich mit Ihrer Familie für die Fahrt nach Ranchi. Sie können in Indien bleiben." Ich freute mich. die Freude und der Dank waren groß.

"Doch bevor Sie das Lager verlassen, habe ich eine Aufgabe, für Sie die Sie bitte übernehmen. Es steht fest, wer von den Deutschen zurück nach Deutschland muss, und wer hier bleiben darf. Fertigen Sie eine Liste an, gehen Sie von Wohnung zu Wohnung und stellen Sie, nach Möglichkeiten, den Wünschen entsprechend, eine Liste auf wer mit wem in einer Kabine zu reisen wünscht." Ich machte mich an diese prekäre Aufgabe. Die vielen Jahre auf engen Raum hatten zwischen den Landsleuten Spannungen aufkommen lassen. Ich versuchte mein Bestes zu tun, so weit es ging, Den Reisenden zu einer erträglichen Überfahrt zu verhelfen.

Der Tag des Abschieds kam. Mir wurde der Auftrag zuteil, den Konvoi bis zum Schiff, das im Hafen von Bombay lag zu begleiten. Noch einmal ein letzter Händedruck, ein liebes Wort an Land und dann stiegen die Landsleute über die Schiffstreppe auf das holländische Schiff "Johann van Oldenbarnevelt". Die Kameraden aus Dehra Dun waren auch gekommen, sich einschiffen zu lassen. Da kam ein guter Barackenkamerad an mir vorbei. Ich fragte ihn: "Wo ist Ludwig Schmaderer", seine Antwort war: "Du weißt der Ludwig und ich waren aus dem Lager in Dehra Dun geflohen. Wir kamen bis nach Tibet. Der Ludwig ging zum Basar, um Lebensmittel zu kaufen. Er kam nicht wieder. Als ich ihn suchen ging, fand ich seinen Hut und seine Schuhe auf einem Verkaufstisch auf dem Markt. Ich wusste, er war ermordet worden" Der Kamerad Paidar, der ein Münchner wie Schmaderer war, sagte auf bayrisch: "Den Ludwig haben sie aufgefressen". So war es dem Ludwig ergangen, der durch die Flucht sein Leben retten wollte. Er war in Tibet umgekommen.

Als ich von Bombay nach Satara kam, rüsteten wir uns für die Reise nach Ranchi.


Ein neuer Anfang in Lohardaga

Wir waren im Internierungslager 40 Missionare. Von dieser Zahl durften nur acht in Indien bleiben. Die Goßner Kirche hatte bei der indischen Zentralregierung meine Freilassung beantragt. Delhi willigte ein. Die Kirchenleitung in Ranchi hatte mich berufen als theologischer Lehrer am theologischen Seminar in Lohardaga die Arbeit aufzunehmen. Das war für meine Familie und mich eine sehr große Freude, in die Freiheit zu ziehen und arbeiten zu können.

 

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