Mehrarbeit durch die Hintertür - das neue Arbeitszeitmodell
Bei näherem Hinsehen geht es um Stellen zu erwirtschaftende Mehrarbeit. Neue Ungerechtigkeiten müssten in Kauf genommen werden, obwohl das Gegenteil postuliert wird.
Von Stephanie Odenwald, Vorsitzende der GEW Hamburg
"... teile ich ihnen nach den Frühjahrsferien als erstes mit, dass es eine Erhöhung der Wochenpflichtstundenzahl oder eine Absenkung der Gehälter nicht geben wird." Senator Lange in einem Brief an die Lehrerinnen und Lehrer am 16.03.2002
"Lehrkräfte und Schulleitung sind gemeinsam gehalten, die Verteilung von unterrichtlicher und außerunterrichtlicher Arbeit so zu gestalten, dass in der Regel eine Obergrenze von 30 Stunden Unterricht in der Woche nicht überschritten wird." (Kurzbericht der Lehrerarbeitszeitkommission, S. 14)
Am 15. Januar wurde es dem Senator übergeben - das neue Arbeitszeitmodell. Strengste Geheimhaltung war die Weisung. Aber nur zwei Tage später ging das Geheimpapier an die Presse. Nun konnte es auch nicht länger der übrigen Öffentlichkeit, wie den Gewerkschaften und Personalräten vorenthalten werden. Wieder einmal führt Senator Lange vor, was er von der Einbeziehung und Information der zuständigen Interessenvertretung der Beschäftigten hält. Jedoch gibt es Grenzen für eine Politik nach Gutsherrenart. Eine neue Berechnung der Arbeitszeit und damit der Leistung der LehrerInnen an den Schulen kann nicht diktatorisch an der Interessenvertretung der Beschäftigten vorbei entschieden werden. Die demokratischen Spielregeln sind anders. Bei einer Neuregelung der Arbeitszeit hat die Gewerkschaft das Recht mitzureden, alles andere ist ein Rückfall in den Feudalismus. Unsere erste Aufgabe ist jetzt eine genaue Analyse dieses Arbeitszeitmodells und eine Klärung der damit zusammenhängenden rechtlichen Fragen. Für den Februar werden wir eine Veranstaltung vorbereiten (Donnerstag, den 13.2., s. S. 15), dort wird über die gründliche Information hinaus auch unsere Einflussnahme auf den verschiedenen Ebenen zur Debatte stehen. Alle KollegInnen sind gebeten, die verschiedenen Sichtweisen und Interessen in einer solidarischen Diskussion offen zu äußern. Über die Vertrauensleutepost und über die Personalräte werden Informationen an die Schulen kommen. Wir bitten alle KollegInnen, unsere Informationen zu verbreiten und für eine rege Diskussion an den Schulen zu sorgen sowie Stellungnahmen und Beschlüsse der Lehrerkonferenzen an die Behörde weiterzuleiten. Noch ist nichts entschieden und an uns allen liegt es, was wir erreichen werden.
Unser Ziel ist: Erstens durch breite Information und durch gezielte und massive Einflussnahme zu verhindern, dass den Hamburger LehrerInnen durch die Hintertür eine Verlängerung der Unterrichtspflicht aufgezwungen wird. Zweitens auf den sich zuspitzenden Lehrerlnnenmangel hinzuweisen, mehr Einstellungen zu verlangen und durchzusetzen. Denn die geplante Mehrarbeit verschlechtert zugleich die Perspektive der jungen LehrerInnen. Drittens, den Zusammenhang von Lehrerarbeitszeit und moderner Lernkultur herzustellen. Nach der Fülle vorliegender Erkenntnisse über erfolgreiches Lernen darf ein Arbeitszeitmodell nicht die überlieferte Aneignung von Fachwissen zementieren und die Entwicklung zu fächerübergreifendem Lernen, Projektorientierung blockieren. Daher ist unsere Botschaft: Wir bilden die Zukunft. Wir sind die Fachleute fürs Lernen und für die Unterrichtsorganisation und die Gestaltung der damit verbundenen Arbeitszeit. Hier geht es um unsere Arbeitsbelastung, unsere Gesundheit, unsere Zufriedenheit mit der Arbeit. In Hamburg wurde in den 90er Jahren bereits intensiv und kontrovers über Arbeitszeitmodelle diskutiert und auf dem Gewerkschaftstag der GEW in 2001 eine Strategie beschlossen. Wir treten als GEW seit, Jahren dafür ein, dass die Sicht auf die Lehrerarbeitszeit eine andere wird und weitere Verschlechterungen abgewehrt werden. Ein mühsamer Kampf mit schmerzlichen Rückschlägen. Meine These ist: Eine Verlängerung der Lehrerarbeitszeit kann solange auf populistische Weise legitimiert werden, wie das Bild vom Halbtagsjob die Köpfe beherrscht. Dieses Vorurteil hat sich dank einer intensiven Bildungsdebatte verringert, trotz der gelegentlichen dumpfen Ausfälle in der Bildzeitung. Unsere Chancen sind gestiegen, die Vielfalt der pädagogischen Tätigkeit an den Schulen und die längst festgestellte hohe Arbeitsbelastung offen zu legen. Schule ist mehr als Unterricht. Dass dies durch die Beteiligten offensiv vertreten wird, ist eine Voraussetzung, die öffentliche Meinung gegen die geplante Mehrarbeit und gegen den Mangel an Stellen zu beeinflussen.
Was enthält das Arbeitszeitmodell der Behörde ?
Änderung der Bedarfsgrundlagen Im verklausulierten Sprachstil dieses Textes wird auf folgendes hingewiesen: "Im Unterschied zu der Arbeit der 1. Lehrerarbeitszeitkommission gehört das Prinzip der Auskömmlichkeit zum ausdrücklichen Auftrag der Kommission." (S. 5) Dieses beeindruckende Wort Auskömmlichkeit (wer kann dagegen etwas haben) wird erläutert: "Das Prinzip der Auskömmlichkeit beinhaltet also keineswegs einen Auftrag zur Einsparung von Lehrerstellen; deren Zahl ist vielmehr gesetzt. Sie beinhaltet wohl aber die Verpflichtung zur sparsamen Verwendung von Stellen." (S. 5) Oh, arme deutsche Sprache, wie wird sie strapaziert, weil ' die Behörde einen eklatanten Lehrermangel verschleiern will! Nach den bisherigen Bedarfsgrundlagen brauchen wir in dieser Legislaturperiode etwa tausend LehrerInnen mehr. Das sind knapp gerechnet 25.000 LehrerInnenstunden. Bekanntermaßen brechen die Regierungsparteien ihr Versprechen mehr Stellen zu schaffen. Statt dessen sind die im Jahr 2001 vorhandenen 14.083 Stellen reduziert worden, aber so, dass es wie eine Steigerung aussieht: "Die zur Verfügung stehende Lehrerzahl für die Jahre 2003 - 2005, nämlich 13.700, 13.800 und 13.900, ist dabei die allen Planungen zugrundeliegende Ausgangsgröße." (S. 5) Auftrag der Kommission war also, mit dem Arbeitszeitmodell die tausend Stellen oder 25.000 Lehrerstunden zu erwirtschaften. Auf alle LehrerInnen verteilt wären das etwa eineinhalb Stunden mehr pro Woche. Eine solche Pflichtstundenerhöhung hätte den Wortbruch des Senators offensichtlich gemacht. Also muss was anderes her. Dafür wurde die Arbeitszeitkommission instrumentalisiert. Das verordnete Kunststück war, den Stellenbedarf und die Arbeitszeit passend zu machen, Und siehe da, hergezaubert durch ein Arbeitzeitmodell, werden Stellenbestand und Lehrerarbeitszeit auf magische Art und Weise passend gemacht. Wie geht das? Im Vergleich zu vorher werden die Klassengroßen verändert und flexibilisiert. (Statistik S. 5) " Die Basisfrequenz einer Klassenstufe ist diejenige Schülerzahl, für die einer Schule die für den Grundunterricht nach Stundentafel erforderliche Lehrerzahl erteilt wird. Das heißt, Fachunterricht, der eine Teilung der Klasse erfordert, ist nur möglich, wenn diese Teilungsstunden durch Überschreiten der Basisfrequenz erwirtschaftet wird. " (S. 5) Demnach müssen jegliche Teilungs- und Differenzierungsstunden durch eine höhere Schülerfrequenz erwirtschaftet werden. Prima Idee! Und gar nicht so neu! Wenn ein Lehrer 30 Kinder in der Klasse hat, kann dafür ein anderer im Chemieunterricht in einer Gruppe von 15 Versuche machen. Das hatten wir doch schon bei der ersten Streichungsrunde zu Beginn des Schuljahres, die zu großen Klassen und steigenden Unterrichtsausfällen geführt hat. Nun wird eine zweite Streichungsrunde eingeleitet: dieses Mal sollen die Bedarfe der allgemeinbildenden Schulen laut Text um weitere 3 % abgesenkt werden (vgl. S. 7)
Bewertungsgrundlagen und Faktorisierung der Fächer Grundsätzlich wird von einer jährlichen Gesamtarbeitszeit der LehrerInnen von 1.776 Zeitstunden ausgegangen. Der Kurs geht zu einem Jahresarbeitszeitkonto. Die 1.776 Zeitstunden entsprechen einer 40-Stunden-Woche im Öffentlichen Dienst, die in Hamburg im Sommer 2002 die 38,5-Stunden-Woche per Verordnung abgelöst hat. Allerdings sei daran erinnert, dass die LehrerInnen nie in den Genuss der Arbeitszeitverkürzung auf 38,5 Stunden gekommen sind. Nach den Angaben der ersten Arbeitszeitkommission von 1999 lag ihre Arbeitszeit im Durchschnitt bei 1.800 Stunden. Nichtsdestoweniger soll nun die 40-Stunden-Woche auf die Lehrerarbeitszeit übertragen werden. Wenn die Ferien berücksichtigt werden sowie die Feiertage, bleiben 38 Arbeitswochen übrig und somit eine Arbeitszeit von 46,5 Zeitstunden. Der größte Teil davon, 35 Stunden oder 75 %, werden angerechnet für Unterrichtsaufgaben, die restlichen 11,5 Stunden oder 25 % sind für funktionsbezogene und allgemeine Aufgaben zu verwenden (vgl. S. 8 ff). Für alle Aufgaben werden Zeitwerte angegeben. Die unterschiedliche zeitliche Bewertung der Unterrichtsaufgaben nach Schulformen und Fächern, deren unterste Grenze der Faktor 1,2 5 (Sport) ist und oberste Grenze der Faktor 1,8 (Deutsch im Gymnasium) führt dazu, dass einige KollegInnen weniger und andere mehr Stunden unterrichten müssten. Proklamiert wird eine gerechtere Bewertung. Das wird zu diskutieren sein. Die "unterrichtlichen Aufgaben" umfassen laut Text die Vor- und Nachbereitung des Unterrichts, die Korrekturen, die Gespräche mit Kollegen und Eltern, die Klassen- und Zeugniskonferenzen. Nicht berücksichtigt ist die psychische und physische Belastung und daraus folgende Erschöpfung, die für eine Regelung der Arbeitszeit in anderen Berufen untersucht wird, z.B. bei Piloten. Dieser Anforderung müsste nachgekommen werden, nicht nur weil eine Gefährdungsanalyse im Arbeitsschutzgesetz vorgeschrieben ist sondern auch, weil nur so eine Arbeitsbelastung umfassend festgestellt werden kann. Ergebnis der Bewertung ist: Die Obergrenze der bisherigen Pflichtstunden wird nach oben geöffnet - im Regelfall sollen möglichst nicht mehr als 30 Stunden die Woche erreicht werden. Da Ausnahmen die Regel bestimmen, könnte demnach die Stundenzahl schon mal 30 übersteigen. Hervorzuheben ist, dass die Arbeitszeitkommission endlich der Forderung nachgekommen ist, dass bei den teilbaren Aufgaben wie Pausenaufsichten, Vertretung und Bereitschaft für Teilzeitarbeitende eine angemessene Regelung erfolgt. Eine überfällige Erkenntnis ist auch, dass Fortbildung auf die Arbeitszeit angerechnet werden muss und kein Privatvergnügen ist. Allerdings wird Fortbildung zum Obligatorium erklärt. Hier stellt sich die Frage, welchen Sinn es macht, wenn eine verpflichtende Fortbildung für Lehrerinnen eingeführt werden soll und gleichzeitig eine Kürzung der Seminarleiterstellen für Lehrerfortbildung geplant wird.
Zur Umsetzbarkeit des Arbeitszeitmodells
"Von einer flächendeckenden Umsetzung der Vorschläge ohne Erprobungsverfahren rät die Kommission mehrheitlich dringend ab, weil alle Experten eine Teilerprobung für erforderlich halten und weil eine flächendeckende Umsetzung nur schwer lösbare Implementationsprobleme erzeugt." Demnach spricht sich die Arbeitszeitkommission vernünftigerweise gegen eine Umsetzung ab 1.8.2003 aus. Nach ihrer Meinung müssen erst arbeitsrechtliche, organisatorische und EDV-technische Voraussetzungen geschaffen werden. Hinter den Zeilen steht, dass für die Schulen ein Chaos befürchtet wird, wenn Senator Lange die Einführung zum 1.8. durchdrücken will. Gleichzeitig empfiehlt die Kommission, die gekürzten Bedarfe schon im Schuljahr 2003/2004 einzuführen. Ihr liegt an einer Entmischung, hier Pflichtstundenverlängerung und Streichungen da Arbeitszeitmodell. Ihre Mitglieder werden für eine Verlängerung der Pflichtstunden instrumentalisiert und erkennen realistischerweise, dass die Hamburger LehrerInnen das Betrugsmanöver durchschauen und sich vehement dagegen wehren werden.
Für die GEW ist dieses Arbeitszeitmodell inakzeptabel, da es dadurch geprägt ist, Stellen in einem beträchtlichen Umfang zu erwirtschaften, die Arbeitszeit durch die Hintertür zu verlängern. Unsere Alternative beinhaltet die Forderung nach Entlastung der LehrerInnen und nach Anerkennung der vielfältigen Aufgaben bei der pädagogischen Arbeit in der Schule. Bei letzterem hat die Arbeitszeitkommission positive Ansätze. Wir halten es für nötig und an der Zeit, die Voraussetzungen für eine moderne einanzipative Lernkultur und eine entsprechende Schulorganisation zu schaffen.
Hamburger Lehrerzeitung (hlz), 24.01.03
Statement der Vorsitzenden Stephanie Odenwald
Die GEW tritt seit Jahren für eine angemessene zeitliche Erfassung der Lehrerarbeitszeit und der Arbeitsbelastung in diesem Beruf ein. Wir haben von arbeitsmedizinischer Seite alarmierende Berichte über die physische und psychische Beanspruchung und den Gesundheitsverschleiß der LehrerInnen. Daher sind wir als Gewerkschaft an einem Arbeitszeitmodell interessiert, das die heutige Belastung und zeitlichen Anforderungen umfassend berücksichtigt. Wir gehen davon aus: Schule ist mehr als Unterricht. Die Aufgaben einer Lehrkraft in der Schule sind vielfältig. Die Mitglieder der Arbeitskommmission haben einerseits den Versuch gemacht, diese vielfältigen Aufgaben zu erfassen (siehe mind-map), andererseits haben sie sich für ein krasses Mehrarbeitszeitmodell instrumentalisieren lassen. Dadurch wird dem Bemühen um eine andere realitätsgerechte Erfassung der Arbeitszeit und Anerkennung der umfangreichen Aufgaben schwerer Schaden zugefügt. Die LehrerInnen werden für dumm verkauft, wenn ihnen vorgegaukelt wird, das sei kein Mehrarbeitszeitmodell. Senator Lange hat im März 2002 in einem Brief an alle LehrerInnen wortwörtlich formuliert, dass es keine Verlängerung der Pflichtstunden geben wird. Dieses Versprechen wird gebrochen, wenn dieses Arbeitszeitmodell eingeführt wird.
Offensichtliche Mehrarbeit – Erwirtschaftung von etwa 1000 Stellen
In Hamburg werden wir nach den bisherigen Bedarfszahlen in der Zeit bis 2005 einen Mangel von etwa 1000 Lehrerstellen haben bzw. knapp gerechnet 25 00 Unterrichtsstunden, wenn nicht neue Stellen geschaffen werden, junge LehrerInnen eingestellt werden. Das ist bedingt durch steigende Schülerzahlen, 3. Sportstunde, längere Unterrichtszeiten durch die Umstellung auf Abitur in 12 Jahren sowie mehr Ganztagsschulen. Schon jetzt sind die Bedarfe mehr als knapp gerechnet und macht sich die Herabsenkung der Stellen auf zur Zeit 13 700 bemerkbar - 2001 lagen sie noch über 14 000. Die Folge sind übergroße Klassen, jede Menge an Unterrichtsausfall, sinkende Qualität der Bildung. Nun wird in das neue Arbeitszeitmodell eine weitere Senkung der Bedarfe eingebaut und die Unterrichtsverpflichtung wird eindeutig verlängert – und dass soll auch noch versteckt und übertüncht werden. Die fehlenden Lehrerstunden würden bei einer linearen Erhöhung der Unterrichtsverpflichtung mindestens 1 ½ Unterrichtsstunden mehr für alle LehrerInnen ergeben. Mit diesem Arbeitszeitmodell wird generell die Obergrenze der Pflichtstunden geöffnet und kann nach den Worten der Kommission in der Regel bis auf 30 hochgesetzt werden. In der Regel beinhaltet: es kann auch über 30 Unterrichtsstunden gehen. Die Zeitwerte für die einzelnen Fächer (Faktorisierung) sind willkürlich so gesetzt, dass insgesamt die passende Stundenzahl herauskommt. Wir halten die hier vorgenommene Faktorisierung für höchst fragwürdig. Sie zementiert außerdem einen herkömmlichen Unterricht, die herkömmliche Vermittlung von Fachwissen. Moderne Unterrichtsgestaltung braucht ein anderes Arbeitszeitmodell.
Die Gewerkschaften und ihre Personalräte waren bei diesem Modell nicht beteiligt. Das ist unakzeptabel. Wir fordern den Senator auf, dass umgehend Gespräche über dieses Arbeitsmodell stattfinden. So kann dies auf keinen Fall umgesetzt werden.
Behörde täuscht Öffentlichkeit mit falscher Bilanz über das wahre Ausmaß der Lehrermehrarbeit
Die BBS hat bei ihrer vor 2 Wochen veröffentlichten Erhebung zur Unterrichtsverpflichtung der LehrerInnen mit gefälschter Bilanz gearbeitet! Das geht aus dem Papier hervor, das den Kammern vorliegt (siehe Anlage).
Bei den 40 Schulen hat sich die BBS mit dem Vergleich der Unterrichtsverpflichtung vor und nach Einführung des Arbeitszeitmodells eines üblen Tricks bedient.
In der Spalte 4 "alte" Unterrichtsverpflichtung wird die formale Stundenverpflichtung, die eine Lehrkraft gem. früherer Pflichtstundenverordnung maximal zu geben hatte, angegeben. Unterschlagen wird, dass viele Lehrkräfte weniger Stunden unterrichteten, weil sie für besondere Aufgaben, wie z.B. Fachleitung, Sammlungsleitung, Medienwart, Sicherheitsbeauftragte und Konzeptgruppen Anrechnungsstunden erhielten. Diese Anrechnungsstunden - jetzt heißen sie Funktionsstunden - sind keineswegs eine Erfindung des Arbeitszeitmodells, sondern die gab es schon immer. Je nachdem, wie viele Anrechnungsstunden für die besonderen Aufgaben vergeben wurden, sank die tatsächliche Unterrichtsverpflichtung um eine oder mehr Stunden.
Die Zahlen in dieser Spalte präsentieren lediglich die frühere Pflichtstundenverordnung. Sie geben nicht an, wie viele Stunden tatsächlich im Durchschnitt unterrichtet wurden.
Genau das aber geschieht in Spalte 5. Hier wird für die "neue" Unterrichtsverpflichtung angegeben, wie viel Stunden die KollegInnen real durchschnittlich unterrichten.
Die Anzahl der Anrechnungsstunden (jetzt: Funktionsstunden) war an den Schulen und je nach Schulform unterschiedlich hoch. Das ist übrigens bei den Funktionsstunden jetzt genau so. So standen beispielsweise vor einem Jahr einem Gymnasium mit 34 KollegInnen 19 Anrechnungsstunden für Extraaufgaben zur Verfügung. Folglich unterrichteten im Durchschnitt mehr als die Hälfte der KollegInnen 1 Stunde weniger, also nicht 24, sondern 23 Stunden.
Diese Statistik, die die Behörde für ihre Erhebung verwendet hat, ist mehr als untauglich. Sie ist übelste Bilanzfälschung, um die tatsächliche Mehrbelastung der Hamburger Lehrerschaft zu vertuschen! Dazu Dr. Stephanie Odenwald, Vorsitzende der GEW Hamburg: "Die GEW ist entsetzt, dass führende Repräsentanten der BBS sich in der Öffentlichkeit der Bilanzfälschung bedienen. Die Leitung der Behörde hat offensichtlich in der politischen Auseinandersetzung um das Arbeitszeitmodell jegliches Augenmaß verloren. Das muss personelle Konsequenzen haben. Die GEW fordert umgehend eine lückenlose Untersuchung dieses ungeheuerlichen Vorgangs. Bei einem Wirtschaftsunternehmen würde Bilanzfälschung als krimineller Tatbestand angesehen werden."
Realdaten zu erteilten Unterrichtsstunden je Vollzeit- Lehrkraft im Schuljahr 2003/ 04