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Johannes Paul

Inhalt


Veröffentlichungen

Die territoriale Ausbreitung der britischen Herrschaft in Südafrika bis zur Gründung Rhodesiens

Eine politisch-geographische Studie zur neueren Kolonialgeschichte

Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde der Hohen Philosophischen Fakultät der Universität Leipzig vorgelegt von Johannes Paul aus Lorenzkirch, Druck von Thomas und Hubert, Weida i. Thür. 

Angenommen von der mathematisch-naturwissenschaftlichen Abteilung der Philosophischen Fakultät auf Grund der Gutachten der Herren H. Meyer und Volz.

Leipzig, den 18. November 1927.

Inhalt

Einleitung 
I. Erste Randberührungen und die Gründung des Forts an der Tafelbai (1486 - 1652).
II. Wachstum der Kolonie durch stetige Ausbreitung der Siedelungen (1652 - 1836).

Karte I

Karte II

Einleitung

Die vorliegende Arbeit stellt einen Versuch dar, die territoriale Ausbreitung der britischen Herrschaft in Südafrika einer politisch-geographischen Untersuchung zu unterziehen. Sie will weder zur Kolonialgeschichte noch zur geographischen Landeskunde neues Einzelmaterial beibringen und stützt sich nach der historischen wie nach der geographischen Seite nur auf veröffentlichtes Quellenmaterial. Ihre Aufgabe wurde vielmehr darin gesehen, die Wechselbeziehungen zwischen Geographie und territorialer Kolonialentwicklung nachzuweisen und vor allem den Wandel in der politisch-geographischen Struktur und in den politisch-geographischen Entwicklungstendenzen Südafrikas herauszuarbeiten.

Das Thema ist also das Hineinwachsen einer politischen Lebensform in einen natürlichen Lebensraum. Die politische Lebensform, um die es sich hier handelt, ist keine einheitliche; vielmehr sind es mehrere Kolonien verschiedener europäischer Nationen und daneben zeitweilig unabhängige Staaten, die den europäischen Einfluss über ganz Südafrika ausbreiten, um erst nach der völligen politischen Aufteilung des Subkontinentes unter englischer Herrschaft vereinigt zu werden. Der Lebensraum, in den sich diese Entwicklung vollzieht, ist eine ausgeprägte geographische Individualität, mag man auch seine Abgrenzung gegen den übrigen afrikanischen Kontinent in verschiedener Weise vornehmen (63, I ff.; 92, 200; 34, 232). Die starke Einheitlichkeit und Einförmigkeit seines morphologischen Aufbaues wird abgewandelt und gleichsam belebt durch die verschiedenartige Ausbildung des Klimas und dessen geographische Konsequenzen. Es wird im Verlauf der Untersuchung im einzelnen nachzuweisen sein, wie dieser einheitliche, aber mannigfach individualisierte Lebensraum nicht etwa nur Schauplatz, sondern in sehr starkem Maße mitgestaltender Faktor des südafrikanischen Expansionsvorganges und damit auch der heutigen politisch-geographischen Struktur Südafrikas gewesen ist.

Durch diese Problemstellung ist das Verhältnis der Arbeit zu Geographie und Geschichte gegeben. Keine spezielle politisch-geographische Untersuchung wird den entwicklungsgeschichtlichen Gesichtspunkt außer acht lassen dürfen. Die "entwicklungsgeschichtlich-analytische Methode, die bestrebt ist, alle ursächlichen Beziehungen aufzuhellen und dabei den Geographen durch lange historische Räume führt, indem sie historisch-geographische Querschnitte legt, hat sich ... als die politisch-geographische Methode schlechthin erwiesen" (0. Maull 51, 25). Die Beziehung der vorliegenden Arbeit zur Geschichte ist jedoch noch näher; denn sie soll zwar ihrer Methode nach politisch-geographisch sein, aber ihr Objekt ist ein historischer Vorgang, eben die territoriale Entwicklung der europäischen Kolonien und Staaten in Südafrika.

Eine Betrachtung der britischen Expansionsbewegung in Südafrika kann nicht mit dem Tage der britischen Festsetzung beginnen. Denn da diese Festsetzung sich in der Form der Übernahme der holländischen Kapkolonie vollzog, wurden damit auch viele Voraussetzungen und Entwicklungstendenzen übernommen, deren Ursprung wesentlich weiter zurückliegt.

Die allgemeine politische Geographie hat, neuerdings besonders in Deutschland, vielerlei Beachtung und Förderung erfahren (69; 71; 85; 81; 95; 51; 24). Ihre spezielle Anwendung auf länderkundliche Themen blieb jedoch demgegenüber weit zurück (51, VI, 17, 51). Erst in neuerer Zeit wurde mit Nachdruck darauf hingewiesen (51,VI, 51) und an praktischen Beispielen gezeigt (33; 26; 27; 28; 19; Zeitschrift für Geopolitik u. a.), wie notwendig und fruchtbar derartige länderkundlich-monographische Untersuchungen zur Gewinnung eines wissenschaftlich begründeten geopolitischen Weltbildes sein können.


I. Erste Randberührungen und die Gründung des Forts an der Tafelbai (1486 - 1652)

Im Zeitalter der großen Entdeckungen liegen die Wurzeln jener Entwicklung, deren Tendenz es ist, die gesamte Oberfläche unseres Planeten einem geschlossenen System von dauernd in Wechselbeziehungen stehenden Staaten, Staatengruppen und einander durchdringenden Machtsphären einzubeziehen. Von vielgestaltigen, aber lokal, umgrenzten und nach außen politisch nahezu isolierten Staatensystemen (Römisches Weltreich; der abendländische Kulturkreis des Mittelalters) geht die Entwicklung über zur "planetarischen Situation" (39, 3).

Trotz mancher Rückschläge im einzelnen ist hier ein Gesetz der wachsenden politischen Räume (71; 32) erkennbar; nicht nur in dem Sinne, dass die Einzelstaaten bestrebt sind, immer weitere Räume bis zu den größten geographischen Einheiten, ganze Kontinente und die Randlandschaften ganzer Meere und Ozeane politisch einheitlich durchzuorganisieren, sondern auch in dem anderen Sinne, dass das Gesamtfeld der einzelstaatlichen Politik sich weitet. Eine Verflechtung der staatlichen Interessen setzt ein, und erst damit sind die Voraussetzungen gegeben zu einer wirklichen "Weltpolitik" und "Weltgeschichte" in dem Sinne, dass die politischen und geschichtlichen Entwicklungen nicht wie bisher in isolierten Staaten- und Kulturkreisen nebeneinander herlaufen, sondern dauernd ineinander übergreifen. Dieses Gesetz der wachsenden Räume verbunden mit der politischen Vorherrschaft der europäischen Völker, der "Europäisierung der Erde" (35, Kap. VIII), bezeichnet für die politisch-geographische Betrachtung die markanteste Tendenz der neueren Geschichte.

1.

Europa und Süd-Ostasien (vor allem Indien) waren am Ende des Mittelalters zwei politisch voneinander nahezu isolierte, doch in schwachen Verkehrsbeziehungen stehende Räume. Durch die Ausbreitung und Konsolidierung des Osmanischen Reiches waren die verbindenden Verkehrswege unter eine einheitliche Kontrolle gekommen und konnten gesperrt werden (98, Karte I).

Hierdurch erhalten die Versuche der Portugiesen seit Heinrich dem Seefahrer, um Afrika herum einen Seeweg nach Ostindien zu finden, ihre politische Bedeutung. Ihr nächstes Ziel war die Verbindung zweier freundlicher Verkehrspole; ihr weiteres Ergebnis ist die Einbeziehung weiter neuer Räume in das politische Weltbiid des Abendlandes.

In diesem Zusammenhange beginnt auch Südafrika durch Berührung einiger Küstenpunkte in das geographische Gesichtsfeld Europas einzutreten (74, 103ff.). 1485 berührt Diogo Cão zum ersten Male südafrikanischen Boden am Kreuzkap ; und 1486 umfährt Bartholomeo Diaz als erster Abendländer die Südspitze Afrikas, um nach kurzem Aufenthalt an einigen Küstenpunkten auf der Rückfahrt das Kap am südwestlichen Ende Südafrikas zu entdecken. Er nannte es "Cabo tormentoso", und damit ist der Ruf angedeutet, in dem das Kap noch lange bei den portugiesischen Ostindienfahrern stand, auch nachdem König Johann II. in Freude über den gewonnenen Zugang und Schlüssel zur indischen Weit den Namen in "Cabo da boa esperanza" umgeändert hatte (46, I, 5).

Die bisherigen portugiesischen Expeditionen an der atlantischen Küste Afrikas waren ihrer Absicht nach nur Küstenfahrten gewesen. Vorsichtig tasten sie an der unbekannten Küstenlinie entlang; jede neue Unternehmung erweitert die bei der vorigen erworbene Kenntnis nur um ein kleines Stück. Es ist der Ausdruck einer kleinräumigen, in den engen europäischen Aufgaben erwachsenen Schiffahrt, die sich vor die Bewältigung großer, ungewohnter Aufgaben gestellt sieht.

Die Fahrt des Vasco da Gama (1497-1499) bringt einen größeren Zug in diese portugiesischen Unternehmungen (88, I, 214). Er durchsegelt in weitem Bogen (98, Karte I) den südlichen Atlantik, umfährt das Kap, hält sich dann nahe der Küste und gibt dem Lande nördlich des Umzimkulu am Weihnachtstag 1497 den Namen: Natal (88, I, 220). Über Melinde erreicht Vasco da Gama schließlich das Ziel der portugiesischen Anstrengungen seit Prinz Heinrichs Zeit: Im Mai 1498 landet er an der Malabarküste. Damit wird zum ersten Male Afrikas Südspitze in Verbindung mit Indien gebracht, eine Verbindung, die für das politische Schicksal Südafrikas bis zur Gegenwart von großem Einfluss geworden ist.

Durch diese und einige weitere Randberührungen der nächsten Jahre war schon am Anfang des 16. Jahrhunderts der Küstenverlauf Südafrikas in seinen großen Zügen festgestellt. Portugal hatte für die südafrikanische wie für den größeren Teil der gesamtafrikanischen Küste das Recht des Entdeckers erworben. Schon 1454 hatte es sich durch eine päpstliche Bulle die Alleinherrschaft über alle jenseits des Kap Bojador "usque ad Indos" von Portugiesen entdeckten Länder bestätigen lassen. Erneut und ergänzt wurde dies durch die Demarkationslinie Alexanders VI. (Bulle "lnter cetera" 1493) und durch den Vertrag von Tordesillas (1494), worin die Abgrenzung der portugiesischen Ansprüche von den spanischen vorgenommen wurde. So war Südafrika den Portugiesen zugefallen. Wir haben nun danach zu fragen, welche Stellung es im 16. Jahrhundert im Gesamtgefüge des portugiesischen Kolonialreiches einnahm.

Eine Statistik der portugiesischen Fahrten in diesem Jahrhundert (88, I, 229ff.) zeigt, dass die Zahl der Schiffe, die an Südafrikas Küsten landeten, nur gering war im Verhältnis zu dem gesamtindischen Verkehr der Portugiesen. Wenn es sich ermöglichen ließ, vermied man überhaupt, die Küste zwischen Benguella und der Delagoabai zu berühren (88, I, 351). Nur wenige Punkte waren es, die von den Portugiesen häufiger angelaufen wurden. Es sind die "Agoada de Saldanhanda" (=Tafelbai), der "Rio Dulce" (in der Falsebai) (46 I, 10) und die "Agoada de São Bras" (= Mosselbai) (88, I, 229 ff.). Schon der Name kennzeichnet die Bedeutung dieser Punkte: es waren lediglich Wasseraufnahmeplätze; aber nicht einmal der Versuch zu einer dauernden Ansiedlung wurde gemacht.

Dementsprechend machte auch die Kenntnis von Südafrika nur geringe Fortschritte. Zwar war es eine ganze Anzahl von Buchten und Kaps der südafrikanischen Küste, die damals von den Portugiesen entdeckt und benannt worden sind (102, Kap. I); aber schon die Tatsache, dass sie wegen der Ungenauigkeit der Angaben heute z.T. nicht mehr genau identifiziert werden können und dass nur wenige ihrer Bezeichnungen sich in der portugiesischen Form, die meisten dagegen nur in der englischen Korrumpierung oder Umschreibung bis heute erhalten haben (vgl. 88, I, 258 ff.), zeigt, wie lose die Beziehungen der Portugiesen zu Südafrika waren.

Als Gesamtergebnis ist festzustellen, dass trotz häufiger, wenn auch nicht regelmäßiger Berührung von den Portugiesen weder aus handelspolitischen noch aus strategischen Gesichtspunkten eine Niederlassung an der südafrikanischen Küste zwischen der Delagoabai und Benguella gegründet worden ist. Diese Tatmache erscheint zunächst auffällig, wenn man die spätere Entwicklung Südafrikas damit vergleicht. Sie wird verständlicher, wenn man sie im Zusammenhang mit den kolonialpolitischen Motiven der Portugiesen und der Gesamtstruktur ihres Kolonialreiches betrachtet.

Portugal gründete seine ersten Kolonien hauptsächlich, um gewinnreichen Handel zu treiben, und zwar vorwiegend mit hochwertigen Tropenprodukten und Edelmetallen. Größere ländliche Siedelungen in Übersee anzulegen lag in keiner Weise im Sinne dieser Politik; auch wäre das damalige Portugal kaum in der Lage gewesen, viele Auswanderer zu stellen (41, 5 ff.). Dementsprechend waren es nicht Kolonien im heutigen Sinne territorialer Beherrschung, vielmehr "une chaîne de comptoirs et de points de ravitaillement, défendus par des forteresses" (43, 42). Später erst, im 17. und 18. Jahrhundert, kam als wichtiger Faktor der Sklavenhandel hinzu. Für solche Bestrebungen hatte Südafrika nichts zu bieten. Gerade die Tatsache, dass das Klima Südafrikas größtenteils nicht tropisch ist, die nach Wandlung der zur Kolonisation drängenden Motive hier ausgedehnte Europäersiedlungen entstehen ließ, bedingte seine Wertlosigkeit für die Portugiesen. Wertvolle Tropenprodukte gab es hier nicht; die Bevölkerung schien wenig zahlreich und kulturell tiefstehend zu sein, zumal da man an den gebräuchlichen Landeplätzen fast nur mit Hottentotten in Berührung kam. Auch Edelmetalle hatte das außertropische Südafrika damals nicht zu bieten.

Trotzdem hätte man erwarten können, dass bei der wichtigen Ecklage, die das Kap von nun an im europäisch-ostindischen Verkehr einnahm, die Portugiesen hier eine Flottenstation errichtet hätten, als Etappenstation für ihre Handelsschiffe und als wichtigen strategischen Punkt zur Sicherung und Sperrung des Zuganges zum Indischen Ozean. Für beides aber waren die Voraussetzungen noch nicht gegeben. Im südlichen Atlantik besaß Portugal genügend Schiffsstationen (die brasilianische Küste, San Jorge de Mina (= Elmina), die Inseln im Guineagolf und St. Holena, schließlich seit 1594 auch noch São Paulo de Loanda), um direkt ohne Unterbrechung bis nach Mozambique fahren zu können, unter möglichster Vermeidung des wegen seiner Stürme gefürchteten Kaps. Aber auch zur Anlage eines strategischen Stützpunktes lag keine Notwendigkeit vor, solange Portugal das unbestrittene Monopol im Verkehr nach Ostindien hatte.

Dies war bis in die letzten Jahrzehnte des 16. Jahrhunderts der Fall. Portugal war 1580 mit Spanien durch Personalunion vereinigt worden, und diesen Zeitpunkt kann man als den Höhepunkt auch der frühen spanisch-portugiesischen Kolonialmacht bezeichnen, dem bald der Verfall folgte. In Europa war durch die Vernichtung der Armada (1588) die spanische Seeherrschaft erschüttert worden; der Weg nach Übersee war jetzt frei für die aufstrebende Schiffahrt der nordwesteuropäischen Staaten (84, 46ff.).

Schon in den letzten Jahren des 16.Jahrhunderts waren die ersten nichtportugiesischen Schiffe in den Indischen Ozean, das bisherige Monopolgebiet der Portugiesen, eingedrungen. Da sie zunächst keine Stützpunkte auf dein Wege dahin besaßen, musste das Kap für sie sogleich eine größere Bedeutung bekommen, als es im ganzen 16. Jahrhundert für die Portugiesen gehabt hatte. 1591 liefen die ersten englischen Schiffe Südafrika in der Agoada de Saldanha an, 1595 die ersten Holländer die Agoada de São Bras (88, I, 396, 401). Die Besuche der holländischen und englischen Schiffe wurden bald häufiger; die Agoada de Saldanha wurde ihr bevorzugter Landeplatz, für den sich seit 1601 nach dem ihn beherrschenden Tafelberg der Name Tafelbai einbürgerte (88, I, 404; 46, I, 3).

Das Ergebnis dieser ersten Erfolge ist die Gründung der großen Ostindienkompanien in den nordwesteuropäischen Staaten zu Anfang des 17. Jahrhunderts. Der Schwerpunkt aktiver Kolonialpolitik beginnt damit von den iberischen Ländern nach Nordwesteuropa zu gleiten.

Die bisherigen Expeditionen dieser Völker waren die Leistungen einzelner Handelsherren und kleinerer Verbände gewesen; jetzt werden die Kräfte der Nationen in der eigenartigen Form der Handelskompanien zusammengefasst. 1600 erteilt die Königin Elisabeth der englisch-ostindischen Kompanie eine Royal Charter; 1602 vereinigen die Generalstaaten die verschiedenen kleinen Kompanien, die sich in den Niederlanden für den Handel mit Ostindien gebildet hatten, zur Vereinigten Niederländischen Ostindischen Kompanie; 1604 wird eine französische, 1612 sogar eine dänische Ostindienkompanie gegründet (46, I, 12ff.).

Noch aber hielt Portugal seinen Anspruch auf das Monopolrecht im Indischen Ozean aufrecht. Die neuen Kompanien sind durchaus der weltpolitischen Situation angepasst: ihre Ziele sind nicht allein wirtschaftliche, sondern auch politische, sie sind auf Eroberung und überseeische Reichsbildung eingestellt. Es interessieren uns hier vorwiegend die niederländische und die englische Kompanie; beide enthalten in ihrem Freibrief einen Passus, der ihnen das nationale Monopol auf den Verkehr mit den Küsten Afrikas, Asiens und Amerikas zwischen dem Kap der Guten Hoffnung und der Magellanstraße gibt (103, II, 52, V, 14). Durch das Eindringen dieser fremden Konkurrenten war die politische Lage im Indischen Ozean für die Portugiesen wesentlich verändert worden. Jetzt erst bekommt die Lage Südafrikas ihre politische Bedeutung als beherrschende, den Eingang zum Indischen Ozean kontrollierende Ecklage, die sie durch alle späteren Wandlungen der weltpolitischen Situation im wesentlichen bis heute beibehalten hat. Es ist sehr charakteristisch für diesen Wandel des politischen Wertes, den das Kap jetzt erfährt, dass erst in diesen Jahren der erstarkenden Konkurrenz die spanisch-portugiesische Regierung den Plan fasst (1608), am Kap eine Niederlassung zu gründen (46, I, 10). Und ebenso bezeichnend ist, dass es nur die strategische Erwägung, man könne von hier aus den holländischen und englischen Handel unterbinden, war, welche zu diesem Plane führte (7, 177).

Aber es kam nicht mehr zur Ausführung des Projektes, denn die Macht der Portugiesen war in raschem Sinken begriffen. Die englische (73, 91) und noch mehr die holländische Kompanie (73, 63ff.) faßten sehr schnell in Südostasien Fuß und breiteten sich auf Kosten der Portugiesen aus.

Auch Südafrika kam durch diesen politischen Umschwung in die Interessensphäre der beiden großen Handelsgesellschaften; deren Schiffe berührten das Kap immer häufiger. Seit etwa 1608 liefen die englischen Ostindienfahrer die Tafelbai regelmäßig an (88, I, 424), und 1616 bestimmten auch die Direktoren in Amsterdam die Tafelbai zum ständigen Erfrischungsort und Austauschplatz von Nachrichten für die Schiffe der holländischen Ostindienkompanie (88, I, 421). Sehr bald tauchte nun auch auf englischer und holländischer Seite der Gedanke auf, am Kap eine ständige Station zu errichten.

Schon 1608 und 1613 wurde diese Frage in England erwogen, aber von den Direktoren abgelehnt (88, I, 423, 425). Man wollte die geringen Kräfte der jungen Kompanie ganz auf die eigentlichen ostindischen Aufgaben konzentrieren (46, I, 19). Darum wurde auch die Annexion der Tafelbai, die 1620 einige unternehmende englische Flottenoffiziere auf die Nachricht von einer bevorstehenden holländischen Festsetzung hin eigenmächtig vorgenommen hatten, von den Londoner Direktoren nicht anerkannt. Es war darin König Jakob I. zum Herrn "... of the whole continent near adjoining, so far to be extended as that at present no Christian prince nor potentate have any fort or garrison for plantation within limits aforesaid" (1, I, 3; vgl. auch 8, 390, 395) erklärt worden; aber keinerlei faktische Besitzergreifung folgte.

2.

Vielmehr waren es die Niederländer, die den Gedanken, am Kap eine dauernde Station zu errichten, jetzt mit größerem Nachdruck verfolgten. Ihre wachsenden Interessen im Indischen Ozean ließen bei ihnen das Bedürfnis entstehen, in der Nähe von dessen südwestlicher Eingangspforte einen Stützpunkt für ihre Schifffahrt zu haben. Schon seit 1616 liefen ihre Ostindienfahrer das Kap regelmäßig an. Eine kurze Zeit lang (1619) erwog man sogar den Plan, eine gemeinsame englisch-holländische Station anzulegen (91, 20), er musste scheitern an der sehr bald wieder sich verschärfenden Rivalität der beiden Mächte im Indischen Ozean ("Blutgericht von Amboina" 1623).

Schließlich gab erst die Erwerbung genauer geographischer Kenntnisse den letzten Anstoß zur endgültigen Festsetzung (vgl. Ratze 71, 158ff.). Die Strandung des Schiffes "Haarlem" (1648) zwang dessen Mannschaft, mehrere Monate am Kap zuzubringen. Man lernte dabei die Tafelbai, ihre Umgebung und die dortigen Lebensverhältnisse besser kennen, und nach ihrer Rückkehr unterbreiteten zwei der Offiziere den Direktoren in Amsterdam eine Denkschrift, worin sie sehr anschaulich die Vorteile darlegten, die die Kompanie durch die Gründung eines Forts mit Gartenanlage am Kap gewinnen könnte (66, I, 2ff.). Sie wiesen hauptsächlich darauf hin, dass der Gesundheitszustand unter den Mannschaften der Ostindienfahrer sich wesentlich bessern ließe durch die Anlage einer Erfrischungsstation, wo die Schiffe neben Wasser auch Gemüse, Früchte und frisches Fleisch einnehmen könnten (66, I, 4). Die natürlichen Voraussetzungen für eine solche Anlage seien hier gegeben, und auch mit den Eingeborenen sei nach ihren Erfahrungen ein friedlicher Tauschhandel mit Vieh möglich. Und schließlich betonten sie noch, welche strategische Bedeutung das Kap in den Händen einer feindlichen Macht, die die holländischen Ostindienflotten abfangen wolle, bekommen könnte (66, I, 15 ff.).

Diese Denkschrift gab den letzten Anstoß, die schon so lange erwogene Gründung einer Kapstation auszuführen. Mehrere Gründe wirkten zusammen, dass hierzu gerade die Tafelbai gewählt wurde. Es war die Bai, die sich unter den verschiedenen anfänglich angelaufenen Punkten als die brauchbarste erwiesen hatte, vor allem wegen des guten Süßwassers, das die zahlreichen kleinen Bäche am Fuße des Tafelberges boten; daher wurde sie von den Holländern seit 1616 stets bevorzugt. Sie bot, außer gegen die winterlichen Nordweststürme (82, 161; 88, II, 521), auch größeren Flotten guten Schutz. Schließlich aber ist es von Wichtigkeit, dass damit die neue Siedelung noch auf die Kaphalbinsel zu liegen kam, also an die Stelle der wenig gegliederten südafrikanischen Küste, die dem Meere gegenüber am meisten aufgeschlossen, kontinentalen Einflüssen am wenigsten unterlegen ist. Diese Absonderung der Halbinsel vom Kontinent wurde hier noch besonders verstärkt durch die weiten Sanddünen der zwischen beiden liegenden Cape Flats, die sich bald für den Verkehr und die Ausbreitung der Siedelungen als Hindernis erwiesen (98,8 und Karte 5). In den Halbinseln vollzieht sich der Übergang vom Land zum Meer (71, 460), wenn also schon an dem südafrikanischen Kontinent eine Flottenstation, die nur überseeischen Interessen zu dienen hatte, angelegt werden sollte, so fügte sich eine Niederlassung auf der Kaphalbinsel, die sich im Notfall gegen den Kontinent hin absperren ließ, dem Gesamtbau des frühen holländischen Kolonialreiches noch am besten ein.

Der Kommandeur van Riebeek wurde mit der Ausführung des Planes beauftragt. Aus den Instruktionen, die die Direktoren ,ihm und seinen Offizieren mitgaben (66, I, 28ff.), geht hervor, dass weitschauende Expansionspläne bei der Gründung dieser Niederlassung nicht verfolgt wurden. Es sollte nur ein Fort für eine Garnison von 70 - 80 Mann gebaut und Garten- und Weideland für die Bewirtschaftung durch die Kompanie angelegt werden. Mit den Eingeborenen sollten sie in friedlichen Tauschverkehr treten, feindliche Konflikte aber nach Möglichkeit vermeiden (66, I, 30). Und wenn etwa andere europäische Nationen (außer den Portugiesen, die damals als erklärte Feinde behandelt wurden) auch in der Nähe des Kaps eine Niederlassung gründen wollten, so sollten zunächst die Vertreter der Kompanie dagegen nicht einschreiten, solange nicht die Interessen ihrer Niederlassung geschädigt würden (66, I, 34).

Man wollte also nicht etwa durch die Errichtung des Tafelbai-Forts einen politischen Anspruch auf ganz Südafrika dokumentieren, wie es 1620 die englische Annexionserklärung getan hatte. Sondern es sollte dadurch zunächst nur verhindert werden, dass holländische Schiffe von der Benutzung der Tafelbai ausgeschlossen würden (46, I, 35), und es sollte hier für sie eine Erfrischungsstation in größerem Stil geschaffen werden, als es bisher St. Helena gewesen war.

Im April 1652 landete van Riebeek mit drei Schiffen in der Tafelbai. Sogleich begann man mit dem Bau eines einfachen Forts am Soete Rivier (= der spätere Fresh River im Table Valley), das in den folgenden Jahren noch wesentlich verstärkt wurde (vgl. 98, Karte 4; 68, 1, 14ff.; 67, I, 6ff.). Am Fuße des Tafelberges wurden neben dem Fort und später weiter östlich am Liesbeeckfluss Gärten angelegt, in denen Gemüse und Obst für die Versorgung der kleinen Garnison und vor allem der Schiffe, die hier Station machten, gezogen wurden. Und allmählich gelang es auch, mit den Hottentotten in Verkehr zu treten und von ihnen Vieh einzutauschen (68, I, 36ff.; 58ff.).

So erfüllte die kleine Siedelung schon nach wenigen Jahren die Zwecke, um derentwillen sie angelegt war. Man hat sie den "Küchengarten" der Kompanie genannt, und damit ist ihre Hauptfunktion gekennzeichnet. Die Ostindienfahrer konnten jetzt tatsächlich hier stets frisches Wasser, Gemüse, Früchte und Fleisch einnehmen. Die Seeleute konnten sich von der langen Fahrt durch einen kurzen Landaufenthalt erholen, und da sehr häufig Krankheitsfälle vorkamen, wurde an das Fort ein kleines Hospital angebaut . Es entspricht dem wirtschaftlichen Charakter der Station, dass auch die Schiffe fremder, nicht feindlicher Nationen hier anlaufen und Wasser einnehmen konnten (46, I, 46ff.).


II. Wachstum der Kolonie durch stetige Ausbreitung der Siedelungen (1652 - 1836)

1.

Die Station am Kap war gegründet worden im Interesse und zur Beförderung des Indienverkehrs der Niederländischen Ostindischen Kompanie. Diese Tatsache muss sich stets vor Augen halten, wer über die weitere Entwicklung der Kapkolonie unter der Herrschaft der Kompanie urteilen will. Ihre Stellung im Reich der Kompanie wird dadurch gekennzeichnet, dass sie - wie alle indischen Besitzungen - dem Generalgouverneur und Rat von Indien in Batavia unterstellt war (46, I, 31ff.). Sie wurde verwaltet, als ob sie ein Teil dieses indischen Besitzes selbst sei.

Gegen den Kontinent hin ist die Kaphalbinsel durch die breiten Sanddünen der Cape Flats deutlich abgeschlossen, wodurch die von den Direktoren vorgeschriebene Politik, den Eingeborenen eine möglichst geringe Reibungsfläche zu bieten, sehr erleichtert wurde. Es ist jedoch charakteristisch für das, was man mit der Kapstation wollte, dass auch noch die Absicht bestand, diese Abgeschlossenheit durch den Bau eines Kanals von der Tafel- zur Falsebai künstlich zu verstärken (67, II, March 25th 1656; 68, II, February 4th 1656). Dieser Plan musste aufgegeben werden, aber eine deutliche Abgrenzung der Station wurde damals vorgenommen durch die Anlage einer Dornbuschhecke mit Wachtposten (166o), die von der Küste bis zum Tafelberg laufend alle damaligen Siedelungen umfasste (98, 7 und Karte IV; 88, II, 97). Die gesamte Verwaltung und der Verkehr mit den Eingeborenen lag in den Händen der Kompanie, und alle Europäer, die in den ersten Jahren die Besatzung der Station bildeten, waren ihre Angestellten.

Bald aber erwies es sich, dass bei diesem System, das jede wirtschaftliche Tätigkeit der Kompanie vorbehielt, nicht alle die Möglichkeiten verwirklicht wurden, die an sich eine solche Station bieten konnte. Zwar hielt die Kompanie ihre eigenen Viehherden, um immer einen gewissen Fleischvorrat für die Indienflotten bereit zu haben; aber in der Zufuhr neuer Tiere war man stets von den Hottentotten und ihren oft sehr unregelmäßigen Lieferungen abhängig (12, I, 7). Es ergab sich also die Notwendigkeit, in größerem Umfang Landwirtschaft und Viehzucht zu treiben, wenn wirklich alle Bedürfnisse der Station befriedigt und sichergestellt werden sollten (46, I, 57). Um dies zu erreichen war es nötig, das bisherige Monopol der Kompanie auf jede wirtschaftliche Tätigkeit aufzugeben und eine Klasse von selbständigen Farmern zu schaffen.

Darum entschloss man sich, eine Anzahl von Angestellten vom Dienst in der Kompanie zu entlassen und ihnen Land zur eigenen Bewirtschaftung als erblichen Besitz zu verleihen (88, II, 60; 46, I, 57). 1657 wurden die ersten dieser Farmer in den beiden Siedelungen Groeneveld und Hollandsche Thuin am Liesbeeckfluß, also ganz nahe bei den dortigen Gartenanlagen der Kompanie, angesetzt (98,7 und Karte 4). Damit entstand eine ganz neue Bevölkerungsklasse: die "freien Burgher", die nicht mehr Angestellte, sondern Untergebene der Kompanie waren. Sie traten allmählich in einen deutlichen Gegensatz zu dem fluktuierenden Element der Kompaniebeamten.

Zur Zeit der Gründung des Forts war die Kaphalbinsel nur von etwa 50 - 60 Hottentotten dauernd bewohnt, aber andere besuchten die Halbinsel, besonders das Table Valley, regelmäßig (88, II, 13). Sobald diese Hottentotten merkten, dass die Europäer die Absicht hatten, sich dauernd am Kap niederzulassen und ihnen hier den besten Teil der Weiden wegzunehmen, kam es zu kleinen Zusammenstößen. Die Hottentotten beschwerten sich, dass das Land, das ihnen seit alter Zeit gehörte, ihnen genommen werden sollte, und sie fragten, ob es auch ihnen erlaubt wäre, so zu handeln, wenn sie nach Holland kommen würden (55, I, 205). Es ist die in der Kolonialpolitik aller Zeiten immer wiederkehrende Frage nach dein Rechtstitel des Kolonisators. Spätere Zeiten sind ihr gern durch eine zivilisatorisch-philanthropische Ideologie ausgewichen; die Holländer begnügten sich zunächst mit der Erklärung, sie hätten das Land rechtmäßig im Kampfe gewonnen (55, I, 205). Schließlich aber zogen sie es doch vor, durch die Formalität eines "Kaufes" sich einen besseren Rechtstitel zu verschaffen. Mit Schacher, dem Hottentottenhäuptling des Kapdistriktes, wurde 1672 ein Kauf- und Freundschaftsvertrag geschlossen, worin die Kompanie zum Eigentümer der äußersten Südwestecke Südafrikas von der Saldanhabai bis zur Falsebai erklärt wurde. Schacher verpflichtete sich außerdem, "mit Waffengewalt jede fremde europäische Macht zu vertreiben, die etwa im Laufe der Zeit versuchen wird, sich in dem genannten Distrikt festzusetzen" (55, I, 3I7ff.).

Wie ans diesem Vertrage zu ersehen ist, rechnete man jetzt mit der Möglichkeit des Angriffs einer europäischen Macht auf das Kap; den Anlaß dazu hatte das Vorgehen der französischen Ostindienkompanie gegeben. Diese Kompanie hatte durch das Interesse, das Ludwig XIV. und Colbert an ihr nahmen, vorübergehend wieder größere Bedeutung erlangt und plante umfangreiche Kolonisationsunternehmungen im Indischen Ozean (103, IV, 102 ff.). Die beherrschende Lage des Kaps schien ihr zur Anlage einer Flottenstation so günstig, dass sie 1666 und 1670 vorbereitende Versuche machte, sich an der Saldanhabai oder in deren Nähe niederzulassen, was aber die sofortige Besetzung dieser Bai durch die Holländer vom Tafelbai-Fort aus zur Folge hatte (88, II, 165 und 176). Die Ansicht der Niederländer über den Wert der Kapstation hatte sich also offenbar in den letzten 20 Jahren gewandelt. Noch in den Instruktionen an Riebeeck hatten ja die Direktoren gegen die Anlage anderer fremder Stationen am Kap neben der holländischen nichts einzuwenden gehabt; jetzt aber wünschten sie, dass ihre Kapstation die einzige an diesem wichtigen Eckpunkt des Verkehrs sei, Ihre Wertschätzung der Station war bisher nur eine wirtschaftliche gewesen, weil sie an diesem verkehrsgeographisch ausgezeichneten Punkte dem Indienhandel große Vorteile bot, jetzt kommt auch noch die strategische Bewertung hinzu.

Die politische Lage in Europa war zu dieser Zeit gekennzeichnet durch die Bemühungen Englands, im Bunde mit Frankreich Hollands Stellung als europäische Großmacht zu brechen. Dieser Konflikt wurde auch in Übersee ausgetragen und führte schon 1664 zum Verlust des holländischen Neu-Amsterdam an England. Eine weitere Aufteilung des holländischen Kolonialreiches unter England, Frankreich und Portugal war geplant (76, 77).

So war es denn auch die Furcht vor einem Angriff auf die Kapstation, die die erste direkte Ausdehnung der Ansiedelung über die Kaphalbinsel hinaus bewirkte. Es wurde ein Außenposten gebraucht, zu den man bei einem Angriff auf das Fort die Viehherden treiben und auf den sich im Notfalle auch die Garnison zurückziehen konnte (88, II, 206), Man errichtete diesen Außenposten zugleich als eine Farmstation, und zwar in Hottentotts-Holland, also jenseits der Cape Flats.

Ein zweiter Zusammenstoß mit den Hottentotten hatte die Wirkung, dass die Kapstation sich in einem Blokadezustand befand und fast keinerlei Vieh eintauschen konnte (91, 48). Daher wurde beschlossen, die Zahl der freien Kolonisten zu vergrößern und sie besonders auf die Viehzucht hinzuweisen (88, II, 234), während die freien Burgher am Liesbeeckfluss bisher hauptsächlich Ackerbauprodukte geliefert hatten. Damit eröffnete sich ein neuer Tätigkeitszweig, der wesentlich zur schnellen weiteren Expansion beitrug.

Anfang 1678 wurden die ersten Burgher bei Hottentotts-Holland mit Rinder- und Schafherden angesiedelt. Anders als den Ackerbauern in der Nähe des Forts wurde diesen Viehzüchtern das Land meist nicht als Eigentum, sondern nur zur Nutzung überlassen, wofür sie anfangs nichts, später eine jährliche Pachtsumme zu zahlen hatten. Außerdem aber lagen weite herrenlose Ländereien vor ihnen, so dass sie für ihre Herden auch außerhalb der eigentlichen Farmen die besten Weideplätze aussuchen konnten. Denn Landbesitz bzw. Pachtung war nur europäischen Siedlern möglich (3, 384ff.), das führte zur allmählichen Verdrängung der Eingeborenen von den besten Weideplätzen, was ohne große Reibungen vor sich ging, solange man es nur mit den eine sehr extensive, nomadische Weidewirtschaft treibenden Hottentotten zu tun hatte (3, 393ff.).

Von großer Bedeutung für die weitere Entwicklung der Kolonie war die Lösung der Arbeiterfrage auf den Farmen der Kompanie und der freien Kolonisten. Das Klima des außertropischen Südafrika hätte sehr wohl die Entstehung ländlicher Europäersiedlungen mit rein europäischen Arbeitskräften erlaubt. Aber die Löhne für europäische Arbeiter wären viel zu hoch gewesen, als dass mit ihnen hier noch ein einigermaßen gewinnbringender Farmbetrieb möglich gewesen wäre. Außerdem war es die Sitte der Zeit in den meisten europäischen Kolonien, die Arbeiterfrage durch Verwendung von Sklaven zu lösen. So waren denn auch am Kap schon seit 1658 Sklaven als Arbeiter eingeführt worden, anfangs aus Angola und Guinea, später aus Madagaskar und vor allem Mohammedaner aus den malayischen Besitzungen der Kompanie (46, I, 6o; 104): allmählich kamen auch viele Hottentotten in ein Abhängigkeitsverhältnis zu den Farmern (3, 399ff.). Diese Sklaveneinfuhr wurde für die Entwicklung der Kolonie und für die soziologische Struktur ihrer Bevölkerung von entscheidender Bedeutung. Alle schwere Handarbeit wurde von jetzt an als Sklavenarbeit betrachtet und verachtet. Dies blieb auch auf den Charakter der Farmer nicht ohne Einfluss: damit war der Grund gelegt zu der später von den Engländern immer wieder betonten Faulheit der Buren (z. B. Barrow I), ebenso freilich auch zu dem aristokratischen Zug des öffentlichen Lebens der Weißen in Südafrika (101, 189). Das bedingte aber auch die Unentbehrlichkeit der farbigen Diener, und es wurde damit entschieden, dass Südafrika auch nur in einzelnen Teilen nicht in ebensolchem Sinne ein "white man's country" werden konnte, wie es große Teile Nordamerikas und Australiens geworden sind.

Andererseits ist es unbillig, die Politik der Männer, die damals die südafrikanische Arbeiterfrage in diesem Sinne lösten und die sich später zu dieser Lösung bekannten, als kleinlich und nicht genügend weitsichtig zu verurteilen (vgl. 91, 33). Denn sie hätten sich im anderen Falle nicht nur zu den kolonialpolitischen Gesamtanschauungen ihrer Zeit scharf in Widerspruch setzen müssen, sondern sie hätten damit auch die Entwicklung der Kolonie auf lange Zeit künstlich zurückgehalten, da die Einwanderung aus Europa immer gering, der Arbeiterbedarf auf den Farmen aber groß war. Sie hätten also damit den Unionskabinetten des 20. Jahrhunderts die Sorge um das Eingeborenenproblem zwar wesentlich erleichtert, aber sie hätten das nur tun können um den Preis eines viel langsameren Fortschreitens des südafrikanischen Kolonisationswerkes.

2.

Bei einer Inspektion der Farmstation in Hottentotts-Holland lernte der neue Kommandeur S. van der Stel (1679 - 1699) auch den Oberlauf des Eerste Rivier kennen, und er stellte fest, dass das Tal durch Schutz gegen die gefürchteten Südoststürme, gute Bewässerung und Fruchtbarkeit sich ausgezeichnet für eine neue Ansiedelung eignen würde. Nach ihm wurde der Ort Stellenbosch genannt (55, I, 372).

S. van der Stel ist der erste Kommandeur, der Südafrika zu seiner dauernden Heimat gemacht hat. Lucas hat mit Recht darauf hingewiesen (46, I, 66), wie in seinen Eintragungen in das offizielle Tagebuch ein ganz neuer Ton anklingt: Er sieht die südafrikanische Landschaft mit anderen Augen als seine Vorgänger; er ist nicht mehr allein Kommandeur der Station an der Tafelbai wie diese, deren Ehrgeiz und Gedanken nach Europa oder Indien gerichtet waren, sondern er wünschte, dass hier eine große, möglichst rein holländische Siedlungskolonie entstehen möchte (91, 50). Darum nahm er sich auch des Siedlungswerkes mit besonderem Eifer an. 1680 wurde eine Gruppe von acht Familien in Stellenbosch angesiedelt, und schon fünf Jahre später lebten 99 Farmerfamilien in dem Tale (46, I, 66). Auch am Oberlauf des Bergflusses wurde 1687 23 Farmern Land zugewiesen, woraus der neue Distrikt Drakenstein entstand (91, 51). Die Zuwanderung von brauchbaren Kolonisten aus der Heimat war aber noch immer gering, da die damalige günstige Wirtschaftslage in Holland keinen Anlass zur Auswanderung gab (55, I,376; 88, II,313ff.).

Von großer Bedeutung für die völkische Zusammensetzung der Bevölkerung, aber auch für die Ausbreitung der Siedelungen war die Zuwanderung einer größeren Anzahl von Hugenotten. Durch die Aufhebung des Ediktes von Nantes (1685) waren mehrere tausend protestantische Flüchtlinge von Frankreich nach Holland gekommen (91, 51); dadurch wurde der dortige Arbeitsmarkt sehr beeinflusst, so dass sowohl hugenottische wie holländische Familien zur Auswanderung bewogen werden konnten. 1687kamen die ersten dieser Auswanderer am Kap an, 1688/89 der Hauptteil und später noch einige Nachzügler (46, I, 68). Im ganzen waren es nahezu 200 Hugenotten, die damals nach Südafrika einwanderten; doch übertraf die Zahl der Franzosen, die so der Kapbevölkerung beigemischt wurden, niemals ein Sechstel der Kolonisten oder ein Achtel der gesamten europäischen Bevölkerung (88, II,382).

Den neuen Ankömmlingen wurde am oberen Bergfluss und zwar in den Distrikten Fransche Hoek, Drakenstein und Paarl Land zugewiesen (vgl. Walkers Farmstatistik 98, 8ff. und Karte 5); aber da die Direktoren und der Gouverneur keine geschlossene französische Siedelung aufkommen lassen wollten, so wurden sie mit den damals fast in gleicher Zahl ankommenden holländischen Kolonisten untermischt angesiedelt (88, II, 348). Sehr bald wurden sie hier von der holländischen Bevölkerung absorbiert; aber da sie sozial, intellektuell und moralisch über dem Durchschnitt der übrigen Kapkolonisten standen, so bildeten sie einen sehr wertvollen, in vieler Beziehung fortschrittlichen Bestandteil für den in Bildung begriffenen Afrikandertyp.

Die weitere Ausbreitung der Farmen folgte nun dem Laufe des Berg-Flusses abwärts; eine Anzahl der Hugenotten war schon östlich des Paarl-Berges angesiedelt worden; 1698 wurden die ersten Farmen in Wagenmakers Vallei eingenommen.

So entstand hier eine größere Anzahl von Siedelungen, die von der alten Niederlassung auf der Kaphalbinsel scharf durch die Cape Flats geschieden waren. Die Farmer erhielten bestimmte, nicht sehr große Farmen (etwa 17 Hektar) zugewiesen; aber um sie besonders zur Viehzucht zu ermutigen, wurde ihnen erlaubt, auch alles noch nicht vergebene Land als Weide zu benutzen (88, II, 251ff.).

Bisher war es den Kolonisten verboten gewesen, von den Eingeborenen selbst Vieh zu kaufen; sie konnten dies nur durch Vermittelung der Kompanie tun. 1700 aber wurde dieses Verbot, freilich nur für wenige Jahre, aufgehoben, und darum wurde von diesem Datum an die Viehzucht für eine ständig wachsende Zahl von Farmern die Hauptbeschäftigung (88, II, 388ff.). Es ergab sich dabei eine Differenzierung der Wirtschaftsformen in der Weise, dass am Tafelberg vorwiegend Acker- und Gartenbau betrieben wurde, während in den jenseits der Cape Flats neu besiedelten Gebieten die Weidewirtschaft vorherrschte. Aber diese Scheidung erstreckte sich nicht allein auf das Wirtschaftliche; es entstanden vielmehr hier "two distinct centres of politics and sentiments" (98, 8), was für die weitere Entwickelung der Kolonie von Bedeutung wurde.

Diese Weidewirtschaft war es nun, welche zu immer weiterer Ausbreitung der Kolonisten antrieb. Bis zum Ende des 17. Jahrhunderts hatten sich die Siedelungen nur im Küstenvorland ausgedehnt (46, I, Karte S. 70; 88, II, Karte S. 386). Erst im Jahre 1700 überschritten. sie die Küstenkette des kapländischen Faltengebirges durch die Ansiedelung mehrerer Farmer am Kleinen Bergfluss (Waveren). Und ebenfalls um 1700 begannen die Farmer von Paarl, Drakenstein und Waveren ihre Herden über die Berge in die kleine Karroo zu treiben (98, 11 und Karte 5).

3.

Dem Steilabfall des südafrikanischen Zentralplateaus ist im Süden das Kapländische Faltengebirge vorgelagert. Zwei große Gebirgsketten, die als das System der Langeberge im Süden und als System der Zwarteberge im Norden zusammengefasst werden können, streichen auf weite Erstreckung nahezu parallel in ost-westlicher Richtung. Sie gliedern damit zugleich den Anstieg zum Zentralplateau in drei Stufen. Dem niedrigen Küstenvorland folgt nach Überschreitung der Langeberge im Norden als erstes Plateau die Kleine Karroo, jenseits der Zwarteberge als zweites Plateau die weite Hochfläche der Großen Karroo, aber erst nach Überwindung einer dritten Stufe (Koms-, Nieuweveld-, Koudeveld-Berge usw.) ist die unermessliche Ebene des zentralen südafrikanischen Hochplateaus erreicht.

Um 1700 war nun die erste Plateaustufe erstiegen. Vor den Farmern breitete sich jetzt eine neue Natur aus, für deren Ausnutzung eine extensive Viehzucht damals die einzig mögliche war. Zwar hatte man ja auch schon im Küstenvorland Viehzucht getrieben; aber die größere Fruchtbarkeit und die Nähe der Kapstadt ließ doch die dortigen Farmer daneben allmählich auch zu Korn-, Obst- und Weinbau übergehen 1, (91,60). Jenseits der ersten Bergkette dagegen, auf der dahinterliegenden Plateaustufe, war an einen umfangreichen Ackerbau damals nicht zu denken, Denn wo nicht - wie in der Karroo und später auf dem Zentralplateau - die Trockenheit den Ackerbau ohne künstliche Bewässerung sehr erschwerte, so war doch - z.B. im fruchtbaren Waveren - wegen der großen Entfernung und der schwer zu überschreitenden Randkette ein Transport von Ackerbauprodukten nach Kapstadt unmöglich (91,61).

Bisher waren die Siedler von der Kompanie in einzelnen Gruppen (z. B. Hottentotts-Holland, Drakenstein, Fransche Hoek, de Kutylen, Tigerberg u. a.) angesiedelt worden. Jetzt lösten sich Einzelne aus diesen dorfartigen Verbänden los und stiegen mit ihren Herden in das Innere vor (3,387). Sie wählten sich den ihnen am geeignetsten erscheinenden Lehnsplatz selbst aus und kamen erst nachträglich bei der Regierung um Bestätigung ein; die Plätze, die sie sich auswählten, waren entsprechend der nach dem Inneren rasch zunehmenden Trockenheit und den Bedürfnissen der Viehzucht schon viel größer (etwa 5000 Morgen) als die anfangs von der Regierung verteilten (3,388). Auch die große Zahl der Kinder in den Kolonistenfamilien trieb - in Verbindung mit der oben (Seite 20 Anm.) erörterten Art der Landverteilung - mächtig zur Expansion an.

So bildete sich hier, an der dauernd vorwärts drängenden Binnengrenze der Kolonie, eine Lebensweise heraus, die ganz verschieden war von dem Leben der Bewohner von Kapstadt und Umgebung. Es ist ein eigenartiger Gegensatz: der Welthafen, dessen Interessen mit den großen politischen Entscheidungen in Europa und Indien aufs engste zusammenhängen; und gleich hinter der ersten Bergkette die einsame, abgeschlossen lebende Burenbevölkerung.

Die holländische Siedelung am Kap ist jetzt nicht mehr allein eine Flottenstation auf dem Wege nach Indien, sondern es entwickelt sich aus ihr eine Kolonie mit eigenen Lebensinteressen (46,I,76). Dieser Gegensatz bekam politische Bedeutung durch die Tatsache, dass die holländische Kompanie Südafrika weiterhin - und zwar his 1795 - fast nur als Station auf dem Indienweg behandelte. Sie beschränkte die Freiheit der Kolonisten, ohne ihnen dafür irgendwelchen Schutz oder Förderung zu geben, und sie monopolisierte den Handel mit den Eingeborenen und den vorbeikommenden Schiffen fast ausschließlich. Auch eine weitere Ausdehnung der Kolonie wünschte die Kompanie nicht; durch verschiedene Verbote (z.B. 1724) und Besteuerungen suchte sie das Ausschwärmen der Farmer zu verhindern (3,390). Aber diese Bemühungen waren vergeblich; (die einzelnen Kolonisten wanderten einfach weiter nach dem Inneren und entzogen sich so zeitweilig dem Einfluss der Regierung. Häufig war es geradezu der Wunsch, der Kontrolle der Kompanie zu entgehen, der viele Farmer zum Wandern und damit zur Ausbreitung der Kolonie antrieb.

Es entwickelte sich nun hier unter den Farmern ein Halbnomadismus, der sich dem Wechsel Jahreszeiten anpasste, und der auch heute noch für manche Teile Südafrikas bezeichnend ist (63, 273). Die Farmer, die in der Nähe der Kleinen (und später der Großen) Karroo lebten, gewöhnten sich daran, während des regenreicheren Winters ihre Herden stets nach einem bestimmten Teil der Karroo zu treiben, auf den sie zwar kein von der Kompanie bestätigtes, aber doch von den anderen Farmern meist beachtetes Gewohnheitsrecht erwarben (88,II,390). Aber sobald die Regenzeit aufhörte und damit die dürftige Pflanzendecke der Karroo verschwand, zogen sie wieder auf ihre Farmplätze zurück (88,III,278; 3,389).

4.

Der weiteren Ausdehnung war die geographische Erkundung vorausgegangen. Küstenfahrten nach Norden (1669 und 1677) hatten gezeigt, dass die Küste bis Angola Wüstencharakter hatte und wenig gute Häfen bot (98,11). Auch der Verlauf der Küste nach Osten und Nordosten wurde festgestellt, und 1689 wurde sogar die Bai von Natal ganz formell von einem dortigen Häuptling gekauft (46,I,64); es wurde jedoch damals kein Versuch gemacht, Natal effektiv zu besetzen. Auch wurde 1721 bis 1730 ein Außenposten in der Delagoabai aufrecht erhalten und von hier aus versucht, in die portugiesische Sphäre bei Inhabanene einzubrechen. Aber die Besatzung wurde wieder zurückgezogen, da sich keinerlei Handel mit den Eingeborenen entwickelte und da das Abenteuer zu teuer und wegen des ungesunden Klimas zu gefährlich wurde (88,II,477).

Nicht in diesen überseeischen Ausbreitungsversuchen vom Kap aus, sondern in dem Eindringen der Farmer in den Kontinent hinein vollzog sich die weitere Ausbreitung; auch hier gehen Entdeckungsreisen voraus (98,II und Karte 6). Die Berichte dieser Reisen (Auszüge in 88, 67, 68, 12 u.a.) geben ein prächtiges Bild, wie hier das Neuland in den Gesichtskreis der Kolonisatoren tritt. Es ist die Romantik des kolonialen Pionierlebens: zum ersten Male werden von den Farmern größere Teile des Landes betreten, in dem nun in Zukunft die kleine Kapbevö1kerung zu einer neuen, eigenartigen Nation, die Kapkolonie zu dem Südafrika beherrschenden Dominion heranwächst.

Die Ausbreitung der Siedelungen am Anfang des 18. Jahrhunderts ging nach Norden zu nur sehr langsam. wegen der nordwärts rasch zunehmenden Trockenheit. Hier in dem flachen, küstennahen Zwartland-Distrikt siedelten sich Kornfarmer an. Nur ganz gering war schließlich die Zahl der Farmer, die damals den Bergfluss überschritten und im Piquetberg-Distrikt ihre Herden schon bis zur Mündung des Olifantsflusses trieben (46,I,82ff.). Im Osten dagegen folgten die Siedelungen zunächst dem Laufe der Flüsse. Von Waveren aus zogen die Farmer den Breedefluss und von Hottentotts-Holland den Zonderendfluß entlang (88,II,430). Etwas unterhalb der Stelle, wo der letztere in den Breedefluss mündet, wurde 1745 eine Landdrostei errichtet als administratives Zentrum für einen neuen Distrikt; aus ihr entstand Swellendam. Der Vorgang ist bezeichnend für die Art der Ausbreitung unter der Herrschaft der Kompanie: die Farmer trugen die Siedelungen meist gegen den Willen, jedenfalls ohne Hilfe der Regierung in den Kontinent hinein. Diese erkannte die Erweiterung der Kolonie nur zögernd an, indem sie anfangs kleine Truppenposten, später Landdrosteien als Verwaltungsbehörden der neuen Gebiete einsetzt. Der neu geschaffene Distrikt Swellendam wurde bezeichnenderweise nur gegen Westen, gegen den alten Distrikt Stellenbosch , genau abgegrenzt; dagegen sollte die Nord- und Ostgrenze sein ,,wo die Herrschaft der Kompanie endet," (91,79).

Um 1750 waren die Siedelungen im Küstenvorland nach Norden bis zum Olifantsfluss, nach Osten einige Meilen über die Mosselbai vorgedrungen. Einige Viehhirten waren sogar schon bis zum Ufer des Ganitoosflusses gezogen.

Nach dem Inneren zu waren die dauernden Siedelungen bis zum oberen Olifantsfluss, nahe zu der Quelle des Hexflusses und bis zu den Langebergen vorgedrungen (98, Karte 7). Auch die höher gelegenen Gebiete der Cedar-Berge, des Koude- und Warme-Bokkeveld, der Kleinen Karroo zwischen Lange- und Zwartebergen, z.T. sogar schon die Große Karroo (98,11) wurden damals als Weideland benutzt, wenn sie auch noch nicht in dauernden Besitz genommen waren...


Deutsche, Buren und Engländer in Südwestafrika

Begleitwort zu einer Nationalitätenkarte der Europäer in Südwestafrika

Sonderdruck aus "Koloniale Rundschau" Heft 9/10, 1931.

Von Dr. Johannes Paul

Für die Beurteilung der Lage des Deutschtums in Südwestafrika ist es häufig als Mangel empfunden worden, dass genaue statistische Unterlagen über die absolute Zahl und das relative Stärkeverhältnis von Deutschen, Buren und Engländern nicht vorliegen. Die amtliche Nationalitätenstatistik beruht auf den Angaben über Staatsangehörigkeit; da aber bei der Europäerbevölkerung Südwestafrikas Nationalität und Staatsangehörigkeit sehr oft nicht übereinstimmen, ist diese sogenannte Nationalitätenstatistik für die Lösung der vorliegenden Frage von recht beschränktem Wert. Zwar lässt sich aus ihr die Gesamtzahl der Deutschen noch mit einiger Genauigkeit ermitteln, da nach der automatischen Naturalisation des größeren Teiles der 1924 im Lande ansässigen Deutschen (Londoner Abkommen 1923<1>) und Naturalisationsgesetz 1924 <2> diese auch weiterhin gesondert als "British by naturalization" aufgeführt werden. Aber die Nationalitätenstatistik gestattet keine klare Unterscheidung von Buren und Engländern; außerdem gibt sie nur die Summen für das ganze Land, so dass eine Untersuchung der Verhältnisse in den einzelnen Landesteilen sowie eine kartographische Darstellung unmöglich ist. Auch die Sprachenstatistik ist für die Ermittlung der Nationalitätenverhältnisse unbrauchbar. Ebenso führt die Geburtsortsstatistik nicht zum Ziel, schon allein darum nicht, weil von der gesamten Europäerbevölkerung Südwestafrikas heute bereits mehr als ein Viertel im Lande selbst geboren ist, also mit den Mitteln dieser Statistik der Nationalität nach nicht erfasst werden kann. Von deutscher Seite in Südwestafrika liegen Schätzungen über die jeweilige Zahl der Deutschen vor, die wohl praktischen Bedürfnissen genügen. Die Schätzungen über die Verteilung der restlichen Bevölkerung auf Buren und Engländer beruhen dagegen schon auf recht unsicheren Grundlagen, und noch unklarer sind die Vorstellungen von der relativen Stärke der einzelnen Nationalitäten in den verschiedenen Teilen des Landes.

Gerade diese Frage ist aber für die Beurteilung der gegenwärtigen und vor allem der zukünftigen Lage des Deutschtums von wesentlicher Bedeutung. Es ist wichtig zu wissen, ob und in welchem Stärkeverhältnis vorwiegend, deutsche Landesteile solchen mit vorherrschend englischer oder Burenbevölkerung gegenüberstehen...

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Christoph Gäbler 21.04.2009